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Anmerkungen zum Lagergeld des Camps de Concentration de Garaison

Aktualisiert: 15. Sept. 2022

Im August 1914 lebten mehr als eine Million Ausländer in Frankreich. Nach der Mobilmachung hatten sie zwei Tage Zeit, um das Land zu verlassen. Ausländer aus feindlichen Staaten (Deutschland, Österreich-Ungarn ...), die aufgrund der in dieser Situation verständlichen Überlastung der Verkehrsmittel nicht fliehen und alles zurücklassen konnten, wurden nach dem ersten Tag der Mobilisierung festgenommen und in Lager deportiert, die weit entfernt von den Kampfzonen und größeren Ortschaften lagen. Die Errichtung der Lager erfolgte in großer Eile. Inseln an der Küste, alte Forts, ehemalige Klöster, Seminare, Hochschulen, Kasernen und stillgelegte Fabrikgebäude dienten zur Unterbringung der Zivilisten.


Während der sichtbare Feind im Sommer 1914 an den Grenzen vorrückte, meinte das Innenministerium, dass er sich auch hinter den Linien verstecken würde, bereit zu spionieren, zu verraten, zu sabotieren. Daher beschloss man die Ausländer zu internieren, die eine Gefahr für die Landesverteidigung darstellen könnten. Auch verhinderte man damit, dass wehrfähigen Männer in die Armee des Feindes eintreten konnten.


Nicht nur Ausländer wurden inhaftiert. Unter Berufung auf Artikel 9 des Gesetzes vom 9. August 1849 über den Belagerungszustand führten die französischen Behörden regelmäßige Razzien durch, um auch unerwünschte Angehörige neutraler Staaten sowie Personen französischer Abstammung (Vagabunden, Ehepartner von Ausländern, Strafgefangene, Prostituierte, Kranke usw.) aus den Kampfzonen und der Hauptstadt zu entfernen.


Während des Krieges wurden etwa 70.000 Zivilpersonen zeitweise in 70 Lagern interniert. Am Ende des Krieges waren es noch mehr als 12.000, und einige wurden sogar erst Anfang 1920 entlassen. Die Bezeichnungen der Lager war unterschiedlich, meist mit Nennung einer Ortschaft verbunden: Dépot de …, Dépot d’Internes Civils de …, Dépot d’Internes Civils Austro-Allemands, Camps de Concentration d’Austro-Allemands et de Suspects, Dépot des Alsaciens-Lorrains.


Etwa 45.000 Deutsche wurden in französischen Lagern inhaftiert. Darunter befanden sich auch 8.000 Elsässer und Lothringer, die eine gesonderte Häftlingsgruppe bildeten. Einerseits wurden sie als Franzosen angesehen, andererseits galten sie als unzuverlässig. Daher wurden sie von einer Kommission überprüft. Wer vor dem 20. Mai 1871 als Franzose geboren wurde, einen väterlichen Vorfahren hatte, der vor diesem Datum Franzose war, oder wer unter dem Frankfurter Vertrag als Franzose geboren wurde, wurde als Flüchtling behandelt, erhielt eine dreifarbige Karte und wurde in einem freien Lager untergebracht. Hatte die überprüfte Person für deutsche Behörden gearbeitet (außer in den Gemeinden), nahm sie eine unsichere Haltung gegenüber der französischen Nation ein. Dies galt auch für Personen mit einem schlecht beleumundeten Beruf (Schausteller, Wanderarbeiter, Landstreicher).

Sie wurden in überwachten Wohnheimen untergebracht und erhielt die Carte Blanche. Tagsüber waren sie zwar relativ frei, mussten die Nacht jedoch im Lager verbringen.


Die dritte Kategorie, die als „S“ bezeichnet wurde, umfasste Verdächtige: Personen, die Frankreich feindselig gegenüber eingestellt waren, sowie Personen, deren Einstellung und Verhalten zu wünschen übrig ließen. Diese Personen wurden so schnell wie möglich in Camps interniert.


