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Fälscher & Falschgeld: Teil 46

Geschichten, die Geschichte machten, Teil 3:

Die Dollarfälscher von Philadelphia oder: Die Blütenwerkstatt in der Gefängniszelle


Am 9. Oktober 1899 begann im Moyamensing-Gefängnis von Philadelphia der Prozess gegen vier illustre Herren, denen der US Secret Service nach zweijähriger Ermittlungsarbeit das Handwerk gelegt hatte: William M. Jacobs, William L. Kendig, Baldwin S. Bredell und Arthur Taylor. Sie hatten nicht nur Tabaksteuerbanderolen fast perfekt gefälscht, sondern auch

100-Dollar-Noten derart gut nachgeahmt, dass sie selbst von Falschgeldspezialisten nur nach eingehender Untersuchung als falsch erkannt werden konnten. Diese Falsifikate waren bis weit in das 20. Jahrhundert hinein die gefährlichsten, die Amerika gesehen hatte. Die vier bescherten dem Secret Service den bis dahin spektakulärsten Fall von Falschmünzerei.


Alles hatte im Sommer des Jahres 1896 begonnen. „Ich brauche dringend zwei tüchtige Männer“, erklärte William M. Jacobs seinem Freund Alan Smith in Philadelphia. Mr. Smith versprach, sich umzusehen. Jacobs und sein Kompagnon William L. Kendig betrieben etwa

75 Meilen westlich von Philadelphia, in der Stadt Lancaster, eine Zigarrenfabrik. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden. Auch Kendig war früher schon selbständig gewesen, hatte aber mit seinem Betrieb pleite gemacht. Beide waren im Auslegen der Gesetze recht großzügig und die Fabriken beider Herren waren mehrere Male abgebrannt. Merkwürdige Brände übrigens, und was die Nachbarn hinter vorgehaltener Hand tuschelten, stand für die Polizei fest: Brandstiftung und Versicherungsbetrug. Aber man konnte ihnen nichts nachweisen. Hinzu kam, dass die beiden elegante und anspruchsvolle Frauen geheiratet hatten, Schönheit und Repräsentation aber kosteten Geld. Die beiden Gentlemen wollten reich werden, wenn nicht legal, dann eben auf anderem Wege.


Die genialen Fälscher von Philadelphia ahmten die Silver Certificates der Ausgabe 1891

so gut nach, dass die komplette Serie im Gesamtnennwert von 26 Millionen Dollar eingezogen werden musste.


Wenige Wochen nach der Unterredung von Jacobs mit seinem Freund Smith in Philadelphia hatte jener zwei junge Männer aufgespürt, die zu dem Duo Jacobs / Kendig passten: den 23-jährigen Baldwin S. Bredell sowie einen gewissen Arthur Taylor, ebenfalls Mitte zwanzig. Bredell galt als kleines Genie und Organisationstalent; er konnte improvisieren, verstand etwas von Physik und Chemie und war geübt im Herstellen von Druckstöcken aller Art. Taylor beherrschte ebenfalls perfekt die Kunst des Gravierens. Die beiden arbeiteten bei der E.A. Wright Company, einem großen Unternehmensverbund, zu dem Druckereien und Papierfabriken gehörten. Die Klischees, die Taylor herstellte, waren die besten im ganzen Betrieb. Jacobs und Kendig redeten nicht lange um den heißen Brei herum und erklärten den beiden jungen Leuten ohne Umschweife ihre Pläne. Unter den Tabak-Verarbeitern und Zigarrenherstellern in den USA herrschte ausgangs des vorigen Jahrhunderts ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Es gab über 14.000 Zigarrenfabriken, die über fünfzehntausend verschiedene Sorten, Mischungen und Farben anboten. Die fixen Kosten wie Einkaufspreise für die Rohware oder die Arbeitslöhne ließen nur wenig Spielraum, und auch der Erlös beim Verkauf der fertigen Zigarren an den Großhandel stand mit rund sieben Dollar für 1.000 Stück fest. Trotz schärfster Kalkulation blieben da nur noch 3,20 Dollar für die sonstigen Herstellungskosten, die Verteilung und letztendlich für die Gewinnspanne. Denn: Die Differenz zu den sieben Dollar Verkaufserlös waren die Steuern. Wenn man diese 3,80 Dollar sparen könnte....?!


