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Der "Propaganda-Tausender"

Der Erste Weltkrieg wird immer wieder zu Recht als „Urkatastrophe“ des Zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Ihm fielen nicht nur Millionen Menschen zum Opfer, er führte auch zum Sturz von drei bedeutenden Reichen (Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn) sowie zu revolutionären Umwälzungen und in den Kampf der Weltanschauungen.

In dieser Zeit nimmt antisemitisch motivierte Propaganda drastisch zu, sowohl auf Postkarten als auch auf Geldscheinen. Von nationalistisch-konservativen Kreisen wurde die deutsche Sozialdemokratie im Verbund mit der "jüdischen Presse" verantwortlich gemacht für die Novemberrevolution und den Sturz der Monarchie, für den Ausgang des Kriegs und dessen Folgen durch das "Versailler Diktat" ("Dolchstoßlegende") sowie für die Inflation.


Wahlkampf zur Wahl der deutschen Nationalversammlung 1919, bei der erstmals auch Frauen wahlberechtigt waren. (Bundesarchiv, Bild 146-1970-051-27)



Spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten Geldscheine die Münzen in ihrer bis dahin führenden Bedeutung für den allgemeinen Zahlungsverkehr abgelöst. Mit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden dann die Münzen vorübergehend ganz aus dem Umlauf. In Deutschland, wie auch im damaligen Deutsch­österreich, kam es zu einer wahren Notgeldflut.


Da ein wesentlicher Geldcharakter neben der allgemeinen Akzeptanz auch im Geldumlauf, also der Zirkulation, besteht, geht Geld im wahrsten Sinne des Worts von Hand zu Hand und eignet sich dadurch hervorragend als Kommunikations- und Propagandamittel. Geld übt als Propagandamittel sogar einen ganz besonderen Reiz aus, da sich der Geldcharakter mit der politischen bzw. der Werbe-Botschaft verbindet. Uneingeschränkt trifft dies natürlich auf kursgültiges Geld zu, das bis in die jüngste Zeit in den verschiedensten Ländern der Welt von Parteien, Revolutionären und politischen Aktivisten immer wieder auch mit handschrift­lichen Parolen, Stempeln oder Überdrucken versehen wurde und so zirkulieren sollte, um möglichst viele Menschen mit der Botschaft zu erreichen. Der Sinn dahinter ist simpel. Menschen beachten kaum ein Flugblatt oder werfen es nach dem Lesen weg, es ist eben nur bedrucktes Papier. Das ebenfalls bedruckte Papier „Geldschein“ ist dagegen auch richtiges Geld, das man nicht wegwirft. Dieser Umstand macht einen Geldschein sogar noch dann als Propagandamittel interessant, wenn er schon längst nicht mehr gültig ist. Auch dann wird er immer noch als „Geld“ erkannt. Das gleiche trifft auf Fantasiescheine zu, die Merkmale echten Gelds kopieren, um als „Geld“ wahrgenommen zu werden.


Deutsches Reich ("Weimarer Republik"), Reichsbanknote zu 1000 Mark vom 15. September 1922, Vorder- und Rückseite, Firmenzeichen OE = Druckerei Otto Elsner in Berlin, gültig bis 5. Juli 1925, durch die Inflation aber praktisch wertlos ab August 1923.



Die durch Inflation und anschließende Währungs­stabilisierung wertlos gewordenen Banknoten und Notgeldscheine wurden in Deutschland und Österreich zu beliebten Trägern politischer und antisemitischer Propaganda. Eine der dabei am häufigsten genutzten Reichsbanknoten in den heißen Wahlkämpfen der "Weimarer Republik" war der 1000-Mark-Schein vom 15. September 1922, der von vielen verschiedenen privaten Druckereien im Auftrag der Deutschen Reichsbank gedruckt und schon ab August 1923 durch die voranschreitende Inflation völlig wertlos geworden war.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit handschriftlicher antisemitischer Propaganda auf der Rückseite. Anfertigung privat, wahrscheinlich 1923/24, Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


