Die ungeliebte Klement-Gottwald-Banknote

Aktualisiert: März 26

Am 1. Oktober 1985 begann die Tschechoslowakische Staatsbank, Banknoten der Ausgabe III zu emittieren. Auch bei dieser Serie hielt man am bestehenden Sprachenkonzept fest, den Text der Banknoten abwechselnd nur auf Tschechisch (20, 100 und 1000 Kronen) oder Slowakisch (10, 50 und 500 Kronen) anzugeben. Die Scheine geben weder den Sitz noch eine Unterschrift des Ausgabeinstituts wieder, einzig eine Jahreszahl. Letztmalig findet sich auf den Scheinen ein Hinweis, dass die Noten durch Gold und andere Vermögenswerte gedeckt sind.


Zunächst gelangte der neue 1000-Kronen-Schein mit dem Brustbild des Komponisten Bedřich Smetana in Umlauf. Es folgte am 1. Juli 1986 die 10-Kronen-Note mit dem slowakischen Dichter Pavol Országh Hviezdoslav; die Note zu 50 Kronen gelangte ab 1. Oktober 1987 in Umlauf und zeigt den Schriftsteller und Politiker Ľudovít Štúr, gefolgt am 1. Oktober 1988 von der Note zu 20 Kronen, die den Philosophen, Theologen und Pädagogen Jan Amos Komenský – bei uns besser bekannt unter dem Namen Johann Amos Comenius – abbildet.

Der Wert zu 100 Kronen mit dem Konterfei von Klement Gottwald kam am 1. Oktober 1989 hinzu. Diese Note erregte sofort das Missfallen großer Bevölkerungskreise, sodass es vorkam, dass Bürger ihre Annahme verweigerten und bei Zahlungen die alten, noch gültigen Banknoten von 1961 verlangten oder eine andere Stückelung forderten. Am 25. Oktober demonstrierten sogar etwa 200 Bürger auf dem Prager Wenzelsplatz und forderten ihre Außerkurssetzung. Beim Finanzministerium, der Staatsbank und anderen staatlichen Behörden gingen Hunderte von Briefe ein, in denen der Einzug der Banknote gefordert wurde. Was erregte die Tschechen und Slowaken so sehr, dass sie die Banknote mit dem Brustbild Gottwalds mit politischen Parolen versahen oder das Porträt verunstalteten? Dabei ging das Publikum sogar das Risiko ein, dass für derart beschädigte Banknoten kein Ersatz geleistet wurde.


Abb. 1.: Státní Banky Československé, 1989, 100 Korun. Format: 147 x 67 mm.


Wer war Klement Gottwald, der so gehasst wurde? Er wurde am 23. November 1896 in Dědic, im damaligen österreichisch-ungarischen Mähren, als unehelicher Sohn der Landwirtschafts-arbeiterin Marie Gottwaldová geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er in Wien den Beruf des Tischlers. Schon früh schloss er sich sozialdemokratischen Jugendverbänden an. Während des Ersten Weltkriegs diente er in der k.u.k. Armee, aus der er desertierte, um dann zwei Jahre in der neugegründeten tschechoslowakischen Armee zu dienen. Im Mai 1921 gehörte er zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei, deren Vorsitzender er von 1929 – 1948 war. In den 1920er Jahren war er dafür verantwortlich, dass sich die Partei streng auf Moskau ausrichtete. Seit 1928 war Gottwald Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern. Nach dem Münchner Abkommen ging er 1938 ins Exil nach Moskau, von wo er nach dem Krieg nach Prag zurückkehrte und stellvertretender Ministerpräsident wurde. In den folgenden Jahren bereitete die tschechoslowakische KP die Machtübernahme vor. Als es Anfang 1948 zu einer Regierungskrise kam, nutzte Gottwald diese, um die nichtkommunistischen Regierungs-mitglieder auszuschalten und eine neue Verfassung zu oktroyieren, sodass er am 14. Juni 1948 das Amt des tschechoslowakischen Staatspräsidenten übernehmen konnte.

Unter Gottwalds Staats- und Parteiführung wurde ein rigoroser Repressionsapparat ins Leben gerufen. Zwischen 1948 und 1954 wurden vor dem sog. Státní soud (Staatsgericht) in politischen Schauprozessen 232 Personen zum Tode verurteilt, von denen 178 hingerichtet wurden, sowie weitere 100.000 Personen zu mehrjährigen Haftstrafen. Zehntausende wurden zum Zwangsdienst in den Lagern für militärische Zwangsarbeit verpflichtet. Gottwald starb am 14. März 1953 in Prag wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Moskau, wo er an der Begräbnisfeier für Stalin teilgenommen hatte. Nach dem Vorbild Lenins wurde er einbalsamiert und in einem Glassarg beim Nationaldenkmal am Veitsberg ausgestellt. Aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse wurde er 1962 eingeäschert und auf dem Olšany-Friedhof in Prag beigesetzt.[1]


Die Proteste gegen diese Banknote kamen zu diesem Zeitpunkt nicht von ungefähr. Erinnern wir uns: Mit dem Amtsantritt des sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow endete eine Phase politischer Stagnation. Unter den Schlagworten Glasnost und Perestroika wollte er Politik und Gesellschaft reformieren und die drückende Wirtschaftskrise überwinden.

