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Notgeld aus Worpswede, dem Lieblingsort der Künstler

Die Zufallsbekanntschaft mit der jungen Kaufmannstochter Mimi Stolte aus Worpswede führt zuerst den Düsseldorfer Kunststudenten Fritz Mackensen 1884 in das 18 Kilometer nordöstlich von Bremen gelegene Dorf Worpswede. Fasziniert von der Weite des Himmels und der Landschaft des Teufelsmoors sowie seinen Bewohnern kehrte er 1886 zurück. Begleitet von seinem Studienfreund Otto Modersohn und dem Münchener Kollegen Hans am Ende folgte 1889 ein weiter Besuch. Auch die Freunde erlagen dem Charme der unberührten Natur und des bäuerlichen Lebens. So blieben die Drei auch über den Spätsommer hinaus in Worpswede. Das war die Geburtsstunde der Worpsweder Künstlerkolonie.


Abb.1: Sonderpostwertzeichen der Deutschen Bundespost „100 Jahre Künstlerdorf Worpswede“. Die Briefmarke wurde von Sibylle und Fritz Haase, Bremen, entworfen.

Sie zeigt das Gemälde „Der Sommerabend“ von Heinrich Vogeler aus dem Jahr 1905.


Schon bald (1892) schlossen sich die Maler Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler der Gruppe an. Die Fünf legten den Grundstein für den überregionalen Ruf des Künstlerdorfes.

Die gemeinsame Arbeit vor einer noch als ursprünglich empfundenen Natur führte die Maler zu einer nationalen Beachtung ihrer künstlerischen Arbeiten. 1895 stellten sie ihre Werke im Münchener Glaspalast aus und wurden zu einem Begriff in der deutschen Kunstszene.

Mit ihrer lyrischen Landschaftsauffassung trafen sie den Nerv des städtischen Kunstpublikums.


Weitere Künstler kamen nach Worpswede: Unter ihnen der Dichter Rainer Maria Rilke, der hier die Bildhauerin Clara Westhoff kennenlernte, die er später heiratete; auch Heinrich Vogeler und Martha Schröder heiraten, ebenso Otto Modersohn und Paula Becker.

Für kurze Zeit entstand eine „Künstlerfamilie“, die jedoch an den unterschiedlichen politischen und künstlerischen Einstellungen zerbrach. Nach dem Tod seiner Frau Paula (20. November 1907) verließ Modersohn Worpswede. Der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur. Hans am Ende starb an den Folgen einer schweren Kriegsverletzung am 9. Juli 1918 in Stettin, Heinrich Vogeler brach radikal mit seiner Kunst und wandte sich dem Kommunismus zu.

1931 siedelte er endgültig in die Sowjetunion um und starb 1942 unter tragischen Umständen im sowjetischen Exil.


Weitere Künstlergenerationen ließen sich in Worpswede nieder. Unter ihnen Walter Bertelsmann, Sophie Bötjer, Udo Peters, Albert Schiestl, Karl Krummacher und Benni Huys sowie die Schriftsteller Waldemar Augustiny und Manfred Hausmann. Zu ihnen gehört auch Walter Müller (1901 – 1975). Nach seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Bremen zog er 1919 nach Worpswede. 1922 heiratete er die Gobelin-Weberin Bettina Vogeler, Tochter von Heinrich und Martha Vogeler. Walter Müller schickte sich an, ein vielseitiger Künstler zu werden. Er arbeitete als Architekt, vor allem in Bremen, war aber auch als Maler und Grafiker tätig. Von ihm stammen zahlreiche Buch-Illustrationen und auch Entwürfen für die Bildweberei im Haus im Schluh, die von Martha Vogeler gegründet worden war.


Weniger bekannt ist, dass Walter Müller auch zwei Notgeldscheine der Gemeinde Worpswede schuf. Seine Entwürfe heben sich wohltuend aus der Masse der Serienscheine ab. In ihnen wird der Drang des Künstlers nach Veränderung und Individualität spürbar.