Von der Idee zum fertigen Plan, in den die beiden neuen Mitarbeiter eingeweiht wurden,

war es nur ein kleiner Schritt. Man würde die blauen Steuerbanderolen mit dem Porträt des amerikanischen Staatsmannes Henry Clay selbst herstellen. Das Risiko hierbei war relativ gering, denn die Behörden wurden vom in dieser Zeit umlaufenden Falschgeld in Atem gehalten und kümmerten sich nicht großartig um andere Wertzeichenfälschungen, der Großhändler achtete nicht auf die Banderole, auch dem Verkäufer war sie ziemlich egal und dem Verbraucher sowieso, der sie beim Öffnen der Packung achtlos zerriss. Ein Problem gab es allerdings, und das war der Steuerprüfer, der den Verkauf der Banderolen überwachte und die Tabak verarbeitenden Betriebe regelmäßig prüfte. Der für das Unternehmen von Jacobs und Kendig zuständige Mann hieß Samuel B. Downey, ein unterbezahlter kleiner Beamter.

Er war leichter zu kaufen gewesen, als es unsere vier Freunde erwartet hatten. Für 500 Dollar im Monat hielt er es mit den berühmten drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts reden.

Damit die mehr als 300 Arbeiter und Angestellten der Cigar Postal Company – so nannten Jacobs und Kendig ihre Firma – nichts merkten, errichteten die beiden in Philadelphia ein kleines Zweigunternehmen. In dessen Kellerräumen sollten Bredell und Taylor ihr Werk beginnen. Nachdem die notwenigen Maschinen, Farben und weiteren Utensilien diskret beschafft worden waren, standen die vier vor dem größten Problem: das Papier. Kendig selbst versuchte, an Mitarbeiter der Firma Crane in Dalton, Massachusetts heranzukommen, merkte aber bald, dass hier Bestechungsversuche zu gefährlich waren und zog sich zurück. Die Crane Company stellte neben dem Papier für die US-Dollarnoten auch dasjenige für die Steuerbanderolen und für weitere Wertdrucke der US-Regierung her. Doch Kendig wusste Rat. Er gründete eine Firma, die medizinische Präparate herstellte, das heißt, eigentlich ließ er nur Briefbogen dieser fingierten Firma drucken. Sie nannte sich bombastisch „Indian Rheumatic Ulmer Syrup Company“. Kendig wandte sich an ein kleines Unternehmen für Spezialpapiere aller Art, auch feines Deckpapier für Zigarren hatte er schon von dessen Inhaber, einem gebürtigen Deutschen, bezogen. Unter dem Vorwand, seine Medizin vor Nachahmungen schützen zu wollen, bestellte Kendig 250 kg Papier, aus dem er Etiketten mit Wasserzeichen schneiden wollte. Das Wasserzeichen sollte als besonderes Sicherungsmerkmal in das Papier eingebracht werden und aus den Anfangsbuchstaben von Kendigs Briefkastenfirma in endloser Folge bestehen: I.R.U.S. Eine geniale Idee, ein raffinierter Gedanke, denn das Wasserzeichen der Steuerbanderolen bestand aus den Buchstaben U.S.I.R. (United States Internal Revenue, US-Steuerbehörde), ebenfalls endlos aufeinander folgend. Bei flüchtigem Hinsehen waren die Buchstaben des Kendig-Papiers nicht von dem Original-Wasserzeichen zu unterscheiden!

Inzwischen waren auch die beiden Helfer Bredell und Taylor nicht untätig gewesen und hatten bereits die Druckstöcke zur Herstellung der Steuerbanderolen fertig gestellt, und zwar in exzellenter Qualität. Der Druck und das Schneiden des Wasserzeichenpapiers auf die richtige Größe waren weiter kein Problem. Die Jahresproduktion der Cigar Postal Company von bisher 23 Millionen Zigarren schnellte sprunghaft auf 45 Millionen. Die Zuwachsrate von 22 Millionen wurde ausschließlich mit den Steuermarken aus eigener Produktion beklebt.

