Ähnliche Gestaltung von russischem und afghanischem Geldschein

Aktualisiert: März 26

Manchmal sieht man schon auf den ersten Blick, dass zwei oder mehr Geldscheine aus der gleichen Druckerei kommen. Ein sehr interessanter Beitrag hat vor einiger Zeit Geldscheine aus aller Welt vorgestellt, die von der ABNC – der American Bank Note Company – hergestellt wurden [Michael H. Schöne: Alfred Jones und der „rote Hunderter“, Münzen & Sammeln, Heft 12/2018, S. 112-117]. Das immer wieder

genutzte Motiv ist eine sitzende Allegorie der Wissenschaft mit Buch und großem Globus. Die ersten Ausgaben mit diesem Motiv gab es bereits 1883 für Venezuela und Bolivien, es folgten mindestens sieben weitere Länder. Letzter in dem genannten Beitrag aufgeführter Schein mit diesem Motiv ist der Schein zu 100 DM von 1948, der „rote Hunderter“.


Beim Betrachten von Geldscheinen aus Russland und Afghanistan fällt auf, dass der russische 1-Rubel-Schein der Ausgabe 1898 ganz offensichtlich als Vorlage für den afghanischen Schein zu 10 Afghani von 1926/28 gedient hat. Und zwar nicht nur als Anregung zur Gestaltung. Der Kreis auf der Rückseite mit den zwei dahinter liegenden Zweigen ist nahezu identisch. Das Flechtwerk um den Kreis ist völlig identisch, bei

Eichen- und Lorbeerzweig gibt es nur minimale Veränderungen. Die Kreise auf beiden Scheinen sind von gleicher Größe (49 mm auf der Mittellinie gemessen), die Länge der Zweige unterscheidet sich um 1 bzw. 2 mm. Wurde für den afghanischen Schein der russische Schein als Vorlage verwendet? War es der gleiche Künstler? Oder vielleicht sogar die gleiche Druckerei?


Russland, 1 Rubel,1898 (hier spätere Ausgabe ab 1915).


Russland:

1 Rubel (Staatliche Kreditnote) von 1898. Die Vorderseite ist wie ein Gebäude gestaltet, im linken Feld befindet sich das Wappen – ein freischwebender Adler mit Herzschild und weiteren acht auf den Flügeln liegenden Wappenschilden, im rechten Feld das Monogramm "N II" für Nikolaus II. und die Wertangabe. Die Rückseite zeigt eine etwas größere Wappendarstellung, im Kreisring die mehrfach wiederholte Wertangabe, dahinter liegen gekreuzt je ein Lorbeer- und Eichenzweig. Dazu kommen die

Wertangabe und Kleingedrucktes. Die Maße betragen 150 mm x 90 mm.

Der Geldschein ist durch die Seriennummer mit 3 Ziffern und die Unterschrift von Schipow auf den Zeitraum ab 1915 datierbar, in diesem Jahr wurde die Umstellung von der Einzelnummerierung auf eine Seriennummerierung vorgenommen.

Eine Vorgängerausgabe in nahezu identischer Gestaltung war schon seit 1887 unter Alexander III. ausgegeben worden.


Afghanistan, 10 Afghani, 1926–28, gestempelt 1928.


Afghanistan:

10 Afghanis, der Originalschein stammt aus der Zeit 1926–28, abgestempelt wurde er 1928 während der Rebellion von Batsche-i-Sakaos (Baccha-i-Saqao). Er hatte den bis dahin herrschenden Aman Ullah gestürzt. Die Maße des Scheines sind 196,5 mm x 106 mm, ein Stempel befindet sich auf der Vorderseite, vier auf der Rückseite, rund bzw. sechseckig. Einer dieser Stempel soll die Datierung enthalten – beim vorliegenden Schein ist hiervon nichts zu erkennen.

Die Vorderseite wird bestimmt durch einen großen breiten Rahmen, gefüllt mit geometrischem Muster. Im Inneren gibt es drei Textzeilen in Persisch und vier Kreise, diese enthalten eine Thugra, das Wappen und zweimal die Wertangabe, in westlichen und arabischen Ziffern - „10“ und „١٠“.

Auf der Rückseite besteht der Rahmen aus einer endlosen Wiederholung von kleinen mit der Wertangabe „١٠“ gefüllten Kreisringen, gebildet aus endlosen beschrifteten Schnüren. Dazu kommen zwei Textblöcke in Französisch und Persisch. Darin heißt es: „Unter Vorlage dieses Billets/Scheines zahlt die Finanzverwaltung dem Überbringer die Summe von 10 Afghani“. Mittig liegt ein großer Kreis, in dessen Mitte befindet sich die Wertangabe, im Ring selbst ist es ein sich ständig wiederholender Text. Hinter dem Kreis kreuzen sich Lorbeer- und Eichenzweig.

Persisch? Nach dem Dictionary of Languages von Andrew Dalby war bis 1933 Dari (eine Variante des Persischen) die Sprache der Regierung. Dari wurde in diesem Jahr durch Pashto abgelöst. Sowohl Persisch/Dari als auch Pashto werden in arabischer (arabisch/ persischer) Schrift geschrieben.


Um einer Antwort auf die oben gestellte Frage näher zu kommen, muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Nach der Ermordung des englandhörigen Emirs Habib Ullah kam im Februar 1919 Aman Ullah, Vertreter der Jung-Afghanen, an die Macht.

Er proklamierte am 28.2.1919 die Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien.

Die Briten begann einen Krieg gegen das Land, den Dritten Britisch-Afghanischen Krieg, und verloren ihn. Im Frieden von Rawalpindi musste Großbritannien am 9.8.1919 die Unabhängigkeit Afghanistans anerkennen. Zur Sicherung dieser Unabhängigkeit schloss Afghanistan Verträge mit Sowjetrussland, dem Iran und der Türkei. Bei der Überwindung der Rückständigkeit orientierte sich Aman Ullah an Kemal Atatürk. 1923 wurde eine

erste Verfassung angenommen, der Sklavenhandel wurde verboten, der Geistlichkeit wurde die Zuständigkeit für Schule und Gerichtsbarkeit entzogen und der Feudal- und Stammes-Aristokratie das Recht auf Einnahme der Steuern. Den Verlust ihrer Privilegien beantworteten sie mit Aufständen 1924/25 und 1928/29. 1929 erfolgte der Rücktritt von Aman Ullah. Es folgten Bürgerkrieg und das Terrorregime von Batsche-i-Sakaos (Baccha-i-Saqao), der als Habib Ullah II. in Kabul residierte. Im Oktober 1929 eroberte Muhammad Nadir Chan den Thron. [Informationen nach: Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Leipzig 1979]


In Umsetzung des mit Sowjetrussland 1921 abgeschlossenen Freundschaftsvertrages leistete dieses wirtschaftliche und technische Hilfe bei der Entwicklung des Landes.

Es erscheint demzufolge plausibel, dass eine russische Druckerei unter Verwendung älterer Vorlagen – in enger Zusammenarbeit mit afghanischen Fachleuten – diesen Geldschein entworfen und gedruckt hat.

Und warum Französisch als Zweitsprache? Bis 1919 gab es keine eigenen Geldscheine im Land. Nach Erringung der Unabhängigkeit kam Englisch aus politischen Gründen nicht mehr in Frage. Um für Ausländer, die arabische bzw. persische Schrift nicht lesen können, den Umgang mit den Scheinen zu erleichtern, musste eine Ersatzsprache gefunden werden – und das war offensichtlich Französisch.


Rainer Geike

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