"Havenstein-Rubel“ und „Schienbeinpflaster“
- Michael H. Schöne
- vor 1 Tag
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Mit dem umgangssprachlichen „Heiermann“ bezeichnete man früher ein 5-Mark-Stück –
und ein „Heiermännchen“ stand (obwohl selten gebraucht) für 50 Pfennig. Bekannt ist auch der Spottname für die reichsdeutschen 4-Pfennig-Münzen von 1934: die im Zahlungsverkehr unbeliebten „Brüning-Taler“.
Eine ganze Reihe von Spitz- und Spottnamen gab es auch für deutsche Geldscheine. Geläufig war die Bezeichnung Tapetenmark (auch Begriffe wie Klebemark oder Berliner Rubel wurden verwendet). Als Reaktion auf die westdeutsche Währungsreform wurden durch den SMAD-Befehl 111/48 vom 23. Juni 1948 für die Scowjetische Besatzungszone (SBZ) und Großberlin ebenfalls eine Währungsreform befohlen: die damals umlaufenden Reichsbanknoten und Rentenmarkscheine der Ostzone wurden mit sog. Spezialkupons beklebt und waren vom 23. Juni 1948 bis 25. Juli 1948 gültige Zahlungsmittel.
Zu DDR-Zeiten konnten man viele Jahre später zum Beispiel im „Morgen“, der Tageszeitung der LDPD (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands), oder in der „Wochenpost“ des Berliner Verlags Anzeigen schalten, in denen ab und zu der Begriff Blaue Fliesen zu lesen war. Damit wurde der Tausch/die Bezahlung eines privaten Urlaubsplatzes, der Kauf eines Pkw oder einer anderen Mangelware in westdeutscher D-Mark offeriert. „Blaue Fliesen“ war eine Art Synonym für die blauen 100-DM-Scheine (Ausgaben 1960 bis 1980).
Spöttisch wurden die nicht konvertierbaren Währungen der DDR und des Ostblocks unzutreffend als Micky-Maus-Geld bezeichnet. Das gab es aber tatsächlich:

Auch schon in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg gab es für unterschiedliche deutsche Geldscheine Spott- und Spitznamen: Flotten- oder Langer Hunderter, manchmal auch als Blauer Hunderter bezeichnet, sind die Reichsbanknoten des deutschen Kaiserreichs von 1908 bis 1910. Wegen der schwarzen Umrandung des Textes auf der Vorderseite des 50-Mark-Scheins vom 20. Oktober 1918 nannte man diese Banknote im Volksmund auch Trauerschein oder Bilderrahmen. Der Eierschein hingegen war die Bezeichnung für die 50-Mark-Hilfsbanknote der Deutschen Reichsbank vom 30. November 1918 – aufgrund der eiförmigen Fläche auf der Rückseite. Das Motiv der in Wien gedruckten Reichsbanknoten
zu 20 RM mit dem Datum 16. Juni 1939 (1945 ausgegeben – Vs. Tirolerin) war deshalb Namensgeber für den Tirolerschein.
Geldscheine aller Art wurden mitunter mit Spottnamen belegt, für deren Ausgabe Politiker verantwortlich waren. Ende der 1920er Jahre wurde unter Journalisten der Begriff Havenstein-Rubel für die wertlose Mark der Inflationszeit gern kolportiert. Der Reichskanzler Wilhelm Cuno gab am 8. August 1923 eine Regierungserklärung ab. In der wurde auch der Verfall der deutschen Währung erwähnt. Auf der Titelseite des „Wurzener Tageblatt und Anzeiger“ vom 10. August 1923 hieß es:
„Am Donnerstag eröffnete der Reichstag die Aussprache zur Regierungserklärung. Abg. [Hermann] Müller (Soz.) leitete die Redeschlacht ein. Er wandte sich in seiner Rede sofort in außerordentlich scharfen Worten gegen die Politik der Reichsbank und nannte dabei die heutige Reichsmark mehrfach Havenstein-Rubel.“
Diese Bezeichnung konnte man damals in vielen Zeitungen nachlesen:


Im Jahre 1945 wurden einige Notgelder nach ihren Urhebern benannt: Eigruber-Geld (10-, 50- und 100-RM-Hilfsbanknoten 1945), Schwesinger-Scheine (16. April 1945 Kreisverband Schwäbisch Hall), Mutschman-Schein (20 RM 26. April 1945 Sächsische Staatsbank) oder die fälschlicherweise oft als Schörner-Scheine benannten 20-RM-Kassenscheine (28. April 1945) für die Reichsverteidigungsbezirke Sudetenland und Niederschlesien. In Polen verwendete die Bevölkerung für die „Krakauer Zloty“/„złoty krakowski“ im deutsch-besetzten sog. Generalgouvernement ab 1939 die Bezeichnung Młynarki, benannt nach Feliks Młynarski, Direktor der Bank Emisyjny w Polsce (Emissionsbank in Polen).

