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Schmuggel in den Alpen

Seit Hunderten von Jahren wird an Ländergrenzen gepascht, auch nach der Abtrennung großer Gebietsteile Tirols an Italien im Oktober 1920 wurde geschmuggelt. Die Tiroler Bergbauern und Hirten kannten sich besser im Hochgebirge aus, als die Zöllner beiderseits der neuen Grenze.

Geschmuggelt wurde alles, was es auf der einen Seite der Grenze nicht gab oder spürbar teurer war als auf der anderen Seite. So trugen meist junge Männer in den Kraxen z. B. Lebensmittel und Wein nach Österreich und Tabak, Salz und Felle nach Italien. Auch Schmalz wurde geschmuggelt und getauscht, Für 1 Stözl Schmalz (ca. 5 Kilogramm) bekam man in Österreich 30 kg Gerste – in Südtirol immerhin das Doppelte! Herausragend, üblich, aber besonders gefährlich war der Viehschmuggel von Schafen und Kühen!

Die Einheimischen nannten es „Iibergean“, das Hinübergehen über die Pässe in den Ötztaler und Stubaier Alpen. Zwischen dem Passeiertal und dem Ötztal spielten sich lebensgefährliche und auch tödliche Schmuggeltouren ab. Die Ausnahme waren Bestechungsgelder an die italienischen „Finanzieri“ oder die österreichischen „Grenzer“.


Abb. 1: der begehbare Würfel „Schmuggler“ auf der Hochalpenstraße im Timmelsjoch;

im Inneren des Denkmals können Wanderer heute Informationen darüber finden,

welchen Gefahren die Schmuggler im Hochgebirge ausgesetzt waren (https://www.nationalgeographic.de).


Ein Beispiel aus dem Jahr 1933: zwei befreundete Südtioler aus Pfelders und Riffian hatten bei der sommerlichen Bergmahd im österreichischen Gurgl geholfen. Sie hatten Tabak in Höhe von 250 Schilling eingekauft; den Tabak konnten sie jedoch im heimischen Italien nicht absetzen.


Abb. 2: 100 Schilling vom 3. Jänner 1927, Vs., 170 × 85 mm; in Umlauf vom 23. April 1928 bis 15. Mai 1938, das war der Lohn für 25 Arbeitstage à 4 Schilling pro Tag.


Abb. 3: 100 Schilling vom 3. Jänner 1927, Rs., ohne Wasserzeichen; Abbildung: Gebäude der Akademie der Wissenschaften in Wien; der Schein entsprach 1933 etwa 370 Lire.


An der Zwickauer Hütte wurden beide von drei italienischen Grenzwächtern gestellt und mit Schließketten gefesselt; zwei „Finanzer“ legten sich schlafen und auch der dritte war eingenickt. Die beiden festgesetzten Schmuggler sahen eine Chance, sich zu befreien, lösten sich gegenseitig die Fesseln, aber es eskalierte: einer der Wächter wachte dadurch auf und schlug Lärm. Paul Gufler aus Pfelders schlug ihm mit einem Eispickel und Paul Hofer aus Riffian bemächtigte sich einem Gewehr. Es kam zur Schießerei. Gufler und ein „Finanzer“ wurden verletzt. Hofer flüchtete und sein Bruder kam mit einem Bekannten zur Hütte, halfen gemeinsam dem Gufler und steckten die Hütte in Brand und später fand man die verbrannten Leichen der italienischen Beamten. Die Zeitungen berichteten von der dramatischen „Bluttat auf der Zwickauer Hütte“, die die Bevölkerung in der angespannten Situation zwischen Österreich und Italien in damaliger Zeit aufschreckte und ängstigte.


Ein zweites Beispiel lässt erahnen, welchen Profit man mit Viehschmuggel auch nach dem Zweiten Weltkrieg erlangen konnte. Zu dieser Zeit herrschte in vielen Bergwirtschaften Südtirols die blanke Not. Vigil Kuprian erinnert sich:

„Am Hof hat man nichts verdient. Und andere Arbeit gab es nicht ... 9.000 Lire sei ein Monatslohn am Hof gewesen, ein Paar Schuhe habe 12.000 Lire gekostet. Gelernt habe er auch nichts ... Einmal übergehen [= Iibergean] brachte gleich viel ein wie drei Monate als Hofknecht zu arbeiten.“

Abb. 4: 1.000 Lire, 12. Juli 1946 gem. Decreto Ministeriale, Vs., 244 × 147 mm;

Unterschriften: Einaudi/Urbini; der Schein entsprach 1947 etwa 17,40 Schilling = 1,74 US-Dollar.


