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  • Notaphile Gedanken zum Martinstag

    „Laterne, Laterne, …“. Jedes Jahr ziehen Scharen von Kindern mit bunten Laternen Martins- und Laternenlieder singend durch die dunklen Straßen zu einem Platz, wo das Martinsfeuer entfacht wird. Hier verteilt Sankt Martin Stutenkerle (Wecken) aus Hefeteig an Kinder mit strahlenden Augen. Die Szene des Lampionumzugs vor der Stadtsilhouette mit dem voranreitenden Heiligen Martin, der seinen Mantel teilt und ihn einem frierenden Bettler gibt, hat der 50-Pfennig-Kriegsnotgeld-Schein vom 20. Oktober 1918 der Stadt Erfurt stimmungsvoll festgehalten. Er wurden ab dem 5. Februar 1919 ausgegeben und blieb bis zum 2. Januar 1922 im Umlauf. Unterzeichnet sind sie von Oberbürgermeister Dr. Hermann Schmidt und Stadtrat Wallis. In einer kleinen runden, weißen Aussparung befindet sich ein kleiner Trockenstempel mit dem Stadtsiegel. Der mehrfarbige Gutschein ist 86 x 52 mm groß und wurde auf Papier mit dem Wasserzeichen „Stern-Sechseckmuster“ von der Druckerei Ohlenroth in Erfurt gedruckt. Die Auflage betrug eine Million Exemplare. Hierfür berechnete die Druckerei ca. 9.000 Mark. Der Entwurf stammt von Prof. Friedrich Sass (1873 – 1925). Er war Oberlehrer ab der Kunstgewerbeschule in Erfurt.[1] Abb. 1.1: Erfurt, Stadt, 20. Oktober 1918, 50 Pfennig, Vorderseite. Abb. 1.2: Erfurt, Stadt, 20. Oktober 1918, 50 Pfennig, Rückseite. Meines Wissens ist dies der einzige Geldschein, der den Martins-Umzug thematisiert. Dies kommt nicht von ungefähr. Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte sich im Rheinland der Brauch der Martins-Umzüge, bei denen der heilige Martin als Soldat oder Bischof mitreitet. Die Laternenumzüge selbst gehen auf Lichterprozessionen zurück, die am Vorabend hoher kirchlicher Feste stattfanden und das Martinsfeuer dürfte ein Überbleibsel eines vorchristlichen, germanischen Erntedankfestes sein. In der christlichen Symbolik kommt dem Licht eine besonders wichtige Bedeutung zu. Es steht für die Heiligkeit Gottes und für Christus, während die Dunkelheit den Teufel und das Böse versinnbildlichen. Wer war eigentlich der Heilige Martin, an den jährlich am Martinstag (Martini) am 11. November – besonders in katholischen Gegenden – auch mit Gänsebraten erinnert wird? Martin ist einer der bekanntesten Heiligen und der erste, dem diese Würde nicht als Märtyrer, sondern als Bekenner des christlichen Glaubens zugesprochen wurde. Um ihn ranken sich verschiedene Legenden. Er wurde um das Jahr 316 als Sohn eines römischen Militärtribuns in Savarin, dem heutigen ungarischen Szombathely (Steinamanger) geboren. Bereits im Alter von 15 Jahren wurde er Soldat im römischen Heer. Ab 334 diente er bei der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Amiens (Gallien). Hier spielte auch die allseits bekannte Geschichte. An einem Wintertag begegnete er vor dem Stadttor einem spärlich bekleideten Bettler, der ihn um eine Gabe anflehte. Da Martin außer seinem Schwert nur einen Militärmantel bei sich hatte, teilte er diesen und gab eine Hälfte dem frierenden Mann. Abb. 2.1: Schweizerische Nationalbank, 7. März 1973, 100 Franken, Rückseite. Abb. 2.2: Schweizerische Nationalbank, 7. März 1973, 100 Franken, Vorderseite. Zu Beginn der 1950er Jahre entschloss sich die Schweizerische Nationalbank, eine neue Banknotenserie zu emittieren. „Man wollte sich neuer Methoden der Papierherstellung, des Druckverfahrens und der Farbmischung bedienen und natürlich dem Zug der Banknotengestaltung in anderen Ländern folgen und die Scheine moderner und gefälliger gestalten.“[2] Ab 1955 gelangte die ersten Noten der neuen Serie in den Umlauf. Sie bestimmten die nächsten 20 Jahre das Notenbild des Schweizerfranken. Entworfen wurde die 5. Serie vom Grafiker Pierre Gauchat [* 5. Januar 1902 in Zürich; † 26. Februar 1956 in Kairo]. Der Künstler thematisiert Werden und Vergehen mit der Darstellung des „Totentanzes“ auf der Rückseite des Tausenders und des „Jungbrunnes“ beim Fünfhunderter. Für Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe steht die Rückseite der 100-Franken-Banknoten, auf der der Heilige Martin seinen Mantel teilt. Scheine zu 50 Franken, die mit der Abbildung der Apfelernte die Fruchtbarkeit symbolisieren, vervollständigen die Serie. Gedruckt wurden die Noten in Kupferdruck und Offsetdruck in London bei Thomas de la Rue. Der Erstausgabetag der 100-Franken-Note war der 14. Juni 1957. Sie wurden am 1. Mai 1980 zurückgerufen und waren noch bis zum 30. April 2000 gültig. Insgesamt wurden 250 Millionen Noten mit verschiedenen Ausgabedaten gedruckt (25. Oktober 1956 – 7. März 1973). Abb. 3.1: Meiningen, Kleinrentner-Nothilfe, o. D., 75 Pfennig, Rückseite. Abb. 3.2: Meiningen, Kleinrentner-Nothilfe, o. D., 75 Pfennig, Vorderseite. Im thüringischen Meiningen ließ die Kleinrentner-Nothilfe 1922 vier farbenfrohe Spendenscheine zu 75 Pfennigen bei der Firma Offsetdruck Arthur Kirchner in Erfurt drucken. Die Rückseite eines Scheins zeigt in einem blätterbekränzten Halbkreis die bekannte Szene. Unter dem Bild zweizeilig „Der Heilige Martin / teilt seinen Mantel mit dem Armen“. Die Vorderseite ist dreigeteilt. Im oberen Feld ein Bibelzitat aus dem Alten Testament: „Wohltun ist wie ein gesegneter Garten / und Barmherzigkeit bleibt ewiglich. Sir 40,17.“ Im unteren Feld dreizeilig: „Dieser Schein ist lediglich der / Wohltätigkeit gewidmet, nicht / für den Zahlungsverkehr bestimmt“. In der Mitte links und rechts von der Wertzahl „75“ eingerahmt der vierzeilige Text „Notgeld der / Kleinrenter- / Nothilfe in / Meiningen“. Nach der barmherzigen Handlung erschien Martin in der folgenden Nacht Jesus Christus im Traum, bekleidet mit dem halben Mantel des Bettlers. Seine Worte „… ich war nackt und ihr habt mir Kleider gegeben … Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ [Matthäus Evangelium, 25, 35–40] sind der Auslöser für Martin, sich taufen zu lassen, seinen Soldatendienst aufzugeben und Schüler des berühmten Kirchenlehrers Hilarius zu werden. Um das Jahr 370 wählten ihn die Bürger von Tours zum Bischof. Da er sich selbst als unwürdig empfand, versteckte er sich im Gänsestall. Jedoch verrieten ihn die aufgeregt schnatternden Gänse und so musste er das Bischofsamt annehmen. Nach einer anderen Legende watschelten die Gänse während eines Gottesdienstes in die Kirche und störten durch ihr Geschnatter Martins Predigt – zur Strafe wurden sie gebraten. Historiker sind sich einig, dass die Tradition des Martinsgans-Essens darauf beruht, dass am 11. November die Steuer oder Lehensabgabe fällig wurde und diese meist in Naturalien – etwa einer Gans – erbracht wurde. Zugleich war der 11. November der letzte Tag vor der 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten. Die letzte Gelegenheit, noch einmal einen deftigen Braten zu genießen. Am 8. November 397 starb der Bischof von Tours im Alter von 81 Jahren bei einem Besuch in Candes. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde er am 11. November in Tours beigesetzt. Bereits wenige Jahre nach seinem Tod wurde sein Grab im Kloster Primulacum und hier besonders sein Mantel zum Pilgerziel. Um 480 legte Perpetuus, der dritte Nachfolger Martins als Bischof von Tours, den Gedenktag des heiligen Martin auf den Tag seiner Beisetzung. Zahlreiche Gemeinden, wie z. B. die Stadt Bingen und die Stadt Lorch, führen in ihrem Wappen den Heiligen Martin. Von diesen beiden Städten sind einige Notgeldscheine bekannt, bei denen dieses Wappen ein bestimmendes Gestaltungselement ist. Die Stadt Lorch gab unter dem Datum vom 20. August 1920 Serienscheine zu 10, 25 und 50 Pfennigen aus, die auf der Vorderseite jeweils groß das Stadtwappen mit dem Heiligen Martin zeigen. Abb. 4.1: Lorch, Stadt, 20. August 1920, 50 Pfennig, Vorderseite. Abb. 4.2: Lorch, Stadt, 20. August 1920, 50 Pfennig, Rückseite. Vielleicht noch auffälliger ist diese Darstellung auf der Vorderseite der Gutscheine zu 50 Pfennig sowie 5 und 10 Mark der Stadt Bingen vom 25. Oktober 1918. Ausgegeben wurden sie wegen des Zahlungsmittelmangels am Ende des Ersten Weltkriegs. Den Druck der Scheine besorgte J. Maulbach & Co in Frankfurt am Main. Abb. 5.1: Bingen, Stadt, 25. Oktober 1918, 10 Mark, Vorderseite. Abb. 5.2: Bingen, Stadt, 25. Oktober 1918, 10 Mark, Rückseite. Uwe Bronnert Anmerkungen [1] Angaben nach Hans-Peter Brachmanski, Torsten Pappler, Ringo Staudt, Erfurter Papiergeld und geldähnliche Belege von 1814 bis 2001, Selbstverlag 2020, S. 29. [2] Herbert Rittmann, Schweizer Münzen und Banknoten, Zürich und München 1980, S. 47.

