Dollar-Scheine mit „Tagebuchnotizen“

Aktualisiert: März 26

Seit mehr als über 100 Jahren kommen Geldscheine vor, die irgendwelche handschriftlichen Vermerke tragen. Meist sind es belanglose, manchmal jedoch auch interessante Belege. Auf dem internationalen Sammlermarkt kennt man diese Notizen auch unter der Bezeichnung "Graffiti".

So auch auf den markanten und gern gesammelten US-Silberzertifikaten zu 1 Dollar 1899 – den "Black Eagle"-Noten –, die ab 1900 gedruckt und bis 1922 ausgegeben wurden und sich noch nach dem Zweiten Weltkrieg im Umlauf befanden.


Beispiele:

Abb. 1: Dollar-Note mit den Unterschriften Judson Whitlocke Lyons und Ellis Henry Roberts, ausgegeben zwischen 1898 und 1905. Heute sind nur noch etwa 100 Exemplare der Variante D mit Suffix-Pheon bekannt. [1]

Abb. 2: Jahresbericht 1904 der U.S. Naval Academy mit dem Eintrag zu R. M. Jaeger. [2]

Abb. 3: schlichter Grabstein von R. M. Jaeger (1884–1951).


Der 24jährige US-Marine-Kadett Ralph Mattson Jaeger signierte einen Black Eagle mit Angaben zu seiner Ausbildungszeit in der Naval Academy in Annapolis, Maryland: "Ralph M. Jaeger, U.S. Naval Academy, 1904–1908, Aug. 13 – 1904".

R. M. Jaeger wurde am 17. August 1884 als ältester von drei Söhnen von Luth Jaeger und Nanny Mattson Jaeger in Minneapolis, Minnesota, geboren und starb am 18. März 1951 im Santa Barbara County, Kalifornien – sein Grabstein steht auf dem Lakewood Cemetery in Minneapolis. Sein in Schweden geborener Großvater Hans Mattson war Oberst im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Union und viele Jahre hoher Regierungsbeamter der Republikaner im Bundesstaat Minnesota.


Abb. 4: Austauschnote mit den Unterschriften James Carroll Napier/Thomas Lee »Bum« McClung, ausgegeben zwischen 1911 und 1912, heute sind nur noch etwa 50 Exemplare bekannt (Friedberg-Variante # 230★).

Abb. 5: Linienschiff von 1893 bis 1933 im Dienst (1892 von der American Ship Building Company gebaut).


Im Sommer 1912 fand ein Mr. X einen Schein auf dem Passagierdampfer "Christopher Columbus" – eine heute sehr seltene Austauschnote: "Found / 7-7-12 / Steamer / Columbus / via / Chicago + Milwaukee".

Von dem Namenlosen wissen wir nicht, wer er war und was der Grund seiner Fahrt auf der "Columbus" war – reiste er privat oder geschäftlich? Zumindest war es ihm der Fund wert, den Schein zu beschreiben und aufzubewahren. Irgendwann landete die Note bei einem Sammler und später in einem US-Auktionshaus.


Abb. 6: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 230 J. C. Napier/T. L. McClung, ausgegeben zwischen 1911 und 1912.

Abb. 7: Eine zweite Dollar-Note mit der Unterschrift von E. H. Roberts, heute sind nur noch etwa 1500 Exemplare der Variante Y mit Suffix-Pheon bekannt.


Von vielen US-Finanzbeamten sind "autographed notes" der 1899er "Black Eagle"-Serie bekannt, auf denen die Unterschriften und z.T. ihre Amtsdienstzeiten versehen sind, so z.B. von Albert Uriah Wyman (1876 – 1877), William Tecumseh Vernon (1906 – 1911), C. C. Pusey (1910 – 1912), Thomas Lee "Bum" McClung (1909 – 1912), James Carroll Napier (1911 – 1913), Carmi Alderman Thompson (1912 – 1913), Gabe Edward Parker (1913 – 1915), John Burke (1913 – 1921), Geo Fort (1913 – 1916) und Houston Benge Teehee (1915 – 1919).

Zwei von mehreren Dollarnoten sind hier mit der Unterschrift von Ellis Henry Roberts abgebildet „Ellis H. Roberts / Treasurer of the U.S. / 1897–1905“.


Es ist nicht außergewöhnlich, dass bei den Unterschriften-Aktionen nicht nur eine Note unterschrieben wurden, sondern gleich mehrere. Ein Beispiel sind die Scheine mit den Kontrollnummern Y 79316701 bis Y 79316703 ebenfalls mit Suffix-Pheon und von C. C. Pusey signiert. Die Vermutung liegt nahe, daß diese Y-Scheine aus der Napier/McClung-Serie für einige Beamte zur Unterzeichnung vorlagen.


Abb. 8: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 229★ (Vernon/McClung), ausgegebene Austauschnote zwischen 1910 und 1911; man schätzt das heutige Vorkommen auf etwa 40 Exemplare.


