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Der VO-Hunderter

Gemäß der Moskauer Deklaration von 1943 wurde die Republik Österreich bereits mit dem Verfassungsgesetz vom 1. Mai 1945 wieder errichtet, blieb aber bis 1955 von Streitkräften der vier Alliierten besetzt.

Österreich stand während der 10-jährigen Besatzungszeit unter Verwaltung der Alliierten Kommission für Österreich, die mit dem Ersten Kontrollabkommen vom 4. Juli 1945 eingerichtet wurde. Im Zweiten Kontrollabkommen vom 28. Juni 1946 wurde die Kommission umstrukturiert: Sie bestand nun aus dem Alliierten Rat, dem Exekutiv-Komitee und jeweils einem Stab der Besatzungsmächte. Oberstes Verwaltungsorgan der einzelnen Zonen waren die Hochkommissare, die auch den Rat stellten. Ab 1950 wurde die Militärverwaltung sukzessive in eine Zivilverwaltung überführt. Das heißt: Es gab eine österreichische Regierung, Landeshauptmänner und Bundes- und Landestage, eine österreichische Gemeindeverwaltung und geordnete freie Wahlen. Dem Alliierten Rat waren von der Bundesregierung alle vom Parlament beschlossenen Gesetze vor ihrer Kundmachung zur Genehmigung vorzulegen. Wurde die Zustimmung nicht erteilt, konnte das Gesetz nicht in Kraft treten.


Am 25. November 1945 fand die erste demokratische Nationalratswahl nach der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus und zugleich die fünfte Nationalratswahl in der Geschichte Österreichs statt. Bundesweit hatten die Besatzungsmächte nur ÖVP, SPÖ und KPÖ zur Wahl zugelassen, lediglich in der britischen Besatzungszone wurde in Kärnten auch die Demokratische Partei Österreichs (DPÖ) als wahlwerbende Gruppe zugelassen. Die ÖVP unter Leopold Figl (* 2. Oktober 1902 in Rust im Tullnerfeld, Niederösterreich; † 9. Mai 1965 in Wien) ging als Sieger aus dieser Wahl hervor und erreichte eine absolute Mandats-Mehrheit. Zweiter wurde die SPÖ unter Karl Renner (* 14. Dezember 1870 in Untertannowitz, Mähren; † 31. Dezember 1950 in Wien). Die KPÖ blieb deutlich hinter den Erwartungen und schaffte nur knapp den Einzug in den Nationalrat.


Am 20. Dezember 1945 wurde Figl von der Nationalversammlung zum Bundeskanzler gewählt. Damit endete die Amtszeit der Provisorischen Staatsregierung Renner (27. April – 20. Dezember 1945). Die neue Regierung war eine Koalition aus ÖVP, SPÖ und KPÖ.[1]

ÖVP und SPÖ stellten auch nach der Nationalratswahl 1949 weiterhin die Regierung.

Im Herbst 1952 zeigte sie Risse und während der Budgetverhandlungen machte sich eine angespannte innenpolitischen Atmosphäre bemerkbar. Die Kritik an der Finanzpolitik der Regierung – Herabsetzung des Staatszuschusses zur Rentenversicherung und die Streichung von Bundesmitteln für den sozialen Wohnungsbau – führten schließlich zu deren Rücktritt

und zur Ausschreibung von Neuwahlen für den Februar 1953. Der kurze, aber hart geführte Wahlkampf stand ganz im Zeichen wirtschaftspolitischer Kontroversen: Während die ÖVP eine zweite Phase des Stabilisierungskonzeptes propagierte, veröffentlichet die SPÖ ein Zehn-Punkte-Programm zur Sicherung der Vollbeschäftigung.


