Das unerfüllte Testament eines polnischen Generals in Amerika

Banknoten sind mitunter nicht nur kleine grafische Kunstwerke, sondern vermitteln auch geschichtliche Begebenheiten. So sind auf vielen Geldscheinen Porträts nationaler Persönlichkeiten abgebildet, die meist bekannt sind und bei näherer Betrachtung auch Weltgeschichte geschrieben haben. So z. B. die Begegnung von Tadeus Kościuszko mit Thomas Jefferson. Kościuszko hatte 1776 den Text der Unabhängigkeitserklärung gelesen, war davon begeistert und als er erfuhr, dass Jefferson für den Entwurf der Erklärung verantwortlich war, verspürte er den Wunsch, ihn unbedingt kennenzulernen. Beide Männer trafen sich erstmals 1780 während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs in Virginia – Kościuszko als Offizier und Jefferson als Gouverneur.


Nach Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs kehrte Kościuszko 1784 nach Siechnowicze (Brest-Litowsk) zurück, trat in die königliche Armee ein und wurde 1789 zum Generalmajor befördert; als Anführer des nach ihm benannten Aufstands gegen die Teilung Polens vom 24. März 1794 wurde er nach der Niederschlagung am 10. Oktober südöstlich von Warschau gefangen genommen und saß zwei Jahre in St. Petersburg in russischer Haft.
Nach dem Tod von Zarin Katharina II. wurde er von ihrem Sohn Paul I. begnadigt, nachdem Kościuszko geschworen hatte, nie mehr nach Polen zurück zu kehren; er ging am 18. August 1797 ins Exil in die USA. Jefferson schrieb über ihn: „Er ist ein so reiner Sohn der Freiheit, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe.“ Kościuszko gilt als ein engagierter Verfechter für Freiheit und Gleichheit und kämpfte gegen Armut und Unterdrückung. 1798 reiste er inkognito und mit falschem Pass wieder nach Europa zurück.[1] Zuvor verfasste er sein bedeutsames erstes Testament, in dem er verfügte, dass das Geld aus seinem Nachlass dazu verwendet werden sollte, Sklaven freizukaufen, ihre Bildung zu fördern und ihnen genügend Land für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung zu stellen.
![Abb. 3: Erste Seite des handschriftlichen Testaments Kościuszkos vom 5. Mai 1798: „Ich, Thadeus Kosciuszko, erkläre und verfüge hiermit anlässlich meiner Abreise aus Amerika Folgendes: Sollte ich keine anderweitige letztwillige Verfügung über mein Vermögen in den Vereinigten Staaten treffen, so ermächtige ich meinen Freund Thomas Jefferson, dieses gesamte Vermögen dazu zu verwenden, Schwarze [Negros] – seien es solche aus seinem eigenen Besitz oder andere – freizukaufen und ihnen in meinem Namen die Freiheit zu schenken; ferner soll er für ihre Ausbildung in handwerklichen und sonstigen Berufen sorgen sowie sie auf ihre neue Lebenslage vorbereiten, indem er sie in moralischen Pflichten unterweist, die sie zu guten Nachbarn, guten ... Vätern oder Müttern, Ehemännern oder Ehefrauen sowie zu pflichtbewussten Bürgern machen, sie lehrt, ihre Freiheit, ihr Land und die gesellschaftliche Ordnung zu verteidigen, und sie in allem fördert, was zu ihrem Glück und ihrer Nützlichkeit beiträgt. Ich bestimme den besagten Thomas Jefferson zum Testamentsvollstrecker dieser Verfügung.“ und weiterhin: „...jeder soll heiraten und 500 Acre Land (= über 200 Hektar) mit Werkzeugen und Vieh zur Bodenbearbeitung erhalten und lernen, es zu bewirtschaften und sich seinen Nachbarn gegenüber stets freundlich und hilfsbereit zu verhalten. Mögen sie bescheiden leben und ihre Kinder gut erziehen, ihnen Güte und Pflicht gegenüber ihrem Land beibringen und mir danken, indem sie so glücklich wie möglich sind. T. Kościuszko“.](https://static.wixstatic.com/media/d464b6_526fa7f6a2834391b805f61100e47994~mv2.jpg/v1/fill/w_980,h_1519,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/d464b6_526fa7f6a2834391b805f61100e47994~mv2.jpg)
