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"Führergeschenk", "Beschaffungsgeld" und "Goebbels-Spende"

Viele Geldscheinsammler sammeln neben Banknoten und Notgeldscheinen auch weitere Belege aus Papier, wie z.B. Schecks, Wechsel, Wertpapiere, Lotterielose, Spendenquittungen, Bezugscheine und Rationierungsbelege. Gerade Belege zur Rationierung aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sind historisch wertvolle Zeitdokumente, die eine Geldscheinsammlung sinnvoll ergänzen können.


Bereits am 28. August 1939, also noch vor dem eigentlichen Beginn des "Polenfeldzugs", begann mit der ersten Zuteilungsperiode (ZP 1) die Bewirtschaftung von Nahrungsmitteln und Verbrauchsgütern im Großdeutschen Reich. Wie bereits im Ersten Weltkrieg, wurden sog. "Lebensmittelkarten" für die Bevölkerung eingeführt. Angehörige der Wehrmacht – konkret,

die dem Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres unterstellten Einheiten im „Heimatkriegsgebiet“ – sowie Reservelazarette, Schutzgliederungen außerhalb der Wehrmacht (z.B. SS, RAD) sowie Gefangene in Strafanstalten und Internierte und Häftlinge

in Lagern erhielten ihre Zuteilungen an Lebensmitteln nach den jeweils geltenden Verpflegungssätzen ohne Kartengrundlage.


Verpflegungspause. (Abb. "Der Zweite Weltkrieg in Bildern", Sammlung Reinhard Selzle, München).


Konzentrationslager Buchenwald, Blick in den Speisesaal der 3. SS-Totenkopf-Standarte Thüringen 1939. (Foto: Archiv der Gedenkstätte Buchenwald)


Kantinenkarte der deutschen Wehrmacht aus einer Kaserne im „Heimatkriegsgebiet“

für einen Gefreiten. Solche Karten waren jeweils für einen Monat gültig.

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


In den Kasernen erhielten Angehörige der Wehrmacht Essen- oder Kantinenkarten, die jeweils einen Monat gültig und bei der Essenausgabe vorzulegen waren. Spezielle „Reichskarten für Urlauber“ erhielten nach Erlass vom 29. Mai 1941 solche Personen, die über keine eigenen Lebensmittelkarten verfügten, weil sie Gemeinschaftsverpflegung erhielten. Also ebenfalls Angehörige der Wehrmacht, des Reichsarbeitsdienstes (RAD) oder anderer Schutzgliederungen außerhalb der Wehrmacht, wie der SS.


Reichskarte für Urlauber (für Angehörige der Wehrmacht, der SS oder des RAD) mit Gültigkeit für sieben Tage bis November 1943. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)



Die „Reichskarten für Urlauber“ waren jeweils für eine Woche gültig und sind deshalb von den gewährten Rationen direkt mit Wochenkarten für „ausländische Zivilarbeiter“ vergleichbar.

Für die Woche vom 30. August bis 5. September 1943 konnte ein Fremdarbeiter auf seine AZ-Karte u.a. beziehen: 1.850 g Brot und zusätzlich 500 g Brot oder wahlweise 375 g Mehl, 150 g Nährmittel, 125 g Butter, 80 g Margarine, 250 g Fleisch oder Fleischwaren, 225 g Zucker, 175 g Marmelade, 62,5 g Kaffee-Ersatz, 62,5 g Quark, Kartoffeln und ein Ei.

Ein Soldat auf Heimaturlaub erhielt im November 1943 für eine „Urlaubswoche“ 2.250 g Brot, 250 g Fleisch oder Fleischwaren, 140 g Butter, 70 g Margarine, 175 g Marmelade, 200 g Zucker, 150 g Nährmittel, 60 g Kaffee-Ersatz, 60 g Käse und ein Ei.


„Führergeschenk für Fronturlauber“: Lebensmittelkarte mit Sonderzuteilung von Lebensmitteln für Soldaten auf Heimaturlaub. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Insbesondere nach dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad war Hitler als „Oberster Befehlshaber der Wehrmacht“ bemüht, die Moral der Truppe auch durch Sonderzuteilungen an Lebensmitteln während eines Heimaturlaubs zu heben. Als „Führergeschenk für Fronturlauber“ erhielten Soldaten eine zusätzliche Lebensmittelkarte, die im weiteren Verlauf des Kriegs in mehreren Auflagen ausgegeben wurde. Auf sie konnten über die Rationen der „Reichskarte für Urlauber“ hinaus 5.000 g Weizenmehl, 1.000 g Zucker, 2.000 g Nährmittel oder Hülsenfrüchte, 500 g Butter und 1.500 g Marmelade bezogen werden, was besonders für die Familien der Soldaten eine große Unterstützung darstellte und den Heimaturlaub verschönen sollte.


