Geheimnisumwitterte 500-Mark-Noten der DDR
- Uwe Bronnert

- vor 2 Stunden
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Am 19. März 1980 beschloss der Nationale Verteidigungsrat der DDR für den Verteidigungsfall eine zusätzliche Notenreserve in Höhe von 20 Milliarden Mark anzulegen. Um Kosten zu sparen, wurden Noten zu 200 und 500 Mark gedruckt. Die Staatsbank informierte am 22. Juni 1984 den Ministerrat der DDR, dass ein Teil der Reserve angelegt sei. Bekanntlich wurden die Scheine in Leipzig beim VEB Wertpapierdruckerei gedruckt, aber nie in Umlauf gesetzt.
Bereits vor Inkrafttreten der Währungsunion am 1. Juli 1990 begann die Staatsbank der DDR riesige Banknotenmengen – unter ihnen auch die Noten zu 200 und 500 Mark – in den Thekenbergen südlich von Halberstadt einzulagern. In der Stollenanlage sollten sie im Laufe der Zeit verrotten. Doch schon im Juni 1990 fanden einzelne Scheine der nicht ausgegebenen Noten ihren Weg in den Banknotenhandel. Die ersten Scheine wechselten bei einem Berliner Auktionshaus zu Preisen von bis zu 2.000 DM ihren Besitzer. Es wurden wohl eine größere Menge davon auf dem Transport zur Vernichtung gestohlen, denn die Scheine waren bereits im Herbst 1992 für nur noch ca. 90 DM zu erhalten.
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung und der Außerkurssetzung der DDR-Mark überschwemmten dann im Sommer 2001 plötzlich Tausende der schon fast vergessenen Geldscheine die Bundesrepublik. Außer Noten mit dem Konterfei von Marx und Engels wurden im Internet auch die nie im Umlauf gewesenen 200- und 500-Mark-Scheine zum Kauf angeboten. Das merkwürdige daran war, dass etliche der Scheine ziemlich muffig rochen und manchmal auch in der Größe geschrumpft schienen. „Grabräuber“ hatten sich Zugang zum unterirdischen Labyrinth in den Thekenbergen verschafft.
Vor etwa zehn Jahren wurden dann 500-Mark-Noten angeboten, die sich jedoch bei genauerem Hinsehen deutlich von den bekannten Noten unterscheiden:
Das Papier dieser Scheine entspricht nicht dem typischen DDR-Banknotenpapier. Es wiegt statt der 0,99 g nur 0,83 g und ist etwas steifer. Die matte Oberfläche weist deutlich eine andere Struktur auf. Zwar zeigt es auf dem linken Schaurand das Staatswappen der DDR als Wasserzeichen, das aber mit 27 mm Breite etwa 6 mm schmaler ist als bei den bisher bekannten Noten. Aber handelt es sich hierbei überhaupt um ein Wasserzeichen? Während bei den „alten“ Scheinen dort kleine Unebenheiten gefühlt werden können, ist der „neue“ Druck vollkommen glatt. Das vermeintliche Wasserzeichen entpuppt sich als Aufdruck und auch der Sicherheitsfaden auf der Rückseite wird durch einen silbernen Aufdruck vorgetäuscht. Ferner wurden die Scheine ausschließlich im Offsetdruck hergestellt, denn die Wertzahl 500 am linken unteren Schaurand und das Staatswappen auf der rechten Seite ist nicht fühlbar, anders als bei den bisher angebotenen Original-Scheinen, die teilweise im Tiefdruck produziert wurden. Überhaupt wirkt der Druck stellenweise flau und leicht verschwommen. Dies ist besonders am Schmuckband am unteren Rand der Vorder- und Rückseite sichtbar. Die angebotenen „neuen“ Noten stellten sich somit als Fälschungen heraus, obwohl die Fälscher bei ihrem Druck möglicherweise auf Original-Druckplatten zurückgriffen. Die Nummerierung ist ebenfalls identisch mit dem Original-Computersatz. Beides ist nicht abwegig, da nach der Wende z. B. bei ebay Original-Druckplatten als Altmaterial verkauft wurden.






