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Die Gutscheine der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft in Brasilien

Die österreichische Auslands-Siedlungsgesellschaft m.b.H. wurde durch Andreas Thaler und andere am 29. März 1933 in Wien gegründet und verfügte über eine Zweigstelle in Innsbruck. Thaler wurde mit Einzelprokura ausgestattet. Dies ermöglichte ihm, Liegenschaften im Ausland zu erwerben. Die Gesellschaft wurde im Jahr 1959 aufgelöst.


Zweck der Siedlungsgesellschaft war die Organisation von Auswanderung und der Aufbau von Siedlungen, hauptsächlich für Tiroler Bauern, um der Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskrise der 1930er Jahren zu entgehen.


Bild 1: Porträt (Öl auf Leinwand) des österreichischen Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft Andreas Thaler (1883-1939) aus dem Andreas-Thaler-Haus in Treze Tilias (Brasilien).
Bild 1: Porträt (Öl auf Leinwand) des österreichischen Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft Andreas Thaler (1883-1939) aus dem Andreas-Thaler-Haus in Treze Tilias (Brasilien).

Präsident der Auslands-Siedlungsgesellschaft war Andreas Thaler (geboren am 10. September 1883 in Oberau in der Wildschönau in Tirol; verstorben am 28. Juni 1939 in Dreizehnlinden, Brasilien).[1] Von 1914 bis 1919 war er Gemeindevorsteher von Oberau und ab 1919 Abgeordneter im Tiroler Landtag.

Von 1919 bis 1921 fungierte er als Obmann des Tiroler Antisemitenbundes. 1929 bis 1932 war er Obmann des Reichsbauernbundes. 1927 bis 1933 war er Nationalratsabgeordneter für die Christlichsoziale Partei. Vom 15. Januar 1926 bis 4. Mai 1929 und vom 30. September 1930 bis zum 18. März 1931 war er in fünf Kabinetten Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft.


Als Bauernsohn kannte Thaler die Nöte der einfachen Bauern in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts nur zu gut. Die Weltwirtschaftskrise brachte Arbeitslosigkeit, die nicht aufhören wollende Inflation seit den 1920er Jahren, die Tausend-Mark Sperre Hitlers[2],

die den schon damals wichtigen österreichischen Tourismus 1933 zum Erliegen brachte und die strenge Erbfolge der Tiroler Bauern, nach der der erstgeborene Sohn den Hof erbte und die anderen Geschwister leer ausgingen waren allgegenwärtige Sorgen. 1931 trat Thaler aus der Bundesregierung aus und widmete sich ganz der Aussiedlungsfrage. Er bereiste fast ganz Südamerika um geeignetes Siedlungsgebiet für seine Bauern zu finden. Auch hielt er viele Vorträge in Tirol und Vorarlberg, um für seine Siedlungsgesellschaft zu werben.

Das Gebiet des späteren Dreizehnlinden in Brasilien stand nach Thalers Südamerikareise ganz oben auf der Liste. Ausschlaggebend waren für ihn die wenigen Kindergräber auf den Friedhöfen, denn Gelbfieber war damals in Südamerika eine große Plage. Zudem lag das Gebiet auf 700 bis 1.300 Meter Höhe, war hügelig und die Temperatur war ähnlich der in Südtirol und im Welsch-Tirol (heutiges Trentin). Entscheidend für Thaler war auch die niedrige Bevölkerungsdichte des Landes mit nur fünf Menschen pro Quadratkilometer sowie die Eisenbahnanbindung an die großen Städte. Außerdem gab es in dieser Gegend schon weitere deutschsprachige Auswanderer. Seitens der brasilianischen Regierung erhielt Thaler jede Unterstützung, man war gerne bereit Österreicher aufzunehmen. Auf seiner Reise durch den Bundesstaat Santa Catarina[3] wurde Thaler vom österreichischen Konsul Walther von Schuschnigg[4] beraten. Schuschnigg schlug eine Siedlungsmöglichkeit in der Kolonie Sao Bento vor, nahe der Eisenbahnstation von Barra do Sao Bento, dem heutigen Itapui.

Diese Kolonie wurde von Jose Schneider verwaltet. In der 1928 gegründeten Siedlung lebten 300 überwiegend deutschkatholische Familien, Deutschbrasilianer, Reichsdeutsche, Österreicher, Russlanddeutsche und Schweizer. Ausgestattet mit 500.000 Schilling von der Dollfuß-Regierung konnte Thaler ein Gebiet von 52 Quadratkilometern im vorgeschlagenen Gebiet kaufen.


