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"Showdown" in Zürich

Aktualisiert: 14. Feb.

An- und Verkaufskurse osteuropäischer Banknoten im Frühjahr 1987 und im Herbst 1989 Der Bankenplatz Zürich war – und ist noch heute – ein traditioneller Handelsplatz für ausländische Währungen. In der Zeit des "Kalten Kriegs" waren die in Zürich in Schweizer Franken notierten Kurse für die Währungen der RGW-Staaten[1] ein Gradmesser nicht nur für die politische Stimmungslage, sondern auch für den tatsächlichen Wert und die reale Kaufkraft der jeweiligen Landeswährung.


Abb. 1a/b: Schweiz, 100 Franken der von 1975 bis 1993 ausgegebenen Serie.

Quelle: Battenberg Gietl Verlag.



Züricher Banken notierten nicht nur Währungskurse, sondern handelten mit den entsprechenden Währungen auch effektiv. Dazu stellten (und stellen) sie sogenannte Notenkurse für den An- und Verkauf. Das bedeutet, dass man an den Schaltern der großen Züricher Banken – Bankverein, Bankgesellschaft, Kreditanstalt und Kantonalbank – Banknoten der entsprechenden Währungen (Münzen wurden nicht gehandelt) effektiv kaufen und auch verkaufen konnte. Für Sammler von Banknoten war daher in den 1980er-Jahren eine Reise nach Zürich durchaus lohnend. Denn es gab dort bei den Banken Geldscheine aus Ländern, die anderswo kaum erhältlich waren. Mit etwas Glück waren gerade aus sozialistischen Ländern höhere Nominale in kassenfrischer Erhaltung verfügbar[2].

Woher diese Scheine kamen und wie sie trotz bestehender Ausfuhrverbote nach Zürich gelangt waren, blieb offiziell ein Geheimnis, war aber Gegenstand wilder Spekulationen.


Auch die Schweizer Kreditanstalt (heute: Credit Suisse) war im Notenhandel aktiv und veröffentlichte monatliche Kurslisten. Diese enthielten drei verschiedene Kurse – den Devisen-Mittelkurs in Schweizer Franken, der jedenfalls für die Länder des RGW dem durch diese Länder für die Landeswährung offiziell festgelegten Wechselkurs entsprach, sodann die Notenkurse für den bankseitigen An- und den Verkauf von Banknoten. Zwei Kurslisten mit den Schlusskursen in Schweizer Franken per Ende April 1987 und Ende Oktober 1989 sind nachfolgend abgebildet.


Abb. 2: Devisen- und Notenkurstabelle der SKA – Stand 29. April 1987.


Abb. 3: Devisen- und Notenkurstabelle der SKA – Stand 31. Oktober 1989.


Die darin enthaltenen Informationen zu Devisen- und Notenkursen geben ein gutes Bild davon, wie es um die Währungen in den einzelnen Ländern stand. Es zeigt sich, zu welchen Kursen Banknoten aus den Staaten des RGW tatsächlich handelbar und wie hoch die Differenzen zu den offiziellen Wechselkursen waren. Diese Abweichungen sind teilweise erheblich. Interessant ist es zudem, bei den Notenkursen auch auf den sogenannten "Spread" (Streuung) zu schauen, die Differenz zwischen dem An- und dem Verkaufskurs. Dieser enthält die Gewinnmarge der Bank. Generell gilt, dass ein hoher "Spread" Anzeichen dafür ist, dass der Handel mit Banknoten des betreffenden Landes für die Bank hoch risikobehaftet ist –

er drückt das Risiko aus, dass die Bank angekaufte Scheine mangels Nachfrage über einen längeren Zeitraum halten muss und dadurch Verluste entstehen können.


