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Von der "Platte" zu "Erichs Lampenladen"

Zur Gestaltung der Rückseite der Banknote zu 100 Mark der Staatsbank der DDR der Ausgabe 1975[1]


„Erichs Lampenladen“ war in der DDR ein Spitzname für den am 23. April 1976 eröffneten Palast der Republik am Marx-Engels-Platz (Lustgarten) im Zentrum von (Ost-)Berlin. Mit dem Bau war im November 1973 begonnen worden. Der Palast der Republik war Sitz der Volkskammer der DDR und beinhaltene ferner zahlreiche Veranstaltungsräume, Bars und Restaurants, die für Besucher frei zugänglich waren. Er wurde im September 1990 wegen der Belastung mit Spritz-Asbest geschlossen, dann entkernt und zwischen 2006 und 2008 abgerissen – eine Entscheidung, die immer noch kontrovers diskutiert wird. Heute steht an dieser Stelle der Nachbau des Berliner Stadtschlosses mit dem Humboldt-Forum.

Der Spitzname „Erichs Lampenladen“ (auch „Lampenhaus Mitte“) spielte auf die rund 10.000 kugelförmigen Lampen in Foyer des Gebäudes an.


Palast der Republik, Blick in das Hauptfoyer, Foto: Ulrich Kohls, Aufnahme vom 22. April 1976, einen Tag vor der Eröffnung des Gebäudes. Abb. Bundesarchiv (Wikimedia Commons).
Palast der Republik, Blick in das Hauptfoyer, Foto: Ulrich Kohls, Aufnahme vom 22. April 1976, einen Tag vor der Eröffnung des Gebäudes. Abb. Bundesarchiv (Wikimedia Commons).

Staatsbank der DDR - 100 Mark Ausgabe 1975, ausgegeben ab 2.10.1978 (Grab DDR-25, Ro. 363), Rückseite: Stadtzentrum von (Ost-)Berlin mit Palast der Republik, fertiggestellt 1976. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.
Staatsbank der DDR - 100 Mark Ausgabe 1975, ausgegeben ab 2.10.1978 (Grab DDR-25, Ro. 363), Rückseite: Stadtzentrum von (Ost-)Berlin mit Palast der Republik, fertiggestellt 1976. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.

 

Der Palast der Republik ist auf der Rückseite der ab 2. Oktober 1978 ausgegebenen Banknote zu 100 Mark der Staatsbank der DDR (Ausgabe 1975)[2] abgebildet. Auf dieser Abbildung ist die Sicht auf das Gebäude von der Straße „Unter den Linden“ her in Richtung Osten, so dass vom Betrachter aus links das historische Zeughaus, mittig im Hintergrund der Fernsehturm am Alexanderplatz, und rechts ein kleiner Ausschnitt des Kronprinzenpalais zu sehen ist. Das an das Kronprinzenpalais an der Straße Unter den Linden Richtung Osten anschließende Gebäude der Alten Kommandantur ist nicht im Bild – es war im Krieg beschädigt und 1950 abgerissen worden, es wurde erst zwischen 2001 und 2003 wieder errichtet.

 

Die Abbildung des Palastes der Republik auf der Rückseite der Banknote zu 100 Mark war zunächst nicht vorgesehen. Als das Politbüro des Zentralkomitees der SED[3] am

10. November 1970 die Motive für die Ausgabe einer neuen Banknotenserie der Staatsbank der DDR festlegte, wählte man für die Wertstufe zu 100 Mark auf der Vorderseite eine Kopfabbildung von Karl Marx und für die Rückseite eine Abbildung des zwischen 1962 und 1964 errichteten Staatsratsgebäudes am Marx-Engels-Platz (Schlossplatz) in (Ost-)Berlin[4]. Der Entwurf der Vorderseite des Scheines stammte von Margot Bitzer, derjenige der Rückseite von Gerhard Faulwasser[5]. Die Farbe des Scheines sollte dunkelbau sein.

 

Ursprünglicher Entwurf der 100-Mark-Banknote der Staatsbank der DDR von 1971 mit dem Staatsratsgebäude auf der Rückseite. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.
Ursprünglicher Entwurf der 100-Mark-Banknote der Staatsbank der DDR von 1971 mit dem Staatsratsgebäude auf der Rückseite. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.