Bild 2: Siedlungsgebiet Dreizehnlinden.
Bild 2: Siedlungsgebiet Dreizehnlinden.

Am 08. September 1933 machten sich die ersten Auswanderer über den Hafen Genua auf die Reise und erreichten am 18. September 1933 Rio de Janeiro. Von dort erfolgte die beschwerliche Weiterfahrt ins Zielgebiet. Am 13. Oktober 1933 wurde Dreizehnlinden offiziell gegründet. Die Gemeinde war anfänglich streng genossenschaftlich strukturiert.


Andreas Thaler wurde bei der Namensfindung für die neue Siedlung durch das Buch von Friedrich Wilhelm Weber „Dreizehnlinden“[5] inspiriert. In diesem Epos geht es um christliche Missionierung und um den Niedergang des Heidentums. Das passte zu seinem katholischem Wertesystem und war der perfekte Name für die neue Siedlung.

 

Die ersten Jahre waren für die Neuankömmlinge sehr beschwerlich. Es warteten schwere Arbeit, ein wider Erwarten ungewohntes Klima, viele Entbehrungen und natürlich Heimweh. Aber es ging langsam voran.


Bild 3: Die ersten Siedler hausten in diesen Baracken.
Bild 3: Die ersten Siedler hausten in diesen Baracken.
Bild 4: Dreizehnlinden in den frühen Siedlungsjahren.
Bild 4: Dreizehnlinden in den frühen Siedlungsjahren.

Das vorhandene brasilianische Bargeld musste in erster Linie für den An- und Ausbau der Siedlung verwendet werden. Der Bargeldmangel belastete jedoch zunehmend den wirtschaftlichen Aufstieg der Gemeinde. Deshalb wurde ein Gutscheinsystem eingeführt, das auf geleisteter Gemeinschaftsarbeit basierte. Die Gutscheine waren außerhalb der Siedlung wertlos und innerhalb der Siedlung eine Art Ersatzwährung. Sie dienten vermutlich als Tauschmittel, um Lebensmittel, Alltagsprodukte und Ähnliches zu erwerben.


Folgende Gutscheine sind bekannt:[6]

  • Eine halbe Stundenschicht ohne gedruckte Unterschrift, Format 105 x 65 mm

  • Eine ganze Stundenschicht ohne gedruckte Unterschrift, Format 110 x 70 mm

  • Eine halbe Tagschicht mit gedruckter Unterschrift Andreas Thaler, Format 111 x 71 mm

  • Eine ganze Tagschicht mit gedruckter Unterschrift Andreas Thaler, Format 119 x 75 mm


Bild 5.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Stundenschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 5.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Stundenschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 5.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Stundenschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 5.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Stundenschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 6.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Stundenschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 6.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Stundenschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 6.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Stundenschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 6.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Stundenschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 7.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Tagschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 7.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Tagschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 7.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Tagschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 7.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine halbe Tagschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 8.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Tagschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 8.1: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Tagschicht ohne Datum, Vorderseite.
Bild 8.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Tagschicht ohne Datum, Rückseite.
Bild 8.2: Gutschein der österreichischen Auslands-Siedlungsgesellschaft für eine ganze Tagschicht ohne Datum, Rückseite.

Die farbig gestalteten Gutscheine weisen auf den Vorderseiten die Arbeitsleistung auf und die Rückseiten zeigen verschiedene landwirtschaftliche Motive. Alle Gutscheine sind auf Papier ohne Wasserzeichen und ohne Kontrollnummer ausgeführt. Ausgegeben wurden sie nach bislang bekannten Informationen in den Jahren 1934 bis 1935. Sie sollen in Österreich, vermutlich in Innsbruck gedruckt worden sein. Eine Druckerei ist allerdings nicht bekannt.

Für den Aufbau der Gemeinde und aufgrund der genossenschaftlichen Organisation müssen sehr viele Arbeitsstunden geleistet worden sein, folglich dürften in den Anfangsjahren viele Gutscheine Verwendung gefunden haben. Die genaue Anzahl ist nicht bekannt. Heute sind diese Stücke sehr selten und kaum erhältlich. Der Autor hatte seine Exemplare vor Jahren in Brasilien erworben. Eine aktuelle Bewertung kann für die wenigen bekannten bekannten Exemplare nicht abgegeben werden. Es dürften sich um Liebhaberpreise handeln, wenn solch ein Gutschein doch einmal angeboten werden sollte.