  • Gregor MacGregor, König der Betrüger – „Cazique of Poyais“

    Am 10. September 1822 verließen 70 Auswanderer auf der Brigg „Honduras Packet“ London. Bei ihnen handelte es sich hauptsächlich um Schotten, vor allem um ältere Männer und Frauen. Nicht nur Bauer und Handwerker, sondern auch Ärzte, Ingenieure und sogar Bankiers wollten ihr Glück im sagenhaft reichen Poyais versuchen, angelockt durch Thomas Strangeways[1] Reisebeschreibung „Sketch of the Mosquito Shore, Including the Territory of Poyais“. Sie beschrieb das Land als ein wahres Paradies mit kristallklarem Wasser, von exotischen Pflanzen bedeckten Berghängen und einem höchst angenehmen und gesundem Klima. Das fruchtbare Land ließe jedes Bauernherz höherschlagen. Das ganze Jahr über ließen sich tonnenweise Mais und anderer Feldfrüchte ernten, auch Kakao, Kaffee, Zuckerrohr, Tabak, Baumwolle, edle Gewürze und Indigo gediehen prächtig. In den Wäldern wüchsen Mahagoni, Orangen, Vanille und Pfeffer. Durch die Ebenen spazierten Antilopen, Truthähne und Wildschweine. Die Flüsse und die Küstengewässer böten Fisch in Überfluss sowie Austern von höchst delikater Qualität. Zudem fände man in den Flüssen tonnenweise Goldstaub. Auch Arbeitskräfte gebe es genügend. Die eingeborenen Indianer würden bereitwillig für monatlich 25 Schilling arbeiten, jedoch zögen sie es vor, in Kleidung und Tand entlohnt zu werden. In der aufstrebenden Hauptstadt „St. Joseph“ gebe es ein Schloss, Parlamentsgebäude, Opernhaus, Kathedrale, Krankenhaus, Schulen und von Palmen gesäumte Boulevards mit Villen sowie moderne Hafenanlagen. Abb. 1: Thomas Strangeways: Sketch of the Mosquito Shore, Including the Territory of Poyais Quelle: Fast alles in diesem Buch war Fiktion, aber es zerstreute jeden Zweifel beim Publikum. Es gelang dem selbst ernannten Prinzen von Poyais, Gregor MacGregor, poyaisische Landzertifikate zu zwei Schilling und drei Pence pro Acre[2], ungefähr dem Tageslohn eines Arbeiters, abzusetzen. Die Nachfrage nach den Papieren war so groß, dass er im Juli 1822 den Preis auf zwei Schilling und sechs Pence und schließlich auf vier Schilling anheben konnte. Von der renommierten Londoner Bank „Sir John Perring, Shaw, Barber & Co.“ erhielt er ein Darlehen über 200.000 Pfund. Als Sicherheit sollten alle Einnahmen der Regierung von Poyais dienen, einschließlich der Erlöse aus dem Verkauf von Land und den Einnahmen aus der 6%igen poyaisischen Anleihe vom 23. Oktober 1822. Diese wurde Interessenten zu 80 Prozent des Nominalwertes in Stücken zu £ 100, £ 200 und £ 500 zur Zeichnung angeboten. 15 Prozent des Kaufpreises waren sofort fällig, der Rest in zwei Raten am 17. Januar und 14. Februar 1823. Den Anlegern wurde ferner die Möglichkeit eingeräumt, ihre Obligationen jederzeit gegen gleichwertigen Grundbesitz in Poyais umzutauschen. Der Verkaufserfolg war überwältigend. Zusätzliche Einnahmen generierte der „Fürst“ durch den Verkauf von Titeln und Posten in seinem Militär oder für das Recht, Schuhmacher oder Juwelier der Prinzessin zu sein. Er gab sogar eigene Banknoten aus, in die die Auswanderer ihre Ersparnisse und Erlöse aus dem Verkauf von Hab und Gut bereits in Schottland in die in Poyais gültige Währung wechseln konnten. Die Banknoten sind im Stil der damaligen englischen und US-amerikanischen Noten ausgeführt: Einseitiger Druck mit schwarzer Schrift und einer kleinen Vignette (die das Staatswappen von Poyais zeigt) sowie Verwendung von Wasserzeichenpapier. Der Notentext verspricht dem Besitzer die Auszahlung von „One Hard Dollar“ – d. h. in Silber-Dollar-Münzen – bei Vorlage bzw. drei Monate nach Sicht in den Geschäftsräumen der Bank of Poyais in St. Joseph. Emittent war jedoch nicht die Bank, sondern seine „Highness (Hoheit) Gregor, Cazique of Poyais“. Die Gravur der Druckplatte wie auch den Druck selbst besorgte William Home Lizars [* 1788 in Edinburgh; † 30. März 1859 in Jedburgh]. Dies ist unterhalb der Vignette vermerkt: W.H. Lizars Sculpt EdinI. Lizars. Er arbeitete auch für die Bank of Scotland. Es haben sich wohl nur Blanketten erhalten. Bei den bekannten Exemplaren fehlen am unteren rechten Rand die Unterschriften des Managers und einer weiteren Person, Accontant genannt, ferner die Kennnummer. Am 16. Dezember 2008 wurde eine Note bei „Staples Numismatic, Inc.“ für 3.950 US-Dollar angeboten. Abb. 2: Bank of Poyais, o. D., 1 Hard Dollar von 182…, Vorderseite. Abb. 3: Staatswappen von Poyais (Ausschnitt aus der Banknote) Unter dem Staatswappen der Wahlspruch „IN LIBERTA TE SOCICORUM DEFENDENDA“. Er enthält gleich zwei Rechtschreibfehler und müsste richtig „IN LIBERTATE SOCIORUM DEFENDENDA“ heißen, also „Die Freiheit der Verbündeten verteidigen“. Im November 1822 erreichte das unter poyaisischer Flagge (grünes Kreuz auf weißem Tuch) segelnden Schiff den Black River an der Moskito-Küste, im heutigen Honduras. Was die Ankömmlinge jedoch vorfanden, war ernüchternd. Vom Deck des Schiffes konnten sie die markante Silhouette der Sugarloaf Mountains (Zuckerhutgebirge) sehen. Die üppige Vegetation, die palmengesäumte Landzunge, die die Lagune vom Meer abschirmte. Für Verwunderung sorgte an Bord jedoch die Tatsache, dass jegliches geschäftige Treiben fehlte, keine einzige Schaluppe, kein Boot war zu entdecken. Wo waren die modernen Hafenanlagen? Auch von der Hauptstadt St. Joseph war nichts zu sehen, weder die Kuppel der Kathedrale noch der Königspalast, das Parlament, das Theater oder die Nationalbank. Und – wieso waren keine Rauchfahnen am Himmel zu entdecken, schließlich sollten in der Stadt 15.000 Menschen leben? Stattdessen nur sumpfiger, unwirtlicher Urwald weit und breit. Abb. 4: Die angebliche Darstellung des Landes Poyais zeigt regen Schiffsverkehr vor der Küste des Landes. Doch der Stich war frei zusammenfantasiert, wie das ganze Buch von Thomas Strangeways über den Staat, den es nie gab. Noch bevor alle Vorräte ausgeladen waren, kam ein Sturm auf und die "Honduras Packet" musste die Lagune verlassen. Sie segelte los, um nicht zurückzukehren. Ein zweites Auswandererschiff, die „Kennesley Castle“, traf am 22. Januar 1823 mit 180 hoffnungsfrohen Siedlern ein. Auch sie wurden enttäuscht. Poyais und St. Joseph existierten nicht. Die vor einigen Wochen zuvor Gelandeten hausten in Zelten, Holzverschlägen und Hütten aus Palmblättern. Schnell wurde das versprochene Paradies zur Hölle: Mit der Regenzeit befielen Insektenscharen das Lager, viele wurden krank vom schmutzigen Trinkwasser. Malaria und Gelbfieber verbreiteten sich und geschwächte und ältere Menschen starben. Unterernährung war ein Problem, die grassierende Verzweiflung ein anderes. Manche trieb sie in den Suizid. Anfang Mai entdeckte die Besatzung des vorbeifahrenden Schoners „Mexican Eagle“ die armseligen Unterkünfte und brachte die Überlebenden nach Britisch-Honduras (Belize). Von hier kehrten weniger als 50 von ihnen nach Großbritannien zurück, mindestens 180 Siedler kamen ums Leben. Abb. 5: „El General Mac Gregor“: Gregor MacGregor, gemalt von JS. Rochard, graviert von SW. Reyolds Bayswater, 1820 – 1835. Sie hatten dem „Fürsten“ Gregor MacGregor blind vertraut, obwohl er ihnen eigentlich vollkommen unbekannt war. Wer war nun dieser etwa 1,75 m große und stämmige Hochstapler und Betrüger? Zeitgenossen beschrieben ihn als „Genussmenschen“, der gerne aß, trank und rauchte und mit zunehmendem Alter immer beleibter wurde. Geboren wurde er am 24. Dezember 1786 in Glendale, im Herzen des heutigen schottischen Loch Lomond Nationalparks, etwa 48 km nördlich von Glasgow. Sein Vater Daniel MacGregor, ein ehemaliger Hauptmann der East India Company, starb 1794. Gregor und seine beiden Schwestern wurden unter Vormundschaft gestellt und von der Mutter Ann, geborene Austin, mit Hilfe von Verwandten erzogen. Im März 1803 beschloss er, in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten und wurde Soldat im 57. (Middlesex) Regiment zu Fuß und bereits im Februar 1804 zum Leutnant befördert. Durch seine Heirat (1805) mit der wohlhabenden Maria Bowater, der Tochter eines verstorbenen Admirals, machte er schnell Karriere und stieg zum Hauptmann und Kompaniechef auf, musste jedoch im Mai 1810 wegen Unstimmigkeiten mit seinem Vorgesetzten seinen Abschied nehmen. Daraufhin trat er in portugiesische Dienste und wurde Major. Auch dieses Mal musste er nach kurzer Zeit unfreiwillig die Armee verlassen. Er kehrte in seine Heimatstadt Edinburgh zurück. Hier trat er als Oberst a. D. und mit angeblichen portugiesischen Adelstitel auf. Durch den überraschenden Tod verlor er ein Jahr später nicht nur seine Frau, sondern auch die gesellschaftliche und finanzielle Unterstützung ihrer Familie. Da kam ihm Simón Bolívars Besuch in London gerade recht. Der venezolanische Revolutionsführer suchte Offiziere für seine Befreiungsarmee. MacGregor verkaufte sein schottisches Anwesen und siedelte nach Caracas über, wo er am 10. Juni 1812 Doña Josefa Antonia Andrea Aristeguieta y Lovera, die Nichte Simón Bolívars heiratete und eine führende Rolle im Befreiungskrieg spielte. 1817 nahm er im Rang eines Generals seinen Abschied und ging in die USA. Dort leitete er ein von amerikanischen Geschäftsleuten finanziertes Filibuster-Unternehmen[3] zur Eroberung Floridas, das damals noch spanisch war. Am 29. Juni 1817 gelang ihm und seinen 55 Männern die Eroberung von Amelia Island, die er unter der Flagge des „Green Cross of Florida“ für unabhängig erklärte. Als weitere Unterstützungszahlungen ausblieben, verließ MacGregor die Insel im September 1817. An diese Episode erinnert ein Geldschein über 6 ¼ Cents vom 19. August 1817, der von MacGregor mitunterzeichnet ist. Die abgebildete Note ist das einzige bekannte Exemplar dieses Scheins, dessen Wert 1980 mit 20.000 US-Dollars angegeben wurde. Abb. 6: Amelia Island, 19. August 1817, 6 ¼ Cents, Vorderseite. Quelle: Nach dem Florida-Abenteuer kehrte er zunächst nach Caracas zurück, um erneut in Bolívars Armee einzutreten. Später brach er dann nach Mittelamerika auf. An der Moskitoküste gelangte er an den Hof „King Georg Friedrich August“. Bei den Bewohnern dieses Landstriches handelte es sich um Nachfahren von schiffbrüchigen afrikanischen Sklaven und Indigenen. Im Tausch gegen Rum und Schmuck erwarb MacGregor am 29. April 1820 von König Georg für sich und seine Erben ein 8.000.000 Acres (12.500 Quadratmeilen; 32.375 Quadratkilometer) großes Territorium, das ungefähr ein Dreieck mit Ecken bei Cape Gracias a Dios, Cape Camarón und dem Quellgebiet des Black River bildete und damit größer als Belgien war. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Land schlecht und für die Landwirtschaft vollkommen unbrauchbar war. Daher änderte er seine Pläne. Es sollte doch möglich sein, seine Erwerbung, die er nach den Ureinwohnern des Hochlandes „Poyais“ nannte, zu Geld zu machen. Mitte 1821 war MacGregor wieder in London. Der Ankömmling nannte sich „Cazique of Poyais“. Als Staatsoberhaupt trat er als Prinz auf.[4] Der Fremde übte auf die Londoner Gesellschaft eine exotische Anziehungskraft aus, die durch die Ankunft der auffallend schönen „Prinzessin von Poyais“, Josefa, verstärkt wurde. Schon bald war das Ehepaar MacGregor der Fixstern am Himmel der High-Society der Stadt. Abb. 7: Josefa MacGregor – Frau des Hochstaplers Gregor MacGregor, Cousine des südamerikanischen Revolutionärs Simón Bolívar. Seine Tage in England waren jedoch gezählt. Kurz bevor die kleine Gruppe der Poyais-Überlebenden am 12. Oktober 1823 in England eintraf, setzte sich das Ehepaar nach Frankreich ab, um hier die Betrügereien fortzusetzen. MacGregor gründete in Frankreich Unternehmen, um die Reichtümer von Poyais auszubeuten. 1827 zurück in London, wurde er wegen Betrugs verhaftet, aber schon kurze Zeit darauf entlassen. Hochgestellte Persönlichkeiten hatten es wohl geschafft, dass die Anklage fallen gelassen wurde. Wahrscheinlich fürchteten diese Kreise den Skandal, wenn ihre Verstrickungen bei den Betrügereien des „Prinzen“ bekannt würden. Danach zog es MacGregor wieder nach Frankreich, wo er seinen Reichtum genoss und das Geld in vollen Zügen ausgab. 1839 scheinen seine Mittel aufgebraucht gewesen zu sein, denn er wandte sich an die venezolanische Regierung um Hilfe. Diese akzeptierte seine Bitte und setzte ihn als Divisionsgeneral in der Armee ein. Am 4. Dezember 1845 starb er in Caracas, Venezuela. Gregor MacGregor kann wahrlich als König der Betrüger bezeichnet werden. Im Laufe seines Lebens beliefen sich seine Gaunereien auf 1,3 Millionen Pfund, was nach heutigem Wert rund 3,6 Milliarden Pfund ausgemacht haben soll. Drei Faktoren dürften zu MacGregors „Erfolg“ beigetragen haben. Erstens war er sehr charmant und hatte unglaubliches Charisma. Dies war wahrscheinlich auch seine größte Eigenschaft als militärischer Führer während der lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriege. Wenn er sprach, hörten die Leute zu. Er vermittelte ihnen Autorität und Authentizität. – Sein Name und seine Titel sorgten darüber hinaus für den notwendigen Respekt und öffneten ihm den Zugang zu den höchsten Kreisen der Londoner Gesellschaft. Zweitens untermauerte er seine Mär von Poyais, indem er in London eine gefälschte Botschaft eröffnete, eine Nationalflagge entwarf, eine Nationalhymne schuf und sogar eigene Banknoten ausgab. Das bereits erwähnte Buch von Strangeways schilderte das märchenhafte Land überschwänglich, Karten und Illustrationen unterstrichen das Gesagte, sodass nur wenige Menschen an der Existenz des Landes zweifelten. Verstärkt wurde das Ganze durch Berichte und Interviews, die er in den entsprechenden Zeitungen lancierte. Heute würde man sagen, er beherrschte die Klaviatur des Marketings perfekt. Drittens war der wichtigste Faktor für seinen Erfolg das Timing. In den 1820er Jahren erlebte London eine Investitionsblase bei lateinamerikanischen Wertpapieren, die durch die erst kurz zuvor eingetretenen politischen Veränderungen ausgelöst wurde. Renditehungrige Anleger vermuteten enorme Bodenschätze in Südamerika und ein riesiges Wirtschaftspotenzial. Die Geografie Lateinamerikas war ständigen Veränderungen ausgesetzt und es war manchmal schwierig zu bestimmen, wer was und wo zu einem bestimmten Zeitpunkt regierte. Niemand war sonderlich überrascht, dass zwischen Honduras und Nicaragua ein neues Land namens „Poyais“ entstanden sein sollte. Uwe Bronnert Anmerkungen [1] Ob es je einen Thomas Strangeways gegeben hat, ist ungeklärt. Wahrscheinlich hat MacGregor einen "Ghostwriter" beauftragt – oder das Buch selbst geschrieben. Die Namenswahl deutet auf Humor: „Strangeways“ lässt sich mit „merkwürdige Sitten“ übersetzen. Man darf sich vorstellen, wie MacGregor bei dieser Narretei vergnügt in sich hineinkichert. [2] 1 Acre = 4.046,8564224 m². [3] Als Filibuster wurden im 19. Jahrhundert Freibeuter, also gesetzlose Plünderer, die in Südamerika tätig waren, bezeichnet. [4] „Cazique“ – deutsch Kazike – steht im Spanischen für einen einheimischen Häuptling, der bei MacGregors die Bedeutung von „Prinz“ annahm.

