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Fälschte die russische Wertpapierdruckerei Goznak libysche Banknoten?

Am 29. Mai 2020 meldete das US-Außenministerium in einer Presseerklärung, dass die maltesische Regierung „gefälschte“ libysche Dinar-Banknoten im Wert von 1,1 Milliarden US-Dollars beschlagnahmt habe, die für die international nicht anerkannte Central Bank of Libya in Bengasi bestimmt gewesen seien. Die Banknoten, die von der russischen Wertpapierdruckerei Goznak hergestellt wurden, waren verpackt in zwei 2000-Kubikfuß-Containern auf dem Seeweg nach Tobruk. Die Behauptung, dass es sich bei dem Papiergeld um Falschgeld handle, und die Vermutung, dass der Kreml damit die Lage in Nordafrika destabilisieren wolle, sorgte sofort für heftigen Widerspruch sowohl von Goznak als auch von der russischen Regierung. In der Tat ist der Vorwurf der Banknotenfälschung nur schwer aufrecht zu erhalten, zumal sich diese Drucke deutlich von den Noten der Central Bank of Libya in Tripolis unterscheiden. Aber dazu später mehr.


Um die Geschichte verstehen zu können, ist ein Blick in die jüngste Vergangenheit des Landes notwendig. Im Zuge des „Arabischen Frühlings“ protestierten im Februar 2011 Teile der Bevölkerung gegen die Herrschaft Muammar al-Gaddafis. Das Gaddafi-Regime versuchte daraufhin, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Als sich Teile der Streitkräfte und der bisherigen Regierung der Opposition anschlossen, eskalierte der politische Konflikt zu einer blutigen militärischen Auseinandersetzung. Im Osten des Landes etablierte sich ein nationaler Übergangsrat. Zum Schutz der Zivilbevölkerung autorisierte am 17. März 2011 der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 1973 einen Internationalen Militäreinsatz in Libyen.

Zwei Tage später verhängten die USA, Großbritannien und Frankreich eine Luft- und Seeblockade und begannen mit Luftangriffen auf Regierungstruppen und Militäreinrichtungen, sodass die Bodenstreitkräfte der Opposition im August Tripolis einnehmen konnten. Mit der Gefangennahme und der anschließenden Ermordung Gaddafis im Oktober 2011 endete der Erste libysche Bürgerkrieg.


Karte: Bürgerkrieg in Libyen (2020)


Auch nach seinem Ende blieb Libyen politisch zerrissen und es kam immer wieder zu punktuellen bewaffneten Zusammenstößen zwischen den verschiedenen Gruppierungen. 2014 entwickelten sich die Konflikte zu einem nationalen Machtkampf: auf der einen Seite der gewählte Abgeordnetenrat in Tripolis und auf der anderen der Neue Allgemeine Nationalkongress, der in Tobruk eine Gegenregierung bildete und von der Libysch-nationalen Armee gestützt wurde. Ihr Befehlshaber, Chalifa Belqasim Haftar Alferjani, ist eine der Schlüsselfiguren im Zweiten libyschen Bürgerkrieg. Unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien sowie russischen Söldnern der „Gruppe Wagner“ baute der greise Warlord seine Machtstellung in Ostlibyen aus.

Als legitime Regierung erkennt die UNO nur die Ende 2015 gebildete Einheitsregierung in Tripolis an, die insbesondere von Katar und der Türkei gestützt wird; der Westen zeigt sich wieder einmal uneinig. Zwar unterstützt Frankreich Haftar nicht aktiv, setzt aber insgeheim auf ihn, während sich die Vereinigten Staaten nicht klar positionieren, obwohl sie in Libyen einen Anti-Terrorkrieg gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ führen. Und die Bundesregierung versucht derweil, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.[1] Erst Haftars Offensive gegen Tripolis im April 2019 führte zu einer breiten bewaffneten Koalition gegen ihn.

„Während dieser Zeit haben sowohl Haftars Streitkräfte als auch die ähnlich unzähligen Kräfte im Westen ihre Gehälter von der libyschen Zentralbank aus den Erlösen der libyschen Öleinnahmen bezahlt bekommen. Jede Seite hat auch weitere Einnahmen aus anderen Quellen generiert. Dazu gehören Schutzgelderpressungen, Missbrauch von Akkreditiven, Schmuggel von Treibstoff und Menschen und im Osten Gelder, die teilweise von Geschäftsbanken stammen, die von den örtlichen Behörden ausgegebene Staatsanleihen verkaufen.“[2]

Die Central Bank of Libya in Tripolis gab am 17. Februar 2013, dem 2. Jahrestag der Revolution, Banknoten zu 1, 5, 10, 20 und 50 Dinars in Umlauf. Gedruckt wurden die Noten bei der englischen Druckerei De La Rue. Die Zentralbank unterhielt in verschiedenen Städten des Landes Filialen. In Bayda entstand daraus für Ost-Libyen eine zweite Central Bank of Libya. 2015 erteilte ihr Gouverneur Ali Al-Hibri mit Zustimmung des im Osten ansässigen Repräsentantenhauses der russischen Wertpapierdruckerei Goznak den Auftrag zum Druck von 20- und 50-Dinars-Banknoten. Am 1. Juni 2016 gelangten Noten im Wert von 4 Mrd. Dinars im Osten des Landes in Umlauf.


Die 20-Dinars-Noten sind 148 x 74 mm groß. Ihre vorherrschende Farbe ist Braun/Orange.