Abb. 5: 1.000 Lire, 12. Juli 1946, Rs., mit Wasserzeichen; diese Variante wurde in einer Menge von 15,0 Mio. Stück beim Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato gedruckt – außer Kurs am 30. Juni 1953.


Abb. 6: 20 Schilling, 29. Mai 1945, Vs., 137 × 73 mm; in Umlauf vom 13. Dezember 1945 bis 24. Dezember 1947.


Abb. 7: 20 Schilling, 29. Mai 1945, Rs., der Schein entsprach etwa 1.200 Lire.


Etwa 3.000 Schilling musste man 1947 in Österreich für eine Kuh bezahlen; nach dem Schmuggel über die Berge gen Süden erhielt man im italienischen Südtirol über das Dreifache, etwa 10.000 Schilling bzw. über eine halbe Million Lire. Die Schmuggler nahmen ungern italienisches Geld für ihre „Ware“ – zum einen aus Furcht vor einem Inflationsverlust, aber noch mehr aus Furcht vor Falschgeld.


Abb. 8: falscher 100-Lire-Schein, 23. August 1943, Vs., 189 × 119 mm, Perforation „FALSO“,

die 33,6 Mio. Originalscheine waren bis 30. Juni 1950 im Umlauf.


Abb. 9: falscher 1000-Lire-Schein 1943A, 156 × 67 mm, Perforiert „FALSO“, mit Stempel „ANNULLATO / 14 DIC 1946 / BANCA D’ITALIA / NAPOLI“; die über 69 Mio. bei Forbes LMCo. gedruckten Originalscheine waren bis 30. Juni 1950 im Umlauf (Verlängerung bis zum 31. Dezember 1951).


Auch zwischen der Schweiz und Italien wurde jahrzehntelang geschmuggelt. Tabak, Kaffee, Alkohol und Zucker waren begehrte Schmuggelwaren. So kostete 1897 ein Kilogramm Zucker in der Schweiz etwa 0,30 Franken, aber über das Doppelte in Italien; für ein Kilogramm Kaffee bezahlte man in der Schweiz 1,75 Franken und erzielte immerhin 5,50 Lire (ca. 2,75 Franken) im südlichen Nachbarland.


Abb. 10: 20 Franken vom 1. Oktober 1874, Vs., 120 × 80 mm; Banknote der Banca della Svizzera Italiana, der Schein entsprach 1897 etwa 40 Lire oder dem Wert von über 66 kg Zucker bzw. über 11 kg Zucker in der Schweiz.


Die Schmuggler nutzten Boote, Karren oder Züge als Transportmittel und sogar Hunde wurden mit Waren beladen. Zwischen Arogno und dem Val d’Intelvi wurden 1934 Schmuggler in Gruppen bis zu 130 Personen von italienischen Grenzpatrouillen gezählt.

Noch heutzutage wird zwischen Österreich und Italien geschmuggelt: in Form des extremen Tanktourismus. Ein 48-jähriger Österreicher wollte am 20. Juli 2020 dreizehn 25-Liter-Kanister und einem Tank mit 1.000 Liter Diesel-Kraftstoff auf einem Pick-up nach Italien bringen, wurde jedoch von Carabinieri im Südtiroler Winnebach (Prato alla Drava) gestellt und angezeigt. Wegen Zollvergehen drohte dem Kärntner Bauarbeiter eine Haftstrafe von mindestens sechs Monaten sowie einer Geldstrafe von 7.650 Euro.

Zigarettenschmuggel nach der Schweiz war in den letzten Jahren keine Ausnahme: Beamte der Zollkreisdirektion Schaffhausen konnten 2017 ein Schmuggler-Duo dingfest machen.

Das hatten innerhalb von sechs Monaten über 1,2 Mio. Zigaretten in die Schweiz verbracht. Der erhoffte Profit von 20 Franken je Stange wandelte sich jedoch auf mehr als 300.000 Franken um – ein Betrag an hinterzogener Einfuhr- und Tabaksteuer.


Michael H. Schöne


Quellen:

* Hessenberger, E./Bachnetzer, Th.: „Geschichten von der Grenze in den Ötztaler Alpen“, Innsbruck 2019

https://www.tageszeitung.it: „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“ Onlineausgabe

vom 22. Juli 2020

 




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