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Aus dem Archiv: Olaf Gulbransson – Ein großer Karikaturist als Notgeldkünstler

Aktualisiert: 21. Sept. 2023

Bei der Suche nach den Künstlern, die sich mit der Erschaffung jener Flut von deutschen Verkehrsausgaben und Serienscheinen beschäftigt haben, begegnen dem Forscher durchaus nicht nur zweitrangige Personen, auch eine respektable Auswahl bedeutender Zeitgenossen war daran beteiligt. Entweder reizte sie das Thema „Kleinkunst“ oder es trat auch für sie die Situa­tion ein, alles annehmen zu müssen, da, wie ein anderer Grafiker es in jener Zeit ausdrückte, „… mein Atelier an Kohlen arm, die Börse sehr leicht, der Hunger recht groß war.“

Nun, für viele Künstler mag diese Aus­sage Gültigkeit gehabt haben, für Olaf Gulbransson sicher nicht, denn er war zu jener Zeit recht angesehen und hatte eigentlich Aufträge genug, um angemessen leben zu können.


Olaf Gulbransson: Selbstporträt



Olaf Gulbransson ist am 26. Mai 1873 in der Nähe von Oslo geboren worden. Seine Ausbildung erfuhr er in Norwegen, wo ihn der Münchener Verleger Albert Langen, der Verwandtschaft in Norwegen besaß, entdeckte und zu sich nach Deutschland einlud. Zunächst vermittelte er ihn zu Sprachstudien nach Berlin, doch im Jahre 1902 holte er ihn nach München und machte ihn zu seinem Mitarbeiter an der „Illustrierten Wochenschrift Simplicissimus“. Er wurde einer der fleißigsten und genialsten Zeichner dieser zeitkritischen satirischen Zeitschrift. Seine Biografen bescheinigen ihm den „Holbeinschen Wurf, die Fähigkeit, in der äußeren ka­ri­ka­tu­ris­ti­schen Verzerrung innere Schönheit auszudrücken und so selbst die Karikierten zu versöhnen. In seinen Porträts aus sparsamen, dünnen Linien habe er das Verzerrte, Verwischte oder Vermischte der Physiognomien bereinigt und innere Form und Verfassung wiederhergestellt“.


Bildunterschrift: „Der Hieroglyphenschrift fehlt meines Erachtens der wesentlichste Anreiz für den Philologen: Sie kennt keine orthographischen Fehler“


Bildunterschrift: „Wenn der Kaiser auf seiner Nordlandreise träumend auf den Fjord blicken wird, werden sich seinen Augen Wikingerschiffe, bemannt mit reisigen Helden, zeigen.

Eine sächsische Reisegesellschaft hat diese sinnige Huldigung erdacht.“


Im Jahre 1916 wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, 1924 Ehrenmitglied und Professor der Münchener Akademie; seit 1929 war er ordentlicher Professor für Zeichnen und Malen in München.

Am 18. September 1958 ist er in Tegernsee verstorben. Dort befindet sich ein Olaf-Gulbransson-Museum, das an seinem fünften Todestag durch den „Stifterverein für das Olaf-Gulbransson-Museum“ unter der Schirmherrschaft von Theodor Heuß und Ludwig Erhard initiiert worden ist.


Die kleine thüringische Stadt Kahla ist bekannt, ja schon berüchtigt wegen der von ihr ausgegebenen Notgeldflut. Notgeld, das keines mehr war, sondern nur noch ein Spekulationsobjekt zur Auffüllung der städtischen Kassen.

Arnold Keller äußerte sich schon im Jahre 1922 sehr missliebig über die Machenschaften der Stadtverwaltung:


Kahla (5.-Alt.) Stadt

Dieses Städtchen, dessen Notgelddezernent sich zwar von besonderer Sachkenntnis besessen glaubt, aber durch Häufung von Spekulationsausgaben (u.a. Schachgeld! Sportgeld!) das Gegenteil beweist, lässt nunmehr fast gleichzeitig drei neue Ausgaben auf die Sammlerwelt los und bemüht sich damit redlich, das Notgeldwesen zu verwässern und den Sammlern die Freude daran zu verderben. Auch wenn die neuen Reihen von Meisterhand entworfen sind, ist das Vorgehen der Stadt darum nicht milder zu beurteilen.

Man lässt es sich noch gefallen, wenn jedes Vierteljahr eine neue Ausgabe erscheint, aber jede Woche eine (zu 12 Werten), das ist doch schon grober Unfug. Wir haben die thüringische Regierung auf das Treiben der Stadt Kahla aufmerksam gemacht und ersucht, ihr jede Neuausgabe zu verbieten. – Angekündigt werden: eine statistische Serie zu 12 Scheinen und Daten über die Verkleinerung Deutschlands durch den Versailler Frieden, Reichsausgaben 1920, Ausfuhr 1921, Notenumlauf, Reichseisenbahnen, fremde Banknoten, Preissteigerung, Oberschlesien, Lebensmittelpreise, Kindersterblichkeit, Indexziffern usw. Ferner eine Weihnachtsserie (6 Werte entworfen von F. P. Glass, dem bayerischen Briefmarkenkünstler) und ­eine Sylvesterserie mit Glossen auf die Zeit, von Olaf Gulbransson. Hoffentlich die wirkliche Sylvesterserie!

