Alfons Mucha – Die weniger bekannte Seite des Meisters des Jugendstils
- Uwe Bronnert

- vor 8 Stunden
- 8 Min. Lesezeit

Wer war Alfons Mucha? Er war Künstler, d.h. Maler, Grafiker und Designer.
Sein unverwechselbarer Jugendstil-Flair kennzeichnet seine Arbeiten. Schöne Frauen in neoklassizistischen Kleidern – poetisch umrahmt von floralen Motiven – waren sein Markenzeichen. Sie setzten Maßstäbe und fanden in allen Bereichen Nachahmung.
Sein Hauptwerk zeigt ihn auch als glühenden Anhänger der slawischen Idee. Als 1918 die tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde, war er einer der Ersten, die sich in den Dienst des neuen Staates stellten.
Abb. 1: Alfons Mucha in seinem Pariser Studio um 1899, Abb. Wikimedia Commons. Restauriert mit KI.


Alfons Mucha erblickte am 24. Juli 1860 im mährischen Städtchen Ivancice das Licht der Welt. Sein Vater Ondrej entstammte einer alten Winzerfamilie. „Er war ein launiger Mensch mit einer blühenden Fantasie, der im Freundeskreis mit Vorliebe seine Kriegserlebnisse schilderte.“[1] Nach siebenjähriger Militärzeit musste der gelernte Schneider den Posten eines Gerichtsdieners annehmen, da die wenigen Äcker absterbenden Weinlands nicht zum Lebensunterhalt ausreichten. Aus erster Ehe hatte er drei Kinder: Aloisie, Antonie und Augusta. 1859 heiratete der 37jährige Witwer Amalie Malá. Sie stammte aus Budisov bei Trebic, wo ihr Vater eine Mühle besaß. Zweifellos brachte sie eine anständige Mitgift mit in die Ehe. „Amalie war schön, blauäugig, schwarzhaarig, und von der Mutter her, einer geborenen Ratkowska, polnischer Abstammung. Sie war fromm, von feinem Benehmen, sehr belesen ...“[2] Aus der Ehe gingen wiederum drei Kinder hervor: Alfons, Andela und Anna.
Sechs Jahre lang, bis 1871, besuchte Alfons die Schule in Ivancice. Für den Besuch des slawischen Gymnasiums in Brünn fehlte das Geld. Er durfte die Schule dennoch besuchen, weil er im Domchor unterkam. Er fiel jedoch weniger durch gute Leistungen auf, als durch häufiges unentschuldigtes Fehlen. Gute Noten hatte er nur im Zeichnen und Gesang.
17jährig verließ er vorzeitig die Schule und bemühte sich um die Aufnahme an der Prager Akademie. Professor Lhotas Urteil über die eingereichten Arbeiten: „einfach untalentiert“. Nach der Absage nahm der junge Mann die Stelle eines Gerichtsschreibers in seinem Geburtsort an. Etwa zwei Jahre später zog es ihn nach Wien, dem politischen und kulturellen Zentrum der Habsburgermonarchie. Hier fand er eine Anstellung bei der Firma Kautski-Brioschi-Burkhart als Maler von Bühnenbildern und Theaterkulissen. Als 1881 ein verheerender Brand das Ring-Theater, den Hauptkunden des Unternehmens, verwüstete, wurde Mucha arbeitslos.
Mit dem Anfertigen von Porträts verdiente er sich in Mikuloy, einer Stadt in Südmähren, seinen bescheidenen Lebensunterhalt. Der Gutsbesitzer Graf Eduard Khuen Belasi erkannte sein Talent und beauftragte ihn, eine Reihe von Wandgemälden für sein Schloss Emmahof zu malen, sowie später auch für Schloss Gandegg in Tirol. Der Graf förderte den jungen Mucha und ermöglichte ihm Reisen nach Venedig, Florenz und Mailand. Als es Mucha im September 1885 zum Studium an die renommierte Münchner Akademie der Bildenden Künste zog, übernahm der Graf großzügig die Studiengebühren und Lebenshaltungskosten. Restriktive Maßnahmen der bayerischen Behörden gegenüber ausländischen Studenten veranlassten Mucha, München zu verlassen. 1888 zog er nach Paris und schrieb sich an der Académie Julian und im folgenden Jahr an der Académie Colarossi ein. Diese Institutionen boten Unterricht in einer breiten Palette künstlerischer Stile an. An der Académie Julian studierte Mucha bei Jules Lefebvre, einem Meister der weiblichen Akte und allegorischen Gemälde, sowie bei Jean-Paul Laurens, der für seine realistischen und dramatischen historischen und religiösen Werke bekannt war. Als sich Mucha jedoch 1889 dem dreißigsten Lebensjahr näherte, hielt sein Gönner seine Ausbildung für ausreichend und stellte seine finanzielle Unterstützung ein.

