Wahre Verbrechen: Der erste „Staatsfeind Nr. 1“ in den USA war ein Bankräuber!
- Michael H. Schöne

- 17. Juni
- 8 Min. Lesezeit

Der am 4. April 1831 im lothringischen Metz geborene, aus Gisingen im heutigen Saarland stammende und 1858 in die USA ausgewanderte Mathias Dillinger ahnte bis zu seinem Tod im Jahr 1912 nicht, dass sein damals 9-jähriger Enkel John einer der berüchtigtsten Berufsverbrecher der 1930er Jahren in den USA werden würde.


Abb. 1.3 BOI-Foto von 1934 (digital koloriert von der Fa. Granger New York), alle Fotos abgedruckt im „Indianapolis Star“ (Fotos mit KI restauriert).
Seine kleinkriminelle Karriere begann Dillinger im Städtchen Mooresville/Indiana. Zusammen mit seinem Freund Edgar Singleton raubte er einen Lebensmittelhändler im Ort aus, beide wurden gefasst und Dillinger erhielt im September 1924 eine 10-jährige Gefängnisstrafe.
Während seiner achteinhalbjährigen Haftzeit lernte er im Indiana State Prison in Michigan City einen deutschen Mithäftling kennen: Walter Dietrich, der mit Herman K. Lamm mehrere Banken überfallen hatte. Lamm, ein ehemaliger Offizier, wurde wegen Falschspiels vor dem Ersten Weltkrieg aus der preußischen Armee entlassen und wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Er hatte sich auf Banküberfälle spezialisiert, indem er seine militärische Ausbildung auf dieses kriminelle Metier übertrug. Er entwickelte ein System, das Banküberfälle von jeglichem Zufall befreien sollte. Er war der Ansicht, ein solcher Überfall müsse nach dem Muster einer strategischen Militäroperation ablaufen – präzise ausgeführt und perfekt abgestimmt. Mit dem erlangten neuen Wissen bereitete Dillinger später seine eigenen Banküberfälle vor.
Am 10. Mai 1933 wurde er aus seiner ersten Haft entlassen und schon am 10. Juni 1933 raubte er die National Bank in New Carlisle/Ohio aus und erbeutete 10.600 US-Dollars. Insgesamt überfiel er bis zum Juni 1934 mit seinen Kumpanen mindestens zwölf Banken, vier Polizeistationen und verschiedene Gaststätten und Läden.

Dillinger wurde während seiner Raubzüge bis zu seinem Tod mehrmals aufgespürt und verhaftet; das zweite Mal am 22. September 1933 in Dayton/Ohio. Er wurde anschließend nach Lima/Ohio ins Allen County Jail gebracht. Kurz vor seiner Befreiung durch drei seiner Komplizen am 12. Oktober 1933 schrieb Dillinger seinem Vater aus dem Gefängnis in einem Brief:
„Ich weiß, dass ich eine große Enttäuschung für dich war, aber ich schätze, ich habe einfach zu lange gesessen – denn als ich hineinging, war ich noch ein unbeschwerter Junge, doch heraus kam ich verbittert gegen alles und jeden. Hätte man mich nach meinem ersten Fehler milder bestraft, wäre all dies niemals geschehen.“.
Elf Tage später überfiel die Dillinger-Bande die Central National Bank in Greencastle/Indiana. Paul V. McNutt, Gouverneur von Indiana, mobilisierte daraufhin am 26. Oktober 1933 die Nationalgarde seines Bundesstaats.

Am 25. Januar 1934 wurde Dillinger in Tucson/Arizona abermals verhaftet und ins Lake County Jail nach Crown Point/Indiana gebracht. Nach einer spektakulären Flucht am 3. März 1934 mit einer hölzernen Pistole flieht er mit dem Auto von Sheriff Lillian Holley nach Chicago. Er hatte nicht bedacht, dass er dadurch gegen den „National Motor Vehicle Theft Act“ verstieß. Das Gesetz zum grenzüberschreitenden Autodiebstahl erlaubte nun das Eingreifen von Bundesagenten des Bureau of Investigation (BOI) – dem späteren FBI.
Für viele US-Bürger war Dillinger ein Held und es entstand der zweifelhafte Mythos vom „Robin Hood der USA“. Die Filmproduktionsfirma Warner Brothers Pictures Inc. brachte im April 1934 eine Wochenschau über die landesweite Menschenjagd auf Dillinger in die Kinos. Zeitungen berichteten, dass die Zuschauer den Kriminellen Beifall klatschten und die Polizisten auspfiffen. Die Gouverneure der fünf US-Bundesstaaten Illinois, Indiana, Ohio, Michigan und Minnesota ließen mit Steckbriefen vom 24. Mai 1934 nach Dillinger suchen und versprachen 5 Mio. US-Dollars Belohnung für dessen Ergreifung. Ab März 1934 lebte Dillinger unter dem Namen Carl T. Hellman und hoffte mit plastisch-chirurgischen Eingriffen sein Aussehen zu verändern. Dr. Wilhelm Loeser und Dr. Harold Cassidy versuchten, Dillingers Fingerabdrücke mithilfe von Säuren zu entfernen.
Dillinger feierte seinen 31. Geburtstag am 22. Juni 1934 im Nachtclub „French Casino“ in Chicago. Am selben Tag ernannte BOI-Chef Edgar Hoover den Kapitalverbrecher als erste Person überhaupt offiziell zum „Staatsfeind Nr. 1“ (= Public Enemy No. 1). Hoover ließ vor Dillingers letztem Banküberfall Fahndungsblätter drucken. Die Steckbriefe stießen auf großes Interesse und hatten letzten Endes auch den erhofften Erfolg.

