Vom "Edelacker" ist's die Sage – Serienscheine der Stadt Freyburg a.d. Unstrut aus dem Jahr 1921

Aktualisiert: Apr 20


Auf der Neuenburg hoch über Freyburg a.d. Unstrut


Zur Geschichte der Stadt und Region

Die erste urkundliche Erwähnung von Freyburg stammt aus dem Jahr 1203. 1261 erhielt der Ort dann das Stadtrecht. Die historische Bedeutung Freyburgs begann aber bereits im Jahr 1090 mit dem Bau der mächtigen Neuenburg als östliche Grenzfeste der Landgrafen von Thüringen, zu dem das Gebiet gehörte. Nach dem Tod des letzten Landgrafen Wilhelm III. im Jahr 1482 fiel die Landgrafschaft an das sächsische Haus Wettin, das von den Brüdern Ernst und Albrecht geführt wurde. Mit der sog. "Leipziger Teilung" wurden die sächsischen Landesteile 1485 zwischen den Brüdern aufgeteilt, was sich im Nachhinein als schwerer Fehler herausstellte, da diese Teilung Sachsen schwächte und den Aufstieg von Brandenburg-Preußen ermöglichte.


Der "Dicke Wilhelm", ein freistehender Bergfried auf der Neuenburg


Bis zum Wiener Kongress gehörte Freyburg zusammen mit vielen anderen thüringischen Städten wie Naumburg, Zeitz, Weißenfels, Sangerhausen und dem durch die 1999 gefundene Himmelsscheibe bekannten Nebra zum sog. "Thüringer Kreis" Sachsens.

Da Sachsen mit Napoleon I. verbündet war – ein weiterer großer Fehler der sächsischen Geschichte – fielen die thüringischen Gebiete 1815 an Preußen.

Der heutige Freistaat Thüringen besteht im Wesentlichen aus den Gebieten der thüringischen Kleinstaaten (Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, Reuss ältere und jüngere Linie sowie Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen) sowie dem 1815 entstandenen preußischen Regierungsbezirk Erfurt.

Der östliche Teil des "Thüringer Kreises" mit Freyburg kam 1815 zum preußischen Regierungsbezirk Merseburg der Provinz Sachsen und gehört heute – obwohl thüringisch –zum Bundesland Sachsen-Anhalt.


Die Türme der Marienkirche von Freyburg erinnern stark an die des Naumburger Doms


Historische Gebäude der Rotkäppchen Sektkellerei in Freyburg a.d. Unstrut


Die Stadt Freyburg im Tal der Unstrut ist heute vor allem durch den bereits seit 1894 hier hergestellten Rotkäppchen-Sekt bekannt. Die Rotkäppchen Sektkellerei sollte einst, wie viele andere erfolgreiche Unternehmen (Rotkäppchen war Marktführer in der DDR), von der Treuhandanstalt abgewickelt werden, wurde aber von leitenden Mitarbeitern sowie einem weiteren Gesellschafter übernommen und ist heute mit 50 % Marktanteil Marktführer in ganz Deutschland und durch ihren Erfolg gern auch Vorzeige-Unternehmen in den neuen Bundesländern. Seit 2002 gehört auch Mumm zu "Rotkäppchen". Der Weinbau hat in Freyburg eine mehr als 1000-jährige Tradition. Freyburg ist Zentrum des Weinbaugebiets Saale-Unstrut.


Die Sage vom "Edelacker"

Der thüringische Landgraf Ludwig II., der Eiserne, wurde im Jahr 1128 auf der Neuenburg geboren. Als sein Vater, der seit 1131 regierende erste Landgraf von Thüringen, 1140 starb, wurde der erst 12-jährige Ludwig durch den Staufer-König Konrad mit der Landgrafschaft belehnt. Seine Erziehung genoss er aber hauptsächlich am königlichen Hof.

1150 heiratete er die Schwester von Kaiser Friedrich Barbarossa, Landgräfin Jutta Claricia von Thüringen. Unter Ludwigs Herrschaft wurde die Wartburg als Herrschaftssitz ausgebaut und es entstanden mit der Runneburg in Weißensee auf halbem Weg zwischen Wartburg und Neuenburg 1168 und der Creutzburg nahe Eisenach 1170 weitere große Burganlagen.

Die Landgrafschaft Thüringen dehnte sich weit bis in das heutige Hessen hinein aus und war ein bedeutendes Zentrum höfischer Kultur im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation (Sängerkrieg auf der Wartburg).


Epitaph von Ludwig dem Eisernen auf der Wartburg bei Eisenach (Abb. Wikipedia)


Zur Zeit Landgraf Ludwigs II. wurde die Bevölkerung Thüringens häufig durch den Adel drangsaliert. Viele Angehörige des Kleinadels betätigten sich sogar als Raubritter.

