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Superfest! Zur Vernichtung der Banknotenserie der Deutschen Notenbank von 1964

Nicht nur die Herstellung, sondern auch die Vernichtung von aus dem Verkehr gezogenen Banknoten stellte und stellt Notenbanken oft vor besondere Herausforderungen[1].

Die Deutsche Notenbank bzw. die Staatsbank der DDR stand ab Mitte der 1960er-Jahre ebenfalls vor entsprechenden Problemen, denn: Das Papier der Banknoten der Ausgabe von 1964 war zu hochwertig!

 

Die Banknoten der Ausgaben 1948 und teilweise auch 1955 waren durch die Deutsche Notenbank verschiedenen Papier- und Kartonagefabriken zur Verkollerung übergeben worden. Dabei wurden die Scheine durch ein schweres Mahlwerk unter Hinzufügung von Wasser und chemischen Zusätzen zu einem Papierbrei zermahlen, der anschließend für die Herstellung von Papier und Pappen verwendet wurde.

 

Ab dem 1. August 1964 gab die Deutsche Notenbank eine neue Serie von Banknoten in den Wertstufen zu 5, 10, 20, 50 und 100 MDN aus[2], die im Stahlstich-Tiefdruck bei der Staatsdruckerei der UdSSR „Gosnak“ hergestellt worden war[3]. Mitte 1965 liefen die ersten stark gebrauchten Exemplare dieser Scheine an die Deutsche Notenbank zurück, die aus dem Umlauf genommen und zur Vernichtung bereitgestellt wurden. Auch bei diesen Scheinen versuchte man zunächst, sie an den Papierfabriken zur Vernichtung durch Verkollerung weiterzugeben. Die Scheine waren vorher durch die Deutsche Notenbank zerschnitzelt und teilweise lochentwertet worden[4], wobei die Schnipsel recht groß waren und Teile der Banknote gut erkennen ließen. Das sollte sich noch als problematisch herausstellen.

 

Schnipsel von zur Verkollerung bestimmten Banknoten der Deutschen Notenbank Ausgabe 1964 aus den Beständen der Papier- und Kartonagefabrik PAKA in Glashütte/Erzgebirge. Diese waren durch Anwohner am 3. Juni 1969 auf offener Strasse in Bärenhecke bei Glashütte gefunden worden.
Schnipsel von zur Verkollerung bestimmten Banknoten der Deutschen Notenbank Ausgabe 1964 aus den Beständen der Papier- und Kartonagefabrik PAKA in Glashütte/Erzgebirge. Diese waren durch Anwohner am 3. Juni 1969 auf offener Strasse in Bärenhecke bei Glashütte gefunden worden.

Was die Deutsche Notenbank nicht bedacht hatte, war, dass dem Papier der Scheine der Ausgabe 1964 bei der Herstellung Kunstharze zugegeben worden waren, die für eine besondere Haltbarkeit sorgen sollten. Das Papier war dadurch „nassstabil“ – es löste sich in Wasser nicht auf. Was die Haltbarkeit der Scheine und damit deren Umlaufdauer erhöhte, wurde für die Vernichtung plötzlich zu einem echten Problem: Die weiterhin bei diversen Betrieben der Altpapierverwertung angelieferten Schnipsel von Banknoten der Ausgabe 1964 konnten dort nicht mehr, wie noch die Vorgängerserien, problemlos verkollert werden. Die Papierindustrie lehnte daher ab 1968 einheitlich die weitere Annahme von Banknotenschnipseln zur Verwertung ab.

 

Die Staatsbank tat deshalb ab Sommer 1969, was diverse Papierfabriken mit den ihr überlassenen Schnipseln - ohne Genehmigung der Staatsbank - auch schon getan hatte:

Sie begann damit, diese in Säcken auf der Mülldeponie Schwanebeck bei Bernau abladen zu lassen. Dabei hatte sie allerdings den sozialistischen Schlendrian auch bei der Ablagerung von Müll nicht berücksichtigt. Denn entgegen ausdrücklichen Weisungen wurden die Säcke dabei mitnichten mit Schutt und Erde bedeckt. Wind und Wetter setzten den Säcken zu und bald fanden sich zudem ungebetene Besucher ein.


Am 29. September 1969 bei der Kreisfiliale Bernau der Industrie und Handelsbank zum Umtausch vorgelegte Scheine zu 20 und 100 MDN, die aus Banknotenschnipseln zusammengeklebt worden waren, die die Staatsbank einige Monate zuvor auf der Mülldeponie Schwanebeck bei Bernau hatte abkippen lassen.
Am 29. September 1969 bei der Kreisfiliale Bernau der Industrie und Handelsbank zum Umtausch vorgelegte Scheine zu 20 und 100 MDN, die aus Banknotenschnipseln zusammengeklebt worden waren, die die Staatsbank einige Monate zuvor auf der Mülldeponie Schwanebeck bei Bernau hatte abkippen lassen.
Rückseiten.
Rückseiten.