Die Gewinne waren nun entsprechend hoch und die beiden fleißigen Angestellten Bredell und Taylor bezogen fürstliche Gehälter. Auch Steuerprüfer Downey war zufrieden und attestierte der Cigar Postal Company pflichtgemäß eine einwandfreie Betriebsführung und ein überaus korrektes Steuerverhalten.


Die hervorragende Qualität der Banderolen und das nun florierende Geschäft ließen Jacobs und Kendig bald über einen weiteren Schritt nachdenken. Warum sollte man sich nicht an etwas Größeres heranwagen? Warum sollte man den „Umweg“ über die Zigarrenproduktion nehmen, um an Geld zu kommen und nicht gleich gute Dollars drucken?? Mit Bredell und Taylor als hervorragendem Fachpersonal konnte eigentlich nichts schiefgehen. Mit der Herstellung der Druckunterlagen für die Steuerbanderolen hatten sie bewiesen, was sie imstande waren, zu leisten. Am nächsten Tag fuhren die Firmeninhaber nach Philadelphia,

um mit den beiden zu reden. Diese waren sofort Feuer und Flamme, versprach ihnen doch dieses Unternehmen einen Gewinn, an den sie in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt hatten. Jeder sollte nach erfolgreichem Abschluss des Unternehmens sage und schreibe 1.500.000 Dollar bekommen! Eineinhalb Millionen, und das zu einer Zeit, in der man für den Dollar ungefähr das 20-fache dessen kaufen konnte, was es heute dafür gibt.

Die Arbeit war genau aufgeteilt: Jacobs gab den großen Manager, Kendig war verantwortlich für die Beschaffung des Papiers, Bredell beschaffte alle notwendigen Maschinen, Farben und Geräte, Taylor schließlich sollte die Druckplatten herstellen. Letzterer wollte die Platten mittels der besten Kameraausrüstung, die es auf dem Markt gab, herstellen. Die beiden jungen Helfer von Jacobs und Kendig waren fleißige Leute und hatten ihren Teil der Vorbereitungen bald abgeschlossen. Es fehlte nur noch das Papier. Da sich eine solch große Menge – es sollten 200.000 Stück 100-Dollar-Noten gedruckt werden – nicht auf einmal beschaffen ließ, hatte Kendig im Keller des Zigarren-Zweigbetriebes in Philadelphia eine kleine Papierfabrik eingerichtet. Aber die Herstellung bereitete unerwartete Schwierigkeiten, noch dazu in der benötigten großen Menge. Noch konnte auf absehbare Zeit nicht gedruckt werden. Bredell und Taylor wurden ungeduldig, sie hatten mit ihrem Anteil an dem Erlös des Planes schon fest gerechnet und mittlerweile hübsche junge Mädchen aus den besten Kreisen Philadelphias geheiratet. Der gesellschaftliche Aufstieg verpflichtete und kostete Geld. Und Kendig würde auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, Papier anzufertigen. So beschlossen die beiden ohne Wissen ihrer Chefs auf eigene Faust eine kleine Produktion zu beginnen.

Das Papierproblem löste der findige Bredell auf seine Weise. Nach längeren Experimenten hatte er ein Verfahren entwickelt, Ein-Dollar-Noten in einem chemischen Bad so zu behandeln, dass die Druckfarbe verschwand. Was übrig blieb, war echtes, makelloses Notenpapier, das nun entsprechend „aufgewertet“ werden konnte, ein Verfahren, das in den kommenden Jahrzehnten noch von vielen Fälschern angewendet werden würde. Als Muster hatten sie ein Silver Certificate der Serie 1891 mit dem Bildnis des Präsidenten James Monroe gewählt. Mittels seiner ganz ausgezeichnet gelungenen Druckplatten fertigten er und sein Kumpan zunächst 97 Stück 100-Dollar-Noten an. Sie konnten ihre Blüten mühelos absetzen, niemand schöpfte Verdacht. Bei ihren Chefs, die keine Ahnung von dem Treiben der beiden hatten, meldeten sie sich zu einem dringend benötigten Urlaub nach Florida ab. Die falschen Silber-Hunderter waren von so guter Qualität, dass sie und ihre Ehefrauen auch im Sunshine State damit keinerlei Aufsehen erregten.