Ab 1798 lebte Tadeusz Kościuszko in Frankreich. Zunächst wohnte er in Paris, drei Jahre später auf dem Landgut Berville nahe Fontainebleau. Dort lebte er als Gast und enger Freund der Familie des Schweizer Diplomaten Peter Josef Zeltner. Er führte ein zurückgezogenes Leben. Nach Napoleons Sturz 1815 und dem Scheitern seines Versuchs, die polnische Unabhängigkeit auf dem Wiener Kongress zu erlangen, verließ Kościuszko Frankreich und zog in die Schweiz, wo er am 15. Oktober 1817 im Alter von 72 Jahren unverheiratet und kinderlos verstarb. Sein Barvermögen belief sich damals noch auf 12.200 US-Dollars.
Kościuszkos gesamte Vermögen überließ er Thomas Jefferson. Der US-Kongress gewährte dem Polen eine Nachzahlung für seinen Armeedienst von 1776 bis 1783; sie belief sich einschl. der Verzinsung auf 18.912 US-Dollars. [2] Neben diesem Barvermögen erhielt er als Geschenk für seine Verdienste ein Grundstück im Scioto River Valley im 1803 gegründeten Bundesstaat Ohio. [3] Er trennte sich von seinem Land am 29. Juli 1802 von Paris aus und schenkte es der französischen Einwanderin Louise Françoise Félix. Eine amtliche Registrierung des Besitzerwechsels fand nie statt und so kam es in den späteren Jahren zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Der Supreme Court in Washington erklärte 1852 Kościuszkos Testament für ungültig und sprach dessen Erbschaft seinen europäischen Verwandten zu.
Thomas Jefferson sagte im Mai 1819 vor dem District Court von Albemarle County, dass er das Erbe nicht annehmen und die Verpflichtungen nicht eingehen könne. Er bat darum, das Testament von einem Anderen erfüllen zu lassen. Das Vermögen hatte er seinem Anlageberater John Barnes übergeben, der es in Wertpapieren mit 8-prozentiger Verzinsung bei der Bank of Pennsylvania in Philadelphia anlegte. Nach Ende seiner zweiten Präsidentschaft kam Jefferson in finanzielle Schwierigkeiten und lieh sich oft Geld von Kościuszko und nahm Hypotheken auf seine Immobilien auf.
Kościuszko verfügte in seinem Testament u. a., dass Jefferson Sklaven aus „... seinem eigenen Besitz ...“ freikaufen sollte. Das wollte Thomas Jefferson jedoch nicht einlösen –
im Widerspruch zum Text in der von ihm verfassten Unabhängigkeitserklärung: „... Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit ...“ (Text der Unabhängigkeitserklärung in der deutschsprachige Zeitung „Pennsylvanischer Staatsbote“ vom 5. Juli 1776 in Philadelphia). Obwohl Jefferson die Sklaverei als „abscheuliches Geschäft“ bezeichnete, galt für ihn die Gleichheit aller Menschen zu damaliger Zeit nicht für Indigene und afroamerikanische Sklaven. Er besaß Zeit seines Lebens über 600 Sklaven auf seinen Plantagen und hatte mit seiner Sklavin Sally Hemings sechs gemeinsame Kinder. Nach seinem Tod wurden die meisten seiner verbliebenen Sklaven versteigert, um seine Schulden zu begleichen. Drei Personen – Sally Hemings und ihre Söhne Madison und Eston – erhielten zuvor ihre Freiheit; zehn weitere Sklaven kamen nach seinem Tod frei.