  • Bons der Camps de Prisonniers in Algerien und Tunesien

    Ein Angehöriger des deutschen Afrikakorps gibt einem verbündeten italienischen Soldaten Feuer. Foto: Privat-Sammlung »Der Zweite Weltkrieg in Bildern«, DVD 2017, mit freundlicher Genehmigung von Reinhard Selzle, München. Am 12. Mai 1943 kapitulierten die Reste der deutschen 5. Panzerarmee und einen Tag später auch die 1. italienische Armee in Nordafrika. 160.000 deutsche und 90.000 italienische Soldaten gingen in Kriegsgefangenschaft, unter ihnen der Oberbefehlshaber Feldmarschall Giovanni Messe, wie auch General von Arnim. Ein relativ kleines Kontingent verblieb in Nordafrika in französischer Hand, während der Großteil der Gefangenen entweder in die USA oder in die britischen Kolonien Australien sowie Kanada verschifft wurde. General Juin unterzeichnete am 30. Mai 1943 ein Dekret, durch das die französischen Kriegsgefangenenlager in Nordafrika geschaffen wurden. Alphonse Juin (* 16. Dezember 1888 in Bône, heute Annaba, Algerien; † 27. Januar 1967 in Paris) war 1941 aus deutscher Kriegsgefangenschaft entlassen und von der Vichy-Regierung nach Nordafrika entsandt worden, um dort das Kommando über die Vichy-Truppen zu übernehmen. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika 1942 wechselte er die Seite und ging zu den freifranzösischen Truppen. Zu den wichtigsten Gefangenenlagern in Nordafrika gehörten in Algerien Djelfa und Constanine und in Tunesien Zaghouan sowie Merja in der Sahara. In den französischen Lagern Nordafrikas wurden Bons zu 5, 10, 50 und 100 Francs im Zahlungsverkehr benutzt. Am 19. Juni 1943 erhielt die Druckerei Miert in Algier den Auftrag, 50.000 Scheine zu 100 Francs, 50.000 Scheine zu 50 Francs, 125.000 Scheine zu 10 Francs und 250.000 Scheine zu 5 Francs herzustellen. Alle Geldscheine sind undatiert und auf Papier ohne Wasserzeichen gedruckt. Der Bon zu 5 Francs hat die Maße 123 x 74 mm und ist mehrfarbig. Die dominierenden Farben sind rot für den Text und hellgrün für die Zeichnungen. Auf der Vorderseite werden zwei Arkaden im maurischen Stil abgebildet. Unterhalb der linken Arkade befindet sich der Kopf eines Mauren mit Turban und rechts die zweizeilige Inschrift „CAMPS DE / PRISONNIERS“, darunter in einem Kreis fünfzeilig „TOUT / FALSIFICATEUR / EST PASSIBLE / DE LA COUR / MARTIALE“ (Jeder Fälscher wird vor das Kriegsgericht gestellt). Im Hintergrund der Arkaden wird eine Berglandschaft abgebildet; unter der Darstellung und dem Text zweizeilig „BON POUR / CINQ FRANCS“ (gut für fünf Francs), flankiert von der Ziffer 5. Darunter „CES BONS NE SONT VALABLES OU’A L’INTÉRIEUR DES CAMPS DE PRISONNIERS“ (Diese Gutscheine sind nur innerhalb der Gefangenenlager gültig), am oberen Rand „REPUBLIQUE FRANÇAISE“. Auf der Rückseite in den oberen Ecken links der Nennwert und rechts „CAMPS DE / PRISONNIERS“; in der Mitte des Scheins die Wertangabe in Worten und darüber die Nummerierung: No und sechs Ziffern. Unter der Wertangabe nochmals der Hinweis, dass der Schein nur im Gefangenenlager gültig ist. Im Unterdruck stilisierte Blumen. Auf der rechten Seite schräg aufgedruckt „Le Trésorier Gal Agent Comptable“ und Unterschrift. Der Entwurf stammt von J. Favrolles. Abb. 1: Camps de Prisonniers, o.D., 5 Francs, Vorder- und Rückseite. Quelle: http://worldandmilitarynotes.com/pow/north-africa-pow-camp-vichy-5-francs/ (20.09.2021). Die Note zu 10 Francs ist 131 x 77 mm groß und wie der Wert zu 5 Francs gestaltet. Nun ist der Text in blauer Farbe und die Abbildung in roter Farbe ausgeführt. Beide Scheine kommen sowohl mit fettem als auch mit dünnem „No“ vor. Abb. 2.1: Camps de Prisonniers, o.D., 10 Francs, Vorder- und Rückseite. Die Scheine zu 50 und 100 Francs unterscheiden sich deutlich von den zuvor beschriebenen Werten. Sie haben die Maße 129 x 79 mm. Der Wert zu 50 Francs wurde auf grau-beiges Papier gedruckt. Der Schein zeigt auf der Vorderseite in der Mitte die Wertangabe in Ziffern in einem Kreis, links davon in Schreibschrift „Ces bons ne sont valables ou’a l’intérieur des Camps de Prisonniers“ und rechts die Strafandrohung „Toute falsification est passible de la Loi Martiale“. Über der Wertangabe in Ziffern links die Wertangabe als Wort und unter der Wertangabe in Ziffern rechts FRANCS. Am oberen Rand „REPUBLIQUE FRANÇAISE“ und am unteren Rand „CAMPS DE PRISONNIERS“. Auf der Rückseite in der Mitte die Wertangabe, darunter die Kennziffer, am oberen Rand wieder „REPUBLIQUE FRANÇAISE“ und am unteren „CAMPS DE PRISONNIERS“. Verziert sind die Scheine mit Blattwerk. Der Entwurf der Vorderseite stammt von Vrillo und die der Rückseite von A. Petit. Abb. 3.1: Camps de Prisonniers, o.D., 50 Francs, Vorder- und Rückseite. Quelle: http://worldandmilitarynotes.com/pow/north-africa-pow-camp-vichy-50-francs/ (20.09.2021). Der 100-Francs-Bon wurde auf beige-rosa Papier gedruckt und die dominierende Farbe ist Rotbraun. Abb. 4.1: Camps de Prisonniers, o. D., 100 Francs, Vorder- und Rückseite. Quelle: http://worldandmilitarynotes.com/pow/north-africa-pow-camp-vichy-100-francs/ (20.09.2021). Uwe Bronnert Literatur: Maurice Muszynski und Maurice Kolsky, Les Billets du Maghreb et du Levant, Volume 11, Collection Histoire du Papier monnaie Français. Monaco 2002.

  • Der Besitz dieser Banknote konnte den Tod bedeuten

    Anmerkungen zu einer französischen Propaganda-Collage Nach den Kriegserklärungen von Frankreich und Großbritannien an Deutschland vom 3. September 1939 herrschte an der deutsch-französischen Grenze eine fast ununterbrochene Waffenruhe. Diesen monatelangen „Sitzkrieg“ beendete die Wehrmacht am 10. Mai 1940 mit einer für Frankreich überraschenden Offensive. In nur sechs Wochen überrannte die Wehrmacht die gut gerüstete französische Armee. Den Franzosen bot sich im Juni 1940 das Bild eines Landes am Abgrund: Die totale Auflösung der staatlichen Ordnung verursachte die größte Flüchtlingswelle, die das Land je gesehen hatte, 60.000 Gefallene waren zu beklagen und 1,8 Millionen Soldaten gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der die meisten erst 1945 heimkehren sollten. Rettung in dieser trostlosen Lage versprach ein Mann, der sich schon im Ersten Weltkrieg um das Vaterland verdient gemacht hatte: der Held von Verdun, Marschall Philippe Pétain. Der beendete am 22. Juni mit der Annahme der deutschen Waffenstillstandsbedingungen einen Krieg. Die französischen Unterhändler erreichten gewisse Zugeständnisse. So blieb der Süden Frankreichs, etwa 40 % Landes, als „zone libre“ unbesetzt. Frankreich durfte eine 100.000 Mann starke Freiwilligen-Armee, eine kleine Luftwaffe und einen bedeutenden Teil der Kriegsmarine unterhalten und behielt seine Kolonien, zumindest bis die meisten von der France Libre erobert wurden. Der größte Teil des Staatsgebietes wurde von deutschen Truppen besetzt und unterstand General Otto von Stülpnagel, dem Chef der Militärverwaltung in Paris. Es umfasste das Industriegebiet Nord- und Westfrankreichs sowie die gesamte Kanal- und Atlantikküste bis zur spanischen Grenze, während die Départments Nord und Pas-de-Calais unter dem deutschen Militärbefehlshaber, General Alexander von Falkenhausen, in Brüssel unterstellt waren. Das Territorium des ehemaligen Reichslandes Elsaß-Lothringen wurden als CdZ-Gebiete dem Reich eingegliedert. Berittene deutsche Wehrmachts-Einheit vor dem Eiffelturm in Paris. Abb. Foto der Privat-Sammlung »Der Zweite Weltkrieg in Bildern«, DVD 2017, mit freundlicher Genehmigung von Reinhard Selzle, München. Die Niederlage bot Pétain und seinen Anhängern die Möglichkeit die parlamentarische Republik zu beseitigen und ein autoritäres Regime zu etablieren. Am 10 Juli 1940 trat die Nationalversammlung im unbesetzten Kurort Vichy zusammen, verlieh dem Marschall die volle exekutive und legislative Macht und setzte damit de facto die Verfassung außer Kraft. Das Regime in Vichy ähnelte in Vielem dem der faschistischen Diktaturen in Deutschland und Italien: strenge hierarchische Gliederung der Gesellschaft, Presse-Zensur, massive Unterdrückung der Opposition, „Führerkult“ und extreme Feindlichkeit. Auch ohne deutschen Druck wurden Juden von allen öffentlichen Ämtern und zahlreichen freien Berufen ausgeschlossen und ab Sommer 1942 begann ihre systematische Deportation in die deutschen Vernichtungslager. Bereits am 17. Juni 1940, Pétain hatte gerade um Waffenstillstand nachgesucht, meldete sich aus London über BBC der unbekannte Brigadegeneral Charles de Gaulle und forderte die französische Bevölkerung zur Fortsetzung des Krieges auf. Allerdings war von einem aktiven Widerstand zunächst nur wenig zu spüren. Die Anfänge der Résistance gehen auf das individuelle Engagement einiger Weniger zurück und beschränkten sich auf die Verbreitung von Flugblättern und improvisierter Untergrundzeitungen. Nach der widerstandslosen Besetzung Vichy-Frankreichs durch die Wehrmacht im November 1942 und 1943 die Dienstverpflichtung der Bürger in der deutschen Rüstungsindustrie oder Landwirtschaft zu arbeiten, schwand die anfängliche Unterstützung des Vichy-Regimes. Bis 1943 bildeten sich in Frankreich zahlreiche Widerstandsgruppen, die aber kaum Kontakt untereinander oder zu de Gaulles Exilregierung in London hatten. Im besetzten Norden operierte die Libération Nord und im Süden ihr Pendant, die Libération Sud. Die Franc-tireur, die bereits 1871 Widerstand gegen die preußischen Truppen geleistet hatten, wurden von Jean-Pierre Levy neu gegründet und zur Anlaufstelle von Sozialisten. Die Kommunisten sammelten sich in der Gruppe Front National um Pierre Villon und in den Städten leistete Henri Frenays Gruppe Combat Widerstand. Abb. 1: Banque de France, 20 Francs vom 24.09.1942, Vorderseite. Der deutschen Wehrmacht, den Alliierten und der Résistance war die psychologische Kriegsführung nicht unbekannt, so suchte man auch die französische Bevölkerung mit unzähligen Flugblättern – einige als Banknoten getarnt – zu beeinflussen. Besonders hervorzuheben ist hierbei eine 20-Francs-Note der Banque de France, die wahrscheinlich von einzelnen französischen Bürgern aus Protest gegen die Besatzung ihres Landes verfremdet wurde. Der Schein wurde zwischen dem 12. Februar 1942 und 9. Februar 1950 gedruckt und ab 1. Dezember 1942 ausgegeben.[1] Er stammt aus einer Zeit, in der vom Vichy-Regime der Wahlspruch „TRAVAIL, FAMILLE, PATRIE“ (Arbeit, Familie, Vaterland) postuliert wurde. Lucien Jonas hat ihn sehr realistisch umgesetzt. Die Vorderseite des Scheins bildet einen bretonischen Fischer beim Einholen seines Netzes ab; im Hintergrund die Hafeneinfahrt von Concareau. Die glückliche Mutter mit ihren beiden Kindern beherrscht den linken Teil der Rückseite des Scheins. Unter dem Bild der Strafsatz „LE CONTREFACTEUR SERA PUNI DES TRAVAUX FORCES A PERPETUITE“ (Der Fälscher wird mit lebenslanger Zwangsarbeit bestraft). Ab 15. November 1950 wurden die Scheine schrittweise aus dem Verkehr gezogen und durch eine 20-Francs-Münze aus Aluminiumbronze ersetzt. Abb. 2: Banque de France, 20 Francs vom 28.01.1943, Collage mit dem Hitlerkopf, Vorderseite. Abb. 3: Banque de France, 20 Francs vom 28.01.1943, unveränderte Rückseite. Dieser Schein wurde geschickt umgestaltet, indem das Porträt Hitlers aus einer Briefmarke der Reichspost ausgeschnitten und so auf die Banknote geklebt wurde, als würde das Seil in den Händen des Fischers den Führer strangulieren. Sicherlich sollte damit symbolisiert werden, dass Frankreich das Deutsche Reich (in absehbarer Zeit) "erwürgen" würde. Der Hitler-Kopf auf den Banknoten kommt in verschiedenen Farben vor, da zu dieser Collage alle Briefmarken der Hitler-Serie verwendet worden sein können. Die Serie wurde ab 1941 im Postverkehr benutzt.[2] Obwohl es kindisch erscheint, drohte Jedem, der mit einer solchen Banknote aufgegriffen wurde eine harte Bestrafung bis hin zum Todesurteil. Dennoch hat den hier abgebildeten Schein ein deutscher Soldat aus Frankreich als Souvenir mitgebracht. Da die 20-Francs-Banknoten wie auch die Briefmarken der Hitler-Serie auch heute noch leicht zu beschaffen sind und in jedem Haushalt eine Schere vorhanden ist, ist die Authentizität der Collagen kaum nachweisbar, es sei denn, es gelingt ein lückenloser Nachweis der Vorbesitzer. Bleibt noch anzumerken, dass sich nach der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 die deutschen Truppen aus Frankreich zurückziehen mussten. Nach dem Krieg wurde rasch an einer Legende um den Freiheitskampf der Résistance gestrickt, hatte die blitzartige Niederlage gegen die Wehrmacht im Frühjahr 1940 doch stark am Selbstvertrauen der Grande Nation gerüttelt. Und auch die Kollaboration des Vichy-Regimes gehört nicht gerade zu den Sternstunden der französischen Geschichte. Uwe Bronnert Anmerkungen: [1] Claude Fayette, Les Billets de la Banque de France et du Trésor 1800 – 2002, 6 ème édition, Nice 2004, S. 218 f. [2] Michel Briefmarken-Katalog Deutschland 1984, München, S. 90, Katalog-Nummern 781 – 798.