Bereits mit Beschluss des Politbüros vom 1. Juni 1971 wurde das Motiv der Rückseite geändert. Es sollte nunmehr das Stadtzentrum von Berlin nach seiner Fertigstellung 1974 zeigen. Eine Begründung hierfür findet sich in der kurz gehaltenen Beschlussvorlage nicht. Die Gründe für diese Entscheidung mögen politischer Natur gewesen sein: 1974 wurde tatsächlich der städtebaulich neu gestaltete Bereich rund um das Rote Rathaus und den Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin fertig gestellt, wodurch die Funktion von (Ost-)Berlin als Hauptstadt der DDR betont und hervorgehoben werden sollte. Die Ausgabe der Banknote zu 100 Mark sollte nach der Beschlussvorlage im 2. Halbjahr 1977 erfolgen. Sie verzögerte sich, weil der VEB Deutsche Wertpapierdruckerei in Leipzig die Produktion von Banknoten für die Staatsbank der DDR zwischen Ende 1976 und Herbst 1977 zugunsten eines anderen Auftrags zurückstellen musste, nämlich der Herstellung von Banknoten für Vietnam.


2. Entwurf der Rückseite der Banknote zu 100 Mark von 1971 (Ausschnitt) - Stadtzentrum von (Ost-)Berlin. Bildnachweis: KfW, Historisches Konzernarchiv, MüA 839.
2. Entwurf der Rückseite der Banknote zu 100 Mark von 1971 (Ausschnitt) - Stadtzentrum von (Ost-)Berlin. Bildnachweis: KfW, Historisches Konzernarchiv, MüA 839.

 

Zu sehen sind auf der der Beschlussvorlage von 1971 zugrunde liegenden, gezeichneten Entwurfsvorlage moderne mehrgeschossige Wohn- bzw. Bürohäuser im Stadtzentrum von (Ost-)Berlin. Links an die moderne Häuserzeile schließt sich ein Altbau an. Im Hintergrund ist der Fernsehturm am Alexanderplatz sowie schemenhaft das rote Rathaus zu sehen, ferner zwei Hochhäuser. Im Vordergrund sind Autos sowie ein Linienbus zu erkennen, bei dem es sich um wahrscheinlich um ein ungarisches Ikarus-Modell Typ 66 handeln dürfte, der ab Mitte der 1960-er Jahre im Ostberliner Stadtverkehr zum Einsatz kam. Die Straßenszene lässt sich identifizieren: Es handelt sich um die Straßenkreuzung Wilhelmstraße/Unter den Linden mit Blick nach Osten[6]. Das größere Hochhaus im Hintergrund links ist das 1970 fertig gestellte Hotel Stadt Berlin, das kleinere Hochhaus vermutlich das zwischen 1969 und 1971 errichtete Haus des Reisens; beide Gebäude befinden sich am Alexanderplatz.

 

Mit dem Richtfest des Palastes der Republik am 18. November 1974 war klar, dass dieser vor der Ausgabe der Banknote zu 100 Mark fertig gestellt sein würde. Mit seiner Eröffnung sollte die Umgestaltung des Ostberliner Stadtzentrums abgeschlossen werden. Durch Beschluss des Politbüros vom 8. November 1974 wurde daher die im Juni 1971 beschlossene Abbildung der Rückseite der Banknote zu 100 Mark erneut verworfen, und ein neues Motiv beschlossen, dass das Ensemble rund um den Marx-Engels-Platz mit dem Palast der Republik im Mittelpunkt zeigen sollte. Bewusst war keine Fokussierung allein auf den Palast der Republik gewollt. Vielmehr sollte durch die Verbindung von Zeughaus und (kleinem) Ausschnitt des Kronprinzenpalais die „harmonische Verbindung moderner und prägnanter Bauwerke sozialistischen Charakters mit der historischen klassizistischen Architektur Berlin dar[gestellt]“ werden.