Seine Darstellungen sind auf einfache Formen und markante Elemente reduziert und wirken holzschnittartig, die Farbgestaltung plakativ. Er greift bei seinen Entwürfen Elemente des Expressionismus auf.[1]


Abb. 2.1: Worpswede, Gemeinde, o. D., 25 Pfennig, Vorderseite


Abb. 2.2: Worpswede, Gemeinde, o. D., 25 Pfennig, Rückseite


Abb. 3.1: Worpswede, Gemeinde, o. D., 50 Pfennig, Vorderseite


Abb. 3.2: Worpswede, Gemeinde, o. D., 50 Pfennig, Rückseite


Die undatierten Scheine zu 25 und 50 Pfennig druckte die „Künstlerpresse Worpswede“,

wie am unteren Rand der Rückseite zu lesen ist. Auf der Vorderseite hat sich der Künstler verewigt. Beide Scheine tragen zudem einen kleinen Trockenstempel der Gemeinde.


Während des Zweiten Weltkriegs bot Worpswede Zuflucht für verfolgte oder heimatlos gewordene Künstler, wie z. B. für den Surrealisten Richard Oelze.


Noch heute gibt es eine lebendige Künstlerkolonie mit Ateliers, Galerien und Werkstätten in Worpswede. Stipendiaten aus der ganzen Welt arbeiten hier. Außerdem bieten viele Künstler Kurse und Seminare in verschiedenen Kunsttechniken und Kunsthandwerken an.


Was ist das Erfolgsgeheimnis von Worpswede? Auf der Internet-Seite der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen finden sich zu der Ausstellung „Ein Stück vom Himmel? Künstlerkolonie Worpswede“ (2007) die folgenden Sätze:


„Sicherlich nährt sich die Attraktivität der Worpsweder Künstlerkolonie, die bis heute anhält, auch aus dem tief verwurzelten Bedürfnis der Menschen nach unberührter Landschaft. Diese Sehnsucht nach Landschaft kann die Worpsweder Künstlergruppe auch bis in die Gegenwart befriedigen, denn den dortigen Malern und Zeichnern war es vortrefflich gelungen, ihre eigene Sehnsucht nach Natur in einprägsame Bildmotive zu überführen.

Die Ausstellungsmacherin, Isabell Schenk-Weininger, fasst dies wie folgt zusammen:

‚Die vorgefundene, eigentlich eher unspektakuläre Landschaft und ihre Bevölkerung wurden zu als typisch erachteten Motiven verdichtet: die Birkenreihen, Moorkanäle, Torfboote und reetgedeckten Katen, der weite Himmel und die flache Ebene mit ihrem langgestreckten Horizont, die sich in die Landschaft einfügenden arbeitenden Bauern und spielenden Kinder. Diese Motive funktionieren bis heute als Sehnsuchtsmetaphern.‘“[2]


Uwe Bronnert

Anmerkungen [1] „‚Expressionismus‘ leitet sich aus den lateinischen Wörtern ‚ex‘ und ‚premere‘ ab, die zusammengesetzt ‚ausdrücken‘ bedeuten. Im weiteren Sinne bezeichnen sie auch, dass etwas von innen nach außen getragen wird. Der Expressionismus gilt als Epoche des Ausdrucks, beziehungsweise der Ausdruckskunst, da sich die Gefühlswelt der Künstler ungehalten in Kunst und Literatur niederträgt. Hierbei steht die individuelle, innere Wahrnehmung der Dinge im Vordergrund und nicht wie üblich die Abbildung dessen, was das Auge wahrnimmt.“ https://www.schreiben.net/artikel/expressionismus-4403/#die-kuenstlergruppe-bruecke-kg-bruecke (24.08.2021)


[2] Worpswede – Ein deutscher Künstlerhimmel auf Erden. <http://www.bietigheim-bissingen.de> (24.08.2021)

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