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Unter grün-weiß-roter Fahne 2: Separatistenausgaben im Regierungsbezirk Wiesbaden

Aktualisiert: 13. Nov. 2023

Eine der Hochburgen des Separatismus wurde Bad Ems. Zum einen residierte hier zeitweise Hans-Adam Dorten, zum anderen agierte hier mit Karl Kaffine der wohl führende Aktivist im rechtsrheinischen Koblenzer Brückenkopf. Der Postsekretär war bis 1922 Vorsitzender der Bad Emser SPD, von der er nach einer tumultartigen Sitzung wegen seiner Beziehung zur französischen Besatzungsmacht und seiner Sympathie für den Separatismus ausgeschlossen wurde. Sofort gründete er eine neue Partei, die „Republikanische Volksgemeinschaft“ und betätigte sich als Herausgeber einer eigenen Zeitung. Der „Republikaner“ stimmte inhaltlich in großen Teilen mit anderen separatistischen Blättern überein, die Dorten in seiner Koblenzer Gutenbergdruckerei herausgab. Nach einem Korruptionsvorwurf wurde Kaffine im Mai 1923 vom Amt des städtischen Beigeordneten suspendiert, das er nach wie vor bekleidet hatte.


Die Stunde des Separatisten-Führers schlug mit der Ausrufung der "Rheinischen Republik" in Aachen. Seine Anhänger stürmten am 22. Oktober das Rathaus in Bad Ems und erklärten dem Beigeordneten Stroh, der den ausgewiesenen Bürgermeister Schreck vertrat, dass die militärische Macht nun beim Oberbefehlshaber und kommissarischen Bürgermeister Kaffine läge. Da seine Forderung das städtische Notgeld herauszugeben keinen Erfolg hatte, setzte er sofort die Gelddruckmaschine in Tätigkeit. Zu diesem Zweck beschlagnahmte er die neben dem Rathaus befindliche Druckerei Sommer, dessen Inhaber Fazer aus Helsingfors (Helsinki) stammte. Die 10-, 50- und 100-Milliarden-Scheine mit dem Datum vom 27. Oktober 1923, zu 500 Milliarden mit dem Datum vom 3. November 1923 und zu einer Billion, 10 und 25 Billionen mit Datum vom 6. November 1923 tragen die Unterschrift Kaffines. Von allen Scheinen gibt es zwei Varianten. Der Nummerierung ist „No.“ vorgesetzt. Entweder ist hierbei unter dem „o“ ein Punkt oder ein waagerechter kleiner Strich.


Abb. 1: Bad Ems, Stadt, 27. Oktober 1923, 100 Milliarden Mark, „o“ mit Punkt in No., Vorderseite, Rückseite unbedruckt.


Abb. 2: Bad Ems, Stadt, 6. November 1923, 25 Billionen Mark, „o“ mit kleinem Rechteck in No., Vorderseite, Rückseite unbedruckt.


„Mit dem Notgeld wurde nunmehr nur so um sich geworfen. Die Löhne der Notstandsarbeiter wurden um das Vierfache erhöht, ebenso die Sätze der Erwerbslosenfürsorge, weiter die Löhne der Arbeiter bei der staatlichen Bade- und Brunnenverwaltung. Die Lebensmittelpreise in Bad Ems gingen alsbald sehr in die Höhe, weil die Annahme sich verdichtete, dass das Kaffine-Geld nicht richtig sei. Die Bad Emser Händler hatten immer grössere Schwierigkeiten beim Wareneinkauf in Koblenz. Die Verkaufspreise stellten sich inzwischen bei Hergabe von Kaffine-Geld um 100 und mehr Prozent höher wie [sic] bei Reichsgeld.“[1]

Der ungehemmte Druck von neuem Geld überschwemmte nicht nur die Stadt, sondern den ganzen Unterlahnkreis. Da das Separatistengeld zurückgewiesen wurde, erließ der „Landrat des Unterlahnkreises“ Dr. Kalthoff eine Notverordnung, in der erklärt wurde, dass die Scheine durch das gesamte freie Eigentum des Unterlahnkreises und der Kommunen des Kreises gedeckt seien. Ihr Umtausch solle später in neuer "rheinischer Währung" zu einem Vorzugskurs erfolgen.


Anfang November waren Geschäftsleute und Kunden im Besitz großer Mengen wertlosen „Kaffinegeldes“, die Stadt drohte im Chaos zu versinken. In Anbetracht dieser Entwicklung räumte Kaffine mit seinen Separatisten am 16. November das Rathaus und zogen ins Kurhaus. Unter dem Druck der französischen Besatzer verließen sie am 8. Februar 1924 Bad Ems.