Ein primitives Beispiel antisemitischer Propaganda auf einer Reichsbanknote zu 1000 Mark ist der hier abgebildete handschriftliche Zusatz „Haut die Juden alle tot! Dann kommt Deutschland aus der Not!“. Durch handschriftliche Zusätze manipulierte Geldscheine sind die einfachste Art zur Zweckentfremdung des Gelds im Sinne von – egal wie gearteter – Werbung und Propaganda. Fast zeitgleich gab es den Tausender auch mit Schreibmaschinen-Texten auf der Rückseite, die deren Verfasser zumindest nicht durch die Handschrift verraten konnten.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit maschinenschriftlicher antisemitischer Propaganda auf der Rückseite. Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


Der hier abgebildete Propagandaschein wurde wahrscheinlich vom Wahlbündnis Völkisch-Sozialer Block, damals bestehend aus der Deutschen Arbeiterpartei, der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei und der Deutschvölkischen Freiheitspartei,

im Wahlkampf zu den Reichstagswahlen vom Mai und Dezember 1924 verwendet.

Die antisemitische Botschaft "Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck, uns Deutschen liess er diesen Dreck." wiederholt sich in dieser oder abgewandelter Form immer wieder auch auf späteren Propaganda-Stempelungen und Überdrucken. Angespielt wird auf die Folgen von Krieg und Inflation, wobei man den Juden pauschal vorwarf auf Kosten der Allgemeinheit als Kriegs- und Inflationsgewinnler hervorgegangen zu sein.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit gestempelter antisemitischer und Wahl-Propaganda auf der Rückseite. Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


In den Wahlkämpfen der "Weimarer Republik" nutzten hauptsächlich politisch rechte Parteien auch immer wieder Propaganda-Überstempelungen. Das abgebildete Beispiel zeigt einen Tausender mit Stempeln der sog. "Hitler-Bewegung" aus dem Wahlkampf zu den Reichstagswahlen vom November 1932. Die wertlose Banknote wird dabei als "Errungenschaft der Judenrevolte 1918", gemeint ist die Novemberrevolution, bezeichnet.

Auch diese "Botschaft" findet sich immer wieder auf damals wertlosen Inflations-Banknoten in verschiedenen Nennwerten.


Antisemitische Wahlpropaganda der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) im Wahlkampf 1930 in Neukölln: „Vorwärts mit Hugenberg – Deutschnational Liste 2“. Auf dem unteren Transparent die Karikatur eines Juden, ein David-Stern, ein Geldsack und die Parole „Wir bekämpfen die Auslieferung Deutschlands an das internationale Judenkapital“.

(Bundesarchiv, Bild 183-2006-0329-504)


Beim weitaus größten Teil propagandistischer Nutzungen von Geldscheinen aus dieser Zeit handelt es sich um Überdrucke. Nachstehend sollen einige wenige Beispiele hierfür gezeigt werden, bei denen der Tausender der Reichsbank von 1922 genutzt wurde.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit Propaganda-Überdruck auf der Rückseite, wahrscheinlich der NSDAP zum Regierungswechsel im August 1923.

Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit antisemitischem und Wahl-Propaganda-Überdruck

auf der Rückseite vom Nationalsozialistischen Zeitungsvertrieb Quedlinburg am Harz, genutzt in den Wahlkämpfen zu den Reichstagswahlen 1928 bis 1933, Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


Eröffnung des 5. Reichstags am 13. Oktober 1930. Ganz links die Abgeordneten der NSDAP

in „Braunhemden“. (Bundesarchiv, Bild 102-10549)


1000 Mark vom 15. September 1922 mit antisemitischem Propaganda-Überdruck auf der Rückseite, wahrscheinlich NSDAP in den Wahlkämpfen 1928 bis 1933.

Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


2 x 1000 Mark vom 15. September 1922 mit antisemitischen Propaganda-Überdrucken auf den Rückseiten, Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.



