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Fälscher & Falschgeld: Teil 44

Geschichten, die Geschichte machten, Teil 1:

Adel hat’s leichter – Goethes Freund und ein Ritter aus Wien




Am 28. Juni 1772 wurde in Speyer Carl Wilhelm Becker geboren. Der junge Becker stieg in den vom Vater ererbten Weinhandel ein und ging damit prompt pleite. Dafür florierte der Handel mit antiken Münzen umso besser. Becker hatte sich auf kostbare römische und griechische Münzen spezialisiert, dazu auf seltene Stücke des frühen Mittelalters.

Und was auf dem Markt nicht aufzutreiben war, stellte er in der eigenen Werkstatt her.

Doch der Reihe nach.







Von Natur aus künstlerisch begabt, hatte er seine Fähigkeiten kontinuierlich ausgebaut und trainiert. Schon während seiner Lehrzeit bei einem Weinhändler in Bordeaux, die er auf Anweisung seines Vaters absolvierte, übte sich Becker nebenher in einer Sache, die ihn weit mehr interessierte, nämlich in der Kunst des Gravierens. Nach seiner Rückkehr trat er in eine Frankfurter Weinhandelsfirma ein, gründete jedoch bereits nach kurzer Zeit in Mannheim einen Tuchhandel. Auch diese Tätigkeit war nicht von langer Dauer, offensichtlich hatte auch der junge Becker die Erfahrung gemacht, dass sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen halt nun mal mit Arbeit verbunden ist. 1795 heiratete er und ließ sich nun in München an der Königlichen Münze zum Graveur und Stempelschneider ausbilden. Damit hatte er nun seine in Bordeaux erworbenen Anfangskenntnisse vertieft, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollten. Etwa um 1806 zog Becker nach Offenbach und eröffnete dort ein Geschäft. Bald schon stand er im Ruf eines honorigen, kompetenten Münzenfachmannes.

Mit den berühmtesten Gelehrten und Sammlern stand er nun in Kontakt. Sogar Goethe besuchte „Antiken-Becker“, wie man ihn schon bald hochachtungsvoll nannte, und war begeistert von dessen Sachverstand. Um diese Zeit herum hatte Carl Wilhelm Becker in größerem Stil mit dem Fälschen der begehrten Sammlerstücke begonnen. Mit meisterhaft geschnittenen Stempeln zauberte er jede gewünschte Gold- oder Silbermünze. Er arbeitete mit außerordentlicher Akribie und so kam es, dass manche seiner Stücke besser ausfielen als die echten Vorbilder.


Beispiele für Beckersche Fälschungen von antiken griechischen, karthagischen, jüdischen und römischen Münzen.


Sie waren schon beinahe zu vollendet, so perfekt gearbeitet sind die antiken Originale meist gar nicht. Damit die Nachahmungen die richtige Patina bekamen und nicht zu neu aussahen, gab er mehrere davon in einen Lederbeutel und hängte sie unter seine Pferdekutsche. „Meine alten Herren ausfahren“ nannte er diesen künstlichen Alterungsprozess. Anfangs des 19. Jahrhunderts gab es keine bedeutende Sammlung in Europa, die nicht Becker-Imitationen enthielt! Unser Fälscher hatte mittlerweile den Fürsten Carl von Isenburg kennengelernt und ging bei ihm ein und aus. Der Fürst, guter Kunde von Becker, verlieh ihm den Titel „Fürstlich-Isenburgischer Hofrat“. Nun war Becker von untadeligem Stand, und niemand hätte es in dieser titelsüchtigen und obrigkeitsgläubigen Zeit wagen dürfen, ihn des Betruges oder gar der Fälschung zu bezichtigen. Es dauerte daher noch eine ganze Weile, bis hinter vorgehaltener Hand die ersten Verdächtigungen laut wurden. Während Becker sonst nie direkt an Museen oder einzelne Spezialisten, sondern immer über Mittelsmänner verkaufte, beging er 1819 einen schwerwiegenden Fehler: Er verkaufte einem jungen, aber nichts desto weniger engagierten und erfolgreichen Sammler in den abendlichen Dämmerstunden zwei Fälschungen römischer Münzen, die der mit fundierten Kenntnissen ausgestattete Sammler am nächsten Morgen sofort als solche erkannte und entsprechend reklamierte. Für dieses Mal konnte sich Becker zwar aus der Affäre ziehen, aber seine große Zeit neigte sich unaufhaltsam dem Ende zu. Immer öfter wurden in der Folgezeit in bedeutenden Sammlungen Imitate entdeckt, deren oftmals verschlungene Wege letztendlich immer zu dem einen Ausgangsort wiesen: Offenbach, Antiken-Becker. Als dann schließlich der Italiener Domenico Sestini Becker öffentlich als Fälscher bezeichnete, trat der so Beschuldigte die Flucht nach vorne an und bekannte sich 1824 zu seinen Erzeugnissen. Er erklärte, diese nie in betrügerischer Absicht hergestellt und verkauft zu haben. Er wollte den Sammlern stets nur die im Original praktisch unerreichbaren Stücke zu einem erschwinglichen Preis verschaffen. Einige Freunde und Fürsprecher formierten sich. Über 300 Stempel hatte er angefertigt und damit nach der Hammerschlagmethode, der Herstellungsart der Originale, die Münzen mit dem korrekten Edelmetallgewicht geprägt. In der Tat taten sich die Richter schwer, ihm ein Münzverbrechen zu unterstellen. Außerdem: Konnte man denn einen Mann von internationalem Ruf, einen Freund Goethes, verurteilen oder gar einsperren? Becker wurde tatsächlich nur zu einer symbolischen Strafe verurteilt und auf freien Fuß gesetzt. Er starb am 11. April 1830 an einem Schlaganfall.

