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Zoologische Anmerkungen zu einem maledivischen Banknotenentwurf

Die Schalen der marinen Tritonshorn-Schnecken (Gattung Charonia) weisen in mehreren Weltgegenden eine kulturgeschichtliche Bedeutung auf und sind heutzutage zudem als Souvenirs sehr beliebt.[1] Abbildungen dieser gleichwohl auffälligen wie begehrten Schnecken kommen bereits auf antiken Münzen vor. Ebenso werden Tritonshorn-Schalen

auf modernen Umlauf- und Sammlermünzen sowie auf Geldscheinen gezeigt (vgl. Schifko 2019 und 2020). Es sind insbesondere die Malediven, die bei der ikonographischen Gestaltung ihrer Geldmittel auf Abbildungen von Tritonshorn-Schalen zurückgreifen.

Man findet sie dort nämlich als dominierendes Motiv auf einer bereits aus dem Verkehr gezogenen, wie auch auf einer rezenten 2-Rufiyaa-Umlaufmünze sowie auf einer aktuellen

5-Rufiyaa-Banknote (siehe Abb. 1 und 2).[2]


Abb. 1: Eine in Umlauf befindliche maledivische 2 Rufiyaa-Münze mit einer Charonia-Schale als Motiv, Ø: 25,5 mm. (Quelle: jnsiemens-weltmuenzen.de).


Abb. 2: Eine in Umlauf befindliche 5 Rufiyaa-Banknote mit einer Charonia-Schale als Motiv Maße 150 x 70 mm. (Quelle: Hans-Ludwig Grabowski).


In diesem Beitrag soll auf den Geldschein-Entwurf einer 100-Rufiyaa-Banknote eingegangen werden, der sich zwar letztlich nicht durchsetzen konnte, aber aus malakologischer (d.h. aus molluskenkundlicher) Sicht eine sehr reizvolle Besonderheit aufweist, die hier aufgezeigt und kurz erörtert werden soll.


Im Jahre 2015 feierte die Republik Malediven ihren 50. Jahrestag der Unabhängigkeit. Dieses Jubiläum wurde zum Anlass genommen, das Papiergeld durch Polymer-Banknoten zu ersetzen. Für die künstlerische Gestaltung der neuen Geldscheine wurde eigens ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich ca. 200 Einzelpersonen und Teams mit Einreichung ihrer Entwürfe beteiligten. Nachdem man 2015 den Sieger des Bewerbs ermittelt hatte, wurden schlussendlich am 26. Januar 2016 die neuen Geldscheine durch den Präsidenten der Malediven im Rahmen eines Festaktes offiziell eingeführt.


Abb. 3: Ein von Mohamed Rassam, Ali Nishaf Rasheed und Ibrahim Hussain Shihab gestalteter Entwurf eines 100-Rufiyaa-Geldscheins (Quelle: domus pvt. ltd.).


Auf der Vorderseite des hier besprochenen 100 Rufiyaa-Geldscheinentwurfs (Abb. 3) sieht man im Hauptfeld einen Thunfischschwarm, der von drei Männern befischt wird. Rechts oben ist eine Kauri-Schnecke abgebildet. Im Durchsichtfenster der Note erkennt man einen zur Familie der Möwenverwandten (Laridae) gehörenden Schlankschnabelnoddi (Anous tenuirostris). Besagtes Sicherheitsmerkmal wird von einem für maledivische Boote typischen Muster umrandet. Auf der Rückseite des Geldscheinentwurfs befindet sich als wichtigstes Motiv ein Tritonshorn vor einem aus Ornamenten gestalteten Hintergrund. Die dort wiedergegeben Muster sind traditionellen Kopftüchern entnommen worden. Rechts unten im Hauptfeld wird der Hintergrund allerdings von einem vergrößerten Ausschnitt vom Tritonshorn gebildet (siehe unten). Auf der linken Seite des Hauptfeldes erkennt man wiederum die Kauri-Schnecke aus der Geldscheinvorderseite, wobei hier allerdings die gegenüberliegende Schalenseite mit der Mündungsöffnung gezeigt wird. Auf der rechten Seite des Banknotenentwurfs befinden sich vertikale Streifen, die ebenfalls traditionelle Muster zeigen.