 

Am 29. September 1969 legte Dieter H. aus Zepernick bei der Kreisfiliale Bernau der Industrie und Handelsbank je eine Banknote zu 20 und 100 MDN der Ausgabe 1964 zum Umtausch vor. Die Bankmitarbeiter erkannten sofort, dass mit diesen beiden Scheinen etwas nicht stimmen konnte: Sie waren aus diversen gelochten Schnipseln zusammengeklebt.

Auch wichen die Kontrollnummern auf beiden Notenhälften voneinander ab. Die Industrie- und Handelsbank zog die Noten gegen Empfangsbescheinigung ein und schickte sie an die Staatsbank der DDR in Berlin. Dort erkannte man schnell, worum es sich handelte –

die Scheine waren aus den Schnipseln von zur Vernichtung bestimmten Banknoten zusammengesetzt worden. Wegen der Nähe von Zepernick zur Mülldeponie Schwanebeck war auch sofort klar, woher diese Schnipsel stammen mussten. Die Deutsche Notenbank leitete Ermittlungen ein, der Einreicher wurde durch die Volkspolizei in Bernau vorgeladen. Bei seinen Aussagen verwickelte er sich in Widersprüche: Während er zunächst angab, einer alten Dame beim Umtausch behilflich gewesen zu sein, und sodann mitteilte, dass er die Scheine zur Vermeidung von Missbrauch nur habe abgeben wollen, stellte sich schließlich heraus, dass Dieter H. Säcke mit Banknotenschnipsel auf der Müllkippe in Schwanebeck gefunden hatte, aus denen dann zwei Scheine zusammengeklebt wurden. Die Müllkippe suchte Dieter H. nach eigenen Angaben regelmäßig Samstags zum „Kramen“ auf. Nicht nachzuweisen war Dieter H., dass er die Scheine selbst zusammengeklebt hatte, von DNA-Spurenauswertung war man damals noch weit entfernt.

 

Zur Einleitung eines Strafverfahrens gegen Dieter H. kam es nicht, obwohl jedenfalls eine Strafbarkeit wegen versuchten Betrugs nachgewiesen war. Über die Gründe schweigen sich die Akten der Staatsbank aus, sie dürften aber auf der Hand gelegen haben: Dieter H. war Sekretär bei der DDR-Gewerkschaft IG Bau und Holz. Ein Funktionär als Müllkippenkramer und Bankbetrüger – ein öffentliches Aufsehen in diesem Fall musste vermieden werden. Staatsbank und Volkspolizei kamen daher überein, den Fall durch einen Bescheid der Staatsbank zum Einlösungsantrag zu beenden, der am 23. Oktober 1969 erging.

Die Einlösung der Scheine wurde abgelehnt, Dieter H. vor dem Hintergrund seiner Funktionärsstellung und als Bürger des sozialistischen Staates schärfstens verwarnt.

Eine Kopie des Schreibens und die zusammengeklebten Noten wurden zu den Akten genommen.


Empfangsbescheinigung der Kreisfiliale Bernau der Industrie und Handelsbank über die von Dieter H. zum Umtausch vorgelegten Banknoten. Zu einer Erstattung kam es nicht.
Empfangsbescheinigung der Kreisfiliale Bernau der Industrie und Handelsbank über die von Dieter H. zum Umtausch vorgelegten Banknoten. Zu einer Erstattung kam es nicht.

 

Die weitere Verklappung von Banknotenschnipseln auf Mülldeponien kam damit jedenfalls nicht mehr in Betracht, zumal auch in Bärenhecke bei Glashütte auf offener Straße Banknotenschnipsel aufgetaucht waren, die aus einer ungesicherten Abfuhr von Säcken mit nicht verkollerbaren Schnipseln durch die Papier- und Kartonagenfabrik PAKA in Glashütte stammten. Einen ähnlichen Fund hatte die Volkspolizei bereits Ende April 1969 an der Autobahn bei Duben in Brandenburg gemacht, wo in einer Sandgrube ebenfalls Säcke mit Banknotenschnipseln gefunden wurden. Diese hatte der VEB Lübbener Papierfabrik dort ohne Genehmigung der Staatsbank abladen lassen.


Banknotenschnipsel aus einer Sandgrube bei Duben, die von einer Streife der Volkspolizei am 28. April 1969 sichergestellt worden waren. Der VEB Lübbener Papierfabrik hatte dort ohne Genehmigung der Staatsbank Säcke mit nicht verkollerbaren Schnipseln abladen lassen. Interessant ist, dass diese ungelocht sind.
Banknotenschnipsel aus einer Sandgrube bei Duben, die von einer Streife der Volkspolizei am 28. April 1969 sichergestellt worden waren. Der VEB Lübbener Papierfabrik hatte dort ohne Genehmigung der Staatsbank Säcke mit nicht verkollerbaren Schnipseln abladen lassen. Interessant ist, dass diese ungelocht sind.

