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Stachanow – der Bergmann auf dem Rubelschein von 1938

Als Geldscheinsammler hat man zumeist ein Lieblings-Sammelgebiet, worauf man seine größte Sammelenergie verwendet. Vielleicht eine deutsche Epoche, ein abgeschlossenes Gebiet, wie die DM-Scheine der Bundesrepublik. Es können aber auch Sachgebiete sein, Tiermotive z. B., oder man sammelt Notgeldscheine, oder bestimmte Kontrollnummern.


Weltweit werden Bergbaumotive auf Banknoten dargestellt, sei es die Förderung des "Schwarzen Golds", der Kohle, oder von tatsächlichem Gold. Einer der bekanntesten Rubelscheine aus frühen Sowjetzeiten ist der braune 1-Rubel-Schein mit dem Porträt von Alexei Grigorjewitsch Stachanow (1906–1977) aus dem Donbass1), erkennbar an seinem geschulterten Werkzeug: ein Presslufthammer zum Kohlebrechen2).


Abb. 1: Vorderseite 1 Rubel der UdSSR von 1938, RUS-213, 125 x 60 mm.

Abb. 2: Rückseite 1 Rubel der UdSSR von 1938 mit mehrsprachigem Aufdruck, da der Vielvölkerstaat Sowjetunion über mehr als ein Dutzend offizieller Sprachen verfügte.


Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre hatte die noch junge Sowjetunion nicht so stark treffen können, da sich diese sowieso immer noch ziemlich am Boden befand. Nach der Roten Oktoberrevolution 1917, dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Frieden von Brest-Litowsk 1918 sowie Bürgerkrieg und Kriegskommunismus bis 1921 befand sich die Industrieproduktion nur noch auf einem Drittel des russischen Vorkriegsstands, die Agrarproduktion bei der Hälfte. Die Gründung der staatlichen Planungskommission GOSPLAN führte 1927 zum ersten Fünfjahresplan. Zur Steigerung der Produktion wurde das Akkordprinzip eingeführt. Zum Vorbild eines sozialistischen Arbeiters und „Plan-Übererfüllers“ wurde der russische Bergmann Alexei Stachanow aus der Zeche Zentral Irmino im Oblast Lugansk im Donezbecken3) aufgebaut. Mithilfe präziser logistischer Vorarbeit gelang es ihm, am 31. August 1935 die bis dahin vorgeschriebene Arbeitsnorm um das Dreizehnfache zu übertreffen, indem er 102 Tonnen Kohle in einer Schicht brach4).


Abb. 3: Propagandabild, Stachanow bei seiner Arbeit.


Diese Planübererfüllung um 1457 % brachte ihm staatlichen Ruhm und mannigfaltige Belohnungen ein, bis hin zum Orden „Held der sozialistischen Arbeit“. Seine Arbeitskollegen hassten und verachteten diesen „Normbrecher“, da sie zu Recht davon ausgingen, nun würden auch von ihnen Leistungssteigerungen und Planübererfüllungen erwartet.

Zwar wurde nach seinem Tode sogar noch eine Stadt in der Ukraine nach ihm benannt5),

er selbst aber endete als Alkoholiker und hatte nach seiner Rekordleistung nie wieder einen Bergstollen zu Arbeiten betreten.


Abb. 4: Ganzsache der sowjetischen Post, vorfrankierter Blankobrief mit einem farbigen Porträt Stachanows anlässlich des 50. Jahrestags der Stachanow-Bewegung 1985.


Der Grafiker und Chefdesigner von Gosnak6) Iwan Iwanowitsch Dubassow (1897–1988) bekam im Jahr 1937 den Auftrag, im Rahmen des sog. Vierten Russischen Rubels (1924–1947) neue Rubelbanknoten zu entwerfen.


Abb. 5: Drei-Rubel-Schein aus der Serie 1938 mit Rotarmisten, RUS-214.


Abb. 6: Fünf-Rubel-Schein aus der Serie 1938 mit Piloten, RUS-215.


Dubassow schuf einen Schein zu einem Rubel mit Stachanow, zu drei Rubeln mit Rotarmisten und zu fünf Rubeln mit einem Piloten. Alle wurden 1938 ausgegeben und blieben bis zur Nachkriegswährungsreform 1947 gültig7).


1948 folgte die spätere DDR, damals noch als Sowjetische Besatzungszone (SBZ), dem "Großen Bruder" Sowjetunion mit der Hennecke-Bewegung. Adolf Hennecke (1905–1975) schaffte in einer gut vorbereiteten Schicht8) am 13. Oktober 1948 im Lugau-Oelsnitzer Revier im Karl-Liebknecht-Schacht 24,4 statt der üblicherweise geforderten 6,3 m³. Als Belohnung gab es u. a. eine Flasche akzisefreien Schnaps und später einen Sitz in der Volkskammer, dazu aber auch die Wut der anderen Kumpels auf ihn.



Abb. 6: Sondermarke zu 20 Pfennig der Deutschen Post der DDR 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus mit dem Porträt des Bergmanns Adolf Hennecke, Michel 2942.



















Abb. 7 :Jubiläumsbriefmarke UdSSR 1985, 50 Jahre Stachanow-Bewegung.





Christian Merker

Abb. Geldscheine: Archiv für Geld- und Zeitgeschichte, Sammlung Grabowski


Anmerkungen

  1. Der heute zwischen der Ukraine und Russland umkämpfte Donbass war nach dem "Brotfrieden" der Ukrainischen Volksrepublik im Februar 1918 mit den Mittelmächten Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich zuerst Teil der Sowjetrepublik Donez-Kriwoi Rog, die bereits nach einem Monat auf Anweisung Lenins samt ihrer russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine beitrat und Kiew anstelle Charkiw als Hauptstadt anerkannte. Nur wenige Gebiete im Ost-Donbass wechselten bis 1925 in die Russische SSR, z. B. der Industriestandort Schachty. Auch mit der Unabhängigkeit der Ukraine nach der Auflösung der UdSSR 1991 und der Einführung von Ukrainisch als Pflichtfach in den Schulen und als einziger Amtssprache verblieb der Donbass bei der Ukraine. Erst 2014, nach der Annexion der Krim durch Russland, die damit gewaltsam die Schenkung Chruschtschows aus dem Jahr 1954 – ein Jahr nach Stalins Tod – rückgängig machte, kam es im Donbass zu prorussischen separatistischen Kämpfen, die im Februar 2022 in der Anerkennung der sog. Volksrepubliken Lugansk und Donezk durch Russland mündeten. Putin schickte russische Truppen in die Ukraine, der Krieg um das Donezbecken und die territoriale Einheit der Ukraine begann.

  2. Sogenannter pneumatischer Abbruchhammer.

  3. Traditionelles Steinkohle- und Industrierevier seit dem 18. Jahrhundert.

  4. Üblicherweise wurden in einer Schicht 7 t erwartet, bei einem Spezialisten wie Stachanow 10–12 t.

  5. Stadt Kadijiwka im Oblast Luhansk, 1978–2016 unter dem Namen Stachanow geführt.

  6. Russisches Staatsunternehmen, ursprünglich zaristische Gründung, seit 1818 befasst mit der Herstellung von Papiergeld, Pässen, Briefmarken etc.

  7. Vgl. Artikel von Matthias Böhme "Eine kleine Währungsreform 1947 in der UdSSR" vom 29. Juni 2019 in Geldscheine-Online.

  8. Z. B. mussten erst einmal genug Loren herbeigeschafft werden, um die gebrochene Kohle überhaupt wegschaffen zu können, und der Abbruchhammer musste die ganze Schicht über funktionieren.

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