Woher stammen diese "Blüten"? Bei der Papiergeldbörse in Valkenburg – es muss um 2016 gewesen sein – bot ein bekannter deutscher Händler – nennen wir ihn L. – an seinem Verkaufstisch aus einem Bündel einzelne 500-Mark-Scheine zum Kauf an. Wie sich später herausstellte, hatte er zusammen mit einem weiteren Kollegen abertausende dieser Scheine erworben. „Wohl informierte Kreise“ sprachen damals davon, dass der Geldscheinposten für 50.000 € den Besitzer gewechselt habe. Beide Händler waren der Meinung, dass mit dem 500er ein gutes Geschäft zu machen sei, da er zu diesem Zeitpunkt kaum noch im Handel angeboten wurde.
Besucher, die am Verkaufsstand die Scheine genauer betrachteten, machten L. darauf aufmerksam, dass mit ihnen etwas nicht stimmen würde. Ein Vergleich mit anderen 500-Mark-Noten bestätigten den Verdacht. Bei den angebotenen Noten handelte es sich um Fälschungen. Der Schreck war groß, als es L. bewusst wurde, dass er auf eine höchst dubiose Geschichte hereingefallen war. Nach Angaben der ungarischen Verkäufer seien die Noten bei der Filiale der Außenhandelsbank der DDR im Budapest eingelagert gewesen. Der „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands (Einigungsvertrag) vom 31. August 1990“[1] enthalte einen Zusatzartikel, nach dem DDR-Banknoten, die nach dem 1. Juli 1990 aus dem Ausland bei der Filiale der Außenhandelsbank in Zwickau präsentiert würden, in DM umgetauscht würden. Der Umtauschversuch sei jedoch aus nicht näher bekannten Gründen gescheitert, sodass die Scheine nun an Banknotenhändler verkauft werden sollten.
Dass diese Geschichte jeder Grundlage entbehrte, hätte man leicht feststellen können. Weder die Außenhandelsbank noch die Staatsbank Berlin bzw. die KfW (beide Nachfolgebanken der Staatsbank der DDR) hatten eine Zweigstelle in Zwickau. Auch war die DDR-Mark eine reine Binnenwährung, also nicht konvertierbar.[2] Daher konnten am 1. Juli 1990 auch nur Bürger, die in der DDR ihren Wohnsitz hatten, DDR-Mark in D-Mark umwechseln. Dazu mussten sie ihr Bargeld zuerst auf ein Bankkonto einzahlen.
Die Bankguthaben von natürlichen und juristischen Personen mit Wohn- bzw. Geschäftssitz außerhalb der DDR wurden im Verhältnis 2:1 umgestellte, wenn sie bereits vor dem
31. Dezember 1989 bestanden. Bei Bankguthaben, die nach dem 31. Dezember 1989 entstanden waren, galt ein Umstellungsverhältnis von 3:1. Bargeld war vom Umtausch ausdrücklich ausgeschlossen. Darüber hinaus waren die 500-Mark-Noten niemals gesetzliche Zahlungsmittel und auch nie offiziell ausgegeben worden. Warum hätte man sie umwechseln sollen. Und wieso tauchten die Geldscheine gerade jetzt, mehr als 15 Jahre nach der Wiedervereinigung, auf?
Es ist verständlich, dass bei diesen fragwürdigen Angaben die Gerüchteküche brodelte. Gesichert scheint nur, dass eine Budapester Druckerei die Falsifikate herstellte. Aber wann wurden diese gedruckt; wer war/waren der/die Auftraggeber und zu welchem Zweck wurden sie gedruckt? War von Anfang an geplant, Händler und Sammler damit zu täuschen oder wollte man preisgünstige Reproduktion zum Kauf anbieten? Fragen über Fragen und keine Antworten.
Bleibt anzumerken, dass ein bekannter Berliner Papiergeldhändler einen Posten der Falsifikate von L. übernahm. Allerdings beugte er dem Vorwurf vor, er würde ungekennzeichnete Fälschungen verkaufen. So ließ er auf der Vorderseite der Scheine einen Kastenaufdruck mit dem Wort „FALSCH“ anbringen.

Im Sommer 2020 rückten die falschen Fünfhunderter nochmals in den Fokus. Die Polizei hob eine Fälscherwerkstatt in Hamburg aus, in der Euro-Noten gefälscht worden waren. Quasi als Beifang wurden auch größere Mengen 500-DDR-Mark-Noten sichergestellt.
Die Ermittler wandten sich wegen der DDR-Banknoten an die Kriminaltechnik beim Bundespolizeipräsidium in Koblenz und das und es war bald klar, dass es sich um Fälschungen handelte, die nicht in Hamburg hergestellt worden waren. Wieder fragte man sich, was beabsichtigten die Fälscher mit dem Nachdruck der nie ausgegebenen DDR-Banknoten, die sich zudem signifikant von den Originalen unterscheiden? In den Zeitungen war über den Fahndungserfolg der Polizei nichts zu lesen. Warum? Auch dies bleibt wohl ein Geheimnis.
Uwe Bronnert
Anmerkungen
[1] BGBl. 1990 II S. 889.
[2] Eine Währung ist konvertierbar, wenn jeder – Privatpersonen, Unternehmen, Banken –
sie ohne Genehmigung, Mengenbegrenzung oder Zweckbindung in andere Währungen umtauschen darf.



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