Eines dieser Lager war das „Camp de Concentration de Garaison“ (Konzentrationslager von Garaison) im Département Hautes-Pyrénées, das in dem ehemaligen Kloster Notre-Dame-de-Garaison untergebracht war. Die Einrichtung war seit 1903 geschlossen worden und umfasste eine Fläche von 12.000 Quadratmeter. Gebäude, die nicht mehr als ein Dutzend betagte Priester beherbergten und vor allem riesige leere Schlafsäle inmitten einer Landschaft boten, die jeden Fluchtwilligen abschreckte.


Am 7. September 1914 trafen die ersten Ankömmlinge ein, obwohl nichts für ihre Unterbringung vorbereitet war. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme wurden 111 Bettgestelle, 68 Lattenroste und 63 Matratzen ermittelt. Damit wurden 13 Zimmer mit Betten ausgestattet, aber es waren Hunderte von Häftlingen, die ankamen. Wie sollte man 561 deutsche Männer, darunter 18 alte Männer, 362 deutsche Frauen und 159 deutsche Kinder, 346 Ungarn,

120 Frauen und 189 Kinder, mehrere Bulgaren, Türken, eine Spanierin, 10 Zigeunerinnen,

2 Popen, 30 Ordensleute („Weiße Väter“) unterbringen? Insgesamt waren es mehr als 1.700 Personen.


Ein paar mitten in den Sommerferien überraschte gut situierte Bürger trafen in Garaison auf eine große Zahl von Arbeitern, kleinen Handwerkern und Dienstboten, die sich nicht mehr als Deutsche, Österreicher oder Ungarn fühlten, weil sie vor der Armut in ihrer Heimat geflohen waren und schon viele Jahre in Frankreich gelebt hatten. Hier warteten sie nun darauf, vom Roten Kreuz in die Schweiz evakuiert zu werden und in ihre Heimat zurückkehren zu können, denn Frauen, Kinder und Alte wurden in der Regel ausgetauscht. Unter ihnen auch Eltern, deren Söhne in französischer Uniform an der Front kämpften, falls sie nicht schon gefallen waren.


Abb. 1.1: Testnote 01 der Bundesdruckerei (Brustbild Albert Schweitzer), 2013, Vorderseite.


Abb. 1.2: Testnote 01 der Bundesdruckerei (Brustbild Albert Schweitzer), 2013, Rückseite.

Größe: 129 x 67 mm, weißes Papier ohne Wasserzeichen.


Garaison beherbergte nicht nur viele Namenlosen, sondern auch Prominente. Einen Grafen Blücher und vor allem Albert Schweitzer, den späteren Friedensnobelpreisträger von 1952, und seine Frau Hélène. Der berühmte Arzt wurde 1875 in Kaysersberg im Elsass geboren. Nach dem Abitur studierte er in Straßburg Theologie, Philosophie und Medizin. Im Alter von 38 Jahren und bevor er nach Afrika ging, hatte er in drei verschiedenen Fächern promoviert, sich habilitiert und war Professor. 1913 setzte Schweitzer sein Vorhaben in die Tat um und gründete am Ogooué, einem 1200 km langen Fluss in Gabun, das Urwaldhospital Lambaréné. Das Gebiet gehörte damals zu Französisch-Äquatorialafrika. Schon ab 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden er und seine Frau, eine Lehrerin, aufgrund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit von der französischen Armee unter Hausarrest gestellt. 1917, erschöpft von mehr als vier Jahren Arbeit und von einer Art tropischer Anämie, wurde das Ehepaar Schweitzer festgenommen, von Afrika nach Frankreich deportiert und in Garaison und dann Saint-Rémy-de-Provence bis Juli 1918 interniert. Gegen Kriegsende kam das Ehepaar ins Elsass zurück. Dort nahm Schweitzer die französische Staatsbürgerschaft an und ging 1924 nach Afrika zurück. Am 4. September 1965 starb er im Alter von 90 Jahren in Lambaréné.