Abb. 4: Das Operculum einer Charonia sp. mit seinen für die Gattung typischen konzentrischen Ringen (Quelle: Wolfgang Senz).


Das zoologisch Hervorhebenswerte an der Charonia-Schneckendarstellung dieses Geldscheinentwurfs ist der an der Schalenöffnung gezeigte Schneckenschalendeckel, das sog. Operculum, welches bei dieser Gattung konzentrische Ringe aufweist (Abb. 4).

Die Designer[3] dieser Banknote dürften sichtlich Gefallen am Operculum gefunden haben, da es im Geldscheinentwurf nochmals sehr augenfällig als Hintergrundmotiv Verwendung findet.



Abb. 5: Eine Zeichnung von einer Charonia, in der die natürliche Lage des Operculums aufgezeigt wird (Quelle: Frank Suppan).


Solche Schneckenschalendeckel werden als festsitzendes Element auf der Oberseite des Schneckenfußes gebildet (Abb. 5). Diese oftmals kalkigen, bei der Gattung Charonia jedoch hornigen, Strukturen dienen zur Verteidigung gegen Räuber. Die Schnecke faltet den Fuß nämlich beim Zurückziehen in die Schale so ein, dass das Operculum an der Mündungsöffnung der Schale einen schützenden Abschluss nach außen bildet (Kilias 1982: 69; Abb. 6).[4] Opercula werden vom Menschen genutzt und ihr Gebrauch lässt sich von der Steinzeit beginnend bis in die Gegenwart nachweisen. Sie tauchen in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Kontexten auf (Schifko 2004: 531). Als ältester Nachweis einer Nutzung gelten mehrere kalkige Opercula von Pomatias olivieri, die jeweils eine artifizielle Durchbohrung aufweisen. Diese, aus dem Neolithikum stammenden Belegstücke, wurden südlich von Haifa (Israel) gefunden und bildeten wahrscheinlich Bestandteile einer Kette (Mienis 1990: 8f.).


Abb. 6: Eine in die Schale zurückgezogene Charonia mit ihrem Operculum. (Vor dem Schneckenschalendeckel befindet sich eine zu den Stachelhäutern gehörende Seegurke (Holothuria) (Quelle: Wikipedia; David Burdick, NOAA).


Die bislang ältesten erhalten gebliebenen Operculum-Darstellungen liegen in Form sehr kleiner Charonia-Bilder vor, die in Phaistos (Kreta) gefunden wurden. Es handelt sich hierbei um zwei bronzezeitliche, aus der minoischen Kultur stammende Siegelabdrücke, die jeweils eine (falschgewundene) Tritonshornschale mit einem Operculum an der Mündungsöffnung zeigen (Schifko 2005: 28f., Schifko 2008: 262). Hätte sich der maledivische Geldschein-Entwurf durchgesetzt, wäre er unter den modernen Geldmitteln insofern einzigartig, als ansonsten keine Münze und kein Geldschein solch ein Operculum zeigen.[5] Zudem hätte sich diese Banknote auch von den meisten anderen monetären Charonia-Darstellungen der Gegenwart abgehoben, da hier (indirekt!) ein Hinweis auf den in der Schale befindlichen Weichkörper des Tieres vorliegt. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass – wie oben bereits vermerkt – das Operculum immer mit dem Schneckefuß fest verwachsen ist. Im Gegensatz dazu zeigen die auf anderen Geldmitteln angebrachten Tritonshorn-Darstellungen jeweils nur eine leere Schale. Einzig manche Umlaufmünzen der Seychellen stellen bildlich ein Tritonshorn beim Erbeuten eines Seesterns dar (siehe Schifko 2020).[6]

Wie bei Briefmarken, gibt es insbesondere bei Münzen aber auch bei Geldscheinen Motivsammler, die sich auf Tierdarstellungen spezialisiert haben. Gerade für solch eine Zielgruppe wäre dieser Geldschein-Entwurf, wenn er sich durchgesetzt hätte, aufgrund seiner zoologischen Besonderheiten in der Ikonographie sicherlich eine willkommene Bereicherung gewesen.