  • Lackierte Euro-Banknoten

    Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main feierte am 1. Januar 2022 den 20. Jahrestag ihrer Geldzeichen. Am 1. Januar 2002 lösten die Euromünzen zu 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Cent, 1 und 2 Euro sowie die Eurobanknoten zu 5, 10, 20, 50, 100, 200 und 500 Euro die nationalen Währungen in Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal und Spanien ab. „Planung, Produktion und Ausgabe … [dieser] Euro-Banknotenserie haben seinerzeit zehn Jahre in Anspruch genommen. Da der Lebenszyklus von Banknotenserien in den letzten Jahren wegen der Fortschritte in der Kopiertechnik immer kürzer geworden ist und viele Länder der Auffassung sind, Banknotenserien sollten in Abständen von sieben bis zehn Jahren erneuert werden, wurde die Planung schon recht bald nach der Ausgabe der ersten Serie in Angriff genommen.“[1] Der Banknotenausschuss befasste sich bereits im Frühjahr 2003 mit der Frage einer neuen Euro-Banknotenserie und der EZB-Rat sprach sich im März für die Beibehaltung des Themas „Zeitalter und Stile in Europa“ bei der Gestaltung der zweiten Banknotenserie aus. Als ihr frühester Ausgabezeitpunkt war Anfang 2008 vorgesehen. Der genaue Termin sollte allerdings von der Entwicklung bei den Banknotenfälschungen abhängig gemacht werden. Der Entwurf der erste Euro-Banknotenserie stammte von Robert Kalina, einem Mitarbeiter der Druckerei der Oesterreichischen Nationalbank. Er diente nun als Grundlage für die Gestaltung der neuen Serie, bei der solche Motive wie Fenster, Tore und Brücken, die Landkarte Europas und die Europaflagge beibehalten werden sollten. Aus dem Gestaltungswettbewerb im Jahr 2006 ging der von der Deutschen Bundesbank nominierte Grafiker Reinhard Gerstetter (Berlin) als Sieger hervor. Die zweite Serie wird auch „Europa-Serie“ genannt, weil zwei der Sicherheitsmerkmale ein Porträt der Europa zeigen,[2] und zwar als Wasserzeichen auf dem Schaurand und als Hologramm, einem silberfarbigem Streifen am rechten Rand der Vorderseite. Die Abbildung selbst stammt von einer über 2000 Jahre alten Vase, die im Pariser Louvre zu sehen ist. Weitere neue bzw. veränderte Sicherheitsmerkmale sind die Smaragdzahl in der linken unteren Ecke, deren Farbe sich je nach Blickwinkel verändert. Ferner ein Glanzstreifen auf der Rückseite, der je nach Betrachtungswinkel golden glänzend oder als fast unsichtbar Schatten wahrgenommen wird. Die Noten zu 50, 100 und 200 Euro weisen zusätzlich ein Porträt-Fenster im Hologramm auf. Die EZB ist der Meinung, dass der Euro grundsätzlich die Währung für alle EU-Mitglieder werden soll. Eine mögliche Erweiterung der Euro-Zone wurde daher auf der Europa-Serie vorweggenommen, indem die Währungsbezeichnung und die Akronyme[3] der Europäischen Zentralbank auch um die Schreibweise aller EU-Sprachen ergänzt wurde, selbst wenn sie nicht an der Euro-Währung teilnehmen. Befinden sich auf den Scheinen der ersten Serie fünf Kürzel für die Angabe des Emittenten – BCE, ECB, EZB, EKT, EKP – so sind es nun bei den Scheinen zu 5, 10 und 20 Euro neun: BCE (Französisch, Irisch, Italienisch, Portugiesisch, Rumänisch, Spanisch), ECB (Dänisch, Englisch, Lettisch, Litauisch, Niederländisch, Schwedisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch), EZB (Deutsch), EKP (Estnisch, Finnisch), ΕΚΤ (Griechisch), ЕЦБ (Bulgarisch; in kyrillischen Buchstaben), EKB (Ungarisch), BĊE (Maltesisch) und EBC (Polnisch). Die Angaben auf den 100- und 200-Euro-Scheinen wurde mit dem Kürzel ESB (Kroatisch) ergänzt. Seit dem Beitritt Bulgariens zur EU wird die Währungsbezeichnung EURO neben der bisherigen Benennung in lateinischen und griechischen Buchstaben (ΕΥΡΩ) nun auch in der kyrillischen Schreibweise „ЕВРО“ aufgeführt. Ferner machte der Beitritt Maltas und Cyperns zur EU eine Neugestaltung der Landkarte auf der Rückseite der Noten notwendig. Am 2. Mai 2013 gab die EZB die ersten Banknoten der neuen Europa-Serie in Umlauf. Die übrigen Nominale folgten sukzessive; am 23. September 2014 der Zehner, am 25. November 2015 der Zwanziger, am 4. April 1917 der Fünfziger und zuletzt am 28. Mai 2019 die Scheine zu 100 und 200 Euro. Die 500-Euro-Note wird seit 2014 nicht mehr produziert und ab dem 27. April 2019 nicht mehr ausgegeben. Sie bleibt aber wie auch alle anderen Scheine der ersten Serie gültig. Auf den Noten der einzelnen Wertstufe ist jeweils das Jahr der Erstausgabe angegeben. Im Herbst 2019 übernahm Christine Lagarde das Amt der Präsidentin der Europäischen Zentralbank von Mario Draghi. Somit gibt es von den meisten Nominalen der Europa-Serie bereits zwei Ausgaben, eine mit der Unterschrift Draghis und die andere mit der von Lagarde. Abb. 1: Wann wurde welche neue Euro-Banknote der Europa-Serie eingeführt? Quelle: EZB: www.ecb.europa.eu Eine weitere Neuerung bei den Noten zu 5, 10 und 20 Euro blieb bei der Öffentlichkeit fast unbemerkt. Da die kleinen Stücklungen, also besonders die 5- und 10-Euro-Noten bereits nach einem Jahr verschlissen waren, strebte man bei den Scheinen der neuen Serie eine längere Haltbarkeit an. Bereits im Mai 2003 lud die EZB Vertreter der führenden Banknotendruckereien und Notenpapier-Hersteller zu einer Sitzung ein, um das Problem zu erörtern. Bei den anschließenden Laborversuchen wurden verschiedene Materialien, sowohl aus Kunststoff als auch beschichtete Papiersorten aus Baumwollfasern, auf ihre Brauchbarkeit getestet. 16 alternative Materialien standen zur Auswahl. Für jede von ihnen druckten zwei Banknotendruckereien Testnoten. Am Ende blieben fünf Alternativen für weitere Untersuchungen übrig, mit denen der Gebrauch unter authentischen Bedingungen simuliert wurde. Dabei ging man der Frage nach, wie sich Schmutz und Feuchtigkeit, aber auch der Einsatz von Hochgeschwindigkeitsbearbeitungsmaschinen und die Nutzung im Zahlungsverkehr auf die Haltbarkeit auswirken. 2007 entschloss man sich dann einen Gebrauchstest mit echten, unterschiedlich beschichteten Euro-Banknoten in den Niederlanden, Irland und Portugal durchzuführen. „Da die getesteten Alternativen sich in den verschiedenen Ländern in gleicher Weise verhielten, konnte man aufgrund der Testergebnisse für die Europa-Serie eine solche Beschichtung wählen, die die Haltbarkeit der Banknoten mit niedrigen Nennwerten verbesserte.“[4] Abb. 2.1: Beschichtete Musternote für den Haltbarkeitstest, Vorderseite. Abb. 2.2: Beschichtete Musternote für den Haltbarkeitstest, Rückseite, Größe: 133 x 72 mm. Sie entspricht damit der Größe der 20-Euro-Banknote. Mit Wasserzeichen „Auge“ im oberen und „LD“ im unteren Schaustreifen. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden bei der Produktion der Europa-Serie berücksichtigt. Die zwei niedrigsten Werte der neuen Serie erhielten eine Schutzschicht aus Speziallack. Dies gilt nun auch für die 20-Euro-Scheine. Alle seit dem 1. Januar 2021 neu in Umlauf gebrachten Noten werden ebenfalls mit Lack behandelt. Die Beschichtung ist kein neues Sicherheitsmerkmal, sondern dient in erster Linie einer längeren Haltbarkeit der Banknoten. Der Unterschied zu nicht lackierten Scheinen ist visuell kaum erkennbar. Die gelackten Banknoten fühlen sich aber etwas glatter an als die Unbeschichteten. Bleibt noch anzumerken, dass das Gewicht der lackierten Scheine geringfügig höher liegt als bei den unlackierten Scheinen. Betrug das Gewicht der 5-Euro-Note vorher 0,68 g, so liegt es nun bei 0,71 g. Abb. 3.1: EZB, 2013, 5 Euro, Vorderseite. Abb. 3.2: EZB, 2013, 5 Euro, Rückseite. Abb. 4.1: EZB, 2014, 10 Euro, Vorderseite. Abb. 4.2: EZB, 2014, 10 Euro, Rückseite. Abb. 5.1: EZB, 2015, 20 Euro, Vorderseite. Abb. 5.2: EZB, 2015, 20 Euro, Rückseite. Was des einen Freud ist, ist des anderen Leid. Diese Erfahrung musste die Polizei im Zusammenhang mit den lackierten Euro-Banknoten machen. „Die lackierten Oberflächen … bereiten der Polizei .. große Probleme: Die Lackierung, die die Scheine haltbarer machen soll, verhindert gleichzeitig, dass sich auf der Oberfläche Fingerabdrücke anhaften – diese sind derzeit also mit herkömmlichen Methoden nicht nachweisbar. Die kriminaltechnische Sicherung von Fingerabdrücken auf Geldscheinen ist unter anderem bei der Verfolgung von Diebstahl-, Raub- und Drogendelikten wichtig.“[5] Anfang Dezember 2021 kündigte die EZB an, dass sie in den nächsten Jahren Banknoten mit einem völlig neuen Design ausgeben wolle. „Wir wollen Euro-Banknoten entwickeln, mit denen sich die Bürgerinnen und Bürger in Europa identifizieren können und die sie mit Stolz verwenden“, so EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta. Über das Aussehen der neuen Noten soll in einem mehrstufigen Verfahren, bei dem auch die EU-Bürger beteiligt werden sollen, bis 2024 entschieden werden. „Bis sich die Menschen an erneuerte Euro-Banknoten gewöhnen müssen, wird es noch dauern. Selbst im Fall einer EZB-Entscheidung 2024 würden .. [die neuen] Geldscheine erst Jahre später nach umfangreichen Tests unters Volk gebracht. Eine logistische Herausforderung ist ein solches Projekt ohnehin: Im Oktober 2021 waren nach EZB-Angaben mehr als 27,6 Milliarden Euro-Banknoten im Gesamtwert von gut 1,5 Billionen Euro im Umlauf.“[6] Uwe Bronnert Anmerkungen [1] Antti Hennen, Die ersten Euros, Entstehung, Einführung und das erste Jahrzehnt der Euro-Banknotenserie, Herausgeber: Deutsche Bundesbank (deutsche Fassung), Siemen Pankok (Originalfassung), Frankfurt am Main 2014. S. 226. [2] Europa ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Zeus verliebt sich in Europa, der Tochter des phönizischen Königs Agenor und seiner Frau Telephassa. Um sich Europa nähern zu können, verwandelt sich Zeus in einen Stier und gelangt inmitten einer Stierherde in die Nähe der am Strand von Sidon spielenden Europa. Diese steigt auf den Rücken des Zeus-Stiers. Er entführt die Prinzessin nach Matala auf der Insel Kreta, wo er sich in den Göttervater zurückverwandelte. Aus der Verbindung mit ihm entsprangen drei Kinder: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. [3] Ein Akronym ist ein Sonderfall der Abkürzung. Akronyme entstehen dadurch, dass Wörter oder Wortgruppen auf ihre Anfangsbestandteile gekürzt werden. [4] Antti Heinonen, S. 229. [5] (2.1.2022) [6] (7.1.2022)

  • Meißen anno 1923

    Zur Ikonographie des 50-Millionen-Mark-Scheines der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen vom August 1923. „Anno 1923“ steht auf dem gewundenen Band in der Mitte des Fünfzig-Millionen-Mark-Scheins, der von der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen für den „inneren Verkehr“ ausgegeben wurde. Er datiert vom 15.8.1923. Der einseitige schwarze Druck erfolgte auf weißem Büttenpapier ohne Wasserzeichen. Durch den breiten Schaurand an der linken Seite, ist der Schein 186 mm x 80 mm groß. Links und rechts die gekreuzten Schwerter, das Markenzeichen der Manufaktur. Eine handschriftliche Nummerierung und Unterschrift vervollständigen den Schein. Leider ist nicht bekannt, welche Druckerei diesen druckte. Abb. 1: Staatliche Porzellanmanufaktur Meißen, 15.8.1923, 50 Millionen Mark, Vorderseite. Abb. 2: Staatliche Porzellanmanufaktur Meißen, 15.8.1923, 50 Millionen Mark, Rückseite. Die Unterschrift für die Direktion leistete Max Adolf Pfeiffer [* 22. Juni 1875 in Berlin; † 14. Januar 1957 im Haus Falkenheim in Tutzing]. Von 1913 bis 1933 war er kaufmännischer Direktor der Manufaktur. Sein beruflicher Werdegang begann mit einem Maschinenbau- und Chemiestudium an der Technischen Hochschule Darmstadt und Braunschweig, das er 1899 abschloss. Sein 1. Staatsexamen ließ er in den akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs umwandeln, als dieser 1900 neu eingeführt wurde. Nach verschiedenen Stationen als Hochschul-Assistent, Dozent, Konstrukteur und Direktor der Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst in Unterweißbach (Thüringen) wurde er am 1. April 1913 kaufmännischer Direktor der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen. Unter seiner Leitung erlebte die Manufaktur in den 1920er Jahren eine besondere künstlerische Blüte. Sein Kunstverständnis passte nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten. So wurde er nach der Machtübernahme am 20. Mai 1933 von seinem Amt beurlaubt und am 31. März 1934 endgültig entlassen. Es gibt sicherlich nur wenige Geldscheine, deren Bildersprache so vielschichtig ist, wie die des 50-Millionen-Mark-Scheins der Staatlichen Porzellanmanufaktur. Der Entwurf dazu stammt von Emil Paul Börner [* 12. Februar 1888 in Meißen; † 7. November 1970 ebenda], wie die Signatur „EPB“ belegt. Sicherlich unterstützt vom Hobby-Numismatiker Generaldirektor Pfeiffer, begann er sich 1920 mit Kleinreliefs in Form von Notmünzen zu beschäftigen. Börner gestaltete hunderte Münzen, Medaillen und Plaketten aus Porzellan und etablierte binnen kurzer Zeit eine eigene, neue Betriebsabteilung innerhalb der Manufaktur. Seine Entwürfe spiegeln seine ausgeprägt nationalistische Überzeugung wider.[1] Mit Vorliebe verwendete er hierbei patriotische Symbole, wie beim 50-Millionen-Mark-Schein: Ein auf dem Rücken liegender Adler wird von zwei Raben attackiert, während ein majestätisch liegender Löwe und ein stolz daher schreitender Hahn das Bild vervollständigen. Viele Bürger werden damals das gleiche empfunden haben wie Börner. Besonders schmachvoll empfanden sie Artikel 231 des Versailler Vertrags, nach dem dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs auferlegt wurde. Deutschland, symbolisiert durch den Adler, liegt militärisch, wirtschaftlich und politisch am Boden, ohnmächtig sich gegen seine Feinde zur Wehr setzen zu können, denn der Friedensvertrag gestand dem Reich nur eine Berufsarmee von 100.000 Mann zu, kaum groß genug, um die Grenzen sichern zu können. Der Besitz schwerer Waffen, von Flugzeugen und größeren Schiffen war verboten. Schwer wog der territoriale Verlust: 13 Prozent des Reichsgebiets (u. a. Elsass-Lothringen, Posen und Westpreußen, Nordschleswig und Teile Oberschlesiens) mit 10 Prozent seiner Bevölkerung bedeuten das Sinken der Eisenerzproduktion um rund die Hälfte, der Steinkohleförderung um ein Viertel, der Kartoffelernte um 17, der Weizenernte um 13 Prozent und dies bei den enormen Reparationsforderungen, die auch zu großen Teilen durch Sachleistungen zu begleichen waren. Seit dem Waffenstillstand im Wald von Compiègne im November 1918 war das Rheinland von französischen, belgischen, britischen und US-amerikanischen Truppen besetzt. Und am 11. Januar 1923 besetzten Frankreich und Belgien das wirtschaftliche Herz des Reiches, das Ruhrgebiet. Als Vorwand hierfür diente ihnen die Feststellung der alliierten Reparationskommission, das Deutschland mit der der Kohlenlieferung im Rückstand sei.[2] Ein parteiübergreifender Sturm der Entrüstung ergriff die deutsche Bevölkerung. Die Regierung unter Wilhelm Cuno forderte die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf und verbot ihren Beamten, Befehle der Besatzungsmächte zu befolgen. Arbeiter und Eisenbahner weigerten sich, für die Besatzer zu arbeiten. Diese verhängten den Ausnahmezustand und reagierten mit Terror gegenüber der Bevölkerung, mit abendlichen und nächtlichen Ausgangssperren, Ausweisungen, Verhaftungen, Gerichtsverfahren mit harten Urteilen, bis hin zur Todesstrafe, sowie Plünderungen, Erhebung von Kontributionen und Requirierungen aller Art, wovon auch die Reichsbank nicht ausgenommen war. Die wirtschaftliche Absperrung des Ruhrgebiets und die Produktionsausfälle ruinierten die deutsche Wirtschaft vollends.[3] Die Kosten des passiven Widerstands überstiegen die Reichsfinanzen bei weitem, die Inflation und die mangelhafte Ernährungslage nahmen erschreckende Ausmaße an. War es der Reichsbank am Anfang gelungen, durch Stützungskäufe die Mark stabil zu halten, so brachen im Juli alle Dämme. Im August lag der Kurs des Dollars bei fast 4 Millionen Mark und er sollte bis zum Jahresende auf 4,2 Billionen Mark steigen. Angesichts dieser Entwicklung gab die Reichsregierung unter dem neuen Reichskanzler Gustav Stresemann den passiven Widerstand im September auf. Die Feinde des Reichs, verkörpert durch die zwei Raben, die auf den Adler einhacken, sind nur vordergründig die Sieger des Krieges, die ein Stück aus dem Körper des Adlers reißen. Die Existenz der Republik war seit Beginn auch von Feinden im Inneren bedroht. Spartakus-Aufstand und Kapp-Putsch waren 1923 sicherlich noch nicht vergessen. Nahm die Darstellung nicht die politische Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte voraus? Im Rheinland unterstützen Franzosen und Belgier separatistische Bünde, die die Bildung eines Rheinstaates forderten. In verschiedenen Städten des Rheinlandes kam es zur Ausrufung der Rheinischen Republik. In Hamburg probten im Oktober Kommunisten den Aufstand und in Bayern unternahmen im November konservative und nationalsozialistische Kreise mit Hindenburg und Hitler an der Spitze und dem Marsch auf die Feldherrnhalle einen Putschversuch. Wie instabil die politischen Verhältnisse waren, wird durch die Tatsache sichtbar, dass drei Reichsregierungen im Jahr 1923 ihr Glück versuchten. Und dann waren da noch die Spekulanten und Schieber, die ohne Rücksicht auf die verarmte Bevölkerung riesige Vermögen zusammenrafften. Gegensätzlicher zum Adler könnten die beiden anderen Protagonisten auf dem Schein nicht dargestellt sein. Der majestätisch ruhende Löwe blickt müde und gelangweilt vom Adler weg, als ginge ihn das Gemetzel in seinem Rücken nichts an. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Briten die Ruhrbesetzung eigentlich ablehnten. Der gallische Hahn steht stolz über allem. Auch die Franzosen verloren ihr Interesse an Deutschland, das sie wie die Briten mehr oder weniger ihrem Schicksal überließen. Uwe Bronnert Anmerkungen [1] Vgl. Christian Lechelt, Manufaktur und Manufakturkünstler. Über das porzellankünstlerische Schaffen von Paul Emil Börner (1888 – 1970), Diss. Hamburg 2012, S. 49. [2] Bereits am 10. Januar 1923 besetzten litauische Truppen das unter alliierter Verwaltung stehende ostpreußische Memelgebiet. Nur einen Monat später (16. Februar) stimmte die Botschafterkonferenz der alliierten Staaten der Übernahme durch Litauen zu. [3] Die Besatzer verlegten die westliche deutsche Zollgrenze am 13. Februar 1923 an die östliche Grenze des Ruhrgebiets.

