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Besondere Geldscheine einer Westernstadt

Aktualisiert: 27. März 2023

Tombstone, Arizona. Die Liebhaber seichter und klassisch-guter Western-Filme kennen sich aus: Tombstone im Südwesten der USA wurde legendär durch eine Schießerei während der Zeit des „Wilden Westens“. Man erinnert sich an die Revolverhelden Wyatt Earp und Doc Holliday und ihren Kampf gegen die Clanton- und McLaury-Brüder am O. K. Corral im Oktober 1881. 36 Jahre später kam es wieder zu einer Schießerei in Tombstone. Die „Tombstone Times“ (Tombstone Arizona’s History Information Journal) erinnerte in ihrer Dezemberausgabe 2022 an die Ereignisse vom 2. November 1917 in der Stadt: ein aus dem nahem Gleeson stammender Kinobesitzer versuchte an diesem Freitag in den Mittagsstunden die First National Bank in Tombstone zu überfallen. Schon seit dem Vortag hatte er die Bank beobachtet. Der Kassierer T. R. Brandt war die einzige Person im Bankgebäude; sein Sohn Bradford, der ihn oft unterstützte, war auf dem Weg zum Post Office. Das registrierte der Bankräuber Fred H. Koch und lud seine 38er ACP, ging zum Schalter und verlangte Bargeld. Brandt griff nicht in die Kasse, sondern schnell zu seiner 10er Winchester – aber nicht schnell genug. Koch schoss ihm zweimal in die Brust und Brandt fiel zu Boden. Koch versuchte in den Tresorraum einzudringen, aber erfolglos, floh zu Fuß – ohne Beute.

Der legendäre Texas-Ranger Jefferson Davis Milton befand sich an diesem Tag nahe dem Tatort beim Mittagessen. Er war als Zollinspektor auf Streife und hatte neuerdings eine „Tin Lizzie“, den Ford Model T. Nach den Schüssen an der Allan Street nahmen Milton und Guy C. Welch, Sheriff im Cochise County, die Verfolgung auf. Der Bankräuber rannte in die Wüste, kam aber in Sichtweite der Verfolger; Jeff Milton sprang aus seinem Auto und zielte in einer Entfernung von etwa 70 Meter auf Fred Koch. Der brach an der Schulter getroffen zusammen und wurde zurück nach Tombstone gebracht, wo er vor Gericht gestellt, zu lebenslanger Haft verurteilt und anschließend ins Staatsgefängnis von Arizona nach Florence gebracht wurde. Der angeschossene T. R. Brandt verstarb an seinen Verletzungen am

10. Dezember 1912 in El Paso. Er war Geschäftsführer der First National Bank of Tombstone. Die Bank erlangte 1902 unter der Charter-Nr. 6439 das Recht zur Banknoten-Ausgabe. Seine eigenwillige und ausschweifende Unterschrift befindet sich auf dem einzig bekannten Schein der FNB Tombstone/Territory Arizona.


Abb. 1: 10 Dollars der First National Bank of Tombstone, ausgegeben zwischen Juli 1902 und Juni 1905.


Abb. 2: 10 Dollars, Rs. der Noten der FNB Tombstone.



Die gedruckten Unterschriften sind die der US-Schatzamt-Beamten J. W. Lyons und Ellis H. Roberts. Charles L. Cummings, Bankdirektor bis 1906, unterschrieb auf der rechten Seite.

Ein zweiter Schein der FNB Tombstone ist der mit der Unterschrift der damaligen Bank-Präsidentin Mary M. Costello mit Datum 14. Februar 1912. Sie war die Ehefrau von Martin Costello, dem Kupferkönig von Tombstone; beide siedelten sich 1887 in der Stadt an. Interessant sind zwei weitere Scheine der National Bank mit dem gleichen Datum, aber mit der Unterschrift von Ruth C. Costello, der Tochter von Mary McNelis Costello. Die Banknote von 1902 zeigt „Ter. Arizona“ – also Territory of Arizona (T. A.), die anderen nur „Arizona“.