Eigentlich hätte die Nutzung von Inflationsgeld als Propagandamittel mit der sog. "Machtübernahme" der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 enden können.


Bereits im Parteiprogramm der NSDAP von 1920, dem sog. „25-Punkte-Programm“, war die Verdrängung der deutschen Juden aus dem Wirtschaftsleben beschlossen worden und ab 1925 folgten immer mehr Gewalttaten der SA gegen Juden und deren Geschäfte, Einrichtungen, Büros und Wohnungen. 1929 rief die „National-Zeitung“ von Gauleiter Terboven in Essen sogar zum Boykott jüdischer Geschäfte auf.


SA-Aufmarsch zum „Judenboykott“ am 1. April 1933 in Berlin mit Plakaten: „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Nach der „Machtergreifung“ kam es Ende Februar und nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 erneut zu Überfällen von SA-Trupps auf jüdische Geschäfte sowie zu Misshandlungen und sogar zur Ermordung einiger jüdischer Geschäftsinhaber. Im Ausland wurde diese Entwicklung sehr aufmerksam und besorgt verfolgt. Am 13. März 1933 erklärte ein Führungsmitglied des American Jewish Congress im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise, die auf Deutschland besonders schwere Auswirkungen hatte:

„Ein bellum judaicum (Jüdischer Krieg) bedeutet für Deutschland Boykott, Untergang und Verderben, bedeutet das Ende der deutschen Hilfsquellen und das Ende aller Hoffnungen auf den Wiederaufstieg Deutschlands.“ Nur fünf Tage später beschlossen die US-amerikanischen jüdischen Kriegsveteranen (Jewish War Veterans), deutsche Waren und Dienstleistungen zu boykottieren, deren Beispiel andere Organisationen aus den USA und Großbritannien folgten. Am 24. März 1933 berichtete der britische „Daily Express“ unter der Überschrift „Judea declares war on Germany“ (Judäa erklärt Deutschland den Krieg) über eine Beratung Londoner Kaufleute zu einem möglichen Boykott deutscher Waren. Dies nahm die NS-Propaganda als „Jüdische Kriegserklärung“ zum Anlass für den Boykott jüdischer Geschäfte in Deutschland, der schon seit Mitte März vorbereitet wurde. Hier könnten ein letztes Mal Propagandascheine zum Einsatz gekommen sein, sie könnten aber auch noch aus dem Wahlkampf der „Weimarer Republik“ stammen. Die Botschaft war die gleiche.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte auf der Rückseite, Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


Propaganda-Überdrucke wurden zwar meist von rechten Parteien verwendet, aber nicht nur. Das nachfolgende Beispiel zeigt eine Propagandaüberdruck, wahrscheinlich der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), zur Reichstagswahl vom Mai 1928.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit kommunistischer Propaganda auf der Rückseite, Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.



Dass der Reichsbank-Tausender von 1922 als Träger von Propaganda-Botschaften noch längst nicht ausgedient hat, beweist ein aktueller Überdruck aus dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. Ganz offensichtlich dient der Schein ukrainischen Interessen, stellt Putin als Sowjet-Imperialist dar und der Schriftzug kann als "KRIEGS – VERBRECHER" übersetzt werden. Es wäre sehr interessant zu klären, aus welcher Quelle dieser Schein stammt.


1000 Mark vom 15. September 1922 mit modernem Propaganda-Aufdruck gegen den russischen Präsidenten Putin auf der Rückseite.



Hans-Ludwig Grabowski


Literaturempfehlung:


Hans-Ludwig Grabowski /

Wolfgang Haney (Hrsg.):

"Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck …"

Für politische Zwecke und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs

Titel: Battenberg Verlag

ISBN: 978-3-86646-122-2

Auflage: 1. Auflage 2015

Format: 17 x 24 cm

Abbildungen: durchgehend farbig

Cover-Typ: Hardcover

Seiten: 280

Preis: 29,90 Euro


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