  • Polens Städte-Serie vom 1. März 1990

    Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre kam es zu Umwälzungen der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa. Michail Gorbatschow, letzter sowjetischer Staats- und Parteichef, versuchte mit „Glasnost und Perestrojka“ die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft zu reformieren und setzte damit eine Kettenreaktion von friedlichen Revolutionen und Umbrüchen in Gang, die zum Untergang der Sowjetunion und des Ostblocks führten. Der Prager Frühling in der Tschechoslowakei, die Solidarność-Bewegung in Polen und der Umbruch in Ungarn führten letztendlich zur Friedlichen Revolution in der DDR, zum Fall der Berliner Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung. In Polen war der Übergang von der Zentralverwaltungswirtschaft zur Marktwirtschaft mit einer galoppierenden Inflation verbunden, die erst durch die Währungsreform vom 1. Januar 1995 überwunden wurde. Aufgrund des Gesetzes über die Währungsumstellung des polnischen Złoty vom 7. Juli 1994 ersetzte die polnische Notenbank 10.000 alte durch einen neuen Złoty. Bereits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre hatte der Grafiker Andrzej Heidrich zwei alternative Banknotenreihen entworfen. Die erste von ihnen war bedeutenden polnischen Literaten gewidmet: Henryk Sienkiewicz, Bolesław Prus, Stefan Żeromski, Władysław Reymont, Juliusz Słowacki und Adam Mickiewicz. Die zweite Reihe zeigte Politiker: Wincenty Witos, Ignacy Daszyński, Stefan Starzyński, Władysław Sikorski, Stanisław Staszic und Władysław Gomulka. Obwohl der Notenbankvorstand von den Entwürfen angetan war, entschied man sich dagegen, sie für die bevorstehende Währungsreform zu verwenden. Man befürchtete, dass sich die neuen Scheine wegen der Personendarstellungen nicht genügend von den Alten unterscheiden würden. Es wurde daher beschlossen, einen anderen Weg zu gehen. Die Scheine sollten Gebäude ausgewählter Städte zeigen. Für das Projekt wurde Waldemar Andrzejewski gewonnen. Er legte sieben Entwürfe vor, die folgende Städte repräsentierten: Plock – 50 Złoty, Warschau (Warszawa) – 100 Złoty, Breslau (Wrocław) – 200 Złoty, Kattowitz (Katowice) – 500 Złoty, Krakau (Kraków) – 1000 Złoty und Kalisch (Kalisz) – 1000 Złoty sowie Biskupin – 2000 Złoty. Diese Entwürfe bildeten die Grundlage für den Fortgang der Planung. Die deutsche Druckerei Giesecke & Devrient GmbH wurde mit der Herstellung der Noten beauftragt. Zur Ausführung kamen neun Nominale: 1, 2, 5, 10, 20, 50, 100, 200 und 500 Złoty. Alle Noten haben die Größe von 138 mm x 63 mm und sind in einem einheitlichen Stil gestaltet. Auf der Vorderseite finden sich rechts die Darstellung eines Gebäudes, darunter die Angabe des Emittenten „NARODOWY BANK POLSKI“ und in der rechten unteren Ecke die Wertzahl. Auf der linken Seite oben die Wertzahl in Ziffern und Buchstaben. Darunter die rote siebenstellige Kennziffer mit vorgesetztem Serienbuchstaben – diese Angabe wird in der oberen rechten Ecke wiederholt – dann der polnische Adler in einem Kreis. Es folgt die Unterschrift des Präsidenten der Notenbank Władysłlaw Baka, darunter die des Generalrechnungsprüfers Jerzy Lasocki, schließlich WARAZWA und das Ausgabedatum 1 MARCA 1990. Zwischen der Gebäudedarstellung und dem linken Text ist eine größere runde weiße Fläche ausgespart. Hält man den Schein gegen eine Lichtquelle, ist hier das einheitliche Wasserzeichen zu erkennen. Die Rückseite nimmt verschieden Darstellungen auf. Gemeinsam ist die Wertangabe am rechten Rand sowie die Angabe des Emittenten am unteren Rand, sowie am linken Rand vertikal der Strafsatz. 1: 1 Złoty, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 2: 2 Złote, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 3: 5 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 4: 10 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 5: 20 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 6: 50 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 7: 100 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 8: 200 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 9: 500 Złotych, 1. März 1990, Vorder- und Rückseite. 10: Abbildung des Wasserzeichens. Die gelieferten Banknoten wurden zunächst eingelagert, da die Notenbank die Inflation noch stoppen konnte – die Zeit für eine stabile Währung noch nicht reif war. Später kamen bei der Bankleitung Bedenken auf, ob die mit nur wenigen Sicherungsmerkmalen versehenen Noten gegen Fälschung eine ausreichende Sicherheit böten. Daher gab man bei Andrzej Heidrich neue Entwürfe mit Brustbildern polnischer Herrscher in Auftrag, die bei De la Rue mit dem Ausgabedatum 25. März 1994 gedruckt wurden. Die Serie umfasst die Nominale 10, 20, 50, 100 und 200 Zloty. Was macht man aber mit Banknoten, die man nicht ausgeben will und daher nicht benötigt? Die polnische Notenbank fanden eine sammlerfreundliche Lösung. Sie ließ 1996 einen Teil der Noten beidseitig mit dem roten Aufdruck „NIEOBIEGOWY“ überdrucken und verkaufte sie an Interessierte. Da die Scheine aus den fortlaufenden Serien genommen wurden, tragen sie alle entsprechende Serienbuchstaben und Kontrollnummern. 2019 gab die Bank dann den Satz in einem „Buch“ ab, diesmal aber ohne den Ungültigkeitsaufdruck. Scheine mit dem Aufdruck „WZÓR“ auf der Vorderseite und „SPECIMEN“ auf der Rückseite gelangten ebenfalls in Sammlerhände. Etwa 1000 Stück dieser „echten Musternoten“ sollen mit der Serie A und der Kontrollnummer „0000000“ hergestellt worden sein. Auf dem unteren weißen Rand ist links zusätzlich klein Spezimen No mit einer vierstelligen Nummer gedruckt, z. B. SPECIMEN No 0759. Uwe Bronnert

  • Die Geldscheine der Jason Islands

    Die Jason Islands liegen im äußersten Nordwesten des Falkland-Archipels, weit vor der Küste Patagoniens. Die Region gehört zu den eher ungemütlichen der Erde. Die durchschnittliche Höchsttemperatur klettert selbst in den wärmsten Monaten – Januar bis Februar – kaum über 15 Grad Celsius. Die Inseln sind karg und felsig. Nur selten verirren sich Menschen auf die zerklüfteten Jason Inseln. Höchstens Wissenschaftler interessieren sich für ihre Bewohner: Pinguine, Seeelefanten, Seelöwen und Vögel. Abb. 1: Das Falkland-Archipel mit den Jason-Islands rot, Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Jason_Islands Im März 1970 kaufte Leonard W. (Hill die unbewohnten Inseln Steeple Jason und Grand Jason für 5.500 Pfund. Len war ein britischer Vogelliebhaber, der sich bereits mit dem „Birdland Zoo Gardens“ in Burton-on-the Water in Gloucestershire einen Kindheitstraum erfüllt hatte. Nun wandelte er die Inseln in ein privates Vogelreservat um. Obwohl er ein erfolgreicher Geschäftsmann war, strapazierten die Kosten des Birdland Zoo Gardens und der Kauf der Inseln seine Finanzen. Daher ließ er für die Jason Islands Briefmarken drucken. Mit deren Erlös finanzierte er seine Naturschutz-Aktivitäten. Der Druck der Marken erfolgte bei der renommierten englischen Sicherheitsdruckerei Harrison and Sons Ltd. In den späten 1970er Jahren startete er einen weiteren Versuch, Geld für sein Naturschutzprojekt zu generieren, indem er eigene Geldscheine emittierte. Die Ausgabe besteht aus fünf Nominalen, die in aufsteigender Größe und in verschiedenen Farben ausgeführt wurden: 50 Pence (grün), 1 Pfund (lila), 5 Pfund (rot), 10 Pfund (blau) und 20 Pfund (braun). Das Design ist bei allen Werten gleich. Auf der Vorderseite wird oben in der Mitte „Jason Islands“ genannt, es folgt in der unteren Mitte die Wertangabe. Zwischen diesen Angaben befindet sich Len Hills Unterschrift als „Administrator“. Auf der rechten Seite in einem Oval sein Brustbild und links die Abbildung eines Pinguins. Abb. 2.1: 50 Pence, Vorderseite. Abb. 2.2: 50 Pence, Rückseite, Größe: 136 x 70 mm. Abb. 3.1: 1 Pound, Vorderseite. Abb. 3.2: 1 Pound, Rückseite, Größe: 145 x 76 mm. Abb. 4.1: 5 Pounds, Vorderseite. Abb. 4.2: 5 Pounds, Rückseite, Größ3: 157 x 81 mm. Abb. 5.2: 10 Pounds, Rückseite, Größe: 166 x 86 mm. Abb. 6.1: 20 Pounds, Vorderseite. Abb. 6.2: 20 Pounds, Rückseite, Größe: 176 x 91 mm. Auf jedem Schein wird eine andere Pinguin-Art abgebildet: Beim 50-Pence-Schein ein Humboldt-Pinguin, beim 1-Pfund-Schein ein Jackass Penguin (Eselspinguin), das 5-Pfund-Nominal bildet einen Rockhopper Penguin (Felsenpinguin) ab, der Wert zu 10 Pfund einen Gentoo Penguin (Eselspinguin) und der zu 20 Pfund einen King Penguin (Königspinguin). Auf jeder Note findet sich rechts unten eine Referenznummer. Beim Wert zu 20 Pfund „6H 4483“, beim Wert zu 10 Pfund „6H 4484“ usf. Die Nummer beim 50-Pence-Schein lautet „6H 4487“. Ihre Bedeutung ist unbekannt, ist aber bei jedem einzelnen Nominal gleich. Die Rückseiten aller Scheine sind einheitlich gestaltet. Sie unterscheiden sich nur in der Wertangabe. Die Vignette zeigt eine Insel der Jason Islands. Rechts davon eine Tafel mit der Wertangabe und „Jason Islands“ über die einige Blumen hervorlugen, während die Stängel direkt unter der Tafel erscheinen. Leider ist weder die Druckerei der Wertzeichen bekannt noch wann sie ausgegeben wurden. Allerdings findet sich auf den Rückseiten der folgende Hinweis: „valid until 31 December 1979“ („Gültig bis 31. Dezember 1979“). Diese Angabe schützte den Emittenten vor einer späteren Inanspruchnahme. Sie legt den Schluss nahe, dass die Scheine 1978 oder 1979 ausgegeben wurden. Ihre Gesamtauflage ist unbekannt, dürfte aber viele Tausend umfasst haben. Trotz der einfachen Darstellung ist ihr Druck sorgfältig ausgeführt, sodass auch die feinen Linien klar und gut erkennbar sind. Natürlich stand Len Hill kein Notenausgaberecht zu, die Regierung der Falkland-Inseln ließ ihn aber gewähren und betrachtete das Ganze wohl eher als Spendenbescheinigung, zumal kaum anzunehmen ist, dass jemals ein Schein im Zahlungsverkehr auftauchte. In den 1990er Jahren erwarb der New Yorker Philanthrop Michael Steinhardt die Inseln, die er später zusammen mit 425.000 US-Dollars an die im Bronx Zoo ansässige Wildlife Conservation Society schenkte , um eine nach ihm und seiner Frau Judy benannte Naturschutzstation bauen zu lassen. Uwe Bronnert