Die Internierungslager wurden vom Innenministerium kontrolliert und die Präfekturen stellten das Lagerpersonal, meist ehemalige Gendarmen oder ausgemusterte Militärs. Obwohl sich die Lagerordnungen an den Vorschriften für Strafanstalten orientierten, herrschte in vielen Lagern eine sehr große Promiskuität, da viele Prostituierten inhaftiert waren, die häufig an Krankheiten litten. Die unterschiedlichen sozialen Schichten der Häftlinge stellten ebenfalls eine Herausforderung dar. Einige Internierte erhielten regelmäßig Pakete von ihren Verwandten, während andere nur mit dem kargen Essen auskommen mussten, das in den Lagern angeboten wurde. Die Lebensmittelrationen änderten sich in Abhängigkeit von nationalen Engpässen. Vor 1917 betrug die Tagesration 600 Gramm Brot, ab 2. Februar 1917 nur noch 500 Gramm und im Dezember desselben Jahres nur noch 200 Gramm. Obwohl Zivilinternierte nicht zur Arbeit verpflichtet waren, wurden sie ab 1917 aufgefordert, Arbeit aufzunehmen, was die Anzahl von Fluchten erhöhte.


Während die Honoratioren über Geld verfügten und teilweise in Luxushotels untergebracht waren, waren die meisten Internierten auf Postanweisungen ihrer Familien angewiesen. Angesichts der großen Zahl bedürftiger Personen beschlossen die Krieg führenden Regierungen ihre Gefangenen mit monatlichen Zuwendungen zu unterstützen. Jedoch konnten die Internierten nicht in vollem Umfang darüber verfügen. Um Fluchtversuche zu erschweren, wurden im Juni 1916 für Kantineneinkäufe nur maximal 20 Francs pro Woche ausgezahlt; auch hielt man ab Juli 1916 20 Prozent aller Geldbeträge ein, die an deutsche Internierte geschickt wurden, auch wenn die Zahlungen aus Frankreich oder dem neutralen Ausland stammten.


Zur selben Zeit ging man dazu über, das Geld durch eine „spezielle Währung“ in Form von Münzen oder Papiergeld zu ersetzen, die nur in den Internierungslagern gültig waren. Dies hatte zwei Vorteile: Zum einen war das Lagergeld im Falle einer Flucht wertlos, zum anderen ermöglichte dieses System eine einfachere Kontrolle. Mit Rundschreiben vom 22. September 1916 wurde dieses System allgemein eingeführt. Einige Lager-Direktoren befürchten, dass das Lagergeld zum Spielen verleiten könnte. Daher schafften sie jegliches Bargeld ab und statteten jeden Internierten mit einem Kontobuch aus, in dem sein Guthaben vermerkt war.


Abb. 2.1: Camp de Concentration de Garaison, o. D., 1 Franc, Vorderseite.


Abb. 2.2: Camp de Concentration de Garaison, o. D., 1 Franc, Rückseite.

Größe: 105 x 67 mm, weißes, dünnes Papier ohne Wasserzeichen.


In Garaison führte der Direktor und sein Kassierer Lagergeld ein: 0,05 und 0,10 fr auf Karton und 0,50, 1 fr, 5 und 20 frs als Papierscheine. Die Auflage soll 50.000 Stück umfasst haben. Von den Nominalen gibt es auch Muster ohne Nummerierung. Jeder Internierte musste einen Franc pro Tag für die Verpflegung zahlen. Auf diese Weise machte die Lagerverwaltung einen Gewinn, da sie für die Lebensmittel nur 0,70 Centimes ausgab.


1919 leerte sich das Lager in Garaison allmählich. Am 23. Mai verließen 230 Ungarn und Österreicher das Lager, am 27. Juni 33 Bulgaren und Popen. Am 19. November 71 Türken.

Am 16. Dezember 1919 wurde das Lager von den übrigen Gefangenen geräumt. Die letzten Internierungslager schlossen in den ersten Monaten des Jahres 1920.


Uwe Bronnert


Literatur

Denis Bouglouan, L’argent des indésirables, La monnaie dans lest camps d’internés en France (1914-20), Eigenverlag, Champagne-Ardenne 2020.



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