Ein Landlos von 20 ha kostete die Siedler seinerzeit 1.500 Schilling, das abbezahlt werden musste. Auch das bereitgestellte Vieh musste gekauft werden. Eine Familie bekam zunächst höchstens 20 ha Land zugewiesen. Zwei mittlere Kühe kosteten 300 bis 400 Milreis (damals 130 bis 170 Schilling). Ein Arbeiter verdiente pro Tag 2 Milreis[7]. Unbemittelte Siedler mussten so lange in der Gemeinschaftssiedlung arbeiten, bis sie die Mittel zum Ankauf einer eigenen Kolonie aufbringen konnten. Das bedeute einen hohen Anteil an gemeinschaftlicher Arbeit.


Und heute? Brasilien trat 1942 auf Seite der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg ein.

Die Regierung unter dem davor deutschfreundlichen Präsidenten Vargas änderte nun ihre Politik grundsätzlich. Die Verwendung der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit wurde verboten. Das Land der Siedler wurde enteignet und Dreizehnlinden in Papuan umbenannt. Am 29. April 1963 wurde Dreizehnlinden wieder zur selbstständigen Gemeinde erklärt.

Auch der ursprüngliche Name wurde wieder eingeführt, allerdings nun offiziell in der portugiesisch-sprachigen Version als "Treze Tilias".



Bild 9: Wappen von Treze Tilias – Das brasilianische Tirol.
Bild 9: Wappen von Treze Tilias – Das brasilianische Tirol.

Bis in die 1980er Jahre fristete man in Treze Tilias ein eher kärgliches Dasein, da die Straße in die nahe gelegene Stadt Joaçaba sehr schlecht und damit der Absatz für landwirtschaftliche Produkte erschwert war. Erst mit der Verbesserung von Infrastruktur,

der Anbindung an das überörtliche Straßennetz und der Gründung der Molkerei Tirol im Jahr 1975 erhielt die Gemeinde einen bedeuteten wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Firma Tirol ist inzwischen die zweitgrößte Molkerei in Brasilien, der größte Betrieb des Ortes und einer der größten der ganzen Region. Das zweite Standbein der Gemeinde Treze Tilias ist der Tourismus. Jährlich Mitte Oktober feiert die Gemeinde ein Tirolerfest zur Erinnerung an die österreichischen Einwanderer.


Bild 10: Tirolerfest in Treze Tilias.
Bild 10: Tirolerfest in Treze Tilias.

An die österreichische Tradition erinnern insbesondere das weit verbreitete Kunsthandwerk der Holzbildhauer sowie die Tiroler Musikkapelle Dreizehnlinden, die Schuhplattlergruppe, die Volkstanzgruppe, viele Häuser im Tiroler Baustil, die Edelweiß-Bar, das Rathaus,

die vielen Blumen an den Ortseinfahrten und im Zentrum sowie Hotels und Gebäude im alpenländischen Stil. Besuchen Sie einmal die Webseite von Treze Tilias[8]. Sie gibt es natürlich auch deutschsprachig.


Bild 11: Rathaus von Treze Tilias.
Bild 11: Rathaus von Treze Tilias.

Die Bewahrung von Tradition, Herkunft und Sprache, dem großen Ziel von Andreas Thaler, ist sehr gut gelungen. Zwischen Treze Tilias und der alten Heimat Tirol, insbesondere nach Wildschönau[9] [10] bestehen Partnerschaften, die intensiv gepflegt werden. Sollten Sie einmal die Gelegenheit haben in Brasilien zu sein, dann kann ich einen Besuch von Treze Tilias nur empfehlen.


Eigentlich wollte ich nur kurz diese seltenen Gutscheine vorstellen, aber nun ist doch ein längerer Text entstanden. Es gäbe noch sehr viel mehr zu erzählen: von der Zeit vor 90 bis 100 Jahren, von der Aufbauzeit in Brasilien und von der heutigen Zeit. Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick geben und vielleicht Neugier auf mehr wecken.


Thomas van Eck


Anmerkungen

[6] Sammlung des Autors

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