Noch heute sind seine Imitationen bekannt und begehrt und erzielen auf Auktionen, wenn sie denn einmal angeboten werden, teilweise höhere Preise als die entsprechenden Originalstücke.


Gefälschte Zehn-Gulden- Banknoten des Peter Ritter von Bohr.

Abb. mit freundlicher Genehmigung des Verlags Österreich der Print Media Austria AG, Wien.


Ein Jahr nach Carl Wilhelm Becker, nämlich am 30. Juni 1773, erblickte im luxemburgischen Stadtbredimus (lux.: Stadbriedemes) Peter Ritter von Bohr das Licht dieser Welt. Schon in jungen Jahren sehr wohlhabend – er soll 1813 über die damals respektable Summe von 130.000 Gulden verfügt haben – verlegte Bohr sein Domizil zunächst nach Linz, dann in die Weltstadt Wien, wo er sich sehr bald Zugang zu den sogenannten „besseren Kreisen“ zu verschaffen wusste. 1836 wurde Bohr in „Österreichs Ehrenspiegel“ genannt, einem Verzeichnis der gesamten österreichischen Oberschicht, dessen Mitherausgeber er im Übrigen war. Sein Vermögen aber zerrann ihm bald unter den Händen. Geschäftlich wenig erfolgreich meldete er 1839 in Wien Konkurs an. Fünf Jahre später jedoch besaß er plötzlich und unerklärlicherweise wieder ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Entstammte wirklich alles dem Privatvermögen seiner Frau, wie Bohr behauptete? Oder bestand da etwa ein Zusammenhang zwischen den mittlerweile aufgetauchten, hervorragend gefälschten 10-

und 100-Gulden-Noten der „Privilegirten oesterreichischen National-Bank“? Der ermittelnde Kriminalbeamte, Kommissär Köpp von Felsenthal erstellte eine Liste mit den Namen von Personen, denen die Herstellung von Druckplatten aufgrund ihrer künstlerischen und graphischen Fähigkeiten zugetraut werden konnte. Auf dieser Liste tauchte auch der Name Bohr auf; er war bereits 1840 aufgefallen und polizeilich (heute würde man sagen: erkennungsdienstlich) behandelt worden, als er dabei erwischt worden war, wie er eine Blüte ausgeben wollte. Damals konnte man ihm nichts nachweisen, seine Erklärung, man habe ihm den Schein untergejubelt, war nicht zu widerlegen. Als von Felsenthal schließlich erfuhr, dass die Frau Bohrs eine Uhr ebenfalls mit einem falschen Guldenschein bezahlen wollte und dabei ertappt worden war, ordnete er eine Hausdurchsuchung an. Am 8. Oktober 1845 fanden die Beamten jede Menge Stichel, Radiernadeln, Lupen und sonstige Werkzeuge sowie eine Anzahl Kupferplatten. Bohr wurde verhaftet, leugnete jedoch entschieden. Druckstöcke oder gar Falschgeld fand man nicht, und die kriminaltechnischen Möglichkeiten waren zu jener Zeit noch nicht soweit gediehen, dass man Bohr die Fälschungen anhand der gefundenen Gegenstände hätte nachweisen können. Erst seine ebenfalls verhaftete Frau hielt dem Druck der Verhöre nicht stand und legte ein Geständnis ab. Eine neuerliche Hausdurchsuchung förderte nun aus einem Versteck eine große Anzahl gefälschter

10-Gulden-Noten zutage. Bohr war damit überführt. Er und seine Frau wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, das damals übliche Strafmaß für Geldfälscher. Die Strafe wurde aber durch Kaiser Ferdinand I. in zehn- bzw. zweijährigen schweren Kerker gemildert. Peter Ritter von Bohr sah die Freiheit nicht wieder; er starb am 15. Oktober 1847 in seiner Gefängniszelle in Wien. Es muss im Nachhinein etwas verwundern, dass im damaligen titelsüchtigen und –ehrfürchtigen Österreich die Strafe für einen „Ritter“ so konsequent und gnadenlos vollstreckt wurde.


Karlheinz Walz


Fortsetzung folgt …




Karlheinz Walz: Fälscher & Falschgeld,

280 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-86646-084-3.


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