Aus der Vorgängerserie (Vernon/McClung) ist eine frühe Austauschnote bekannt, die die Unterschrift des im Dienst befindlichen Schatzmeisters McClung zeigt und aus der Zeit von 1910 bis 1911 stammt: "Lee McClung / Treasurer of the United States".

Diese besondere Note wurde erstmals im September 1996 versteigert – danach im Januar 2001, später im August 2005 und letztlich im März 2020, wo sie beim US-Auktionshaus Stack‘s Bowers auf 6000 bis 8000 US-Dollars geschätzt, aber für "nur" für 4560 verkauft wurde.


Abb. 9: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 229(Vernon/McClung), ausgegeben zwischen 1909 und 1911; heutige Schätzungen gehen von etwa 850 vorhandenen Scheinen aus.


Ein "Gegenstück" aus der Standardschein-Serie V mit Suffix-Pheon ist der Schein mit der Unterschrift des Schatzamt-Direktors Vernon: "W. T. Vernon / Register of the Treasury / 1906–1910".


Abb. 10: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 230 (Napier/McClung), ausgegeben zwischen 1911 und 1913; heute sind noch etwa 1500 Exemplare auf dem Sammlermarkt.

Abb. 11: "The Boston Daily Globe", Morgenausgabe vom 16. April 1912.


Ein anderer außergewöhnlicher Schein ist die 1-Dollar-Note mit der Kontrollnummer Z 35824530 mit Suffix-Pheon: sie steckte am 15. April 1912 in der Hosentasche des Bordfriseurs Augustus Henry Weikman, der sich auf der sinkenden "Titanic" befand und auf die britische RMS "Carpathia" gerettet wurde. Seine Geschichte machte danach in US-Medien die Runde.

Auf die Rückseite der "Black Eagle"-Note schrieb er: "This note was in my pocket ... when picked up / out of the sea ... by ”SS Carpathia“ / from the wreck of ... ”SS Titanic“ / April 15 1912 ... A. H. Weikman / Palmyra / N. J."

August Weikman soll zwei oder drei solcher Geldscheine beschrieben haben. Er sagte in der Anhörung vor dem Ausschuss des US-Senats zur Untersuchung des "Titanic"-Untergangs später aus:

"Ich saß am Sonntagabend, dem 14. April 1912, um 23.40 Uhr in meinem Friseurladen, als die Kollision auftrat …. Ich ging zum Hauptdeck und sah dort etwas Eis liegen. Es wurde befohlen „Alle Hände, um die Rettungsboote zu bemannen ...“. Ich half beim Wassern der Boote. Ich wollte gerade das nächste Boot losmachen, als das Schiff am Bug sank und ein Wasserschwall mich über Bord spülte und das Boot daher nicht von Menschenhand herunter gelassen werden konnte. Ich war ungefähr 15 Fuß vom Schiff entfernt, als ich eine zweite Explosion hörte. Ich glaube, die Kessel sind ungefähr in der Mitte des Schiffes explodiert. Die Explosion blies mich zusammen mit einer Wasserwand auf ein Bündel Liegestühle zu, auf das ich klettern konnte. Während ich auf den Stühlen saß, hörte ich schreckliches Stöhnen und Schreien von Menschen im Wasser." [3]

Abb. 12: August H. Weikman, er wurde am 17. Februar 1860 in Philadelphia als Sohn des Württembergers Karl Weichmann (oder Weißmann) geboren und lebte mit seinen Eltern und den Geschwistern Mary, Louisa und William in Philadelphia.

Der Familienname wurde von Beamten bei den Volkszählungen von 1860 und 1870 als Whiteman gemeldet.

1892 begann er als einer von drei Friseuren bei der White Star-Linie zu arbeiten.









August Henry (eigentlich Gustav Heinrich) Weikman starb am 7. November 1924

in Palmyra, Burlington County/Pennsylvania. 1999 wurde die Weikman-Note beim Auktionshaus Butterfield und Butterfield San Francisco versteigert und erreichte am

26. April 2012 auf der RR-Auktion von "Titanic"-Artefakte einen Preis von knapp

33.000 US-Dollars. [4]


Abb. 13: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 230 (Napier/McClung), ausgegeben zwischen 1909 und 1911; heutige Schätzungen gehen von etwa 850 vorhandenen Scheinen aus. [4]

Abb. 14: Hugh Herndon und Clyde Pangborn vor ihrer Pazifik-Überquerung (Foto vom 17. Juli 1931).

Abb. 15: Bruchlandung der Bellanca CH-400 Skyrocket (Foto vom 5. Oktober 1931).


Am 5. Oktober 1931 erfuhr die Welt von einem anderen Unglück: der erste transpazifische Nonstop-Flug endete in einer Staubwolke. Nach mehr als 40 Stunden seit dem Abflug in Japan führten Clyde Pangborn und Hugh Herndon Jr. eine kontrollierte Bruchlandung in der Nähe des Ortes Wenatchee, Washington State, durch. Nachdem sich der Staub gelegt hatte, stiegen sie unverletzt aus dem Flugzeug aus.


