Diakoniegroschen

Aktualisiert: 8. Aug 2019

Vor nicht langer Zeit konnte ich das kleine Scheinchen für wenig Geld erwerben. Aber was verbirgt sich hinter dem Diakoniegroschen zu 50 Pfennig? Wann, wo und von wem wurde er ausgegeben? Welchem Zweck diente er? Eine Menge Fragen auf einmal. Das einzige, was ich bis dahin sagen konnte: „Solch ein Papier habe ich zuvor noch nie gesehen.“


Diakoniegroschen, o. D. (1948?), 50 Pfennig, Vorderseite.

Die Recherchen im Internet zu diesem Schein gestalteten sich als wenig ergiebig und auch widersprüchlich. Zumindest der Begriff „Diakonie“ scheint eindeutig: „Unter Diakonie (altgriechisch διακονία diakonía ‚Dienst‘, von διάκονος diákonos ‚Diener‘) versteht man alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen. Die christliche Theologie sieht in der Diakonie neben dem Zeugnis (altgriechisch μαρτυρία martyría) und der Gottesdienstgestaltung (altgriechisch λειτουργία leiturgía) eines der Wesensmerkmale (Grundvollzüge) der Kirche.“ [Wikipedia] Und an anderer Stelle: „Die Diakonie ist der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche in Deutschland. … Bereits in den ersten christlichen Gemeinden gab es sogenannte ‚Diakone‘. Diakone haben die Arbeit der Gemeinden unterstützt. Der Aspekt des Dienens spielte dabei eine große Rolle. Jesus bezeichnete sich selbst als diákonos und rief seine Jünger dazu auf, ebenfalls zu dienen, statt sich als Herrscher über andere zu erheben. Dazu gehört es, Menschen mit Liebe zu begegnen, auch wenn sie einem fremd sind.“ [ https://www.ekd.de/Diakonie-11055.htm]

Die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit der Armut und sozialen Not infolge wachsender Bevölkerung, beginnender Industrialisierung und Landflucht. In ihr fällt die Geburtsstunde der organisierten Diakonie. Beim ersten Evangelischen Kirchentag im Revolutionsjahr 1848 versammelten sich ca. 500 Männer in der Schlosskirche zu Wittenberg, um über die Gründung eines deutschen evangelischen Kirchenbundes zu beraten. Hier wurde der „Central-Ausschuss für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche“ ins Leben gerufen, die Vorläufer-Organisation des heutigen Diakonischen Werks der EKD. Treibende Kraft war der Theologe Johann Hinrich Wichern (1808–1881), dessen Name mit dem „Rauhen Haus“ in Hamburg untrennbar verbunden ist. Seit 1833 leitete er das so genannte Rettungshaus für gefährdete Kinder und Jugendliche.

Sein Grundgedanke, helfen aus christlicher Verantwortung, ließ überall in Deutschland seit 1848 regionale und lokale Zusammenschlüsse der Inneren Mission, ein Netzwerk aus Vereinen und Verbänden, die beispielsweise evangelische Krankenhäuser, Pflegeheime und Stadtmissionen betrieben, entstehen. Eine der größten Einrichtungen ist die „Rheinisch-Westfälische Anstalt für Epileptische“ in Bethel, die Pastor Friedrich von Bodelschwingh (1831–1910) seit 1872 bis zu seinem Tod leitete.

Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege bildete die Diakonie im Kaiserreich und der "Weimarer Republik" eine wesentliche Säule des Sozialsystems. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die Gleichschaltung der Wohlfahrtsverbände, die in der systematischen „Euthanasie“ behinderter und psychisch kranker Menschen endete. Auch in den evangelischen Einrichtungen zählten Tausende Patienten zu den Opfern.


Ende August 1945 kamen im hessischen Treysa Vertreter der evangelischen Landeskirchen und der Bekennenden Kirche zusammen. Unter Leitung von Eugen Gerstenmaier (1906–1986, evangelischer Theologe und CDU-Politiker, von 1954–1969 Bundestagspräsident) wurde das „Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland“ ins Leben gerufen.


In der Wochenzeitung „Die Zeit“ war in der Ausgabe 47/1948 zu lesen: „Das Hilfswerk der evangelischen Kirche in Deutschland, eine der größten sozialen Einrichtungen der Nachkriegszeit, ist nach der Währungsreform in große Schwierigkeiten geraten. Dieses Hilfswerk hat nach dem Krieg Not und Hunger in allen deutschen Ländern gelindert, die Heimkehrer betreut, Kirchen wieder aufgebaut, mittellosen theologischen Nachwuchs unterstützt. Seine Wirkung erstreckt sich bis in alle Zweige des öffentlichen und privaten Lebens, so daß seine jetzigen Schwierigkeiten die gesamte Öffentlichkeit beunruhigen müssen. Aber das Evangelische Hilfswerk hat Wege gefunden, auf denen man die gegenwärtige Krise zu überwinden hofft: Die Idee des ‚Diakoniegroschens‘ entstand und wird augenblicklich realisiert. Der ‚Diakoniegroschen‘ ist eine Spende der Gläubigen, die über den finanziellen Ertrag hinaus das Gefühl für eine tatkräftige christliche Nächstenliebe erneuern soll.“


Der Spender erhielt als Spendennachweis einen undatierten 42 mm x 34 mm großen einseitig grün bedruckten Papierzettel. Er ist überschrieben mit „DIAKONIEGROSCHEN“ und im unteren Feld wird zweizeilig der Betrag „FÜNFZIG / PFENNIG“ genannt, daneben links das Symbol der Diakonie und rechts das Symbol für die EKD. Der mittlere Teil zeigt eine Gemeindeschwester in einer ärmlich eingerichteten Wohnung (vielleicht eine Baracke in einem Lager) bei einer Familie Unterstützungsgüter verteilend.

Der Diakoniegroschen wurde wohl vom Spendensammler aus einem Bogen gerissen. Leider ist nicht bekannt, wie lange diese Praxis bestand. Aufgrund der schlechten Papierqualität dürfte der abgebildete Schein aus dem Jahr 1948 stammen.


Im Bereich vieler Landeskirchen sammelten allerdings noch 1969 Freiwillige allmonatlich von Haus zu Haus den sogenannten Diakoniegroschen ein, eine Kollekte in beliebiger Höhe, die vom Spender in eine Liste eingetragen wurde. „Keiner der Zahlenden weiß oder erinnert sich noch, daß die Aktion Diakoniegroschen 1948 vier Wochen nach der Währungsreform ausdrücklich nur für ‚die Dauer der gegenwärtigen Notzeit‘ eingerichtet worden war.“ (Der Spiegel, Nr. 13/69, S. 50)


1957 schlossen sich Zentralausschuss und Hilfswerk unter dem Namen "Innere Mission und Hilfswerk der EKD" zusammen. Durch die Gründung des "Diakonischen Werkes der EKD e.V." im Jahre 1975 wurde das Hilfswerk der EKD formal aufgelöst.


Text und Abb. Uwe Bronnert

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