  • Arghow Kenethlek Kernow – Geldscheine des Nationalen Fonds für Cornwall

    Die offizielle Währung in Großbritannien und Nordirland ist der Pfund Sterling, der im Dezember 2021 etwa 1,18 € entsprach. Neben den staatlichen Münzen sind die Banknoten der Bank of England im gesamtem Vereinigten Königreich gesetzliche Zahlungsmittel. Daneben sind auch Noten schottischer und nordirischer Banken im Umlauf, ohne jedoch gesetzliche Zahlungsmittel zu sein. Daher kann es vorkommen, dass ihre Annahme bei Zahlungen verweigert wird. 1974 gelangten in Cornwall Geldscheine in Umlauf, auf denen „Arghow Kenethlek Kernow“ als Emittent genannt wird. Dies ist Cornish, die keltische Sprache der Urbewohner Cornwalls und bedeutet so viel wie „Kornischer Nationalfond“, hinter dem das „Stannary Parlament“ stand. Die kornische Sprache (auch Kornisch; neukornisch: Kernewek, Kernowek oder Kernuak) ist eine dem Walisischen und Bretonischen naheverwandte keltische Sprache, die bis ins späte 18. Jahrhundert in Cornwall gesprochen und dann vom Englischen verdrängt wurde. Im 20. Jahrhundert bildeten sich verschiedene Bewegungen, die es sich zum Ziel setzten, die Sprache wiederzubeleben. Eine von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Studie (MacKinnon-report 2000) ergab, dass nur etwa 250 Personen die Sprache fließend beherrschen und weitere ca. 3.000 (< 0,7 % der Bevölkerung Cornwalls) über teils minimale Grundkenntnisse verfügen. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Kornische_Sprache (16.12.2021) Das Wort „stannary“ leitet sich von „stannum“ ab, dem lateinischen Wort für Zinn, das über dreitausend Jahre in Cornwall abgebaut wurde. Im Mittelalter erlangte der Zinnbergbau eine solche Bedeutung, dass den Zinnbergleuten besondere königliche Privilegien gewährt wurden. Danach hatten die Bewohner Cornwalls das Recht, ihre eigenen Gerichte abzuhalten. Die Charter of Pardon bestätigte 1508 nicht nur die Privilegien, sondern erweiterte sie dahingehend, dass die Bürger Cornwalls ein Vetorecht gegen in Westminster erlassene Gesetze bekamen. In jedem der vier Stannaries – Foymore, Blackmore, Tywarnhalle sowie Penwith und Kerrier – wurden sechs Stannators gewählt, die das Stannary Parlament bildeten. Parallel zum Niedergang der Zinnbergbaus verfiel im achtzehnten Jahrhundert die Tradition des Stannary Parlaments. In den 1970er Jahren strebten kornische Nationalisten nach einer Wiederbelebung des Stannary Parlaments und der teilweisen Selbstregierung Cornwalls. Zur Geldbeschaffung dieses Vorhabens wurde der Kornische Nationalfond gegründet und 1974 Geldscheine mit den Nennwerten 5 und 10 Schilling, sowie 1 und 5 Pfund emittiert. Abb. 1: Arghow Kenethlek Kernow (Cornish National Fund), 1974, 1 Pfund, Vorderseite. Abb. 2: Arghow Kenethlek Kernow (Cornish National Fund), 1974, 1 Pfund, Rückseite. Der 5-Schilling-Schein zeigt auf der Vorderseite zwei Schilde. Das linke steht für den Heiligen Piran, den Schutzpatron der Zinnbergleute. Der irische Mönch wirkte um das fünfte Jahrhundert herum in Cornwall. Sein Banner – ein weißes Kreuz auf schwarzem Grund – wird seit vielen Jahren als Flagge Cornwalls verwendet und wurde angeblich von den kornischen Truppen in der Schlacht von Agincourt (25. Oktober 1415) getragen. Die 10-Shilling-Note trägt auf der Vorderseite eine Zeichnung des Kreuzes von St. Piran und die 1-Pfund-Note das Siegel des stannarischen Parlaments. Der kornische Text auf den Scheinen ist weitgehend gleich und kann wie folgt übersetzt werden: „Der Nationalfonds von Cornwall verspricht dem Überbringer, einen Tag nach Sicht den Betrag von fünf [10] Schilling bzw. 1 Pfund auszuzahlen“. Durch die Verwendung der „Sicht“-Klausel umging man eine gesetzliche Beschränkung für Emission von Banknoten in England und Wales. Nach dem Bank Notes Act von 1826 müssen „demand“-Noten [der Betrag ist sofort bei Vorlage zahlbar] mindestens über einen Betrag von 5 Pfund lauten. Der 5-Pfund-Schein bildet das alte Benediktinerkloster auf dem St. Michael‘s Mount vor der Küste Cornwalls ab. Nach dem kornischen Text war dieser Wert sofort zahlbar. Die fast identischen Rückseiten der vier Nominale bilden Restormal Castle in der Zinnstadt Lostwithiel ab. Oben links die Initialen „AKK“ für „Arghow Kenethlek Kernow“ und rechts unten die Initialen der englischen Bezeichnung „CNF“ (Cornish National Fond). Die Scheine wurden von Brian Hambley entworfen, der zu dieser Zeit Lord Protector des Parlaments war. Über ihre Ausgabe ist nur sehr wenig bekannt, weder wie viele Scheine ausgegeben noch, ob sie mit einem Aufschlag verkauft wurden. Eine Unterschrift auf den Scheinen stammt von Frederick Trull, der als "clerk to the Stannary" bezeichnet wurde. Am 26. Februar 1975 stand er wegen eines Verkehrsdeliktes vor dem St. Austell Magistrate's Court. Dabei kam es zu einem ungewöhnlichen Vorfall. Trull versuchte den Gerichtsschreiber und den Richter zu verhaften. Am 2. Juni 1975 wurde er deswegen wegen Landfriedensbruch für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe sowie zur Zahlung der Gerichtskosten verurteilt. Es nutzte ihm auch nichts, dass er in einer fünfundzwanzigseitigen Dokumentation nachzuweisen versuchte, dass das Gericht nicht zuständig sei. Anschließend wurde er von seinem Posten als Sekretär des Stannary entlassen und aus der Organisation ausgeschlossen. Die Geldscheine, die Trulls Unterschrift trugen, wurden verbrannt. Im Jahr 1985 gab das Cornish Stannary Parliament 50-Pence- und 1-Pfund-Scheine heraus, die mit einem Aufgeld verkauft wurden. 2000 folgten dann ein Schein zu 500 Dynars. Der erinnert auf der Rückseite an Richard Trevithicks Dampfauto-Fahrt auf den Camborne Hill am Weihnachtsabend 1801. Uwe Bronnert

  • Hyperinflationen der 1920er Jahre als Folge des Ersten Weltkriegs, Teil 1

    „Die Inflation in der Eurozone steigt deutlicher, als die Europäische Zentralbank (EZB) als Ziel vorgegeben hatte,“[1] titelte die WirtschaftsWoche Mitte 2021. Zwar betrug der Anstieg der Verbraucherpreise nur 2,0 % gegenüber dem Vorjahresmonat, aber dennoch „breitet sich die Angst vor Inflation wieder aus. Mittlerweile glaubt fast ein Viertel der Befragten, in den kommenden zwölf Monaten könnten die Preise‚ erheblich‘ steigen.“[2] Die Preise sind gestiegen! Was ist unter Inflation zu verstehen? Inflation (lat. Inflare = aufblähen) ist eine starke Veränderung des Nachfrage- bzw. Angebotsverhältnisses durch eine erhebliche Aufblähung des nachfragewirksamen Geldes, hervorgerufen durch eine Vermehrung der umlaufenden Geldmenge und/oder eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bzw. der Senkung des Gütervolumens. Das Phänomen der Inflation ist weltweit und zu allen Zeiten zu beobachten.[3] In den vergangenen einhundert Jahren häuften sich jedoch die Hyperinflationen, d. h. Inflationen mit einer monatlichen Preissteigerung von mehr als 50 Prozent, dies entspricht einer jährlichen Inflationsrate von umgerechnet rund 13.000 Prozent. Solche Zahlen sagen wenig darüber aus, wie Personen die Hyperinflation erleben. Hans Fallada bringt die Hilflosigkeit der betroffenen Menschen in seinem 1937 erschienen Roman „Wolf unter Wölfen“ auf den Punkt: „Irgendwo in dieser Stadt stand eine Maschine und erbrach Tag und Nacht Papier über der Stadt. ‚Geld‘ nannten sie es. Sie druckten Zahlen darauf, wunderbare, glatte Zahlen mit vielen Nullen, die immer runder wurden. Und wenn du gearbeitet hast, wenn du dir etwas erspart hast auf deine alten Tage – es ist alles wertlos geworden; Papier, Papier und Dreck.“ Und Willi Schickling schrieb in einem Aufsatz zur deutschen Inflation: „Auf dem Höhepunkt des tollen Treibens werden die Preise jeden Tag, mitunter sogar von Stunde zu Stunde neu festgesetzt. Täglich werden schließlich auch die Löhne und Gehälter ausgezahlt. Die Unsummen an Reichsmark (sic) und Notgeld, die von den Notenpressen in rasender Hast ausgespuckt werden, müssen mit der gleichen Hast irgendwelchen Käufen dienen, wenn ihr Empfänger überhaupt noch etwas von ihrem Geld haben wollen, statt es wie Teufelsspuk zwischen den Händen zerrinnen zu lassen.“[4] Nach einer Studie der US-Forscher, Steve H. Hanke und Nicholas Krus, von der Johns Hopkins Universität in Baltimore haben die gefürchteten Hyperinflationen die Weltwirtschaft bis Ende 2008 56-mal heimgesucht.[5] Und in den letzten Jahren sind weitere hinzugekommen. Im Gefolge der Französischen Revolution begegnet uns die erste dokumentierte Hyperinflation der Wirtschaftsgeschichte. Das System der Papiergeldausgaben geriet sehr schnell aus den Fugen. Die Nationalversammlung verzichtete nicht nur darauf, die zurückfließenden Assignaten zu vernichten, sondern ließ noch mehr Scheine drucken. Die Regierung verpflichtete die Händler zum Verkauf ihrer Waren gegen Papiergeld und untersagte den Umtausch gegen Edelmetall. Die Probleme wurden noch dadurch verschlimmert, dass das Land von englischen Fälschungen überschwemmt wurde. Allein zwischen 1790 und 1793 verloren die Assignate 60 Prozent ihres Wertes. Im Mai 1795 stieg die monatliche Teuerungsrate auf 304 Prozent. Innerhalb von fünf Jahren schwoll die Umlaufmenge der Assignaten von 912 Millionen Livres am 1. Juni 1791 auf 27,6 Milliarden Livres am 1. Januar 1796 an. Im Februar 1796 ließ schließlich das Direktorium die völlig wertlosen Geldscheine – ihr Kurs betrug gegenüber dem Metall nur noch 1/3 Prozent – in Paris auf dem Place Vendome propagandistisch verbrennen und die Druckplatten zerschlagen. Bild 1: République Française, 7 vendémiaire an II (28. September 1793), 250 Lavers, Vorderseite. Gesamtausgabe: 4.992.000 Noten. Historische und aktuelle Beispiele gibt es reichlich, die belegen, dass „es .. zwei Gründe für heftige Ausbrüche von Inflation [gibt]: Entweder die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger schätzen die Situation völlig falsch ein und werden selbst von heftigen Preissteigerungen überrascht. Oder ein Staatswesen ist derart schwach, dass sich Regierungen nicht anders zu helfen wissen, als die Inflation laufen zu lassen und öffentliche Ausgaben über die Notenpresse zu finanzieren. Manchmal kommt beides zusammen.“[6] Dies ist besonders in Kriegs- und Nachkriegszeiten zu beobachten. Das Deutsche Reich machte während und nach den beiden Weltkriegen Erfahrungen mit der Inflation. Statt durch Steuererhöhungen die enormen Kriegskosten zu decken, wurde die Notenpresse angeworfen. Verschlimmert wurde die Lage nach Ende des Ersten Weltkriegs dadurch, dass die Siegermächte enorme Reparationszahlungen forderten. 1914 belief sich das Volumen aller Zahlungsmittel des Deutschen Reiches auf rund 6 Milliarden Mark und setzte sich aus Reichsbanknoten, Reichskassenscheinen, Privatbanknoten, Gold- und Scheidemünzen zusammen. Am 15. November 1923 waren neben 93 Trillionen Mark an Reichsbanknoten noch mehr als das Sechs- bis Siebenfache an anderen Zahlungsmitteln (kleine Stücke der Reichsgoldanleihe, wertbeständiges und nicht wertbeständiges Notgeld) im Verkehr. Bis Mitte Oktober 1922 lautete die höchste Reichsbanknote auf 1000 Mark. Mit Datum vom 26. Oktober 1923 kam dann im November die erste 100-Billionen-Mark-Note in Umlauf. Im Oktober verdoppelten sich alle 3,7 Tage die Preise. Die monatliche Inflationsrate betrug 29.500 Prozent. Dies war der höchste Wert, der erreicht wurde. Zwar emittierte die Reichsbank Mitte April 1924 noch eine weitere Note zu 100 Billionen Mark (Ausgabedatum 15. März 1924), aber zu diesem Zeitpunkt war die Hochinflation bereits beendet. Abb. 2: Reichsbank, 25. Juli 1923, 20 Millionen Mark, Vorderseite, Rückseite unbedruckt. Abb. 3.1: Reichsbank, (15. Dezember 1922), 1000 Mark aufgewertet zu 1 Milliarde Mark, Vorderseite. Abb. 3.2: Reichsbank, (15. Dezember 1922), 1000 Mark aufgewertet zu 1 Milliarde Mark, Rückseite. Abb. 4: Reichsbank, 26. Oktober 1923, 100 Billionen Mark, Fälschung, Vorderseite, Rückseite unbedruckt. Durch Verordnung vom 15. Oktober 1923 wurde die Deutsche Rentenbank gegründet, die ab 23. November 1923 Rentenbankscheine ausgab. Der Wert der Rentenmark wurde am 20. November 1923 auf 1 Billion Mark festgesetzt. Da die Rentenbank eine strikte Politik des knappen Geldes betrieb und die Reichsbank die Notenpresse stilllegte, gelang das Währungsexperiment. Die Inflationsbanknoten blieben zwar noch bis zum 5. Juni 1925 gesetzliche Zahlungsmittel, da die neuen, auf Reichsmark lautenden Banknoten, erst ab Anfang November 1924 ausgegeben wurden. Ihr Umtauschkurs: 1 Billion Mark = 1 Rentenmark = 1 Reichsmark. Abb. 5.1: Deutsche Rentenbank, 1. November 1923, 1 Rentenmark, Vorderseite. Abb. 5.2: Deutsche Rentenbank, 1. November 1923, 1 Rentenmark, Rückseite. Abb. 6.1: Reichsbank, 11. Oktober 1924, 10 Reichsmark, Vorderseite. Abb. 6.2: Reichsbank, 11. Oktober 1924, 10 Reichsmark, Rückseite. Die ehemalige k.u.k.-Monarchie brach 1918 auseinander und ein langes Tauziehen um die Oesterreichisch-ungarische Bank setzte ein. Während es den Nachfolgestaaten gelang, eigene, stabile Währungen zu schaffen, gerieten Österreich und Ungarn immer stärker in einen Inflationssog. Bei Kriegsende war der höchste Wert der Banknoten 10.000 Kronen. Um die Staatsausgaben finanzieren zu können, beschäftigte auch die österreichische Regierung die Notenpresse. 1922 gab die Oesterreichisch-Ungarische Bank, Geschäftsführung Österreich, zunächst noch neue Noten zu 1 bis 1000 Kronen aus. Aber schon bald folgten solche zu 5000, 50.000 und 100.000 Kronen. Im September wurde sogar eine 500.000-Kronen-Note in den Zahlungsverkehr gegeben. Die Krone hatte jetzt nur noch den Wert eines Zwanzig Tausendstel ihres Friedensgoldwertes. Die höchste monatliche Inflationsrate wurde im August 1922 mit 129 % gemessen. Abb. 7.1: Oesterreichisch-ungarische Bank, österreichische Geschäftsführung, 2. Januar 1922, 100.000 Kronen, Vorderseite. Abb. 7.2: Oesterreichisch-ungarische Bank, österreichische Geschäftsführung, 2. Januar 1922, 100.000 Kronen, Rückseite. Um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern, wurde die Oesterreichische Nationalbank gegründet, die in den ersten Januartagen des Jahres 1923 ihre Arbeit aufnahm. Ihr gelang in wenigen Monaten die Stabilisierung der Krone. Durch „Bundesgesetz vom 20. Dezember 1924 über die Einführung der Schillingrechnung, die Ausprägung von Goldmünzen und über andere das Währungswesen betreffende Bestimmungen“ (Schillingrechnungsgesetz) wurde in Österreich mit dem 1. Januar 1925 der Schilling auf der Basis von 10.000 Kronen als neue Währung eingeführt. Abb. 8.1: Oesterreichische Nationalbank, 2. Jänner 1924, 1 Schilling (10.000 Kronen), Vorderseite. Abb. 8.2: Oesterreichische Nationalbank, 2. Jänner 1924, 1 Schilling (10.000 Kronen), Rückseite. Bei Kriegsende war auch Ungarn von einer planmäßigen Finanz- und Währungspolitik weit entfernt. Die 1919 gebildete Räterepublik beschlagnahmte nicht nur die Kassenbestände in den Filialen der Oesterreichisch-ungarischen Bank, sondern ließ in Budapest „eigene“ 25- und 200-Kronen-Noten drucken sowie Noten zu 1 und 2 Kronen auf fotochemischem Wege herstellen. Zusätzlich beauftragte die Räteregierung die Postsparkasse mit der Ausgabe von Papiergeld (20 und 50 Filler, 5, 10 und 20 Kronen). Neben diesen drei verschiedenen Geldsorten zirkulierten kommunale und private Notgeldscheine. Die bürgerliche Regierung, die der Räterepublik folgte, bemühte sich das Geldwesen wieder zu ordnen. Um das Einströmen der in den anderen Staaten der ehemaligen k.u.k.-Monarchie bereits ungültigen Banknoten der Oesterreichisch-ungarischen Bank zu verhindern, ordnete der Finanzminister am 17. März 1920 ihre Abstempelung an. 50 Prozent des Wertes wurden dabei als Zwangsanleihe eingezogen. Ausgenommen von dieser Maßnahme waren nur die Scheine zu 1, 2, 25 und 200 Kronen. Am 1. August 1921 erfolgte dann die Lösung von der Oesterreichisch-ungarischen Bank und die Gründung eines staatlichen Noteninstitutes, das Staatsnoten zwischen 1 und 10.000 Korona ausgab. Abb. 9.1: Ungarn, Staatsnote, 1. Januar 1920, 1000 Korona, Vorderseite. Abb. 9.2: Ungarn, Staatsnote, 1. Januar 1920, 1000 Korona, Rückseite. Um die Ausgaben decken zu können, nahm ab Herbst 1921 der Staat die Notenpresse immer öfter in Anspruch, sodass sich der Koronakurs ständig verschlechterte und die Preise stiegen. Folglich stiegen auch die Zahlen auf den Noten: 25.000, 50.000, 100.000, 500.000 und Ende 1923 auf 1.000.000 Korona. Zwischen März 1923 und Februar 1924 kam es zu einer Hyperinflation; die höchste monatliche Inflationsrate lag im Juli 1923 bei 97,9 Prozent. Mitte 1924 hatte die ungarische Krone nur noch ein Zwanzig Tausendstel ihres Vorkriegswertes. Ende Juni 1924 nahm die am 25. April gegründete Magyar Nemzeti Bank (Ungarische Nationalbank) ihre Tätigkeit auf. Ihr gelang es, den Wechselkurs zu stabilisieren, sodass durch Gesetz vom 18. November 1925 eine neue Pengö-Währung eingeführt wurde: 1 Pengö = 12.500 Korona. Bis zur Fertigstellung neuer Geldscheine galten die vorhandenen Noten mit einem Aufdruck des neuen Wertes als 8, 40, 80 Filler, 2, 4, 8, 40 und 80 Pengö weiter. Auch nach Ausgabe neuer Noten blieben sie bis 1931 im Umlauf. Abb.10.1: Ungarn, o. D., 8 Filler, Vorderseite. Abb.10.2: Ungarn, o. D., 8 Filler, Rückseite. In der 1920 infolge des Versailler Vertrags entstandenen Freien Stadt Danzig blieb die deutsche Mark weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel. Der Verfall der deutschen Währung machte eine Lösung der Währungsfrage immer dringender, zumal Polen die Einführung der ebenfalls inflationären polnischen Mark forderte. Dem Finanzsenator Dr. Volkmann gelang es, die Bank of England für den Plan einer eigenen Währung zu gewinnen, dem auch der Völkerbund in Genf zustimmte. Das „Gesetz vom 20. Oktober 1923 über eine wertbeständige Rechnungseinheit“ legte die Grundlage für den Danziger Gulden. Dessen Wert wurde an das englische Pfund gebunden: 1 £ = 25 Danziger Gulden. Bereits am 24. Oktober 1923 gab es einen ersten Zwischengulden, der von der Danziger Zentralkasse AG ausgegeben wurde. Am 20. November erhielt dann die Bank von Danzig – die Gründung erfolgte erst am 5. Februar 1924 – durch Gesetz das alleinige Notenprivileg. Die deutschen Marknoten konnten in der Freien Stadt Danzig noch bis zum 31. Dezember 1923 verwendet werden. Abb. 11: Stadtgemeinde Danzig, 22. September 1923, 100 Millionen Mark (Deutsche Reichswährung), Vorderseite, Rückseite unbedruckt. Abb. 12: Danziger Zentralkasse Aktiengesellschaft, 22. Oktober 1923, 1 Danziger Gulden, Vorderseite, Rückseite unbedruckt. Abb. 13.1: Bank von Danzig, 10. Februar 1924, 10 Gulden, Vorderseite. Abb. 13.2: Bank von Danzig, 10. Februar 1924, 10 Gulden, Rückseite. Uwe Bronnert Fortsetzung folgt … Anmerkungen [1] (11.06.2021) [2] (11.06.2021) [3] Vgl. Richard Gaettens, Geschichte der Inflationen, Vom Altertum bis zur Gegenwart, Nachdruck der 2. Auflage von 1957, München 1982. [4] Willi Schickling, Die größte Inflation aller Zeiten, in: Das Parlament, Nr. 38 vom 24. September 1983, S. 17. [5] S. Steve H. Hanke und Nicholas Krus, World Hyperinflations, Institute for Applied Economics, Global Health, and the Study of Business Enterprise. The Johns Hopkins University, Baltimor, MD 21218, CATO Working Paper, August 15, 2012. (27.06.2021) [6] Fn 2.