Erst im Dezember 1897 kamen einem erfahrenen Bankangestellten in Philadelphia Zweifel, als er einen Monroe-Hunderter in der Hand hielt und ihn näher begutachtete. Der Druck, insbesondere der des roten Schatzamtssiegels, war etwas flau ausgefallen. Doch das kam ab und an vor. Und das Papier war echt. Um ganz sicher zu gehen, informierte er den Secret Service und ließ das verdächtige Silberzertifikat durch William M. Horan prüfen. Horan war Assistent des Secret Service-Chefs und galt als einer der besten Falschgeld-Experten des Landes. Horan verglich den Schein mit einer anderen Note und förderte dabei einige Merkmale zutage, in denen die Note aus Philadelphia abwich. Nach einigen weiteren Untersuchungen war sich Horan sicher: falsch, aber eine ausgezeichnete Arbeit. Hier mussten geniale Fälscher am Werk sein! Alle Banken wurden gewarnt und siehe da, in den folgenden Wochen landeten über 50 Bredell-Taylor-Blüten auf dem Schreibtisch des Geheimdienstmannes. Auch die Presse wurde jetzt verständigt und das Publikum gewarnt. Angesichts der Perfektion, mit der die 100er hergestellt waren, zeigten sich die Behörden aufs äußerste schockiert. Sie überschätzten jedoch die umlaufende Anzahl der falschen Noten bei weitem, und in dieser Panik verfügte das Schatzamt, alle Silberzertifikate des Monroe-Typs sofort einzuziehen. Es dauerte viele Wochen, bis alle Noten im Gesamtwert von 26 Millionen Dollar abgeliefert und umgetauscht waren. Als Jacobs und Kendig von dieser Affäre erfuhren, ahnten sie sofort, dass nur ihre beiden Angestellten Bredell und Taylor dahinterstecken konnten. Jacobs fuhr nach Philadelphia, ließ sich die Druckplatten aushändigen und wusch den beiden gehörig den Kopf. Bredell und Taylor versprachen hoch und heilig, nie wieder irgendwelche Extratouren zu drehen. Nachdem nun die Hunderter des Monroe-Typs eingezogen waren, beschlossen die vier, die umlaufende 100-Dollar-Note des United States-Typs mit dem Bild Abraham Lincolns zu fälschen. Im Anschluss daran sollten dann auch sämtliche anderen Nominale von 5 bis 50 Dollar folgen.


1898 wurde John E. Wilkie Chef des Geheimdienstes. Er machte sich umgehend daran, die Falschgeldhersteller zu ermitteln, die den Monroe-Hunderter so perfekt kopiert hatten.

Wo waren die meisten falschen Scheine aufgetaucht? In Philadelphia. Also kam dort ein kleines Heer von Agenten unter der Führung seines Assistenten Horan zum Einsatz.

Wilkies Geheimdienstler gaben in allen größeren Zeitungen Philadelphias großformatige Anzeigen auf, in denen „Experten der Fototechnik, des Gravierens und des Drucks gegen höchste Bezahlung“ gesucht wurden. Alle erscheinenden Bewerber wurden aber von den Agenten in ihren als Stellenvermittlungen getarnten Büros gründlich ausgehorcht und überprüft. Auch Bredell und Taylor meldeten sich, sie wollten schließlich wissen, was in der Branche vor sich ging. Und insgeheim rechneten sie wohl damit, dass dies ein Manöver des Secret Service sein könnte; sich trotzdem zu melden – ihre beiden Chefs hatten dazu ausdrücklich ihre Genehmigung erteilt – hielten sie für besonders schlau, sie wollten damit nach außen hin ihr reines Gewissen dokumentieren. Aber auch die Geheimdienstleute waren nicht von gestern. Als sie erfuhren, dass die Cigar Postal Company mit ihren beiden Inhabern Jacobs und Kendig mit im Spiel ist, wurden sie hellhörig. Waren nicht die Betriebe dieser beiden Herren vor einigen Jahren unter merkwürdigen Umständen abgebrannt? Man würde den beiden Herren einmal auf die Finger sehen müssen. War auch mit der Steuer alles in Ordnung? Steuerprüfer Downey stellt der Firma ein ausgezeichnetes Zeugnis aus, fast ein zu gutes. Das Misstrauen der Secret Service-Agenten verstärkte sich.