Nun verdiente Mucha seinen Lebensunterhalt mit Illustrationen für die Wochenzeitschrift „La Vie populaire“.
Ende 1894 nahm seine künstlerische Laufbahn eine unerwartete Wendung.
Die Pariser Opernvirtuosin Sarah Bernhardt erteilte ihm den Auftrag, das Plakat für die Oper „Gismonda“ zu entwerfen.[3]
Das Plakat fand eine außergewöhnliche Beachtung, sodass zahlreiche Aufträge von Unternehmen folgten. Mucha schuf nun zahlreiche Werbeplakate, darunter für JOB-Zigarettenpapier, Ruinart-Champagner, Lefèvre-Utile-Kekse, Nestlé-Babynahrung, Idéal-Schokolade, die Biere der Maas, Moët-Chandon-Champagner, Trappestine-Brandy sowie Waverly und Perfect Fahrräder.
Der endgültige Durchbruch gelang ihm dann auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900.
Während der Weltausstellung hatte Mucha die Idee zu einem Gemäldezyklus zur Geschichte der slawischen Völker.
Im März 1904 reiste Mucha mit Empfehlungsschreiben der Baroness Salomon de Rothschild nach New York,
um Finanziers für sein Projekt zu finden. Während eines panslawischen Banketts in New York City traf Mucha den wohlhabenden Geschäftsmann Charles Richard Crane, einen leidenschaftlichen Slawophilen, der den Weg für das ehrgeizige Projekt ebnete.
1909 kehrte Mucha aus den Staaten endgültig nach Prag zurück. In den Jahren 1911 bis 1928 entstand dann das Hauptwerk des tschechischen Malers, das „Slawische Epos“ – im Originaltitel „Slovanská Epopej“. Ein Gemäldezyklus zeigt in 20 großformatigen Tempera-auf-Leinwand-Bildern die Geschichte der slawischen Völker.
Mucha wurde nicht nur durch seine öffentlichkeitswirksamen und den Stil einer ganzen Epoche repräsentierenden Werke berühmt. Er setzte sich auch aktiv für die Selbststbestimmung seiner Heimat ein. Schon im Mai 1918 unterhielt er Beziehungen zu illegalen tschechischen Organisationen. Er zeichnete die ersten tschechoslowakischen Briefmarken mit der Silhouette der Prager Burg, die noch vor dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie gestochen und gedruckt wurden, sodass sie schon am 18. Dezember 1918 an die Postschalter kamen.
Abb. 4 – 6: Tschechoslowakische Briefmarken nach Entwürfen von Alfons Mucha.
Für Mucha war es auch eine Selbstverständlichkeit, dass er sich an der Gestaltung der tschechoslowakischen Banknoten beteiligte. Der Entwurf des ersten neuen Geldscheins, der vom tschechoslowakischen Bankamt am 7. Juli 1919 ausgeben wurde, stammt von ihm.
Es ist die graublaue 100-Kronen-Note mit dem Ausgabedatum vom 15. April 1919.
Die Vorderseite zeigt ein florales Muster. Unter dem Textblock die vier Wappen der tschechoslowakischen Landesteile von links nach rechts: das Wappenschild mit dem doppelschwänzigen Löwen steht für Böhmen, das mit dem Adler für Mähren, es folgt das Wappen Schlesiens, das ebenfalls einen Adler mit einem weißen Halbmond mit einem Schwert zeigt. Den Abschluss bildet das Wappen der Slowakei, ein Patriarchenkreuz, aus einem Dreiberg ragend. Die Rückseitenabbildungen sind eine Liebeserklärung an seine Ehefrau Maruška Chytilová (1882 – 1959).[4] Links und rechts ihr gespiegeltes Brustbild. Dazwischen ein Falke mit ausgebreiteten Flügeln über einem Herz. Die Komposition des Scheins ist typisch für Muchas Ikonographie. Die Note wurde bei Národní politika in Prag auf Papier ohne Wasserzeichen gedruckt. Da die einheimische Druckerei nicht über entsprechende Druckmöglichkeiten verfügte, wurde sie schon bald gefälscht und bereits am 31. Januar 1921 ungültig.


Auch der Schein zu 20 Kronen vom 15. April 1919 wurde von Alfons Mucha entworfen. Auf der Vorderseite eines seiner Lieblingsmotive, das Bildnis seiner Tochter Jaroslava (1909 – 1986) in vier Rondellen. Von der Rückseite blickt gespiegelt das Profil eines jungen Soldaten, der die Nationalflagge trägt. Zwischen den beiden Bildnissen ein Schwert, das auf der Spitze steht.