Als dritte Kraft trat die Wahlgemeinschaft Österreichische Volksopposition, ein Bündnis aus Kommunisten und Linkssozialisten, in die Wahlkampfarena. Sie setzte zwei Flugblätter in Umlauf, die sog. VO-Hunderter, die auf den ersten Blick in Größe und Aufmachung einem 100-Schilling-Schein täuschend ähnlich sehen. Erst bei näherer Betrachtung bemerkt man, dass auf der Vorderseite die Wörter „Oesterreichische Notenbank“ durch „Oesterreichische Nationalratswahlen“ ersetzt wurde, der Engel in der linken unteren Ecke keine Blockflöte bläst, sondern die lange Nase zeigte und anstatt des Frauenkopfes der echten Banknote ein die Große Koalition versinnbildlichender Januskopf Figl-Schärf „zierte“. Adolf Schärf (* 20. April 1890 in Nikolsburg, Südmähren; † 28. Februar 1965 in Wien) war Vizekanzler (SPÖ) und von 1957 bis zu seinem Tod 1965 Bundespräsident der Republik Österreich.


Abb. 1: 1. Flugblatt im Stil der 100-Schilling-Note der Oesterreichischen Nationalbank mit „Für 100 Schilling hast du bekommen“, Vorder- und Rückseite.


Abb. 2: 2. Flugblatt im Stil der 100-Schilling-Banknote der Oesterreichischen Nationalbank mit „Für 100 Schilling haben wir bekommen“, Vorder- und Rückseite.


Zum Vergleich:

Abb. 3: 100-Schilling-Banknote der Oesterreichischen Nationalbank vom 3. Jänner 1949, Vorder- und Rückseite; Quelle: ebay.


Die Rückseiten beider Imitationen beziehen sich auf den Wertverlust des Schillings.

Die Preissteigerungen betrugen 1952 bis zu 40 %. Der Text nennt die Preise aus dem Herbst 1949 für ausgesuchte Waren und stellt sie denen vom Winter 1952/53 gegenüber. Gleichzeitig wird die Frage nach den Lohn- und Rentenerhöhungen gestellt und der Wähler aufgefordert, den Regierungsparteien einen Denkzettel zu verpassen.


Beide Druckerzeugnisse lösten bei der Bevölkerung zahlreiche Anzeigen wegen Betruges und Beschwerden aus, da man betrügerische Manipulationen befürchtete. Die Einziehung dieser "Blüten", die in der Druckerei Graphikon, Wien II, Untere Augartenstraße 30, hergestellt wurden, stellte sich als schwierig heraus, weil die sowjetische Besatzungsmacht den österreichischen Behörden die Beschlagnahme untersagte, obwohl in Österreich die Verbreitung sämtlicher banknotenähnlicher Druckwerke verboten war, auch wenn sie nicht

in betrügerischer Absicht hergestellt wurden. Als Verantwortlicher für den Inhalt der

VO-Hunderter geben die Scheine Wolfgang Hamerschlag, Wien IV, Maderstraße 1/6, an.

Richter berichtet, dass die Vorderseite mit der „Banknoten-Darstellung“ und die Rückseite mit der Preistabelle über die Kaufkraft von 100 Schilling wohl separat gedruckt und dann zusammengeklebt wurden.[2]


Die Nationalratswahlen am 22. Februar 1953 brachten zwar aufgrund der Wahlarithmetik der ÖVP wieder die Mehrheit der Parlamentssitze, die SPÖ wurde jedoch erstmals mit 42,1 % der abgegebenen Stimmen zur stimmenstärksten Partei. Die KPÖ, die gemeinsam mit den Linkssozialisten und der Demokratischen Union unter dem Namen Wahlgemeinschaft Österreichische Volksopposition angetreten war, erreichte nur 5,3 % der Stimmen und

4 Mandate. Die Wahl besiegelte das Ende der Ära Figl; wieder wurde eine Regierung aus ÖVP und SPÖ gebildet und neuer Bundeskanzler wurde Julius Raab (29. November 1891

in St. Pölten, Niederösterreich; † 8. Januar 1964 in Wien).


Uwe Bronnert

[1] Am 20. November 1947 schied die KPÖ aus der Bundesregierung aus. [2] Rudolf Richter, Papiergeld Spezialkatalog Österreich 1759–2010, Salzburg 2010, S. 140.

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