Als Ludwig II. begann hart gegen diese Zustände vorzugehen, brachte ihm das seinen Beinamen "Der Harte" ein. Die Geschichte kennt ihn jedoch vorwiegend als Ludwig II., der Eiserne.

1421 schrieb der Eisenacher Stadtschreiber Johannes Rothe eine Sage auf, die sich um Ludwig II. rankte. Danach schlug der Landgraf eines Abends unerkannt in einer Schmiede in Ruhla sein Nachtlager auf. Der Schmied soll so heftig auf seinen Landesherrn und die Zustände im Land geflucht haben, dass er schließlich rief "Landgraf, werde hart!". Das soll den Landgraf bewogen haben, hart gegen das Raubrittertum vorzugehen. Der Sage nach soll er die ergriffenen Edelleute vor ein Pflug gespannt haben und sie mussten nur mit ihrer eigenen Muskelkraft einen ganzen Acker, den deshalb so benannten "Edelacker", umpflügen.


Die Sage auf den Serienscheinen von Freyburg

Vor 100 Jahren war die Hochzeit der sog. Serienscheine in Deutschland. Ganz besonders viele farbenprächtige Serien wurden in Thüringen und den angrenzenden Regionen ausgegeben. Viele Städte zeigten damit, was sie zu bieten hatten, Episoden aus ihrer Geschichte oder aber Sagen und Legenden aus der Vergangenheit. Die Stadt Freyburg hätte allen Grund gehabt eine Wein- und Sektserie drucken zu lassen, doch man entschied sich für die Sage um Landgraf Ludwig den Eisernen, der immerhin auf der Neuenburg hoch über der Stadt geboren worden war, und auch die Sage vom "Edelacker" soll sich genau hier zugetragen haben.


Titelblatt der "Notgeld-Serie vom Edelacker" der Stadt Freyburg a.d. Unstrut


Mit Datum vom 12. September 1921 gab die Stadtgemeinde eine Serie von insgesamt fünf Gutscheinen je 50 Pfennig mit einer Gültigkeit bis drei Monate nach Bekanntgabe aus.

Die Vorderseiten sind mit Darstellung der mächtigen Neuenburg zwar einheitlich gestaltet, weisen aber einen unterschiedlich farbigen Unterdruck auf. Die Scherenschnitte hatte Walter Hege aus Naumburg geschaffen und der Steindruck erfolgte bei der Firma Otto Richter & Co. in Erfurt. Auf den Rückseiten wird die Sage vom Edelacker in unterschiedlichen Szenen erzählt.


Die erste Szene (Zum ersten):

"Landgraf Ludwig der Eiserne bestraft einen seiner Ritter der sich gegen ihn vergangen darob empören sich die übrigen"


Die zweite Szene (Zum zweiten):

"bei der Neuenburg trifft Ludwigs Heervolk mit den Aufständischen zusammen und besiegt sie im Kampf"


Die dritte Szene (Zum dritten):

"sie werden gefangen zur Burg geführt und der eiserne Landgraf hält ein strenges Gericht über sie"


Die vierte Szene (Zum vierten):

"er spannt sie vor einen Pflug nimmt die Geißel treibt sie mit Schlägen vorwärts und pflügt mit ihnen einen ganzen Acker"


Die fünfte Szene (Zum fünften):

"nie wollen die also Gezüchtigten sich wieder empören. sie schwören aufs neue dem Landgrafen die Treue"


Doch damit ist die in Scherenschnitten erzählte Sage vom "Edelacker" noch nicht ganz vorbei.

Als ich Anfang August 2020 Freyburg besuchte, fand gerade eine Weinverkostung statt, die ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte.

Erstaunt war ich, als ich vor mir die Scherenschnitte von den Freyburger Serienscheinen in "etwas" größerem Maßstab und in Metall wiederentdeckte. Nein, das lag nicht am Wein!


Die letzten Szenen der Scherenschnitte zur Sage vom Edelacker in einem Metallzaun an der Stadtbefestigung von Freyburg


An der historischen Stadtbefestigung befindet sich ein Aufgang zu einem Turm und links davon hat die Stadt die Scherenschnitt-Szenen von den Serienscheinen aus dem Jahr 1921 detailgetreu in Metall nachbilden lassen. Doch damit nicht genug. In Betrachtung des Kunstwerks dauerte es nicht lange, bis sich ein junger Mann zu uns gesellte, um uns höchst persönlich die Sage vom Edelacker zu erzählen. Es war niemand geringeres als der Bürgermeister von Freyburg. Hut ab! Stadt, Burg, Sektkellerei und Region sind wirklich eine Reise wert! Und mit etwas Glück findet man sogar den "Edelacker".


Hans-Ludwig Grabowski

Alle Abbildungen (außer Epitaph) Hans-Ludwig Grabowski

© 2021 by Battenberg Gietl Verlag