Das Datum der drei Costello-Scheine ist wahrscheinlich nicht zufällig gewählt: der 14. Februar 1912 ist auch das Aufnahmedatum Arizonas als 48. Bundesstaat der USA. Die vier Banknoten sind äußerst selten und stammen aus der Sammlung von Peter W. Huntoon und aus dem Nachlass der Costello-Familie. Die Bank schloss 1924 und war eine der 27 Banken in Arizona, die "Nationals" drucken ließen und ausgaben. Von den Banknoten der First National Bank of Tombstone in den Wertstufen 5, 10 und 20 Dollars sind bisher nur diese vier beschriebenen Zehner bekannt.


Abb. 3: 10 Dollars der First National Bank of Tombstone, ausgegeben zwischen Februar und November 1912.


Abb. 4: 10 Dollars der First National Bank of Tombstone, ausgegeben zwischen Februar und November 1912; eine weitere Banknote mit der Kontrollnummer Y282995H stammt ebenfalls aus der Huntoon-Sammlung.


Die Stadt wurde schon 1879 von den Geologen Richard K. Gird und Edward L. Schieffelin gegründet. Der deutschstämmige Schieffelin war auch Goldsucher und Scout der US Army. Dort vertraute er sich Albert Sieber an, dass er Gold in der Gegend vom heutigen Cochise County finden wolle. Sieber warnte vor großen Gefahren im Indianergebiet und vor der Erfolglosigkeit der Suche nach Erzlagern und fragte Schieffelin eines Tages im Jahr 1877 „Whar you goin’, Ed?“ – er antwortete „Just out a ways, looking for stones”; Al Sieber warnte „Don’t you know this country’s full of Indians? You’ll not find your fortune out there. Only stone you’ll find will be your tombstone.”* Nach sehr ergiebigen Silberfunden nannte Schieffelin einen seiner ersten Claims „Tombstone“ (= Grabstein) und wurde so der Name der späteren Ortschaft. Die Stadt wurde zur "Boomtown" und hatte in ihrer besten Zeit über 15.000 Einwohner. Nach dem Niedergang der Stadt seit den 1920-er Jahren leben heute noch annähernd 1.000 Menschen hier; hauptsächlich vom Tourismus.


* Übersetzung: „Wohin gehst du, Ed?“... „Einfach draußen unterwegs, auf der Suche nach Steinen“ ... „Weißt du nicht, dass dieses Land voller Indianer ist? Dort draußen findest du kein Vermögen. Der einzige Stein, den du findest, wird dein Grabstein sein.“


Unter der Bezeichnung „Tombstone note“ sind bei US-amerikanischen Sammlern die 10-Dollars-Scheine der Serien 1886, 1891 und 1908 bekannt, die jedoch nichts mit der Stadt in Arizona zu tun haben. Das von Charles Schlecht geschaffene Porträt zeigt Thomas A. Hendricks, Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft des Demokraten St. Gr. Cleveland; er starb am 25. November 1885 während seiner kurzen Amtszeit. Da das Bildnis mit einer nach oben gebogenen Umfassung eingerahmt ist und einem Grabstein ähnelt, entstand der Name „Tombstone note“. Fraglich ist, ob das vom Gestalter beabsichtigt war oder versehentlich entstand.


Abb. 5: 10 Dollars Silver Certificate, Serie 1891, ausgegeben zwischen April 1891 und Mai 1893.


