Fälscher & Falschgeld: Organisationsstrukturen

Fortsetzungsreihe, Teil 2


Die Organisationsstrukturen der Fälscher früher und heute


Wenngleich sich allein durch die Verbreitung von Falschgeld heutzutage kaum noch ein Staatswesen und keine Volkswirtschaft mehr an den Rand des Ruins bringen lässt, kann sie doch das Vertrauen in eine Währung zumindest vorübergehend schmälern, wenn sie professionell und von staatlichen Stellen gelenkt betrieben wird. Geldfälschung stellt aber auch für jeden Einzelnen von uns eine konkrete Gefährdung und ein unkalkulierbares Verlust­risiko dar. Der steuer- und abgabenbelastete Normalbürger sieht in dem Geldfälscher oft den Schlaueren, der dem Staat ein Schnippchen schlägt und bringt ihm daher durchaus gewisse Sympathien entgegen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn es sich um einen Einzeltäter handelt, dessen Schicksal es nicht besonders gut mit ihm gemeint hat und das sich von den Medien entsprechend Mitleid heischend ausschlachten lässt. Er bedenkt dabei aber eines nicht, nämlich die Tatsache eines unter Umständen großen Geldverlustes für denjenigen, der aus Unwissenheit oder Unachtsamkeit Falschgeld angenommen hat. So ist die Nachahmung von Zahlungsmitteln in erster Linie eines, nämlich kriminell und damit durchaus nichts Bewundernswertes.


Oben ein falscher Hunderter italienischen Ursprungs (unten Original). Diese legendären Fälschungen wurden von der Deutschen Bundesbank unter der Klasse D 7 registriert, das Interpol-Organ „Erkennungszeichen“ klassifizierte sie unter dem Indikativ 11 A 215 bzw. die Varianten der Fälschung unter 11 A 215 A und B sowie 11 A 216.

Das abgebildete Falsifikat ist für den Fachmann an der falschen Nummerierung zu erkennen. Die Nummern echter Noten der Ausgabe 1. Juni 1977 beginnen ab den Kennbuchstaben NF, die Kennbuchstaben NB gibt es nur bei der Ausgabe 2. Januar 1970 und nur in Nummernversionen mit kleinen Buchstaben. Außerdem weisen die Zahlen der Nummerierung im Porträtbereich einen vollkommen falschen Schriftcharakter auf. Die Wertallonge ist zu blass reproduziert worden, durch den Ausfall vieler Linien wirken Haarpartie und Kinn des Porträts weißfleckig. Wasserzeichen und Sicherheitsfaden sind durch Aufdruck auf der Vorderseite imitiert worden. Die Fälscherwerkstatt konnte im Oktober 1987 in Mailand ausgehoben werden. Bis Mitte der 1990er Jahre kamen diese Blüten für insgesamt rund 15 Millionen DM im Zahlungsverkehr vor.


Spätestens dann, wenn „Otto Normalverbraucher“ selbst einmal durch den zufälligen Besitz von Falschgeld zu Schaden kommt, tritt dies ganz klar zutage. Nachvollziehen kann man somit das Entgegenbringen von Sympathien allenfalls bei besonders originell oder mit besonderem Witz vorgehenden Einzeltätern, mit Sicherheit nicht aber bei Banden aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität. Denn die Zeit des Einzelgängers, der des Nachts im Keller seine Druckmaschine bedient und nur so viele Blüten herstellt, dass er davon leben kann, ist ebenso vorbei, wie die des Fälschers aus Leidenschaft, der im stillen Kämmerlein lediglich aus künstlerischem oder technischem Ehrgeiz heraus ­ohne Gewinnabsicht fälscht. Letzterer stellte sowieso nur

eine Ausnahmeerscheinung dar. Ebenso fällt heute der Gelegenheitstäter, der im Copyshop rasch ein oder zwei Hunderter kopiert, kaum mehr ins Gewicht, nicht

zuletzt auch deshalb, weil die meisten öffentlich zugänglichen Farbkopierer heute beim Ablichten von Wertdrucken entweder durch softwaregesteuerte Sperren ihren Dienst versagen oder aber die gewünschte Banknotenkopie nur geschwärzt ausgeben. Und den künstlerisch talentierten Fälscher, der beschaulich Punkt für Punkt und Linie für Linie mit Stichel und Schaber in die Stahlplatte gräbt, hat es sowieso nur im Kino gegeben. Längst sind die straff organisierten Banden auf den Plan getreten, die meist über ein enormes Know-how verfügen und bestens ausgerüstet sind. Sie sind mit herkömmlichen Mitteln der Kriminalistik fast unangreifbar geworden und dazu brandgefährlich. Sie nutzen neue Technologien, offene Grenzen in Europa und die moderne Telekommunikation. Sie arbeiten international mit ausgeklügelter Logistik und fälschen in großem Stil. Bereits 1950 stellte Anton Adler, ein angesehener Falschgeldspezialist, bei der Dritten Internationalen Konferenz zur Bekämpfung der Falschmünzerei fest: „Vor dem Kriege gab es kleine Fälschergruppen, die improvisierte Maschinen verwendeten; jetzt sehen wir uns großen, großzügig finanzierten internationalen Gangs gegenüber, die es schaffen, gut ausgerüstete kommerzielle Druckereien einzurichten.“ Dies hat sich bis in unsere Tage fortgesetzt und ist heute die Regel. Die Banden der Organisierten Kriminalität sind meist in dezentralisierter Form aufgezogen, um die Entdeckungsgefahr in einem frühen Stadium gering zu halten. Die Fälscher sind sich in der Regel untereinander nicht näher bekannt, ein Einzelner kennt nie alle Beteiligten oder die gesamte Organisationsstruktur des Unternehmens, geschweige denn die Hintermänner und Drahtzieher. Die Falsifikate werden oftmals nur in Teilprodukten an verschiedenen Orten hergestellt, um später an einem ganz anderen Ort, vielfach sogar in einem anderen Land oder über Kontinente hinweg, zusammengefügt zu werden; die Arbeitsteilung und Risikominimierung eines modernen Wirtschaftsunternehmens. Jeder Beteiligte erhält seinen Lohn für die von ihm geleistete Teilarbeit, bevor die Organisation alle Druckunterlagen und Beweismittel vernichtet und nach einem festen, vorher ausgeklügelten Plan auseinander läuft und sich, unter Umständen Monate später und in einem ganz anderen Winkel dieser Welt, zu einem neuen Unternehmen wieder zusammenfindet. Werden Einzelne eines solchen Fälscherrings geschnappt, wissen sie nur soviel, dass dies die restlichen Beteiligten, insbesondere die Bosse, nicht gefährden kann. Oder es sind politisch motivierte Gruppen, die einer eisernen Disziplin ihren Führern und Idealen gegenüber unterliegen. In diesem Bereich der politisch-ideell motivierten Täter haben die Organisationsstrukturen des internationalen, vornehmlich des islamistisch geprägten Terrorismus eine gänzlich neue Qualität erreicht. Dies haben unter anderem die schrecklichen Ereignisse des 11. September 2001 nachdrucksvoll bestätigt, wenngleich hier Fragen hinsichtlich der genauen Urheberschaft durchaus offen geblieben sind.