 

In den Folgejahren führte die Staatsbank der DDR zusammen mit diversen staatlichen Produktionsbetrieben und sogar dem Forschungsbereich Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR Versuche durch, nicht mehr umlauffähige Banknoten einer Wiederverwertung zuzuführen – sei es als Altpapier, bei der Herstellung von Faserplatten oder als Zwischenlage bei der Herstellung von Wellpappe. Alle Versuche brachten unbefriedigende Ergebnisse oder erwiesen sich als zu aufwändig und unwirtschaftlich.

Eine testweise Verbrennung von Notenschnipseln in den Kesseln eines Ostberliner Kraftwerkes scheiterte am Aufwand: Die Verbrennung von 350 kg Banknotenschnipseln dauerte 3 ½ Stunden, da die Schnipsel nur häppchenweise dem Verbrennungsprozess beigegeben werden konnten. Außerdem führte die Verbrennung zu einer starken Verschmutzung der Kessel. Ebenso erfolglos waren Überlegungen, die ausgesonderten Banknoten in ausgedienten Bergwerksstollen zu verkippen, wie das die Nationalbank der Tschechoslowakei tat. Die Banknoten der Ausgabe 1964 erwiesen sich selbst in stark gebrauchtem Zustand als zu robust.

 

Ab 1975 fand die Staatsbank der DDR die Möglichkeit einer Verbrennung ausgesonderter Banknoten in der 1974 in Betrieb genommenen Müllverwertungsanlage in Berlin-Lichtenberg, der seinerzeit einzigen in der DDR. Auch hier waren jedoch die Kapazitäten zur Vernichtung begrenzt. Außerdem rückten jetzt nicht mehr umlauffähige Bestände aus der ab 1973 ausgegebenen Ausgabe von 1971/1975[5] nach, die ebenfalls vernichtet werden mussten.

 

Die Probleme bei der Vernichtung der Banknotenausgabe 1964 erklären, warum 1990 in den Tresoren der Staatsbank der DDR noch große Mengen dieser Scheine vorhanden, obwohl bereits zum 31. Dezember 1983 ungültig geworden waren. Diese Bestände wurden dann 1991 durch die Staatsbank in Berlin in einer Untertageanlage bei Halberstadt eingelagert[6].

Auch dort erwiesen sie sich aufgrund der Papierqualität als „superfest“[7]. Die Scheine verrotteten nicht wie geplant und mussten 2002 nach Bekanntwerden von Diebstählen unter hohem Aufwand geborgen und einer Vernichtung durch Hochtemperaturverbrennung in der Müllverbrennungsanlage Buschhaus in Schöningen bei Helmstedt zugeführt werden.

Hätte man seitens der Staatsbank in Berlin vor der Einlagerung in die alten Unterlagen zur Vernichtung von Banknoten aus den Jahren 1969 bis 1975 geschaut, hätte man vielleicht erahnen können, dass der Plan, die Scheine im Halberstädter Stollen verrotten zu lassen, aufgrund der Papierqualität der Banknoten zum Scheitern verurteilt sein musste.

 

 Dr. Sven Gerhard

 

 Anmerkungen

  1.  Dazu Uwe Bronnert, Kurze Geschichte der Vernichtung von Banknoten, https://www.geldscheine-online.com/post/kurze-geschichte-der-vernichtung-von-banknoten

  2. Grabowski DDR-16 bis DDR 20

  3. Interessante Details dazu bei Peter Leisering, Geldgeschichten aus der DDR, Regenstauf 2011, S. 107 ff.

  4. Vermutlich stammen lochentwerte Scheine aus den Kreisfilialen der Staatsbank, die eingezogene Scheine vor Versand an die Zentrale in Berlin zur Entwertung mehrfach lochten.

  5. Grabowski DDR-21 bis DDR-25

  6. Dazu mit anschaulichen Bildern Hans-Ludwig Besler, Das Ende der DDR-Banknoten, https://www.geldscheine-online.com/post/das-ende-der-ddr-banknoten, ferner Uwe Bronnert, Das Milliardengrab – Eine Währung wird abgewickelt https://www.geldscheine-online.com/post/das-milliardengrab-eine-w%C3%A4hrung-wird-abgewickelt, sowie die KfW-Publikation „Der Schatz von Halberstadt“, online abrufbar unter https://www.kfw.de/stories/halberstadt.html

  7. „Superfest“ war in der DDR eine Marke für hochfeste Trinkgläser, die aufgrund eines besonderen Herstellungsverfahrens erheblich stabiler und bruchfester waren als Trinkgläser aus normalem Glas. Sie wurden zwischen 1980 und 1990 im damaligen VEB Sachsenglas Schwepnitz (Kombinat Lausitzer Glas) produziert.

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