Aus der Beute seines letzten Banküberfalls am 30. Juni 1934 auf die Merchants NB in der Großstadt South Bend am St. Joseph River sind mehrere National-Banknoten aufgetaucht und wurden von Auktionshäusern, auf eBay und auf Facebook angeboten:





Nach einem knappen Monat des Fahndungsaufrufs gab eine Freundin von Dillinger der Polizei den entscheidenden Tipp: Dillinger würde am Abend des 22. Juli 1934 das Kino an der Lincoln Avenue in Chicago besuchen. Anna Sage rief gegen 17.30 Uhr den BOI-Agenten Melvin Purvis an, der umgehend eine Spezialeinheit bildete. John Dillinger sah sich den Gangsterfilm „Manhattan Melodrama“ (deutscher Titel: Mord in Manhattan) im Biograph Theatre zusammen mit Anna Sage und einer Bekannten an. Nach Ende der Vorstellung trat Dillinger auf die Straße, witterte die Falle, floh in eine Seitengasse und wurde dort angeblich ohne Anruf erschossen; man brachte ihn ins Alexian Brothers Hospital, wo gegen 22:50 Uhr sein Tod erklärt wurde.
Bei der Verräterin handelte es sich um die 55-jährige Rumänin Ana Cumpănaș, die 1914 mit Mann und Sohn illegal in die USA einreiste. Nach ihrer Scheidung heiratete sie den Rechtsanwalt Alexandru Suciu und nannte sich fortan Anna Sage (phonetisch für Suciu).
Sie erhielt nur die Belohnung von 5.000 US-Dollars und entgegen dem Versprechen, sie einzubürgern, wurde sie dennoch 1936 ausgewiesen.
Von den Dillinger zuzuordnenden Memorabilia ist besonders ein Erinnerungsstück bemerkenswert: der blutbefleckte 1-Dollar-Schein von 1928. Der Schein befand sich in Dillingers Nachlass und wurde jahrelang von seiner Halbschwester Frances Helen Dillinger Thompson aufbewahrt – so in einem Interview vom 24. August 1997. Der Schein befand sich in einem Originalumschlag, der der Familie vom BOI übergeben wurde. In diesem Umschlag wurde das Bargeld, das er bei sich trug, an seinen Vater zurückgegeben. Dillinger hatte zum Zeitpunkt seines Todes 7,81 Dollars in seiner Geldbörse. Zeitzeugen berichteten jedoch, dass eine große Summe Geld aus den Taschen von Dillinger durch BOI-Agenten entwendet worden sei. Der Restbetrag der knapp acht US-Dollars wurde im Laufe der Jahre offenbar an verschiedene Familienmitglieder verteilt. Es erscheint kaum glaubhaft, dass Dillinger als Bankräuber nur diese geringe Geldmenge während seines abendlichen Ausflugs bei sich hatte.



Der ehemalige Pinkerton-Ermittler, Historiker und Sammler Joe Pinkston eröffnete 1975 das John Dillinger Historical Museum in Nashville/Indiana und schloss es 1997. Die Bestände des Museums wurden danach an das Lake County Convention and Visitors Bureau verkauft und im November 1999 wurde ein neues Museum im Lake County Visitors Center in Hammond/Indiana eröffnet. Dem Museum wurde eine Gedenkstätte für die im Dienst getöteten Polizisten hinzugefügt. Das John-Dillinger-Museum zog im Sommer 2015 von Hammond in das historische Old Lake County Courthouse nach Crown Point/Indiana um und wurde am 31. August 2017 dauerhaft geschlossen.

Gerüchten zufolge hatte Dillinger einen Großteil seiner Beute vergraben, unter anderem in der Nähe der Little Bohemia Lodge in Wisconsin, wo er sich vor dem BOI versteckte.
Der investigative Filmemacher Josh Gates hatte versucht, diesen Gerüchten nachzugehen. Gates konnte in seiner Filmdoku „Expedition unknown – „Dillinger’s Lost Loot“ (deutscher Titel „Mythen auf der Spur – Die Beute des berüchtigten Bankräubers“) jedoch kein positives Ergebnis vorweisen.

Die kommerzielle Vermarktung der Vita und der Untaten von John Dillinger begann schon 1934. Viele Zeitungsartikel, Bücher und Filme kann man nachverfolgen; besonders die vier Verfilmungen sollten genannt werden: 1945 erschien die erste Verfilmung mit dem Originaltitel „Dillinger“ (deutscher Titel „Jagd auf Dillinger“); es folgten weitere, so „Public Enemies“ der letzte von 2009 mit Johnny Depp in der Hauptrolle nach dem gleichnamigen Sachbuch von Bryan Burrough.



Es existieren seit Jahren Fantasiegeldscheine mit Dillingers Abbild; die Verherrlichung eines Mörders, Räubers und Entführers ist unbegreiflich. Skurrile Angebote, in der Hoffnung auf einen finanziellen Gewinn, findet man ebenfalls im Internet. Fragwürdig ist bspw. das Angebot der Fa. BART Inc. in Roseville/Michigan, die auf ihrer Plattform executivecurrency 100-Dollars-Scheine für 185,00 US-$ anbieten und sie als sog. Mobster money beschreiben: „$100 1928-A FRN Early Hundred from Chicago Mobster Money Very Fine ... Circulating the streets of Chicago, we can only guess whose hands this note passed through. Al Capone? John Dillinger?“ (= ... in den Straßen von Chicago kursiert; wir können nur mutmaßen, durch wessen Hände er gegangen ist. Al Capone? John Dillinger?). Mit „Mobster money“ meint man sog. Gangster-/Mafia-Geld aus illegalen Einnahmen wie Raub, Erpressung, Drogenhandel, illegalem Glücksspiel, Schutzgeld, Geldwäsche usw.

Michael H. Schöne
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