Zwischen April 1987 und Oktober 1989 liegt ein Zeitraum von 2 ½ Jahren und eine weltpolitische Zeitenwende. War im Frühjahr 1987 für die Staaten des RGW das gesellschaftliche und wirtschaftliche System nicht grundsätzlich in Frage gestellt, ist die Situation Ende Oktober 1989 eine völlig andere: In Polen hatten im Juni 1989 erstmals freie Wahlen stattgefunden; die wirtschaftliche Lage des Landes war angespannt, der Złoty von einer starken Inflation gebeutelt. Ungarn strich im Oktober 1989 den Titel einer sozialistischen Volksrepublik. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten der DDR zogen jede Woche Hunderttausende Menschen an. Auch in Prag forderten im Oktober 1989 erstmals Demonstranten mehr bürgerliche Freiheiten. Gravierende gesellschaftliche Veränderungen standen vor der Tür, verbundenen mit großen Unsicherheiten ob der weiteren Entwicklung.


Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in den Notenkursen der Währungen der RGW-Staaten im Oktober 1989 wider. Zwischen April 1987 und Oktober 1989 gaben die An- und Verkaufskurse der Banknoten der RGW-Staaten deutlich nach, interessanterweise mit Ausnahme Bulgariens. Im selben Zeitraum werte dagegen die DM gegenüber dem Franken um rund 8 % auf.


Für Polen fiel bereits der offizielle Wechselkurs für 100 Złotych von 0,61 Franken im April 1987 auf nur noch knapp 0,07 Franken Ende Oktober 1989. Wurden 100 Złotych im April 1987 noch für 0,14 Franken ge- und für 0,21 Franken verkauft (was rund 1/3 des offiziellen Kurses entsprach), erfolgte bereits im Oktober kein Ankauf polnischer Banknoten durch die Kreditanstalt mehr. Der Verkaufskurs für 100 Złotych betrug ganze 0,03 Franken.


Abb. 4a/b: Polen, 10.000 Złotych der Ausgabe 1987 (Pick 151a). Im April 1987 betrug der offizielle Wert des Scheins 61 Franken, die Kreditanstalt zahlte 14 Franken im Ankauf

und verlangte 21 Franken im Verkauf. Quelle: Sammlung Grabowski.


Auch der Kurs der Währung der Tschechoslowakei verfiel zwischen April 1987 und Oktober 1989 deutlich. Betrug der Mittelkurs für 100 Tschechoslowakische Kronen im April 1987 noch 26,58 Franken, waren es Ende Oktober 1987 nur mehr 10,80 Franken. Im Vergleich dazu etwas besser hielten sich die Notenkurse: 100 Tschechoslowakische Kronen wurden 1987 für 5,70 Franken an- und – mit nur geringem "Spread" von 3,5 % – für 5,90 Franken wieder verkauft. 1989 betrug der Ankaufskurs immer noch 3,65 Franken, der Verkaufskurs 3,85 Franken. Tschechoslowakische Kronen schienen in Zürich gut handelbar zu sein.


Abb. 5a/b: Tschechoslowakei, 1000 Korun der Ausgabe 1985 (Pick 98a).

Im April 1987 betrug der offizielle Wert des Scheins 265,80 Franken, die Kreditanstalt zahlte 57 Franken im Ankauf und verlangte 59 Franken im Verkauf.

Quelle: Sammlung Grabowski.


Die Notenkurse für rumänische Lei halbierten sich zwischen 1987 und 1989, obwohl der offizielle Wechselkurs in diesem Zeitraum gegenüber Franken und der DM sogar leicht anstieg. Rumänische Banknoten wurden schon im Oktober 1987 nur zu 17 % des offiziellen Wechselkurses angeboten, im Oktober 1989 waren es noch etwas über 7 %. Zwar war das Regime Ceaușescu im Herbst 1989 noch fest im Amt, die wirtschaftliche Lage in Rumänien hatte sich jedoch im Verlauf der 1980er-Jahre zunehmend verschlechtert.

Die Versorgungslage der Bevölkerung war Ende der 1980er-Jahre bereits so desaströs, dass für die Landeswährung kaum mehr Waren erhältlich waren.


Abb. 6a/b: Rumänien, 100 Lei Ausgabe 1966 (Pick 97) – im Oktober 1989 bei der Kreditanstalt für 1,35 Schweizer Franken (7 % des offiziellen Wechselkurses) erhältlich.