Am 17. Dezember 1924 meldete der Bad Emser Magistrat an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, dass die Stadt bis zum 1. Dezember 1923 Notgeld im Wert von 75.000 Billionen Mark ausgegeben habe, von denen rund 50.000 Billionen Mark ungedeckt seien. „Die Gesamtausgabe beträgt bis heute 100.000 Billionen, ungedeckt hiervon 75.000 Billionen. An Separatistengeld für welche die Stadt nicht haftet, sind 100.000 Billionen in Händen der Bevölkerung.“[2]


Abb. 3: Anwerbung von neuen Söldnern der „Rheinischen Republik“.[3]


Kaffine war Anfang November der Kopf des Aufstands in der gesamten Region. Er steckte auch hinter der Besetzung der Landratsämter in Diez, Langenschwalbach (heute Bad Schwalbach) und Montabaur, ja selbst in Limburg. Dagegen scheiterte die Machtübernahme in Nassau am Widerstand der Nassauer Feuerwehr.


Die Separatisten übten „eine Willkürherrschaft schlimmster Art in der Stadt Montabauraus, so der Landrat in seinem Bericht an den Regierungspräsidenten in Frankfurt. „Requisitionen und Beschlagnahmungen von Privateigentum waren an der Tagesordnung, massenweise erfolgten Verhaftungen von Bürgern, die jedoch der Kreisdelegierte wieder rückgängig machte. Fast in jeder Nacht wurden Einbrüche in Geschäftshäusern verübt, und beträchtliche Mengen Waren aller Art von den Separatisten gestohlen.“[4] Der sog. Kreiskommissar Kosiol ließ Gutscheine zu 500 Milliarden Mark drucken. Die Scheine zeigen auf minderwertigem Papier mit grünem Druck und grün-weiß-roter Umrandung das Datum vom 6. November 1923. Unterschrieben sind sie handschriftlich vom Kreissekretär und dem Kreiskommissar. Aufgrund des vorliegenden handschriftlich nummerierten Exemplars mit der Nummer 130 ist anzunehmen, dass die Auflagenhöhe sehr gering war. Der vorangestellte, gedruckte Buchstabe A lässt vermuten, dass weitere Nominale geplant waren. In der Nacht vom 26. zum 27. November rückten die Sonderbündler im Schutz der Dunkelheit aus Montabaur in Richtung Bad Ems ab.[5]


Abb. 4: Montabaur, Unterwesterwaldkreis, 6. November 1923, 500 Mrd. Mark, Vorderseite.


In aller Frühe des 31. Oktobers fuhren Lastwagen mit einer Horde von 50 mit Maschinengewehren, Karabinern, Äxten, Revolvern und Handgranaten bewaffnete Gestalten vor dem Kreishaus in St. Goarshausen vor; an ihrer Spitze der Rädelsführer Paul Meyer. Rentmeister Hartenfels wurde aufgefordert den Kassenschrank zu öffnen. Da er sich weigerte, wurde ihm der Schlüssel mit Gewalt entrissen. Jedoch welcher Schock, der Schrank war bis auf etwas Notgeld leer. Vorsorglich hatte die Kreisverwaltung das Geld des Kreises in Sicherheit gebracht.[6]


Da kein Bargeld zu holen war, ließ Meyer kurzerhand in der dem Kreishaus gegenüberliegenden Usingerchen Druckerei die Klischees für das Notgeld beschlagnahmen und auf eigene Faust drucken. Der Keller-Katalog bezeichnet alle St. Goarshausener Notgeldscheine mit Ausgabedatum 22. Oktober 1923 als Separatistengeld. Er listet eine Vielzahl von Werten mit diversen Varianten auf, beginnend beim Schein zu 5 Milliarden Mark. Das höchste Nominal lautet über 20 Billionen Mark.[7] Alle Geldzeichen waren widerrechtlich mit der Unterschrift des rechtmäßigen Kreisdeputierten Wiegand in Kursiv-Drucktypen versehen.


Abb. 5: St. Goarshausen, Kreis, 22. Oktober 1923, 20 Billionen Mark, Vorderseite, Rückseite unbedruckt.


Abb. 6: St. Goarshausen, Kreis, 22. Oktober 1923, 500 Milliarden Mark, Druckfehler: Gültig bis zum 1. April 1923, Vorderseite, Rückseite unbedruckt.


Abb. 7: St. Goarshausen, Kreis, 7. November 1923, 500 Milliarden Mark, rechtmäßige Ausgabe?, Vorderseite, Rückseite unbedruckt.


Nicht nur vom Notgeldschein zu einer Billion Mark sind Drucke mit falscher Gültigkeitsdauer bekannt; so auch von den Nominalen zu 200 und 500 Milliarden Mark. Meyer ließ daher folgende Bekanntmachung veröffentlichen:


Rheinische Republik Kreis St. Goarshausen Wir machen hierdurch bekannt, daß bei dem Druck der Ein-Billionen-Scheine des Kreises St. Goarshausen ein Druckfehler ist. Die Gültigkeitsdauer ist bis 1. April 1924 und nicht wie auf den Scheinen angegeben ist 1. April 1923. Die Scheine haben Gültigkeit und sind in Zahlung zu nehmen. St. Goarshausen, den 9. November 1923 Der Kreiskommissar Paul Meyer

Obwohl die rechtmäßige Kreisverwaltung vor Annahme des ungenehmigten „Kreisgeldes“ warnte, hatten Geschäftsleute – namentlich auf dem Land – es unter Gewaltandrohung annehmen müssen. Es gab Personen, die ganze Berge vom falschen Notgeld hatten und an den Ruin kamen. Allein bei den Oberpostdirektionen Frankfurt und Koblenz lagen für 200.000 Goldmark unverwertbares Separatistengeld.