  • Hyperinflationen der 1920er Jahre als Folge des Ersten Weltkriegs, Teil 2

    Das polnische Kernland – Kongress-Polen – war nach dem Willen der Gesandten des Wiener Kongresses 1815 dem russischen Zaren unterstellt worden. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs besetzten die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn das Land. Im Zweikaisermanifest proklamierten sie im November 1916 das „selbstständige“ Königreich Polen. Der Regentschaftsrat in Warschau nutzte die Gunst der Stunde und rief am 7. Oktober 1918 einen unabhängigen polnischen Staat aus. Der Zerfall der Vielvölkermonarchien in Zentral-, Süd- und Osteuropa hinterließ ein machtpolitisches Vakuum. Elf Nationalstaaten, darunter auch Polen, entstanden neu bzw. wieder, deren Grenzen häufig unklar waren, sodass es zu zahlreichen militärischen Zwischenfällen kam. Polen befand sich mit fast jedem seiner Nachbarländer in militärischen Auseinandersetzungen um Territorien und ethnische Minderheiten: Posener Aufstand (1918–1919) Polnisch-Ukrainischer Krieg, von 1918 bis 1919 Drei Aufstände in Oberschlesien, zwischen 1919 und 1921 Polnisch-Tschechoslowakischer Grenzkrieg, vom 23. Januar bis 5. Februar 1919, um das Olsagebiet und Teschen Polnisch-Litauischer Krieg, vom 1. September 1920 bis 7. Oktober 1920 um Wilna (heute litauisch Vilnius) Polnisch-Sowjetischer Krieg, von 1919 bis 1921 Im neu gegründeten Polen herrschte ein wahres Währungschaos. Im ehemaligen Generalgouvernement Warschau galten die von der „Polska Krajowa Kasa Pozyczkowa“ (Polnische Landesdarlehnskasse) ausgegebenen Darlehnskassenscheine. Sie lauteten auf polnische Marka und waren mit der deutschen Mark wertgleich. Die Bank war von der deutschen Besatzungsmacht gegründet worden. In den bisherigen preußischen Landesteilen war weiterhin die deutsche Mark in Umlauf. Da in den österreichisch-ungarisch besetzten Gebieten die Krone als gesetzliche Währung galt, aber auch noch russische Noten (Denkin- und Zarennoten, sowie ukrainische Karbowanez) zirkulierten, waren sechs Währungen im Umlauf. Hinzu kam diverses Notgeld. Józef Klemens Piłsudski, dem der Regentschaftsrat am 11. November 1918 den Oberbefehl über die polnischen Truppen und kurz danach die Führung des polnischen Staates übertragen hatte, ordnete am 5. Februar 1919 an, dass die neue polnische Währung den Namen Lech tragen sollte, unterteilt in 100 Groszys (Groschen). Der Sejm (Parlament) sprach sich jedoch am 25. Februar 1919 dagegen aus und bestimmte den Zloty zur neuen polnischen Währung. Entsprechende Druckaufträge wurden erteilt. Bis auf Weiters gab die Landesdarlehnskasse weiterhin auf Mark lautende Darlehnsnoten aus. Mit einsetzender Inflation nahmen ihre Nennwerte und Menge zu. Im August 1919 mussten Geldscheine im Ausland, bei der Staatsdruckerei in Wien in Auftrag gegeben werden, die zwei Ausgaben mit den Jahreszahlen 1919 und 1920 und den Nennwerten von 1/2 bis 5000 polnischen Mark lieferte. Die Noten sind im typischen Wiener Jugendstil-Design gehalten. Abb. 14.1: Polska Krajowa Kasa Pozyczkowa, 23. September 1919, 1000 Marek Polskich, Vorderseite. Abb. 14.2: Polska Krajowa Kasa Pozyczkowa, 23. September 1919, 1000 Marek Polskich, Rückseite. Die Kosten der Kriege und der Kursverfall der deutschen Mark begünstigten die Haushaltdefizite, die durch zusätzliche Geldemissionen finanziert wurden. Betrug der Banknotenumlauf Ende 1918 neun Milliarden polnische Mark, so stieg er auf 125.372 Milliarden polnische Mark Ende 1923. Zwischen der Übernahme der Regierungstätigkeit durch Wincenty Witos im Mai 1923 und dem 1. August 1923 fiel der Kurs der polnischen Mark gegenüber dem US-Dollar von 1:52.000 auf 1:230.000. Anfang 1924 erreichte er seinen Höhepunkt – ein Dollar kostete 10.250.000 polnische Mark. Banknoten zu zehn Millionen Mark wurden ausgegeben, solche zu 50 Millionen waren geplant. Die Landesdarlehnskasse nutzte neben ihren Noten auch Zahlungsanweisungen über 50 und 100 Millionen Mark bei Zahlungen. Sie liefen wie Banknoten um. Neun Monate lag die Inflationsrate über 50 Prozent und Im Oktober 1923 erreichte sie den Höchststand von 275 Prozent. Die Mark hatte als Geld ausgedient. Abb. 15.1: Polska Krajowa Kasa Pozyczkowa, 10. xxx 1922, 50.000 Marek Polskich, Vorderseite. Abb. 15.2: Polska Krajowa Kasa Pozyczkowa, 10. xxx 1922, 50.000 Marek Polskich, Rückseite. Parlament und Senat statteten Ministerpräsident Wladyslaw Grabski, der gleichzeitig Finanzminister war, mit umfangreichen Vollmachten aus. Nachdem er den Haushalt konsolidiert hatte, leitete er mit dem Gesetz vom 11. Januar 1923 die Währungsreform ein. Die Landesdarlehnskasse wurde am 28. April 1924 aufgelöst und an ihre Stelle trat die Bank Polski, die goldgedeckte, auf Zloty lautende Banknoten ausgab. Ein Zloty entsprach dem Wert eines Schweizer Franken. 1.800.000 polnische Mark wurden in einen Zloty umgewechselt. Die Zloty-Banknoten im Wert von einem bis 50 Zloty wurden bereits 1919 in Frankreich und die Banknoten der höheren Stückelungen (100-, 500-, 1000- und 5000-Zloty-Scheine) 1920 in England gedruckt. Die neuen Scheine tragen als Ausgabedatum den 28. Februar 1919. Auf die Ausgabe der Banknoten zu 1.000 Zloty und 5.000 Zloty wurde verzichtet, weil ihr Nennwert als zu hoch für die Bedürfnisse der Bevölkerung angesehen wurde. 1920, in der Zeit des polnisch-russischen Krieges, kam es in England zu einem Zwischenfall. Hafenarbeiter warfen bei der Verladung Kisten mit den neuen, polnischen Banknoten ins Wasser, weil sie meinten, dass diese Waffen und Munition zum Kampf gegen die sowjetische Armee enthielten. Abb. 16.1: Bank Polski, 28. Februar 1919, 500 Zloty, Vorderseite. Abb. 16.2: Bank Polski, 28. Februar 1919, 500 Zloty, Rückseite. Abb. 17.1: Staatsnote, 28. April 1924, 1 Grosz, gedruckt auf 500.000 Marek Polskich, Vorderseite. Abb. 17.2: Staatsnote, 28. April 1924, 1 Grosz, gedruckt auf 500.000 Marek Polskich, Rückseite. Nach dreijähriger Kriegsteilnahme brodelte es in Russland. Die Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit weiter Bevölkerungskreise machte sich in der sog. Februarrevolution im März 1917 Luft und bescherte dem Land vorübergehend eine konstitutionelle Demokratie. Aber die neue Regierung unter Alexander Kerensky beendete nicht den Krieg, sondern intensivierte ihn sogar noch, sodass es am 7. November zu einer zweiten Revolution (Oktoberrevolution) kam. Die Bolschewistische Partei um den revolutionären Sozialisten Wladimir Uljanow (Lenin) übernahm die Macht. Zwar beendete die neue Regierung den Krieg mit den Mittelmächten, jedoch erschütterte das Land ein mehrere Jahre dauernder Bürgerkrieg. Jeder schien gegen jeden zu kämpfen: die bolschewistische Rote Armee gegen zaristische Weiße Armeen und ausländische Interventionstruppen; Balten, Ukrainer, Kaukasier usw. um ihre Unabhängigkeit. Weite Teile Russlands wurden von Kriegsherren kontrolliert. Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Sommer 1918 verschlechterte sich die ohnehin düstere wirtschaftliche Lage in Sowjetrussland weiter. Nach dem Zusammenbruch des Steuersystems und dem Wegfall jeglicher Staatseinnahmen bei gleichzeitiger Aufblähung der staatlichen Verwaltung mussten die Bolschewiki enorme Ausgaben bewältigen. Die russische Zentralbank begann, Geldscheine nach Bedarf zu drucken, sodass ab Mai 1919 eine Hyperinflation einsetzte. Diese Entwicklung wurde dadurch begünstigt, dass die Bolschewiki bereits ab Oktober 1917 zahlreiche Dekrete mit dem Ziel erlassen hatten, die gesamte Wirtschaft unter eine zentrale Verwaltung zu bringen. Dazu wurden Industriebetriebe verstaatlicht, der private Handel verboten und durch ein staatliches Verteilungssystem ersetzt. Auch sollte das Geld als Tauschmittel abgeschafft werden. Die Verstaatlichung der Betriebe und Misswirtschaft führten dazu, dass viele Fabriken ihre Produktion aus Mangel an Rohstoffen einstellen mussten. Gleichzeitig wurde die Produktion militärischer Güter mit aller Kraft vorangetrieben, sodass die Herstellung von Konsumgütern fast zum Erliegen kam. Nach Schätzungen sank bis 1920 die Gesamtproduktion der russischen Industrie von 6,059 Milliarden Goldrubel auf 836 Millionen – ein Rückgang von mehr als 85 Prozent. Trotz staatlich verordneter Preiskontrolle stiegen die Preise. Die Bauern weigerten sich, ihre überschüssigen Erträge für Geld abzugeben, da man dafür nichts mehr kaufen konnte. Angesichts der Hungersnot in den Städten wurden landwirtschaftliche Produkte beschlagnahmt, was zu einer Verweigerungshaltung der Bauern führte und zu einem Schrumpfen der Anbaufläche. Gegen den Widerstand der eigenen Partei setzten Lenin und Trotzki 1921 eine neue Wirtschaftspolitik durch. Die Neue Ökonomische Politik (Abk. NEP; russisch НЭП - Новая экономическая политика, NEP – Nowaja ekonomitscheskaja politika) sah eine Dezentralisierung und Liberalisierung in der Landwirtschaft und marktwirtschaftliche Elemente in Handel und Industrie vor. Eine der wichtigsten Aufgabe sah die NEP in der Stabilisierung der Währung. Betrug der Geldumlauf Anfang 1920 rund 225 Milliarden Rubel, so stieg er auf 1,17 Billionen Ende 1920. Dies entspricht einer 25-fachen Steigerung des Papiergeldumlaufs von 1917. In Folge der galoppierenden Inflation stieg der Geldumlauf rasch weiter. Die höchste monatliche Inflationsrate mit 212 % wurde im Februar 1924 erreicht. Lautete 1912 der höchste Wert einer Banknote 1000 Rubel, waren es 1921 bereits 10.000.000 Rubel und in Transkaukasien 1924 sogar 10 Milliarden Rubel. Nach der Revolution war der „Volksbank“ die Notenausgabe übertragen worden. 1920 wurde sie aufgelöst und ihre Aufgaben übernahm das Finanzkommissariat. Doch bereits 1921 erfolgte eine erneute Umorganisation, die in der Gründung einer Staatsbank endete. Sie erhielt aber erst ein Jahr später das Recht zur Notenausgabe. Abb. 18.1: 10.000 Rubel, 1919 (1920), Vorderseite. bb. 18.2: 10.000 Rubel, 1919 (1920), Rückseite. Sog. „Babylonier“ wegen des in sechs Sprachen aufgedruckten Propagandatextes „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“. Abb. 19.1: 25.000 Rubel, 1921, Vorderseite. Abb. 19.2: 25.000 Rubel, 1921, Rückseite. Abb. 20.1: 100.000 Rubel, 1921, Vorderseite. Abb. 20.2: 100.000 Rubel, 1921, Rückseite. Am 1. Januar 1922 versuchte die Sowjetregierung die Währung durch eine systematische „Abwertung“ des Rubel – im Umlauf waren immer noch die zaristischen und Kerenski-Rubel sowie die Sovznaki [1]– zu beseitigen. Ein „neuer“ Rubel ersetzte 10.000 „alte“ Rubel. Jedoch war diese Maßnahme von keinem langen Erfolg gekrönt. Um die Inflation einzudämmen, entschied sich die bolschewistische Regierung zum sog. „Bipaperismus“. Im Juli 1922 wurde eine neue Währung kreiert, der Tscherwonez, der durch Gold und Devisen gedeckt war. Beide Währungen blieben gleichzeitig in Gebrauch. Während die Tscherwonzen höherwertigen Zahlungen vorbehalten waren und nur in begrenzten Mengen ausgegeben wurden, zahlte die Bevölkerung ihre kleineren Einkäufe mit den Sovznaki. Sie unterlagen auch weiterhin einem ständigen Wertverlust, sodass sie bei einer neuerlichen Währungsreform am 1. Januar 1923 im Verhältnis 100 zu 1 umgestellt wurden. Der letzte Akt erfolgte am 7. März 1924. An diesem Tag wurde die Währungsstabilisierung erreicht und der Tscherwonez zur einzigen Landeswährung im Land. Aus 50.000 Rubel (Sovznaki) wurden ein Goldrubel. Abb. 21.1: 1 Tscherwonez, 1923, Vorder- und Rückseite. Für internationale Zahlungen ließ die Sowjetregierung den Tscherwonez (= 10 Rubel) auch als Goldmünze prägen. Sie wiegt 8,6 Gramm und ist 900/1000 fein. Geprägt wurden mit der Jahreszahl 1923 insgesamt 2.751.200 Münzen. Uwe Bronnert Anmerkungen [1] Sovznaks (russisch: совзнаки) waren Schatzbrief/Schuldscheine, die 1919 in Sowjetrussland ausgestellt und zwischen 1919 und 1924 im Zahlungsverkehr verwendet wurden. Der Name ist eine Abkürzung des Ausdrucks „Sovetskiye znaki“ (Советские знаки, sowjetische Zeichen). Während das erste von der Sowjet-Regierung ausgegebene Papiergeld noch Kreditbillet genannt wurde, lautete die Bezeichnung ab Ende 1919 Verrechnungsschein. Der Begriff „Verrechnungsschein“ war ein Euphemismus für „Geld“, das die Kommunisten eigentlich abschaffen wollten. Die Sovznaks wurden als Übergangsinstrument angesehen. (27.06.2021)