Quelle: Hartmut Fraunhoffer, www.banknoten.de.


Eine ähnliche Entwicklung nahmen auch die Notenkurse für russische Rubel, wobei sich der "Spread" zwischen April 1987 und im Oktober 1989 deutlich vergrößerte – der Handel mit Rubelnoten schien risikoreicher zu werden.


Abb. 7a/b: UdSSR, 100 Rubel der Ausgabe 1961 (Pick 236a).

Quelle: Hartmut Fraunhoffer, www.banknoten.de.


Etwas weniger stark in Mitleidenschaft gezogen, dennoch vom Verfall gezeichnet waren die Kurse für Banknoten in Mark der DDR. Zahlte die Kreditanstalt 1987 für 100 Mark 14 Franken (umgerechnet 17,30 DM) und verkaufte diese für 15 Franken, was rund 19 % des offiziellen Wechselkurses und damit einem Verhältnis von rund 1:5 entsprach, waren es Ende Oktober 1989 noch 10 und 11 Franken (umgerechnet 11,40 DM und 12,60 DM) – ein Rückgang um rund 20 %.


Abb. 8a/b: DDR, 100 Mark der DDR der Ausgabe 1975 (Pick 31a).

Quelle: Sammlung Grabowski.


Leidlich stabil hielt sich auch der ungarische Forint. Der Mittelkurs für 100 Forint betrug im April 1987 3,10 Franken, Ende 1989 2,72 Franken. Die An- und Verkaufskurse für ungarische Banknoten betrugen im Vergleich dazu 2,40 zu 2,70 Franken im April 1987, und 1,90 zu 2,10 Franken Ende Oktober 1989. Die Differenz zum offiziellen Wechselkurs war für ungarische Banknoten im Vergleich zu den Währungen anderen Staaten des RGW gering.


Abb. 9a/b: Ungarn, 100 Forint der Ausgabe 1980 (Pick 171f).

Quelle: Sammlung Grabowski.


Kursgewinne konnte man dagegen mit bulgarischen Lewa erzielen. Bekam man für 100 Lewa 1987 nur 40 Franken (rund 24 % des offiziellen Kurses), waren es Ende Oktober 1989 erstaunlicherweise 115 Franken (rund 60 % des offiziellen Kurses). Warum ausgerechnet der bulgarische Lew (Löwe) zwischen 1987 und 1989 im Wert stieg, ist kaum zu erklären.


Abb. 10a/b: Bulgarien, 20 Lewa der Ausgabe 1974 (Pick 97a).

Quelle: Sammlung Grabowski.


Albanische Banknoten wurden dagegen überhaupt nicht gehandelt. Für dieses bis Anfang der 1990er Jahre völlig isolierte Land gab es in Zürich weder ein Angebot, noch eine Nachfrage nach Zahlungsmitteln in Landeswährung.


Abb. 11a/b: Albanien, 100 Lekë der Ausgabe 1976, Muster (Pick 46S2).

Quelle: Sammlung Grabowski.

Mit der Transformation der Wirtschaft in den RGW-Staaten ab 1990 setze dort ein rapider Verfall der Landeswährungen ein. Eine Ausnahme bildete insoweit die Tschechoslowakei.

Für die DDR trat am 1. Juli 1990 der Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion mit der Bundesrepublik in Kraft, der das Ende der Mark der DDR bedeutete. Wer jedenfalls im Herbst 1989 Banknoten der RGW-Länder erwarb und aufbewahrte, musste in den Folgejahren weitere deutliche Wertverluste hinnehmen.


Dr. Sven Gerhard


Anmerkungen [1] Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, gegründet 1949. Mitglied waren neben der UdSSR die Staatshandelsländer Osteuropas einschließlich der DDR sowie Kuba, die Mongolei und Vietnam.

[2] Der Autor erinnert sich, 1991 bei der Bankgesellschaft in Zürich kassenfrische 100-Lei-Noten aus Rumänien der Serie 1966 (Pick 97) gekauft zu haben.

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