Wegen verschiedener Druckfarben taufte man Geldscheine gern entsprechend. Bekannt sind der Rote Hunderter (100 DM 1948 in den westlichen Besatzungszonen). Die Rückseiten der US-Dollarnoten, vorwiegend in Grün gedruckt, nennt man deshalb Greenbacks –
und Redbacks stehen für die ersten Geldscheine der Republik Texas.





Ausgefallene und merkwürdige Bezeichnungen für Geldscheine und Geld überhaupt hat es und gibt es noch heute in fast allen Ländern der Welt. Die Liste skurriler Spitz- und Spottnamen ist sehr umfangreich; man findet sie aber, wenn man „Spitznamen für ... Geldscheine" in jeweilige Sprachen übersetzt und in Suchmaschinen eingibt. Weitere Beispiele für bestimmte Geldscheine:
Argentinien: YAGUARETÉ (= Jaguar) für 500-Pesos-Scheine
Dänemark: PLOVMAND (= Pflüger) für 500-Kronen-Scheine
Ecuador: SÁBANA (= Bettlaken) für 1000-Sucre-Scheine
Finnland: URKKI (= nach den Initialen von Präsident Urho Kaleva Kekkonen) für 500-Markka-Scheine von 1975
Frankreich: ZODIAQUE (= Zwillinge) für 5-Francs-Scheine
Großbritannien: BULLSEYE (= Volltreffer) für 50-Pfund-Scheine
Italien: PIOTTA (= der Hunderter) für 100.000-Lire-Scheine
Kanada: SAWHORSE oder DIXIE (= Sägebock / Zehner) für 10-Dollar-Scheine
Niederlande: GEELTJE (= der Gelbe) für 25-Gulden-Scheine
Polen: KOŁO (= Rad) für 100-Zloty-Scheine
Russland: РАДУГА (= Regenbogen) für 100-Rubel-Scheine
Südafrika: CHOC (= Schokolade) für 20-Rand-Scheine
Ungarn: DIÁKIGAZOLVÁNY (= Studentenausweis) für 20.000-Forint-Scheine

USA: JACKASS (= männlicher Esel) 10 Dollars von 1869, BLACK EAGLE (= schwarzer Adler) 1 Dollar von 1899, TOMBSTONE (= Grabstein) 10 Dollars von 1886 oder LAZY DEUCE für die 2-Dollars-Scheine von 1865.

SHINPLASTERS (= Schienbeinpflaster) waren Papiere, die Soldaten in ihre Stiefel legten, um ihre Schienbeine vor Reibung und Ausschlag zu schützen; mit dieser Bezeichnung wurden seit 1777 Geldscheine mit einem Nennwert meist unter einem Dollar verwendet – da sie nahezu als wertlos galten, sind sie im ganzen englischen Sprachraum unter diesem Begriff bekannt.

Ein Spitzname gibt es auch in gedruckter Form: den BŮR, die BŮRŮ. Seit über 200 Jahren ist es in Böhmen Brauch, Neujahrskarten mit dem Kürzel „PF“ zu verschicken. Die beiden Buchstaben stehen für „Pour Féliciter“, die im übertragenen Sinne „Glückwunsch“ bedeuten. Deshalb bezeichnen die Tschechen solche Neujahrskarten als „Péefkách“, um ein frohes neues Jahr zu wünschen. Prager Papiergeldsammler hatten in den 1980er Jahren unterschiedliche Grußkarten in Geldscheinform drucken lassen (1 BŮR/A), 2 und 3 BŮRY,
5, 10 und 50 BŮRŮ).
![Abb. 13: 50 Bůrů, auf den Jahreswechsel 31.12.1987/1.1.1988 ausgestellt und mit der Abkürzung PF88 versehen – das verwendete Porträt zeigt eine Bäuerin, bekannt unter dem Namen „Anna Proletářka“, die für eine nicht ausgegebenen tschechoslowakische Banknote zu 100 Kronen von 1951 als Vorlage diente; 50 Kronen werden auch als VELKEJ BŮR bezeichnet – hier vom Prager Autor und Sammler Jan Bajer signiert (der Begriff „Bůr“ ist bis heute nicht eindeutig geklärt und soll angeblich lautmalend für das deutsche „Bar[geld]“ stehen.](https://static.wixstatic.com/media/d464b6_a7feb5ac29544578a1f719526419f4ad~mv2.jpg/v1/fill/w_147,h_63,al_c,q_80,usm_0.66_1.00_0.01,blur_2,enc_avif,quality_auto/d464b6_a7feb5ac29544578a1f719526419f4ad~mv2.jpg)
Keine Spottnamen hingegen waren die Bezeichnungen „Fuffi“ für 50 Mark oder „Hunni“ für 100 Mark – das waren schlichte Verballhornungen und werden heute auch für die 50- und 100-Euro-Banknoten verwendet. Mit einem „Pfund“ wurde mitunter die Geldmenge über 20 Mark nach früheren Wechselkursen bezeichnet.
Michael H. Schöne
Quellen:
Q. David Bowers: „Whitman Encyclopedia of U.S. Paper Money“, Atlanta/GA 2009
Kelsey Wiggins: „Valuable nicknames: The monikers we give our money“, Washington/DC 2017