3. Entwurf der Rückseite der Bankote zu 100 Mark von 1974 (Ausschnitt) - Stadtzentrum von (Ost-)Berlin mit Palast der Republik im Rohbau. Bildnachweis: KfW, Historisches Konzernarchiv, MüA 839.
3. Entwurf der Rückseite der Bankote zu 100 Mark von 1974 (Ausschnitt) - Stadtzentrum von (Ost-)Berlin mit Palast der Republik im Rohbau. Bildnachweis: KfW, Historisches Konzernarchiv, MüA 839.

 

Nachdem das Politbüro den Andruck der Banknote zu 100 Mark mit Beschluss vom 2. August 1977 freigegeben hatte, begann die Produktion der Scheine im 4. Quartal 1977 im VEB Deutsche Wertpapierdruckerei Leipzig. Die bis April 1978 herzustellende Erstauflage (Serienbuchstaben AA bis AH) betrug 80 Millionen Scheine, hinzu kommen Austauschnoten mit den Serienbuchstaben ZA bis ZD.

 

Das endgültig umgesetzte Rückseitenmotiv weicht in Details von der Vorlage der Beschlussfassung vom November 1974 ab: Der Fernsehturm erscheint weniger alleinstehend, der Turm des Roten Rathauses im Hintergrund ist nur andeutungsweise zu erkennen. Abgebildet sind zudem Straßenlaternen. Außerdem ist die Straße mit Verkehr und Passanten belebt, was die Szene lebhafter und weniger künstlich erscheinen lässt. Dieser Effekt dürfte gewollt gewesen sein. Es ist zu vermuten, dass dem ausgeführten Motiv einen Originalfoto zugrunde gelegen hat, das kurz vor oder nach Eröffnung des Palastes 1976 aufgenommen wurde, während der Entwurf von 1974 sich zwangsläufig auf eine Fotografie des Rohbaues stützen musste. Deutlich zu sehen ist das an der Fassade des Palastes des Republik –

auf dem ausgegebenen Schein ist die Glasfront zu sehen, in der sich Wolken spiegeln.

Der Entwurf von 1974 dagegen zeigt eine offene Gebäudefront ohne Fassade und ohne Innenausbau. Zudem fehlt das Staatswappen über dem Gebäudeeingang.


Staatsbank der DDR - 500 Mark Ausgabe 1985, nicht ausgegeben (Grab DDR-27, Ro. 365) - Rückseite: Staatsratsgebäude in (Ost-)Berlin. Diese Abbildung war zunächst für die Rückseite der Banknote zu 100 Mark Ausgabe 1975 vorgesehen. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.
Staatsbank der DDR - 500 Mark Ausgabe 1985, nicht ausgegeben (Grab DDR-27, Ro. 365) - Rückseite: Staatsratsgebäude in (Ost-)Berlin. Diese Abbildung war zunächst für die Rückseite der Banknote zu 100 Mark Ausgabe 1975 vorgesehen. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.

 

Die 1971 für die Banknote zu 100 Mark entworfene rückseitige Abbildung des Staatsratsgebäudes wurde 1984 durch die Staatsbank der DDR als Motiv wieder aufgegriffen und für die Rückseite der nicht ausgegebenen Banknote zu 500 Mark von 1985 (Grab DDR-27, Ro. 365) verwendet.

 

Dr. Sven Gerhard

 

Anmerkungen

  1. Grabowski DDR-25, Ro. 363.

  2. Anordnung Nr. 4 über die Ausgabe neuer Banknoten der DDR vom 18. August 1978, GBl 1978 I S. 350.

  3. Das Politbüro des ZK des SED war das höchste Führungsgremium der Staatspartei SED. Es traf in seinen wöchentlichen Sitzungen alle grundsätzlichen politischen und wichtigen personelle Entscheidungen, nachdem sie von den Behörden vorbereitet worden waren.

  4. Der 1960 gegründete Staatsrat war das formelle Staatsoberhaupt der DDR.

  5. Peter Reissig, DDR-Papiergeld Katalog und Geschichte mit Bewertungen (8), moneytrend 6/2011, S. 210 ff.

  6. Frank Scholz vom DGW e.V. an dieser Stelle vielen Dank für die entsprechenden Hinweise und Bildbelege.

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