Der Tourismus ist heute der Haupterwerbszweig in der Stadt und stark geprägt von Veranstaltungen und „Sehenswürdigkeiten“, die alle im Zusammenhang auf die eingangs geschilderte Schießerei von 1881 stehen. Dieses Ereignis vor über 140 Jahren wird auch 2023 wieder typisch US-amerikanisch vermarktet: vorgesehen sind das „Tombstone Film Festival“, das „Tombstone Festival of Western Books“, die „Tombstone Vigilante Days“ und „Tombstone Wild West Days“; auch die „Wild West Witches“ oder die „Reenactment groups“ locken Jahr für Jahr mit ihren Aktionen und Nachstellungen der Schießerei am O. K.-Mietstall viele Besucher in die Stadt. Dass man dort auch mit Dollar-ähnlichen Gedenkscheinen versucht Einnahmen zu erzielen ... wundert nicht.


Abb. 6: Gedenkschein der „Tombstone currency“ zu 20 Dollars, Vs. mit dem Bildnis von Wyatt Earp, Hauptakteur der Ereignisse im Jahr 1881 (gestaltet von Fajla Rabby).


Abb. 7: Gedenkschein der „Tombstone currency“ zu 20 Dollars, Rs.


Abb. 8: Variante „Tombstone currency“ zu 20 Dollars, Vs.


Abb. 9/10: Entwurf eines Gedenkscheins zu 20 Dollars, Vs. und Rs.


Abb. 11: Gedenkschein zu 1 Mio. Dollar,

Vs. mit den Bildnissen von Thomas und Frank McLaury und ihren Gegnern Doc Holliday,

Virgil und Morgan Earp und ihrem Bruder Wyatt Earp im Oval.


Abb. 12: Gedenkschein zu 1 Mio. Dollar, Rs. mit den vier Grabsteinen der beiden Clanton- und den zwei McLaury-Brüdern auf dem Boot Hill (= Siefelhügel, so nannte man die Friedhöfe im Wilden Westen, wo Tote begraben wurden, die noch ihre Stiefel anhatten oder auf der Durchreise waren).


Aber auch zeitgenössische Münzen im Blister mit der Geschichte des Pistolenkampfes zwischen Gesetzesvertretern und Gesetzlosen werden heute noch angeboten. Es sind die sog. "Morgen-Dollars", die silbernen Eindollar-Münzen, die vom US-amerikanischen Graveur George T. Morgan gestaltet wurden. Es gibt unterschiedliche Ausgaben, aber stets mit einer authentischen Münze: 26,73 Gramm schwer, 90 Prozent Silber und mit einem Durchmesser von 38,11 Millimeter.


Abb. 13: 1 Dollar 1881, Vs. = Liberty, im Blister, mit der Historie in Form einer Zeitungstitelseite.


Abb. 14: 1 Dollar 1881, Rs. = Weißkopfseeadler, im Blister, mit der Darstellung des Kampfes am O. K. Corral.


Auslöser der Schießerei war übrigens die Verhaftung des Cowboys Ike Clanton durch den City Marshal Virgil W. Earp am Morgen des 26. November 1881. Wegen „ungebührlichen Verhaltens“ wurde Clanton vor dem Stadtgericht entwaffnet und zu einer Strafe von 25 Dollars verurteilt. Nach Verlassen des Gerichtssaals schwor Ike Clanton Rache und kam gegen 15.00 Uhr mit seinen Brüdern und den McLaury-Leuten zurück ... und es fielen etwa 30 Schüsse ...


Abb. 15: aus damaligen Zeitungen stammende Artikel, die zusammengestellt für einen heutigen "Flyer" dienten.


Die wahre Geschichte liest sich völlig anders, als der Mythos, der seit Jahrzehnten gepflegt wird.


Michael H. Schöne


Quellen:

Hattich, William: „Tombstone, In History, Romance and Wealth“ Tombstone, Arizona, 1903

„Tombstone Daily Prospector, 2. November 1917/11. Dezember 1917

„The Journal of Arizona History“ Nr. 4, 1988

Testimony of Wyatt S. Earp in the Preliminary Hearing in the Earp-Holliday Case. In: Famous Trials: The O. K. Corral Trial. 2005

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