Pangborn hatte während des Ersten Weltkriegs als Fluglehrer gedient und gründete danach eine Flugzeugfirma. Der Börsencrash von 1929 beendete seine Barnstorming-Tage und seine Firma ging pleite. Aber der junge Pilot kannte einen Mitflieger von früher ... und Hugh Herndon Jr. hatte Geld. Beide beschlossen, den Weltrekord eines deutschen Zeppelins zu brechen. Nach monatelanger Planung Anfang 1931 erlitten Pangborn und Herndon einen Rückschlag, als Wiley Post mit seinem Lockheed Vega den Rekord brach und diesen von 20 Tage auf weniger als 9 Tage verkürzte. Die Flugpläne einer Weltumrundung setzten beide fort und starteten am 28. Juli 1931 in New York.

Wegen eines Sturms mussten sie in Sibirien landen und verloren einen Tag gegenüber ihrem Zeitplan; sie dachten an Aufgabe ihres Rekordversuchs.


C. Pangborn und H. Herndon reizte der von einer japanischen Zeitung ausgelobte Preis von damals 25.000 US-Dollars für den ersten Nonstop-Flug zwischen Japan und den USA. Von der Landebahn in Misawa an der Nordküste der japanischen Insel Honshu starteten sie am 4. Oktober Ortszeit. Um Treibstoff zu sparen war das Fahrwerk abmontiert. Ursprünglich wollte man einen Fernrekord bis in den US-Bundesstaat Idaho aufstellen. Wegen des schlechten Wetters beschloss Pangborn, nach Wenatchee zu fliegen; er war in der Nähe aufgewachsen und seine Mutter lebte dort.

Nach mehr als 8800 Kilometer landeten sie um 7.00 Uhr morgens ohne Fahrwerk in einer nahezu perfekten Bauchlandung auf dem Fancher Field in East Wenatchee.

"Miss Veedol" blieb weitestgehend unbeschädigt; nur der Propeller rammte in den Boden.

Obwohl das Duo als Erste den Pazifik überquerte – ein Flug, der länger war als Lindberghs Atlantik-Überquerung –, erhielten sie keinen Ruhm oder Vermögen über das Preisgeld hinaus. Der Flug wurde größtenteils von Herndon und seiner Mutter Alice finanziert, sie war Erbin der Tide Water Oil Company. Die Firma war Hersteller der Veedol-Linie von Motorenölen und Schmiermitteln.


Im Mai 2012 fanden ein Sammler und seine Frau im Nachlass der Schwiegermutter die 1-$-Note mit der Unterschrift von Hugh Herndon. Er schrieb:

»Meine Schwiegermutter zog ungefähr 1935 nach New York City und ich bezweifle, dass sie sich in ihrer Heimat Ohio kennengelernt haben, also schätze ich, dass die Note auf dem Flug von 1931 nicht dabei war. Sie arbeitete als Sekretärin in einem Büro, war aber auch Model. Ich kann mir vorstellen, dass Herndon versucht hat, mit ihr „Zeit zu haben“. Sie erwähnte ihn nie, noch den Schein. Die Unterschrift von Hugh Herndon auf der Note ist anders als 1931. Zu dieser Zeit benutzte er „Jr“ nicht und auf dem Geldschein tat er es auch nicht, was mich glauben lässt, dass er den Schein irgendwann nach dem Tod seines Vaters unterschrieb, anscheinend nach 1931.«

Das stimmt jedoch nicht ganz: obwohl auf dem 1-Dollar-Schein zu lesen ist: "1st TransPacific / Flight / Oct. 3–5, 1931 / Hugh Herndon"– sind Briefumschläge vom 5. bzw. 9. Oktober 1931 mit der Unterschrift "Hugh Herndon jr." bekannt.

Hugh Herndon traf Winston Churchill während des Zweiten Weltkriegs auf den Bahamas. Churchill engagierte Hugh Herndon für die Royal Canadian Air Force, bevor die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten.


Abb. 16: US-Soldaten an Bord des Liberty-Schiffs US 326 auf der Fahrt zur Landung in der Normandie.


Abb. 17: Dollar-Note der Friedberg-Variante # 229, Serie X mit Suffix-Pheon (Napier/McClung), ausgegeben zwischen 1909 und 1911; wahrscheinlich noch etwa 850 Stück vorhandenen.


Aus dieser Zeit stammt das letzte Beispiel einer beschriebenen Dollar-Note mit den Aufzeichnungen eines unbekannten US-Soldaten:

"LEFT THE STATES MAR. 22–44 ARRIVED IN LIVERPOOL, ENG. APRIL 10TH EASTER SUN. WENT TO BIRMINGHAM–ENG. APRIL 11TH WENT TO CARDIF WALES MAY 17TH LEFT CARDIF ON A LIBERTY SHIP JUNE 3D LANDED IN FRANCE OMAHA BEACH JUNE 9TH ENTERED GERMANY DEC. 11TH"

So gesehen spiegeln die hier gezeigten Geldscheine eine zusätzliche Konfrontierung mit geschichtlichen Ereignissen wider, die das Sammeln von historischem Papiergeld zusätzlich reizvoll machen.


Michael H. Schöne

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