Zufälligerweise betrieb ein guter Freund des neuen Geheimdienstchefs Wilkie einen Zigarrenladen in Philadelphia. Wilkie kaufte bei ihm einige Kistchen der besten Sorten des Hauses Cigar Postal und ließ Horan die Steuermarken untersuchen. Sein Urteil nach nur kurzer Prüfung: „Gefälscht – und zwar beängstigend gut!“ Nach gründlicherem Untersuchen stellte Horan fest, dass die falschen Monroe-Hunderter aus exakt der gleichen Werkstatt wie die Banderolen stammen mussten. Als Bredell und Taylor am nächsten Morgen in ihrer Fabrik erschienen, wurden sie festgenommen. Die Secret Service-Beamten hatten in der Nacht bereits das ganze Gebäude durchsucht und im Keller die Fälscherutensilien beschlagnahmt. Dabei wurden auch die bereits fertigen Druckplatten für den Hunderter des Lincoln-Typs sowie für die 50-Dollar-Note gefunden. Wenige Stunden später wurden in Lancaster die Herren Jacobs und Kendig verhaftet. Bredell und Taylor sagten bereitwillig aus, was sie wussten. Kendigs „Papierfabrik“ wurde ausgehoben, Steuerprüfer Downey wurde einem strengen Verhör unterzogen und gestand, bestochen worden zu sein. Weitere Helfer und Helfershelfer, mit dem Geld von Jacobs und Kendig gekauft, flogen auf.


Der eingangs erwähnte Prozess gegen die vier Gauner begann mit einem Eklat.

Durch Mittelsmänner war es den Angeklagten gelungen, einige Geschworene zu bestechen. Als die Sache entdeckt wurde, setzte sich die Jury neu zusammen und verurteilte Jacobs und Kendig zu je zwölf Jahren Gefängnis, Bredell und Taylor kamen mit je sieben Jahren davon; ihre Bereitwilligkeit zur Aussage machte sich bezahlt. Die beiden hatten Glück: Sie bezogen eine gemeinsame Zelle und durften den Besuch ihrer Frauen empfangen. Die beiden Häftlinge benahmen sich ausgezeichnet, hatten gute Manieren, waren willig und fleißig und erfreuten sich so der besonderen Gunst ihrer Aufseher. So konnte auch Taylors Bruder Harry die beiden viel häufiger besuchen, als es die Gefängnisordnung normalerweise zuließ.

