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Notausgaben von 1919 für den oberschlesischen Industriebezirk

Aktualisiert: 3. März 2022

Politisch gehörte Oberschlesien bereits seit dem Hoch-Mittelalter zu Schlesien. Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte den Versailler Vertrag, welcher zunächst die vollständige Abtretung Oberschlesiens an das erst 1916 durch den deutschen ­Kaiser ausgerufene und damit von Russland unabhängig gewordene Königreich Polen vorsah. 1919 wurde Oberschlesien vom restlichen Schlesien (Provinz Niederschlesien) getrennt, zu ­einer eigenen Provinz erhoben, zum Abstimmungsgebiet erklärt und von alliierten Truppen besetzt. Vor und während der Volksabstimmungen, in der sich 60% der Gesamtbevölkerung für den ­Verbleib beim Deutschen Reich aussprachen, versuchten polnische Freischärler Oberschlesien mit Gewalt vom Reich abzutrennen.


1919 kam es in Zeiten des Klein- und Großgeldmangels zu einer Gemeinschaftsausgabe von Notgeld der Stadt- und Landkreise des Oberschlesischen Industriebezirks, umfassend die ­Kreise Beuthen-Stadt, Beuthen-Land, Gleiwitz-Stadt, Hindenburg, Kattowitz-Stadt, Kattowitz-Land, Königs­hütte-Stadt, Pless, Rybnik und Tarnowitz (bei Kleingeldscheinen ohne den Landkreis Pless). Die Scheine wurden von allen Reichsbankstellen und öffentlichen Kassen

im Ausgabebezirk in Zahlung genommen.


Oberschlesisches Industriegebiet

Kreis

Fläche in km²

Einwohner (1900)

Beuthen-Stadt

23

51.404

Beuthen-Land

98

137.839

Gleiwitz-Stadt

28

52.362

Hindenburg (Zabrze)

120

115.609

Kattowitz-Stadt

4

31.738

Kattowitz-Land

182

151.660

Königshütte-Stadt

6

57.913

Pless

1.064

103.275

Rybnik

852

96.248

Tarnowitz

328

62.277

Gesamt

2.705

860.325

Das oberschlesische Industriegebiet wurde ausschließlich aus Kreisen des schlesischen Regierungsbezirks Oppeln gebildet und war etwas größer als das heutige Saarland oder das Großherzogtum Luxemburg. Der Oberschlesische Industriebezirk war jedoch keine politische Verwaltungseinheit, sondern ein lockerer Zusammenschluss von Kreisen im oberschlesischen Industriegebiet zum Zwecke der Ausgabe von gemeinsamen Notgeld. Wegen ihres überregionalen Charakters werden die Ausgaben dennoch im Katalog zum Papiergeld der deutschen Länder, Provinzen und Bezirke aufgeführt.


Die Notausgaben von 1919

Ausgegeben wurden Großnotgeldscheine über 5, 10 und 20 Mark ohne Datum (gültig bis

1. April 1919) in Drucken auf verschiedenen Wasserzeichenpapieren sowie zwei verschiedene Kleingeldausgaben über je 25 Pfenning ohne Datum (gültig bis 30. September bzw. 31. Dezember 1919). Der Druck aller Ausgaben erfolgt bei der auch von anderen Notgeldausgaben bekannten Firma Carl Flemming AG in Glogau und Berlin.

Auf den Vorderseiten aller Scheine findet man die Unterschriften der Vertreter der an der Ausgabe beteiligten Stadt- und Landkreise.

Wegen der Verwendung verschiedener Wasserzeichen und Nummeratoren kommen bei den Großnotgeldscheinen eine ganze Reihe von Varianten vor.


OSL-10g: Oberschlesischer Industriebezirk: 5 Mark ohne Datum (gültig bis 1. April 1919), Vorderseite mit Trockenstempel, Rückseite mit Darstellung einer Industrieanlage sowie Symbolen für die Industrie (Abb. Sammlung Grabowski).


OSL-11e: Oberschlesischer Industriebezirk: 10 Mark ohne Datum (gültig bis 1. April 1919), Vorderseite mit Trockenstempel, Rückseite mit Darstellung einer Industrieanlage mit Bahnhof und Holzlager (Abb. Sammlung Grabowski).


OSL-12e: Oberschlesischer Industriebezirk: 20 Mark ohne Datum (gültig bis 1. April 1919), Vorderseite mit Trockenstempel, Rückseite mit Darstellung von Arbeitern in einem Stahlwerk nach einem berühmten Monumentalgemälde des schlesischen Malers Adolph von Menzel (Abb. Sammlung Grabowski).


Adolph von Menzel (1815–1905): Das Eisenwalzwerk (1872–1875). Abb. wikipedia.


"Das Eisenwalzwerk" befindet sich heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin und ist ein Hauptwerk von des schlesischen Malers Adolph von Menzel. Es zeigt die Fabrikhalle der oberschlesischen Königshütte, einem Walzwerk für Eisenbahnschienen, das zur Zeit der Entstehung des Bildes etwa 3.000 Arbeiter beschäftigte.


OSL-13: Oberschlesischer Industriebezirk: 25 Pfennig ohne Datum (gültig bis 30. September 1919), Vorderseite und Rückseite mit Ornamenten (Abb. Sammlung Grabowski).


OSL-14: Oberschlesischer Industriebezirk: 25 Pfennig ohne Datum (gültig bis 31. Dezember 1919), Vorderseite mit stilisierten Industrieanlagen, Rückseite mit Symbolen der Industrie. (Abb. Sammlung Grabowski).


Nach der Volksabstimmung kam es im Mai 1921 erneut zu militärischen Versuchen polnischer Freischaren, das Resultat der Volksabstimmung zu Polens Gunsten zu verändern.

Nach Empfehlung des Völkerbunds wurde 1921 die Teilung Oberschlesiens beschlossen. Hierdurch fiel der überaus größte Teil des bedeutenden oberschlesischen ­Industriegebiets sowie weitere Gebiete (insgesamt 3.213 qkm mit 893.000 Einwohnern), welches neben dem Ruhrgebiet eine wesentliche Rolle in der deutschen Wirtschaft gespielt hatte, an Polen.

Ein kleinerer Landesteil ("Hultschiner Ländchen" mir 316 qkm und 48.500 Einwohnern) wurde der neu gebildeten Tschechoslowakei angegliedert.

Die seit 1919 bestehenden Provinzen Nieder- und Oberschle­sien (das bei Deutschland verbliebene Restgebiet) waren von 1933 bis 1938 zur ­Provinz Schlesien zusammengelegt. Nach dem deutschen „Polenfeldzug“ wurden 1939 die an Polen gefallenen oberschlesischen Gebiete wieder dem Reich angegliedert, und 1941 wurde Schlesien erneut in die Provinzen Nieder- und Oberschlesien getrennt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg polnischer Verwaltung unterstellt, wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben. Mit dem Grenzvertrag von 1990 erkannte das wiedervereinigte Deutschland die Grenzen des Potsdamer Abkommens völkerrechtlich an. Oberschlesien bildet heute einen eigenen Verwaltungsbezirk in Polen.


Hans-Ludwig Grabowski


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