(„Das Notgeld“, 4. Jahrg.,1922, S. 7).


Vorderseite der Notgeldscheine der Sylvesterserie der Stadt Kahla


Lassen wir die genaue Beschreibung und Ausdeutung dieser von Olaf Gulbransson geschaffenen so genannten Sylvesterserie folgen:

Alle sechs Scheine zeigen auf der Vorderseite neben der Wertangabe 75 Pfennig, den Unterschriften des Bürgermeisters Dr. jur. Mehlhorn und des Stadtrats A. Hofmann sowie der Laufzeit 1. Dez. 1921 bis 31. Dez. 1921 den dicken Stamm eines Baumes, von dem eine Flut von Notgeld(?)-Scheinen herabfällt.

Die sechs Rückseiten hingegen sind verschieden und zeigen zeitkritische Motive, wobei Bild 1 und 2, Bild 3 und 4 jeweils ein zusammengehöriges Thema präsentieren, während die beiden weiteren Scheine jeder für sich ein eigenes Motiv haben.



1. Ein wilder Haufen von acht Männern, die jeder gegen jeden mit irgendwelchen Waffen (Degen, Mistforke, Regenschirm, Fleischklopfer) aufeinander losgehen. Darunter Schrift: EINIGKEIT MACHT STARK.



2. Dieselben Männer stehen völlig einig dichtgedrängt und halten alle je einen Bierkrug in die Höhe. Darunter Schrift: STARKBIER MACHT EINIGKEIT.


Auf Grund der Kleidung und der Attribute kann man die Männer, wie Albert von Borsig schreibt, identifizieren als „Bu­schoa“ (= Bourgeois), Genosse, Militarist, Monarchist, Kathedersozialist, Terrorist und Bayerischer „Bua“ (= Bursche). Alle sind sich einig bei einer entsprechenden Menge Starkbier.



3. Der deutsche Merkur (Personifikation für „Handel“) steht, an einen Baumstumpf gefesselt, auf der rechten Seite des Bildes. Er wird von einem auf der linken Seite stehenden sehr fetten Franzosen mit dem Bogen beschossen, mehrere Pfeile stecken schon in seiner Brust. Zwischen beiden steht ein Kontor-Stehpult, dem deutschen Merkur zugewandt. Dieser zieht mit der rechten Hand einen Pfeil aus seiner Brust, während seine linke einen Telefonhörer an sein linkes Ohr hält. Darunter Schrift: DER DEUTSCHE MERKUR.



4. Die gleiche Anordnung, doch: Der Franzose hat aufgehört zu schießen, wischt sich mit einem Tuch die Schweißtropfen aus dem Gesicht. Der deutsche Merkur schreibt mit dem aus seiner Brust gezogenen Pfeil auf dem Stehpult, der Telefonhörer befindet sich weiterhin am Ohr. Darunter Schrift: DER DEUTSCHE MERKUR.

Der deutsche Merkur geht trotz starken Beschusses durch den Franzosen weiterhin seinen Geschäften nach, schreibt Aufträge und telefoniert mit Handelspartnern.



5. Der deutsche Michel in Zipfelmütze, Holzpantinen und verlotterter Kluft fegt Unrat zusammen, dabei ein Gesangbuch und eine Reihe Zettel mit den Aufschriften:

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST, SEID EINIG EINIG EINIG, TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND, EHRLICH WÄHRT AM LÄNGS­TEN, DU SOLLST NICHT STEHLEN, ÜB IMMER TREU UND REDLICHKEIT, DU SOLLST NICHT EHEBRECHEN, DU SOLLST NICHT TÖTEN. Die Aussage ist klar: Alle Werte werden über Bord geworfen.



6. Eine Litfaßsäule inmitten von Paris (der Eiffelturm ist zu erkennen), vor dieser steht der deutsche Michel als Skelett, doch mit Zipfelmütze und schlottriger Hose bekleidet. In der linken Hand hält er einen Eimer mit Kleister, die rechte drückt ein gerade angeklebtes Plakat fest, auf den die Worte MENE TEKEL UFARSIN zu lesen sind.

Unten Schrift: SYLVESTERNACHT 1921–1922 DEUTSCHER SPUK IN ­PARIS.

Auch diese Aussage ist leicht zu verstehen: Hüte dich, Franzose, vor den Deutschen, auch wenn sie z.Zt. nur Gerippe ihrer selbst sind!


Alles sind Themen, die die deutsche Bevölkerung der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bewegten: Das Verhältnis zum Erbfeind Frankreich, der Deutschland trotz schärfster Bedrängung nicht unterkriegen wird, der allgemeine Werteverfall, die Orien­tierungslosigkeit nach dem Zusammenbruch des glorreichen Kaiserreichs.

Ein Norweger beurteilt treffend die deutsche Situation der zwanziger Jahre.


Manfred Mehl

Der Geldscheinsammler, Heft 4/2001

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