Georg Schifko[7]

Danksagung

Ich bedanke mich bei PD Dr. Martin Haase und Dr. Reinhard Kikinger für Durchsicht und Diskussion des Manuskripts. Gleichfalls bedanke ich mich bei Hans-Ludwig Grabowski und

Dr. Wolfgang Senz für das Überlassen von Fotographien sowie bei Mag. Frank Suppan für das Anfertigen einer Illustration. Ganz besonderer Dank gilt den drei Designern des Banknotenentwurfs, Mohamed Rassam, Ali Nishaf Rasheed und Ibrahim Hussain Shihab, für ihre ikonographischen Informationen.

Anmerkungen [1] Am bekanntesten dürfte die Verwendung der Schneckenschalen als Signal- bzw. Musikinstrument sein. [2] 1 Rufiyaa = 100 Laari.

[3] Die Namen der drei Schöpfer dieses Banknotenentwurfs lauten: Mohamed Rassam,

Ali Nishaf Rasheed und Ibrahim Hussain Shihab.

[4] Strombus gigas, die als „Fechterschnecke“ bezeichnet wird, hat das Operculum sogar zu einer langen spitzen Waffe umfunktioniert, mit der sie erhebliche Verletzungen verursachen kann (Kilias 1982: 110).

[5] In einem zuvor veröffentlichten Beitrag (Schifko 2019: 51) habe ich in einer Fußnote vermeint, dass in der aktuellen 5-Rufiyaa-Banknote ein Operculum zu sehen sei. Allerdings gehe ich nun davon aus, dass der dunkle Fleck an der Mündungsöffnung der Schneckenschale bloß andeutet, dass es hier in die Tiefe geht.

[6] Allerdings handelt es sich dabei um ein Münzbild, dass sich dem Betrachter leider kaum erschließt und zu Fehlinterpretationen verleitet (Schifko 2020: 91).

[7] Dr. Georg Schifko, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, A-1010 Wien Universitätsstraße 7/4. E-Mail: georg.schifko@univie.ac.at


Literatur

Kilias, Rudolf 1982: Stamm Mollusca. In: Hans-Eckhard Gruner (Hrsg.) Lehrbuch der Speziellen Zoologie. Bd. 1: Wirbellose Tiere, 3. Teil: Mollusca, Sipunculida, Echiurida, Annelida, Onychophora, Tardigrada, Pentastomida. Gustav Fischer Verlag. Stuttgart: 9-245.

Mienis, Henk K. 1990: Landsnails from a Neolithic site in Nahal Oren, Israel. The Papustyla 5: 8-9.

Schifko, Georg 2004: Zur Kulturgeschichte von Schneckenschalendeckeln (Opercula) aus archäologischer und ethnologischer Sicht. Ethnographisch-ArchäologischeZeitschrift 45/4: 531-537.

Schifko, Georg 2005: Zoologische Anmerkungen zu zwei minoischen Siegelabdrücken mit einem Tritonshorn (Gattung Charonia) als Motiv. Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien 106B: 27-33.

Schifko, Georg 2008: Zoologische Anmerkungen zu zwei minoischen Siegelabdrücken und einem klassischen Siegel aus Griechenland. In: Grabherr, Gerald & Kainrath, Barbara (Hrsg.). Akten des 11. Österreichischen Archäologentages in Innsbruck 23.-25. März 2006. innsbruck university press. Innsbruck: 261-266.

Schifko, Georg 2019: Zu einer Tritonshorn-Schnecke (Gattung Charonia) auf einer Gedenkmünze aus Palau. Schweizer Münzblätter 274: 50-52.

Schifko, Georg 2020: Schnecke frisst Seestern ‒ Eine zumeist verkannte Darstellung zweier mariner Evertebraten auf Umlaufmünzen der Seychellen. Geldgeschichtliche Nachrichten 309: 91-93.


Internetquellen

domus pvt. ltd.: Banknote Design: MVR 100. https://www.behance.net/gallery/31043059/Banknote-Design-MVR-100 (abgerufen: 10. August 2021)

Wikipedia: File:Charonia tritonis in Guam.jpg: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charonia_tritonis_in_Guam.jpg (abgerufen: 10. August 2021)

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