Inzwischen hatte auch die rechtmäßige Kreisverwaltung, da die Klischees gestohlen waren, neues Notgeld in Braubach und Nastätten drucken und im Dunkel der Nacht nach St. Goarshausen schaffen lassen. Möglicherweise sind dies die Scheine zu 500 Milliarden Mark und 1 Billion Mark mit dem Datum vom 7. November 1923?


Zwischen dem 1. und 9. November 1923 hatten die Sonderbündler das Kommando im Untertaunuskreis übernommen. Ihr Anführer war der Kaufmann Kiefer. Vor dem Putsch war er Mitglied des Kreisausschusses gewesen, sodass sich seine Unterschrift rechts auf den Notgeldscheinen des Kreises befindet. Bei einem Überfall auf die Buchdruckerei Georg Grandpierre in Idstein, die das Notgeld des Kreises druckte, hatten seine Männer fertige 50-Milliarden-Mark-Notgeldscheine mit den Kennnummern 33501 – 70000 und 75001 – 75183 sowie Scheine zu 2 Billionen Mark mit den Nummern 11001 – 15000 gestohlen. Unter der Beute befanden sich auch die Druckplatten für die Nennwert zu 500 Milliarden, 1 Billion und 2 Billionen Mark.


Abb. 8.1: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 15. August 1923, 50 Milliarden, Vorderseite.


Abb. 8.2: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 15. August 1923, 50 Milliarden, Rückseite. Da der Schein die Kennnummer 52947 trägt, handelt es sich um einen von den Separatisten gestohlener Schein.


Georg Grandpierre Senior kennzeichnete jedoch die Druckplatten, mit denen er für die rechtmäßige Kreisverwaltung druckte. Mit einer Nadel stach er ein Loch in die Matern. An dieser Stelle entstand beim Druck dann ein kleiner winziger Punkt. Somit waren alle Scheine ohne diese Markierung illegal gedruckt worden.


Abb. 9.1: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 15. August 1923, 500 Milliarden, Vorderseite.


Abb. 9.2: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 15. August 1923, 500 Milliarden, Rückseite. Da der Schein unter der 5 von 500 Milliarden einen Punkt aufweist, ist es ein regulärer Druck.

Abb. 10.1: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, November 1923, 2 Billionen Mark, Vorderseite.


Abb. 10.2: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, November 1923, 2 Billionen Mark, Rückseite.

Da der Punkt fehlt, handelt es sich um einen illegalen Separatisten-Druck.


Bisher nicht bekannt war ein Separatisten-Schein zu einer Billion Mark mit dem Datum 1. November 1923. Bei dem vorliegenden Schein fehlt die Unterschrift des Bezirkskommissars.


Abb. 11.1: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 1. November 1923, Vorderseite.


Abb. 11.2: Langenschwalbach, Untertaunuskreis, 1. November 1923, Rückseite.


Uwe Bronnert


Anmerkungen [1] HStA Wiesbaden, Abt. 405 Nr. 5389 Bl. 135. Bericht des Beigeordneten Stroh an den Herrn Regierungspräsidenten Wiesbaden vom 29. November 1923.

[2] HStA Wiesbaden, Abt. 405 Nr. 6101 Bl. 109.

[3] Prof. Dr. Karl Rembert, Der Separatistenspuk in Krefeld 1923, Erinnerungsblätter, gesammelt im Auftrag des „Arbeitsausschusses der Rathausverteidiger“. 1933, S. 31.

[4] HStA Wiesbaden, Abt. 405 Nr. 5289, Bl. 156 f. Bericht des Landrats an den Regierungspräsidenten in Frankfurt. Betr.: Besetzung Montabaurs durch die Separatisten, ihre Bekämpfung und die augenblickliche Lage im Unterwesterwaldkreis vom 13. November 1923. Montabaur wurde in der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober besetzt und der Spuk endete in der Nacht vom 26. zum 27. November 1923.

[5] Uwe Bronnert, Grün-weiß-rote Fahne über Montabaur, Anmerkungen zu einer Papiergeldausgabe der Separatisten. <https://www.geldscheine-online.com> vom 11.01.2023.

[6] St. Goarshausen unter französischer Knute 1918 – 1929. <http://www.st-goarshausen.de/loreley-rhein/leben-st-goarshausen/stadtportraet/stadtgeschichte/chronik/1918-1930> (505.08.2023).

[7] Dr. Arnold Keller, Das Notgeld der deutschen Inflation 1923, S. 890, Kat.-Nr. 4717 d – o.

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