Auf der Vorderseite wird die Medresse in der Oase in Ghadames und auf der Rückseite die Al-Ateeq-Moschee in Audschila abgebildet. Die 50-Dinars-Scheine sind 156 x 76 mm groß und die vorherrschende Farbe ist Grün. Die Vorderseite bildet den 1922 von den Italienern errichteten Leuchtturm in Bengasi ab und auf der Rückseite den Felsbogen in Tadrart Acacus. Das Wasserzeichen beider Ausgaben – 2013 und 2016 – befindet sich auf der linken Scheinseite und ist fast identisch. Es zeigt den Kopf des nach rechts blickenden Koranlehrers und Freiheitskämpfers Omar Mukhtar.


Die Goznak-Banknoten stimmen in Design und Größe – dies trifft auch auf die unter UV-Licht sichtbar werdenden Partien zu – weitgehend mit denen der von der international anerkannten Libyschen Zentralbank in Tripolis ausgegebenen Banknoten überein. Es gibt aber die folgenden signifikanten Unterschiede:

Ausgabe der CBL (Tripolis)

Ausgabe der CBL (Bayda)

ausgegeben ab 2013 und gedruckt bei De la Rue

ausgegeben ab 2016 und gedruckt bei Goznak

Der KN mit den in der Größe aufsteigenden Ziffern ist eine 1 vorangestellt

KN besteht aus gleich großen Ziffern, denen eine 2 vorangestellt ist

KN am rechten Rand ist vertikal angebracht

KN ist am rechten unteren Rand horizontal angebracht. Dadurch fehlt bei den Abbildungen der untere Teil

Feld mit Mondsichel und Stern in Gold (SPARK Feature Orbital)

Feld mit Mondsichel und Stern einfarbig

Graues Feld neben Wertzahl zeigt neben Ornamenten nochmals die Wertzahl

Graues Feld neben Wertzahl zeigt nur Ornamente

Holographischer Streifen erscheint bläulich

Holographischer Streifen erscheint goldfarbig

​Unterschrift: Al-Kalbere

Unterschrift: Al-Hibri

Unterbrochener Sicherheitsfaden auf der Rückseite weist Symbole auf

Unterbrochener Sicherheitsfaden ist breiter und zeigt in dem Feld jeweils zweimal die Wertzahl


Abb. 1: Central Bank of Libya (Tripolis), 2013, 20 Dinars, Vorder- und Rückseite.


Abb. 2: Central Bank of Libya (Bayda), 2016, 20 Dinars, Vorder- und Rückseite.


Abb. 3: Central Bank of Libya (Tripolis), 2013, 50 Dinars, Vorder- und Rückseite.


Abb. 4: Central Bank of Libya (Bayda), 2016, 50 Dinars, Vorder- und Rückseite.


Vom Frühjahr 2016 bis Ende 2018 gelangten „russische“ Dinar-Banknoten im Wert von insgesamt 9,7 Milliarden Dinars nach Libyen. Laut russischen Zolldaten, die am 29. Oktober 2019 von Reuters veröffentlicht wurden, erfolgten zwischen Februar und Juni 2019 vier weitere Lieferungen der in Russland gedruckten Banknoten im Wert von 4,5 Milliarden Dinars.


Die akute Bargeldknappheit zwang 2016 die Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis, ihre ursprüngliche Ablehnung gegenüber den Goznak-Banknoten aufzugeben und stattdessen ihren Umlauf parallel zu den vorhandenen, von der Bank in Tripolis ausgegebenen Banknoten desselben Nennwerts zu genehmigen.


Beide Geldscheinarten liefen also gleichberechtigt nebeneinander um. Am 13. Oktober 2019 forderte jedoch der Präsidialrat in Tripolis in den sozialen Medien von der Zentralbank in Tripolis, die Dinar-Banknoten, die außerhalb der gesetzlichen Vorschriften produziert wurden, als Geldfälschung zu betrachten. Dies bedeutete nichts anderes, als die Goznak-Scheine auch als Fälschungen zu behandeln.


Am 1. November 2019 erfolgte dann die Beschlagnahmung der Noten in Malta, die dann ein halbes Jahr später vom US-Außenministerium propagandistisch ausgeschlachtet wurde.

Es erklärte, dass die „gefälschte“ Währung von dem staatlichen russischen Sicherheitsdruck- und Münzunternehmen Goznak gedruckt worden sei. Die Banknoten seien nicht von der libyschen Zentralbank in Tripolis in Auftrag gegeben worden, sondern von einer „illegitimen Parallelbank“. Die Central Bank of Libya in Tripolis sei die einzige rechtmäßige Zentralbank Libyens. Der Zustrom der gefälschten, in Russland gedruckten libyschen Banknoten hätten die wirtschaftlichen Probleme des Landes verschärft.


Das russische Außenministerium mischte sich am 30. Mai 2020 in den Skandal ein und verteidigte Goznak. Es wies die Vorwürfe mit dem Hinweis zurück, dass Libyen zwei Zentralbanken habe und ordnungsgemäße Druckaufträge erteilt worden seien.

Auch verstoße die Lieferung der Banknoten nicht gegen das von der UNO verhängte Embargo. Die Antwort gipfelte in dem Satz: „Nicht die Dinare sind gefälscht, sondern die Aussage der Amerikaner.“


Ende Mai 2021 war dann in der Presse zu lesen, dass die maltesische Regierung bereit sei, die Dinar-Noten an das libysche Volk auszuhändigen, was aber offensichtlich bis heute noch nicht geschehen ist.


Uwe Bronnert


Anmerkungen [1] Vgl. Dominik Peters, Drei Kriege in einem Land. https://www.spiegel.de/politik/ausland/libyen-wer-kaempft-gegen-wen-a-1303118.html (25.10.2021). [2] Übersetzung aus Jonathan M. Winer, Seized Russian-printed dinars highlight an opportunity to reform Libya’s civil war economy. https://en.minbarlibya.org/2019/11/10/seized-russian-printed-dinars-highlight-an-opportunity-to-reform-libyas-civil-war-economy/ (25.10.2021).

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