In der Organisierten Kriminalität ist aber seit geraumer Zeit ein weiterer neuer Trend, quasi eine neue Organisationsform der Fälschertätigkeit erkennbar. Die großen Bosse scheuen sowohl das Risiko der Entdeckung als auch den technischen Aufwand und trachten mehr und mehr danach, die „eigenen“ Leute aus der Fälschertätigkeit herauszuhalten. Man heuert daher kleine Banden und kleinste Gruppen an und kauft diesen dann ihre Produkte ab. Diese wissen als Hersteller nicht, an wen genau sie liefern, da das gesamte Prozedere über mehrere Mittelsmänner, die ihrerseits kaum etwas voneinander wissen, abläuft. Jeder kennt nur den, von dem er die Ware abnimmt und denjenigen, an den er sie weiterzugeben hat, das klassische Dreiecksystem. Werden die Hersteller enttarnt und verurteilt, sonnen sich derweil die Bosse der Auftraggeber-Organisationen in Marbella oder an der Cote d’Azur und erfreuen sich ihrer Freiheit und ihres Geldes. Daneben wird insbesondere in Italien eine Vielzahl von Gruppen kleiner Krimineller, die in das lukrative Geschäft mit falschen Scheinen eingestiegen sind, von den großen Organisationen wie der Camorra oder der ‘Ndrangetha geduldet, solange sie ihnen nicht allzu sehr in die Quere kommen. Gerüchte, die von italienischen Behörden bestätigt wurden, besagen, dass hier zum Teil auch Schutzgelder fließen, damit diese Kleingruppen in Ruhe gelassen werden und ungestört arbeiten können. Eine große Rolle für das reibungslose Funktionieren solcher Organisationen aus der Organisierten Kriminalität spielen im Übrigen als logistische Hilfsmittel ge- oder verfälschte Identitätsdokumente, die es den Mitgliedern ermöglichen, unter falschem Namen über die Außengrenzen des Schengen-Raumes zu gelangen. Auch der Aufbau einer komplett falschen Identität oder die Eröffnung von Bankkonten erfolgt mittels dieser falschen Papiere. Falsche Pässe und Ausweise sind damit Hilfsmittel für die Falschgeldkriminalität, den Rauschgifthandel, Menschenhandel und Schleusungskriminalität, Kraftfahrzeugverschiebung und weitere Vortaten zur Geldwäsche. Der wirtschaftliche Schaden, der durch diese Art von Fälschung Jahr für Jahr insbesondere in den Ländern der EU entsteht, geht in die Milliarden. Ganz so einfach wie in früheren Zeiten sind Passfälschungen heutzutage allerdings nicht mehr. Seit einigen Jahren schon weisen auch Pässe und Ausweise vieler Länder hervorragende Sicherheitsmerkmale auf, sichtbare und unsichtbare. Zudem wurden mit der so genannten ICAO-Norm (International Civil Aviation Organization) einheitliche Kriterien für die Gestaltung und die Beschriftung der durchgängig laminierten Seite mit dem Passbild eines Reisepasses oder Ausweises festgeschrieben, die von den meisten Ländern mittlerweile anerkannt sind und angewendet werden. So weist zum Beispiel die Zone mit den wesentlichen Daten eines Passes wie Name des Inhabers, Seriennummer, Geburtsdatum usw. einen einheitlichen, mit Prüfziffern gesicherten Aufbau auf und ist durchgängig in der maschinenlesbaren OCR-B-Schrift gehalten. Auch die Ausstattung mit Mikrochips, auf denen persönliche Merkmale des Passinhabers und weitere Sicherheitsmerkmale gespeichert sind, tragen zur verstärkten Sicherheit der Identitätsdokumente bei. Doch auch hier ist abzusehen, wann versierte Passfälscher es geschafft haben werden, auch diese Hürde zu nehmen und die elektronischen Sicherheitsfeatures zu knacken.


Fortsetzung folgt …





Karlheinz Walz: Fälscher & Falschgeld, 280 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-86646-084-3.


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