Das Notgeld der Reichsmarine des Ostseebereiches

Aus der einst Kaiserlichen Marine ging nach dem Ersten Weltkrieg eine stark verkleinerte neue Reichsmarine hervor. Der Versailler Friedensvertrag begrenzte Größe und Bewaffnung auf ältere 6 Linienschiffe, 6 Kreuzer, 12 Zerstörer, 12 Torpedoboote, 38 Minensuchboote sowie einige andere kleinere Schiffe. Der Besitz von U-Booten war verboten und die Personalstärke auf 15.000 Mann begrenzt. Der Reichsmarine oblag die Küstensicherung, der Fischereischutz, die Minenräumung, seepolizeiliche Aufgaben sowie die Unterstützung der Handelsschifffahrt. Die Reichsmarine gliederte sich im Wesentlichen in das Kommando der Marinestationen Ostsee und der Marinestationen Nordsee mit dem übergeordneten Flottenkommando.

Sitz des Kommandos der Marinestationen Ostsee war Kiel. Auch das Militär blieb von der Hyperinflation nicht verschont. Am 28. November 1923 und den beiden folgenden Tagen zeigte die Reichsmarine des Ostseebereichs in Kiel in der Tagespresse die Ausgabe von Gutscheinen an, die mit Zustimmung des Reichswehr-Ministeriums erfolge.[1] Gedruckt wurden Gutscheine zu einer Milliarde, fünf, 20 und 50 Milliarden Mark mit dem Datum vom 27. Oktober 1923 im Marine-Arsenal in Kiel. Anhand der bekannten Kontrollnummern schätzt Rixen den Gesamtbetrag der Ausgabe auf 1.600 Billionen Mark: etwa je 10.000 Scheine zu 1 Milliarde und 5 Milliarden Mark sowie mindestens je 22.000 Scheine der beiden übrigen Werte.


Abb. 1: Reichsmarine des Ostseebereiches, 27. Oktober 1923, 1 Milliarde Mark, Typ I, Vorderseite.
Abb. 2: Reichsmarine des Ostseebereiches, 27. Oktober 1923, 5 Milliarden Mark, Typ I, Vorderseite.
Abb. 3: Reichsmarine des Ostseebereiches, 27. Oktober 1923, 20 Milliarden Mark, Typ I, Vorderseite.
Abb. 4: Reichsmarine des Ostseebereiches, 27. Oktober 1923, 50 Milliarden Mark, Typ II, Vorderseite.

Alle Scheine weisen einen schwarzen einseitigen Druck mit den gedruckten Unterschriften von „Konteradmiral Fritz v. Gagern (Stationschef) – Schwarz (Intendant) – Fregattenkapitän Albrecht (Arsenalkommdt.)“ auf. Der Schein zu einer Milliarde Mark misst ca. 145 mm x 85 mm, während die anderen Nominale ca. 138 mm x 84 mm groß sind. Nur beim Gutschein zu einer Milliarde Mark wurde weißes Papier mit dem Wasserzeichen „Stern-Sechseckmuster“ verwendet, während man bei den übrigen Scheinen gestreiftes Kartonpapier benutzte, das zusätzlich einen farbigen Unterdruck erhielt:

  • 5 Milliarden Mark rotes gestreiftes Kartonpapier mit braunem Unterdruck,

  • 20 Milliarden Mark grünes gestreiftes Kartonpapier mit rotem Unterdruck,

  • 50 Milliarden Mark hellgraues gestreiftes Kartonpapier mit graublauem Unterdruck.

„Der Buchdrucksatz weist einige Merkwürdigkeiten auf. Allen Scheinen gemeinsam ist, daß die Ziffern in nicht zu der für den Text verwendeten Antiqua-Schrift passenden Grotesk- (zweimal ‚1923‘, einmal ‚27‘) bzw. in größeren Antiqua-Typen (‚30‘) gesetzt sind. Auch das erste ‚a‘ in ‚Marinekassen‘ weicht durchgehend von den sonst verwendeten Lettern ab.“[2]

Sollte Letzteres ein Geheimzeichen sein, um Fälschungen schneller erkennen zu können? Alle Scheine kommen mit zwei verschiedenen Antiqua-Buchstabentypen in der vierten bis achten Zeile vor. Der Unterschied ist besonders gut bei den Großbuchstaben zu erkennen. Die Abbildung zeigt die mit Typ I und Typ II gekennzeichneten Aufdrucke. Wie es scheint, beträgt das Verhältnis beider Notgeldtypen 5:1.

Die Druckerei arbeitete mit zwei Nummeratoren. Scheine des Typ I und II kommen stets mit einer 6,5 mm hohen Kontrollzahl vor. Eine Ausnahme bildet nur Typ II des 20-Milliarden-Mark-Nominals, das nur eine 5,5 mm hohe Kontrollnummer aufweist.

Rixen vermutet, dass die Scheine des Typ I mit der 5,5 mm hohen Nummer Neudrucke für Sammler oder Museen darstellen, da sie meist kassenfrisch vorkommen und eine Nummer über 7500 zeigen. Anzumerken ist noch, dass hier die Wertzeile beim Schein zu einer Milliarde nur 87 mm lang ist, statt der sonst üblichen 89 mm.

Die Scheine wurden bereits am 8. Dezember zur Einlösung bis zum 15. Dezember 1923 bei der Marinekasse Kiel-Wik, der Arsenalkasse und der Marine-Intendantur aufgerufen. Auch die Finanzkasse in der Feldstraße sowie sämtliche Postanstalten nahmen sie in Zahlung. Ob die Gutscheine auch außerhalb Kiels, z.B. in Stralsund, Swinemünde oder Pillau, im Umlauf waren, ist leider nicht bekannt.

[1] Alle Angaben nach Dr. Jens-Uwe Rixen, Notgeld im Kieler Raum 1812 – 1948, Band I, Ausgaben der Stadt Kiel, der Provinz Schleswig-Holstein und der Reichsbehörden, hrsg. v. d. Landesbank Schleswig-Holstein, Girozentrale, Kiel 1992, S. 47 f.

[2] Ebenda, S. 47.


Uwe Bronnert

Abb. Tempelhofer-Münzenhaus, Berlin, Auktion 159 (7. & 8. November 2019), Losnummer 3310.

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