  • Banker will Schwarzen eigenes Geld geben

    African-American Face Reserve Obligations Am 11. Januar 1991 titelte die „Chicago Tribune“ einen Bericht mit „Banker wants to give Blacks own Money“ [Banker will Schwarzen eigenes Geld geben].[1] In ihm berichtete A. Dahleen Glanton, dass der Banker Derric Price gerade 70 Millionen US-Dollars in 5-,10- und 20-Dollars-Scheinen habe drucken lasse. Die Währung, die er A.F.R.O-Dollar nennt, sei natürlich kein echtes Geld, vielmehr handele es sich um Zertifikate, die in verschiedenen Geschäften in Chicago zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen benutzt werden können. „Und jedes Mal, wenn die Kunden die roten, schwarzen und grünen Scheine für irgendetwas verwenden - von einer Rolle Toilettenpapier bis zur Hypothekenzahlung - tragen sie dazu bei, dass Schwarze auf der wirtschaftlichen Leiter ein oder zwei Stufen höher steigen, so Price.“ Dem 32-jährigen Investmentbanker kam die Idee der eigenen Geldausgabe für Schwarze, als er sich fragte, warum Afroamerikaner als ethnische Gruppe auf der wirtschaftlichen Leiter ganz unten stehen, obwohl sie 300 Milliarden Dollars pro Jahr ausgeben würden. Diese Kaufkraft wollte er mithilfe des A.F.R.O-Dollars bündeln und bei sozialen Projekten nutzen. Sein Plan sah vor, dass bei Ausgabe jedes A.F.R.O.-Dollars ein Prozent in einen kommunalen Treuhandfonds fließt. Dieses Geld sollte gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung stehen, die sich für die Bereitstellung von Wohnraum für einkommensschwache Bevölkerungsschichten, Risikokapital für kleinere Unternehmen und Bildungsmöglichkeiten für benachteiligte Jugendliche einsetzen. Price war überzeugt, dass sich die schwarzen Amerikaner durch Verwendung der A.F.R.O.-Dollars selbst helfen könnten. Er schätzte, dass allein in Chicago jeden Monat „African-American Face Reserve Obligations“ für 100 Millionen Dollars ausgegeben werden könnten und somit der Trust jährlich 10 Millionen Dollars einbringen würde. Nicht nur unterprivilegierte Schwarze könnten vom Gebrauch des „neuen Geldes“ profitieren, sondern jeder der mit A.F.R.O.-Dollars in Berührung kommt. Verbraucher, die 100 US-Dollars bei ihrer örtlichen Bank gegen A.F.R.O.-Dollars eintauschen, erhalten zwei Dollars in Punkten, die sie beim Kauf von Lebensmitteln bis hin zu Luxusautos verwenden können. Price argumentierte ferner, dass Geschäfte, die A.F.R.O.-Dollars akzeptieren würden, eine Fülle neuer Kunden gewännen. Zusätzlich würden sich auch die Geldverkehrskosten der Unternehmen verringern; 4 bis 7 Prozent des Zahlungsbetrags koste die Zahlung mit Kreditkarten, aber nur 2,9 Prozent bei Umtausch der A.F.R.O.-Dollars in US-Dollars. Abb. 1: Vorderseiten der vier A.F.R.P.-Dollar-Scheinen, Quelle: (05.02.2022) Die Ausgabe der ersten Obligationen der „African-American Face Reserve Obligation, Inc.“ gelangten wohl bis zum 1. Februar 1991 in Umlauf, gerade rechtzeitig zum „Black History Month“.[2] Die Serie umfasst vier Nominale, die bei „Northern Bank Note“ in Countryside gedruckt wurden und auf deren Vorderseite prominente schwarze Amerikaner abgebildet sind: Beim 1-A.F.R.O.-Dollar-Schein das Gesicht von Booker T. Washington[3], beim 5-A.F.R.O.-Dollar-Nominal Louis Armstrong[4] beim 10-A.F.R.O.-Dollars-Wert George Washington Carver[5] und schließlich bei der Note zu 20-A.F.R.O.-Dollars Frederick Douglass. Die Wertzeichen wurden auf festem Papier ohne Wasserzeichen banknotenmäßig hergestellt. Price ist mit seinem A.F.R.O.-Dollar einer der frühen Pioniere und Gründer der lokalen Währungsbewegung. Sie ist die Einzige, die vom Finanzministerium in den USA als Umlaufwährung zugelassen wurde. Jeder A.F.R.O.-Dollar ist durch einen US-Dollar gedeckt und wird von den teilnehmenden Banken garantiert. Das Konzept schien so erfolgversprechend, dass sich von Anfang an etwa 15 Banken aus ganz Chicago, mehrere Lebensmittelgeschäfte, Kaufhäuser, Restaurants und andere Unternehmen bereit erklärt haben, A.F.R.O.-Dollars zu verwenden. A.F.R.O.-Dollar-Noten haben unabhängig von ihrem Wert die Größe von 151 mm x 67 mm – sie sind damit ca. 5 mm kürzer als die US-Banknoten der Federal Reserve Bank. Ihre Gestaltung lehnt sich an den damals umlaufenden US-Banknoten an, weist jedoch bereits farbige Bereiche auf. Die Vorderseite ist vorwiegend in Grün gehalten, im mittigen Oval das schwarze Brustbild eines bekannten Afroamerikaners, links davon die Wertangabe in großen Ziffern und unterlegt in roten Buchstaben, rechts vom Oval das US-amerikanische Wappentier, der Weißkopfadler auf einer Felsspitze, am unteren Rand die Wertabgabe in Buchstaben und in den Ecken in roten Ziffern, am oberen Rand „AFRICAN-AMERICAN FACE RESERVE OBLIGATION“, es folgt darunter „PAY IN UNITED STATES (WERT) DOLLARS“ [ZAHLBAR IN (WERT) DOLLAR DER VEREINIGTEN STAATEN], über dem Adler klein zweizeilig „THE FACE AMOUNT DENOMINATION IS REDEEMABLE / IN U.S. DOLLARS AT PARTICIPATING BANKS“ [Der Nennwert ist bei den teilnehmenden Banken in U.S. Dollar rückzahlbar], unter dem Adler eine siebenstellige Kennnummer mit zwei vorangestellten Großbuchstaben, über der großen Wertziffer „Chicago, Illinois“, darunter eine faksimilierte Unterschrift der im Oval abgebildeten Person. Abb. 2: 20 Dollars der „African-American Face Reserve Obligation, Inc.“, Vorderseite. Abb. 3: 20 Dollars der „African-American Face Reserve Obligation, Inc.“, Rückseite. Im Banknotenhandel wird wohl ausschließlich der Wert über 20 A.F.R.O.-Dollars angeboten. Im Oval der Vorderseite befindet sich hier das Brustbild des ehemaligen Sklaven und späterer Abolitionisten und Schriftstellers Frederick Douglass. Er wurde 1817 oder 1818 im Talbot County, Maryland als Frederick Augustus Washington Bailey in Sklaverei geboren. 1838 gelang ihm die Flucht nach New York, in die Freiheit. Dort änderte er seinen Namen, wie es bei entkommenen Sklaven üblich war, in Frederick Douglass. Er starb am 20. Februar 1895 in Washington, D.C. Die Rückseite des 20-A.F.R.O.-Dollars-Scheins zeigt in schwarzer Farbe sein Wohnhaus in den Hügeln von Anacostia, direkt gegenüber dem Anacostia River vom Kapitol und dem Weißen Haus, aber immer noch innerhalb der Stadtgrenzen von Washington, D. C. Cedar Hill wurde ein Wallfahrtsort für Journalisten, Fans und Machthaber, die Douglass hier von 1877 bis zu seinem Tod im Jahr 1895 besuchten. Eingerahmt wird die Abbildung durch einen roten Schmuckrahmen, in deren Ecken jeweils der Wert in Ziffern angegeben wird. Oben im Rahmen „PAY IN UNITED STATES TWENTY DOLLARS“ und unten im Rahmen die Wertangabe „TWENTY DOLLARS“. Über dem Haus „IN GOT WE TRUST“. Links und rechts des Hauses das Einlösungsversprechen: „This Certificate is redeemable form all trade, merchandise or services for business under / Agreement with African-American Face Reserve Obligation or those displaying this logo“ [Dieses Zertifikat kann bei allen Geschäften, Waren oder Dienstleistungen eingelöst werden, die dem System der African-American Face Reserve Obligation angeschlossen sind oder die dieses Logo tragen]. Das Logo befindet sich oberhalb mit der Abkürzung „A.F.R.O.“. Aus dem alternativen Währungsprojekt ist im Laufe der Jahre ein mobiles Banking-System entstanden, das Zahlungen, Hypotheken, Kreditvergaben für Privatpersonen und kleine Unternehmen sowie gemeinnützige Spenden auf seiner Plattform auch digital ermöglicht. Der Community Fund unterstützt lokale Unternehmen bei der Deckung der Kosten für die Einstellung von Arbeitslosen und hilft gemeinnützigen Organisationen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben in der Gemeinde.[6] Uwe Bronnert Anmerkungen [1] (03.02.2022) [2] „Der Black History Month wird in Kanada und in den Vereinigten Staaten alljährlich im Februar gefeiert. Dem Black History Month ging die Negro History Week voraus, die in der zweiten Februarwoche gefeiert wurde. Diese Feierbewegung schwarzer Geschichte in den Vereinigten Staaten wurde 1926 von Carter G. Woodson initiiert, womit er die breite Öffentlichkeit auf den Beitrag von Afroamerikanern zur Geschichte ihres Landes aufmerksam machen wollte. Woodson wählte den Februar deshalb, weil in diesem Monat Abraham Lincoln, Frederick Douglass und Langston Hughes geboren wurden. Zur Gründungszeit des Black History Month wurden die Geschichte und Traditionen der schwarzen Bevölkerung kaum in Geschichtsbüchern behandelt. Die Darstellung Schwarzer in Geschichtsbüchern beschränkte sich auf ihren niederen sozialen Status.“ (05.02.2022) [3] Booker Taliaferro Washington [* 5. April 1856 auf der Burroughs Farm, Hale’s Ford, Franklin County, Virginia; † 14. November 1915 in Tuskegee, Alabama] war ein US-amerikanischer Pädagoge, Sozialreformer und Bürgerrechtler. [4] Louis Daniel „Satchmo“ Armstrong [* 4. August 1901 in New Orleans; † 6. Juli 1971 in New York City] war ein US-amerikanischer Jazztrompeter, Sänger und Schauspieler. [5] George Washington Carver [* um 1864 in Missouri; † 5. Januar 1943 in Tuskegee, Alabama] war ein Botaniker, Chemiker und Erfinder in der Landwirtschaftsforschung in den Südstaaten der USA. [6] Vgl. (05.02.2022)

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