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Wahre Verbrechen: Die „Lindbergh-Dollars“


 

1927 überquerte Charles A. Lindbergh (1902 – 1974) als erster Mensch der Welt im Alleinflug den Atlantik von New York nach Paris. Das machte ihn schlagartig auf der ganzen Welt berühmt und zu einem gefeierten Helden der noch jungen Luftfahrt.


Charles Lindbergh um 1928, mit Helm und Schutzbrille, im offenen Cockpit eines Flugzeugs in Lambert Field, St. Louis, Missouri.


In den 1930er Jahren machte ein unfassbares Verbrechen international Schlagzeilen:

Die Entführung und Ermordung des Sohns von Atlantik-Überflieger Lindbergh.

Am 1. März 1932 wurde das 20 Monate alte Kind im Kinderzimmer der Lindberghs in Hopewell/New Jersey vermisst – gefunden wurde auf dem Fensterbrett eine Lösegeldforderung über 50.000 Dollars.


Die „Buffalo Evening News“ titelte am 2. März 1932 „Lindbergh-Baby entführt / umfangreiche Fahndung erfolglos“.


Charles Lindbergh Jr., restauriertes Foto von einem Poster, mit dem 1932 nach dem Kind gesucht wurde.


Der Entführer forderte die Summe in drei Wertstufen: 25.000 Dollars in 20-Dollars-Noten, 15.000 Dollars in 10-Dollars-Noten und 10.000 Dollars in 5-Dollars-Noten.

Der Text lautete „Dear Sir! / Have 50 000 $ redy. 25 000 $ in / 20 $ bills 15 000 $ in 10 $ bills / and 10 000 $ in 5 $ bills. After 2–4 days / we will inform you were to deliver / the many. / We warn you for making / anyding public or for notify the police / the child is in gut care. / Indication for all letters are / singnature and 3 holes.“

Die Lindberghs waren bereit, das Geld zu zahlen.


Schreiben mit der 50.000-Dollars-Forderung; 1.250 Noten zu 20 $, 1.500 Noten zu 10 $ und 2.000 Noten zu 5 $ – nach heutigem Wert fast eine Million US-Dollars.


Die Lösegeldforderung war in schlechtem Englisch verfasst; die Polizei deutete das auf einen deutschen oder skandinavischen Absender. Die Analyse bestätigte sich durch die späteren Ermittlungen als richtig.


Am 4. März 1932 wurde im New Yorker Stadtteil Brooklyn ein zweites Lösegeld-Schreiben an Lindbergh abgeschickt, in dem die Lösegeldforderung um 20.000 Dollars auf nunmehr 70.000 Dollars erhöht wurde.


Dr. John F. Condon, ein Vertrauter der Lindberghs und pensionierter Schulleiter aus New York, erhielt von Lindbergh am 10. März 1932 die 70.000 US-Dollars in bar und die Vollmacht zu Verhandlungen mit dem Unbekannten. Der Entführer drohte mit einer weiteren Erhöhung des Lösegelds auf 100.000 US-Dollars, falls Lindberghs Vermittler und Unterhändler seinen Forderungen nicht nachkommen. Man verständigte sich über Zeitungsanzeigen und in konspirativen Treffen. Der Kidnapper hatte insgesamt 13 Schreiben verfasst.

Vor der Geldübergabe am 2. April 1932 auf dem Woodlawn-Friedhof an der Webster Avenue in der nördlichen Bronx/NY hatte das BOI (Bureau of Investigation, ab 1935 in FBI umbenannt) 250.000 Broschüren mit den Kontrollnummern aller Scheine drucken lassen, die vorwiegend im Großraum New York verteilt wurden.

Am 26. Mai 1932 wurden von der New Jersey State Police eine Belohnung in Höhe von 25.000 Dollars für Informationen in Aussicht gestellt, die zur Festnahme des Entführers führen sollten. Das tote Lindbergh-Baby wurde am 12. Mai 1932 etwa sieben Kilometer von Lindberghs Haus gefunden.


Titel der Broschüre und Seite 3 mit den Kontrollnummern von 5-Dollars-Scheinen.


5 US-Dollars 1928, Vorderseite, US Note, KN und Siegel in Rot, Porträt Abraham Lincolns, 16. Präsident der USA.


5 US-Dollars 1928, Rückseite, US Note, Ostansicht des Lincoln Memorial im West Potomac Park in Washington/DC (zwischen 1915 und 1922 erbaut).


Über 19.000 Polizeibeamte waren an der Aufklärung des Falls beteiligt. Mit Arglist der Ermittler war die Lieferung der 10- und 20-Dollars-Scheine in sog. Gold Certificates erfolgt: diese Geldscheine mussten gemäß Executive Order 6102 bis zum 30. April 1933 eingetauscht werden. Dadurch wurde der Entführer in Zeitnot gezwungen, diese Scheine innerhalb eines Jahres auszugeben bzw. umzutauschen.


10 US-Dollars 1928, Vorderseite, Gold Certificate, KN und Siegel in Gelb, Porträt Alexander Hamiltons, erster Finanzminister der USA.


10 US-Dollars 1928, Rückseite, Gold Certificate, Nordansicht des US Treasury Building an der Pennsylvania Avenue in Washington/DC, Sitz des Finanzministeriums.