Auch die 10 Kronen-Note vom 15. April 1919 ist im perfekten Jugendstil ausgeführt, dennoch scheinen Vorder- und Rückseite keine rechte Einheit zu bilden. Während die Rückseite unverkennbar Muchas Stil widerspiegelt und die lächelnden Spiegelporträts seiner Tochter abbilden, wurde die Vorderseite von Rudolf Rössler entworfen, der hierbei zwei Medaillons mit hussitischen Soldaten verwendete, die Alois Mudruňka beisteuerte.


Nach Gründung der tschechoslowakischen Nationalbank (Národná Banka Česloslovenska) wurde die Note mit veränderter Aufschrift nochmals ausgegeben.


Der wahrscheinlich schönste und originellste Entwurf aus der Hand des großen tschechischen Künstlers dürfte die 500-Kronen-Note vom 15. April 1919 sein. Hier zeigt sich seine Meisterschaft in einer kompositorischen Allegorie die Personifizierung der slawischen Völker – die Slavia – mit den Zügen seiner Tochter, Vögeln und Früchten darzustellen.
Die Vorderseite zeigt sich von ihrer besten Seite. In einem Bogen gibt sie den Blick auf die Prager Burg frei, dem architektonischen Symbol der tschechischen Hauptstadt.
Ein kriegerischer Vater mit einem Dolch im Gürtel schaut mit seinem kleinen Sohn Richtung Burg. Dabei wenden sie dem Betrachter ihre Rückseite zu, während sich die junge Mutter lächelnd in Richtung ihres Mannes beugt. Dabei scheint sie mit ihrer rechten Hand, die eine Spindel hält, auch die Banknote zu halten. Ein wahrer Geniestreich des Künstlers. Wegen der zahlreichen Fälschungen, musste der Geldschein aber schon nach weniger als drei Jahre Umlaufzeit wieder eingezogen werden.


1920 ließ das tschechoslowakische Bankamt eine 100-Kronen-Noten bei der American Bank Note Company drucken. Der Entwurf stammt von Rytina Robert Savage. Für die Vorderseite verwendete er dabei einen Plaktentwurf Muchas aus seiner Zeit in den USA. Das Bild zeigt die Tochter seines US-amerikanischen Gönners Charles Richard Crane, einem wohlhabenden Förderer der slawischen Nationalbewegung: Josephine Crane Bradley, in der Rolle der Slavia.


Bei der 500-Kronen-Note vom 6. Oktober 1923 steuerte Mucha das Porträt des Soldaten im Medaillon bei. Diese Note wurde in veränderter Farbgebung nochmals emittiert. Sie trägt das Datum vom 2. Mai 1929. Ihre Ausgabe erfolgte durch die tschechoslowakische Nationalbank.




Im April 1931 gab die Nationalbank eine Note zu 50 Kronen mit Datum 1. Oktober 1929 aus. Hier zeigt der Künstler noch einmal sein Können. Die Rückseite wird von der Darstellung eines Arbeiters und einer Bäuerin beherrscht, die symbolhaft für den Fleiß des tschechoslowakischen Volkes stehen. Wieder stand seine Tochter Jaroslava, nun zu einer jungen Frau herangewachsen, Modell. Interessanterweise sind die beiden Profile der Tochter, die in den Rondellen platziert sind, auf der Vorderseite links und auf der Rückseite rechts, eines fein schattiert in Hell-Dunkel und das andere kaum umrissen.


Leider musste Mucha sein politisches Engagement für die tschechoslowakische Sache persönlich bezahlen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechei, erhielt er von der Gestapo „Besuch“ und wurde inhaftiert. In der Haft zog er sich eine schwere Lungenentzündung zu, sodass er nach seiner Entlassung am 14. Juli 1939 starb.
Uwe Bronnert
Anmerkungen
Jirí Mucha, Alfons Mucha Meister des Jugendstils, Prag 1965, S. 7.
Ebenda.
„Gismonda“ ist eine Oper in drei Akten von Eugen d’Albert (* 10. April 1864 in Glasgow;
† 3. März 1932 in Riga) unter Benutzung des dramatischen Gedichtes „Die Opfer des Schweigens“ von Karl Immermann (* 24. April 1796 in Magdeburg; † 25. August 1840 in Düsseldorf). Die Uraufführung war am 28. November 1895 an der Staatsoper Dresden.
Der Name „Maruška“ ist eine liebevolle tschechische Verkleinerungsform von „Marie“. Mucha hatte sie in den Vereinigten Staaten kennengelernt und 1906 bei einem Europabesuch in Prag geheiratet.
Angaben der Umlaufzeiten nach Jan Bajer, Papírová platidla Československa 1919 – 1993, České republiky Slovenské republiky 1993 – 2003, Praha 2003.










Kommentare