Die veränderte politische Lage wirkte sich auch auf die Verhältnisse in den Staaten des sog. Ostblocks aus. Als erstes Land gab in Ungarn die Sozialistische Arbeiterpartei ihren Herrschaftsanspruch auf. Im Sommer setzte eine Massenflucht von DDR-Bürgern über die geöffnete ungarisch-österreichische Grenze ein. Nach der ersten halbwegs freien Parlamentswahl am 4. Juni 1989 im Warschauer Pakt regierte in Polen eine nichtkommunistische Regierung mit Tadeusz Mazowiecki an der Spitze. In Bulgarien wurde am 12. November der seit 1954 amtierende KP-Chef Todor Schiwkow gestürzt. Nur wenige Tage nach dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR fiel am 9. November 1989 die Berliner Mauer.


Auch in der Tschechoslowakei erscholl der Ruf nach Demokratie. Vom 10. bis 14. November 1989 gingen die Menschen in Teplice (Teplitz) auf die Straße, am 16. November demonstrierten Studenten in Bratislava (Preßburg). Am Tag darauf zogen 15.000 Studenten durch Prag. Die genehmigte Demonstration blieb zunächst unbehelligt, aber am Abend schlugen die Sicherheitskräfte zu und verletzten etwa 600 Demonstranten. Daraufhin riefen die Studenten zum unbegrenzten Streik auf, dem sich Schauspieler der Prager Bühnen anschlossen. Die Nachricht vom Tod des Studenten Martin Šmíd mobilisierte weite Teile der Bevölkerung und ab dem 20. November griff die Protestbewegung sukzessive auf das ganze Land über.

Am 29. November wurde die Bestimmung über die führende Rolle der Kommunistischen Partei in der tschechoslowakischen Verfassung aufgehoben und ab 5. Dezember die Grenzanlagen an der Grenze zu Österreich und der Bundesrepublik abgetragen.

Am 10. Dezember ernannte Präsident Husák zum ersten Mal seit 1948 eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung.


Aber zurück zur Gottwald-Banknote: Obwohl die Ausgabe wegen ihrer Merkmale für eine Optimierung der maschinellen Verarbeitung wichtig war, wurde ihr Druck bereits am

4. Dezember 1989 eingestellt und am 31. Dezember 1990 wurde sie sogar ungültig. Als Ersatz druckte die Staatsdruckerei in Prag eine zweite Auflage der Note von 1961, die ab 1. März 1990 ausgegeben wurden. Hierbei handelt es sich um Noten der Serien X 25 – 96, G 01 – 96 und M 01 – 24. Obwohl die 500-Kronen-Note entworfen wurde, verzichtete die Staatsbank auf ihre Fertigstellung.


Abb. 2.: Státní Banky Československé, 1961, 2. Auflage, 100 Korun. Format: 165 x 80 mm.


Bleibt noch anzumerken, dass die Rückseiten-Darstellung der Gottwald-Banknote 2001 auf einem Gedenkblatt zum 35. Jahrestag des Vereins der Banknotensammler, Niederlassung Prag, nochmals verwendet wurde. Sie zeigt den Hradschin (Prager Burgberg) und die Kleinseitner Brückentürme von der Karlsbrücke. Gedruckt wurde das Blatt auf Wasserzeichenpapier von der Staatsdruckerei in Prag.


Abb. 3: Gedenkblatt zum 35. Jahrestag der Gründung des Banknotensammler-Vereins, 2001.


Uwe Bronnert

Abb. Uwe Bronnert (Gedenkblatt), Hans-Ludwig Grabowski (Banknoten)


Literatur:

Pavel Hejzlar, Papírová platidla na území Čech, Moravy a Slovenska 1900 – 2019, Prag 2019.

Vladimír Tomšík et al., 100 Years of the Koruna, monetary policy – instutions – money, Pilsen 2018.

Anmerkungen [1] Angaben nach Wikipedia: "Klement Gottwald".


Anmerkung der Redaktion

Aus Anlass der Feierlichkeiten rund um das 100. Jubiläum der Tschechischen Krone wurde 2019 eine komplette Entwurfs-Serie zu letzten Ausgabe der Staatsbank nachgedruckt.

Siehe hierzu den Beitrag von Manfred Dietl: https://www.geldscheine-online.com/post/nachdruck-der-entw%C3%BCrfe-zur-letzten-banknoteserie-der-tschechoslowakei

Darunter befindet sich auch der Nachdruck des Entwurfs der Gottwald-Banknote zu 100 Kronen, siehe Abb.


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