Über ein Jahr lang hatte das Bureau of Investigation im Fall Lindbergh keine „heiße Spur“. Erst am 1. Mai 1933 wurden Lösegeldscheine eingezahlt und am folgenden Tag als solche in der Federal Reserve Bank of New York in Lower Manhattan erkannt. Das waren 2.980 US-Dollars (= 296 Zehner und 1 Zwanziger) in Goldscheinen. Umgehend wurden die Einzahlungsbelege vom 1. Mai geprüft; darauf waren Name und Adresse vermerkt:

J. Faulkner und 537 West 149th Street. Dort lebte niemand mit dem Namen; logischerweise hatte der Einzahler nicht seinen wirklichen Namen und richtige Adresse hinterlassen.

Die Beamten fanden jedoch heraus, dass 1913 dort eine Frau Jane Faulkner wohnte.

Nach ihrer Hochzeit mit einem Deutschen war sie weggezogen. Beide hatten jedoch mit der Entführung nichts zu tun.


Erst eineinhalb Jahr später wurden im Spätsommer 1934 weitere 16 „Lindbergh-Dollars“ registriert, obwohl die Polizei bis dahin gehofft hatte, dass sich jemand mit einer größeren Menge Golddollars-Scheinen verdächtigt machen würde.


20 US-Dollars 1928, Vorderseite, Gold Certificate, KN und Siegel in Gelb, Porträt Andrew Jacksons, 7. Präsident der USA.


20 US-Dollars 1928, Rückseite, Gold Certificate, Südansicht The White House, Wohnsitz und Arbeitsort der US-Präsidenten, an der Pennsylvania Avenue in Washington/DC.


Nach insgesamt zweieinhalb Jahren glückte der Polizei doch noch die Aufklärung des Verbrechens ... durch „Kommissar Zufall“. Am frühen Nachmittag des 18. September 1934 informierte ein Mitarbeiter der New Yorker Corn Exchange Bank and Trust Company das NY City Bureau, dass man einen 10-Dollars-Lösegeldschein gefunden habe. Vorgelegt hatte ihn der Besitzer einer Tankstelle an der Kreuzung East 127th Street/Lexington Avenue.


Am 15. September 1934 hatte ein Unbekannter, der der Fahndungszeichnung ähnelte, mit dem Schein für die getankten knapp 20 Liter Benzin bezahlt. Der Tankwart wurde misstrauisch und schrieb das Nummernschild auf den Zehner: NY / 4U 13·41. Damit war es ein Leichtes, den Halter zu ermitteln und die Verhaftung vorzubereiten. Das Kfz-Kennzeichen wurde an einen Bruno Richard Hauptmann, 1279 East 222nd Street, Bronx/NY, vergeben. Hauptmanns Haus wurde observiert, um 9.00 Uhr am 19. September 1934 wurde er verhaftet, als er in sein Auto steigen wollte.


In seiner Garage fand man in einem Benzinkanister 14.600 Dollars (474 Zehner und 493 Zwanziger) in Goldzertifikaten des Lösegelds; ebenso die Schuhe, die er am 8. September 1934 mit einem 20-Dollars-Schein gekauft hatte. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass die Leiter, die bei der Entführung benutzt wurde, aus einer Dachlatte in Hauptmanns Werkstatt gefertigt worden war. Bei der Gegenüberstellung in der Nacht des 19. September 1934 wurde Hauptmann vom Taxifahrer Joseph Perrone eindeutig als Überbringer eines der Schreiben mit Lösegeldforderung identifiziert.


Hauptmann gab mehrere Käufe zu, die mit Lösegeldscheinen bezahlt wurden. Nach Anklagen am 26. September 1934 in New York wegen Erpressung und nach einer weiteren am 8. Oktober 1934 in Flemington/NJ wegen Mordes begann der Hauptprozess am 3. Januar 1935 und dauerte fünf Wochen. Nach Bekanntgabe des Urteils durch die Jury am 13. Februar 1935 – schuldig des Mordes ersten Grades – bestritt er bis zu seinem Tod am

3. April 1936 wiederholt seine Schuld.


Richard Hauptmann, ein wegen Raub vorbestrafter Tischler aus dem sächsischen Kamenz ging Anfang Juli 1923 in Bremen als blinder Passagier an Bord der „Hannover“, erreichte am 13. Juli 1923 New York City, wurde verhaftet und ausgewiesen. Im August 1923 scheiterte eine weitere illegale Einreise über Kanada, er schaffte es aber im November 1923.

Hauptmann wurde im New Jersey State Prison in Trenton auf dem „elektrischen Stuhl“ hingerichtet.


Nicht einmal die Hälfte des übergebenen Lösegelds wurde je gefunden oder registriert.

In Finn’s Report vom 28. September 1934 findet sich die Aufstellung aller angehaltenen Lösegeldscheine.


Ein weiterer Beitrag über Lösegeldforderungen in den USA, bis heute ungeklärt, erscheint demnächst hier im Geldschein-Blog!


Michael H. Schöne


Quellen:

(Die abgebildeten Geldscheine zeigen die Notentypen von 1928 mit den Unterschriften von Schatzmeister Walter Orr Woods sowie von Finanzminister Andrew William Mellon und wurden während ihrer gemeinsamen Dienstzeit vom 18. Januar 1929 bis 12. Februar 1932 gedruckt.)

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