Von ihm erfuhren die beiden, dass kürzlich ein anderer „Kollege“ aus der Fälscherzunft vorzeitig aus der Haft entlassen worden war, weil er im Nachhinein dem Gericht das Versteck seiner Druckplatten verraten hatte, die die Polizei trotz intensiver Suche nicht gefunden hatte. Bredell und Taylor hatten zwar nichts mehr zu verraten, aber vielleicht ließ sich ja etwas zaubern…! Wenn die beiden Besuch bekamen, waren sie meist unbewacht und niemand hörte, was sie miteinander besprachen. Harry nutzte seine Besuchserlaubnis weidlich aus, auch die beiden Ehefrauen kamen recht oft. Und immer brachten sie etwas mit. Zuerst drei Kupferplatten, dann folgten Chemikalien, Farben, ein Vergrößerungsglas, Stichel und Schaber, Federn und Tinte und schließlich ein kleines, fünf Pfund schweres Bügeleisen nebst einer Petroleum-Lampe und einem schwarzen Tuch, das die Werkstatt abschirmen sollte. Nach knapp drei Monaten hatten die zwei alles in ihrer Zelle, was man zum Fälschen unbedingt braucht. Sie versteckten es unter den Matratzen, in ihren Anzügen, hinter dem Spind. Und Harry Taylor schleuste auch noch das Wichtigste ins Gefängnis, nämlich 150 Ein-Dollar-Noten. Bredell und Taylor arbeiteten nur nachts. Einer hantierte getarnt unter dem schwarzen Tuch, der andere passte auf und leistete Handlangerdienste. Nach einigen Wochen hatten sie das Unglaubliche geschafft. Nach bewährter Methode hatten sie die Einernoten gebleicht und aus ihnen 150 Zwanzig-Dollar-Scheine gezaubert. Noch einmal vergingen mehrere Wochen, bis Bruder Harry das gesamte Handwerkszeug wieder hinausgeschafft und die Blüten nebst den Druckplatten auf dem Grab des Vaters versteckt hatte. Jetzt hatten Bredell und Taylor ihr großes Geheimnis, das sie noch verraten konnten. Anfang des Jahres 1901 baten sie den Gefängnisdirektor um ein Gespräch und verlangten nach Geheimdienstchef Wilkie. Nachdem sie diesem ihr „Geheimnis“ anvertraut hatten, blieb Wilkie zwar skeptisch, versprach aber, sobald die Gegenstände in seinem Besitz seien, mit dem Richter zu reden, um eine vorzeitige Entlassung zu erwirken. Erregt und erwartungsvoll verbrachten unsere Freunde die nächsten Tage. Und tatsächlich kreuzte Horan, der Assistent Wilkies, im Gefängnis auf. Das Gespräch verlief aber ganz anders, als es sich die zwei Gefangenen vorgestellt hatten. „Die drei Platten und die falschen Scheine haben wir gefunden“, sagte Horan, „aber die können unmöglich aus der Zeit vor eurer Verhaftung stammen. Sie tragen einen Seriennummernkreis, der erst seit kurzem verwendet wird!“ Bredell und Taylor waren wie vom Donner gerührt, daran hatten sie nicht gedacht, als sie einfach die Seriennummern der von Bruder Harry eingeschleusten Einer für ihre Gefängnisfälschungen übernommen hatten. Zögernd erst und dann mit einem gewissen Stolz berichteten sie Horan, was sie angerichtet hatten. Der schüttelte ungläubig den Kopf. Erst als sie ihm im Detail vorführten, wie sie gearbeitet hatten und dass ein Bügeleisen bei geschicktem Manipulieren als Druckerpresse dienen konnte, ließ er sich überzeugen, dass die Platten und die Zwanziger in der Zelle fabriziert worden waren. So etwas hatte er noch nicht erlebt, das war ein in der amerikanischen Justizgeschichte einmaliger Fall. In den Akten des Secret Service ist genau beschrieben, wie Bredell und Taylor unter schwierigsten Umständen und mit primitivsten Mitteln, aber mit viel Geschick und mit noch mehr Improvisationstalent in einer kleinen Gefängniszelle ihr Meisterwerk vollbracht und Blüten hergestellt hatten.


Die zwei wurden noch einmal zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits im April 1905 aufgrund besonders guter Führung und durch die Intervention Wilkies vorzeitig entlassen; offenbar hatten die beiden mit ihrer Aktion Eindruck auf den Geheimdienstchef gemacht. Taylors Bruder Harry musste wegen Beihilfe eineinhalb Jahre absitzen.

Sie gründeten nach ihrer Entlassung mit der Unterstützung Wilkies, der den beiden auf diesem Weg wieder in die Gesellschaft zurückhelfen wollte, eine kleine Druckerei und hatten sich geschworen, auf keinen Fall rückfällig zu werden. Doch immer dann, wenn in den USA wieder einmal besonders gute Fälschungen von Dollars auftauchten, erhielten sie Besuch von den Beamten des Secret Service. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser…. Ihre beiden ehemaligen Chefs Jacobs und Kendig waren im Sommer 1905 aufgrund einer durch den Präsidenten verfügten Begnadigung ebenfalls vorzeitig aus der Haft entlassen worden, da ihr Anwalt erreicht hatte, dass das Strafmaß im Nachhinein als übertrieben hoch eingestuft worden war. Bredell und Taylor hatten danach nie wieder etwas von den beiden gehört.

Der letzte Überlebende dieser Geschichte, Baldwin S. Bredell, ist erst im Juli 1956 gestorben. Und wo einst die Zigarrenfabrik der Cigar Postal Company in Lancaster stand, steht heute ein Wolkenkratzer.


Karlheinz Walz


Fortsetzung folgt …




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