Erst nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs wurde zum 18. Dezember 1865 die Sklaverei durch Änderung der US-Verfassung abgeschafft – pro forma erhielten am 28. Juli 1868 alle Afroamerikaner ihre vollen Bürgerrechte.
Kościuszko gilt heute noch als bedeutender Nationalheld in Polen und in den USA, wurde jedoch nur auf unterschiedlichen polnischen Geldscheinen abgebildet – die USA ehrten Kościuszko lediglich auf Briefmarken, Ersttagsbriefen, Medaillen und Münzen.




In den USA wird seit 1869 bis heute Thomas Jefferson auf Geldscheinen geehrt – jedoch nicht nur auf den 2-Dollars-Noten, sondern auch auf verschiedenen sog. Obsolete Banknotes und auf den US-Kleingeldscheinen; von der 1. Ausgabe der Fractional Currency (auch als Postage Currency bezeichnet); das Briefmarkengeld gab es auch mit gezähnten Rändern und wurde zwischen dem 21. August 1862 und dem 27. Mai 1853 ausgegeben, andere Stückelungen gab es zu 3, 5, 10, 15 und 50 Cents; sie sollten während des Bürgerkriegs dem akuten Münzmangel entgegenwirken.






Jefferson wusste nicht von weiteren testamentarischen Verfügungen; noch im Februar 1810 schrieb Jefferson an Kościuszko: „Sollte Dir etwas zustoßen, wird die von Dir bestimmte wohltätige Verwendung des Kapitals nicht verzögert werden.“ Kosciuszko wiederum erinnerte Jefferson in seinem letzten Brief an ihn, nur wenige Wochen vor seinem Tod im Oktober 1817, noch einmal an die Bestimmung des Vermögens.
In seinem Testament vom 28. Juni 1806 setzte er den Sohn von General John Armstrong Jr., damaliger US-Botschafter in Frankreich unter Präsident Jefferson, als Erben ein. Dieser sollte aus Tadeusz Kościuszkos Nachlass 3.704 Dollars erhalten und Jefferson selbst das Testament vollstrecken. Das Pariser Testament von 1806 und ein Schweizer Testament von 1817 beschäftigten das Oberste Gericht der USA. Jefferson antwortete im Januar 1818 John Kościuszko Armstrong, es habe ihm erhebliche moralische Bedenken hinsichtlich der Übernahme der Rolle des Testamentsvollstreckers bereitet; in seiner letzten Verfügung legte Kościuszko fest: „In der tiefen Überzeugung, dass die Leibeigenschaft dem Naturrecht und dem Wohlergehen der Völker widerspricht, erkläre ich hiermit, dass ich sie auf meinem Gut Siechnowicze in der Woiwodschaft Brzesko-Litewsk sowohl in meinem eigenen Namen als auch im Namen seiner zukünftigen Besitzer vollständig und für immer abschaffe. Ich erkenne daher die Bewohner des zu diesem Gut gehörenden Dorfes als freie Bürger und uneingeschränkte Eigentümer des von ihnen besessenen Landes an. Ich befreie sie ausnahmslos von allen Abgaben, der Leibeigenschaft und allen persönlichen Verpflichtungen, denen sie zuvor gegenüber den Eigentümern dieses Gutes unterworfen waren. Ich rufe sie lediglich dazu auf, sich zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl des Landes um die Gründung von Schulen und die Förderung der Bildung zu bemühen.“
Bis zu seinem Tode im Jahr 1826 hatte Jefferson den letzten Willen von Tadeusz Kościuszko nicht umgesetzt – 1819 hatte er festgelegt: „Ich muss die Last ablehnen, der Testamentsvollstrecker des Willens zu sein“.
Michael H. Schöne
Anmerkungen
[1] Tadeusz Kościuszko reiste im Mai 1798 überstürzt und heimlich aus den USA nach Europa ab, weil er Nachrichten von polnischen Patrioten aus Europa erhalten hatte, die ihn davon überzeugten, dass sich eine neue Chance zur Befreiung Polens bot und das französische Direktorium seine Mitwirkung bei Verhandlungen und der Aufstellung polnischer Legionen wünschte. Seine Abreise erfolgte mit Hilfe von Thomas Jefferson unter falschem Namen, um US-Behörden und diplomatische Komplikationen zu umgehen.
[2] Das bekannte Vermögen von Tadeusz Kościuszko belief sich 1798 auf rund 18.912 US-Dollars an ausstehendem Sold (zzg. Zinsen) aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg; die Summe (einschl. dem unbebauten Land in Ohio) von fast 20.000 US-Dollars entsprechen nach dem offiziellen Consumer Price Index einer heutige Kaufkraft von reichlich einer halben Million US-Dollars.
[3] Das unbebaute Land im damaligen Delaware County, das Kościuszko nie besuchte, hatte zu dieser Zeit einen Bodenwert von etwa 500 bis 1.000 Dollars
Quellen
B. Dudek: „Jefferson, Kosciuszko, die Sklaven und das Testament“, Deutsche Welle, 3. Juli 2026
H. J. Floyd: „Engraved in Prejudice: How Currency Displayed the Mindset of the South“, Florence/SC 2013
D. Kulpa: „Sąd Najwyższy USA a sprawy testamentów Tadeusza Kościuszki“, Likedin 30. März 2024
K. Mazur: Blog https://www.abbevilleinstitute.org/jefferson-and-kosciuszko, 13. September 2024
G. N. Sewostjanow/A. I. Utkin: „Jefferson“, Ostberlin 1984
G. Wilson: „Thaddeus Kosciuszko, Son of Liberty”, Monticello Newsletter 12/2001




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