Anschreiben des Reichskommissars für die Ukraine, Erich Koch, zur Übersendung des „Führerpakets für Osturlauber“ vom März 1943. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Karte zum „Führer-Paket für Ost-Urlauber“. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


10 Reichsmark „Beschaffungsgeld“ aus dem „Führer-Paket für Ost-Urlauber“.

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Kernstück einer Lebensmittelkarte aus dem „Führer-Paket für Ost-Urlauber“ nach Abschnitt aller Marken. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Im „Auftrag des Führers“ verschickte der Gauleiter von Ostpreußen und Reichskommissar für die Ukraine im Frühjahr 1943 sog. „Führerpakete für Osturlauber“ aus dem damals noch sicheren Königsberg. Sie enthielten neben einem pauschalen Anschreiben von Koch eine gedruckte Karte mit geprägtem oder golden gedrucktem Reichsadler und der Widmung:

„Ein kleiner Dank des Führers an seine Soldaten“, eine Reichsbanknote über 10 Reichsmark sowie eine zusätzliche Lebensmittelkarte, die bis zum 31. Mai 1943 gültig war. Damit ein Soldat, der im Fronteinsatz sein Leben für nur 50 Reichspfennig Wehrsold am Tag einsetzen musste, sich auch die zusätzlichen Lebensmittel kaufen konnte, lagen dem „Führer-Paket“ die 10 Reichsmark als „Beschaffungsgeld“ bei.


Ein Umschlag der Aktion Himmlers zur Kriegsweihnacht 1943 für die Soldaten der Waffen-SS.

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Was Hitler „seinen Soldaten“ gönnte, veranlasste Himmler als Reichsführer SS zur Kriegs-weihnacht 1943 zu einer eigenen milden Gabe für „seine tapferen Soldaten der Waffen-SS“.


NSDAP Gau Berlin, Gutschein über 250 g Zucker der „Dr. Goebbels-Spende“

vom Januar 1943. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Reichspropagandaminister Goebbels rief bereits im Januar 1943 die „Dr. Goebbels-Spende“ des Gauleiters von Berlin ins Leben. Wohl um ihr „das Leben zu versüßen“ erhielt die deutsche Jugend der Reichshauptstadt pro Kopf 250 g Zucker.


Wie „alle Jahre wieder“, so gönnte der Führer beliebten deutschen Künstlern auch zu Weihnachten 1943 Geschenkpakete, deren Inhalt aus Sendungen stammten, die ihm „aus dem Ausland bzw. den besetzten Gebieten zur Verfügung gestellt wurden“.

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Zu Weihnachten schickte der Führer gern Geschenkpakete an bekannte deutsche Künstler, die ihn mit Darbietungen erfreut hatten. Der Inhalt bestand aus „Sendungen, die [ihm] aus dem Ausland bzw. den besetzten Gebieten zur Verfügung gestellt wurden.“


Warum werden solche Zeitdokumente hier überhaupt erwähnt und im Bild vorgestellt, wird sich der eine oder andere Leser fragen. Sie haben doch eigentlich nichts mit Geldscheinen oder Rationierungsbelegen im eigentlichen Sinn zu tun! Hat aber nicht in Wahrheit alles mit allem zu tun? Zur selben Zeit, da die Spitzen des Reichs bemüht waren, ihre Beliebtheit durch „milde Gaben“ und die „Kriegsmoral“ durch Lebensmittel-Geschenke für Soldaten und deren Familien zu erhalten, erfroren in Russland die Kameraden der „Ost-Urlauber“ und verhungerten Menschen, die freigiebig „Sendungen zur Verfügung gestellt“ hatten, in den besetzten Gebieten. Zur selben Zeit verhungerten Menschen in den Gettos des Ostens oder wurden in den Vernichtungslagern ermordet.


Hans-Ludwig Grabowski


Literaturempfehlung


Hans-Ludwig Grabowski/

Wolfgang Haney (Hrsg.):


Kennzeichen "Jude"

Antisemitismus, Entrechtung, Verfolgung, Vernichtung und die Rationierung von Nahrungsmitteln und Verbrauchsgütern

für Juden in Großdeutschland und den besetzten Gebieten 1939 bis 1945


Dokumentation basieren auf Belegen der zeitgeschichtlichen Sammlung Wolfgang Haney, Berlin.


Hardcover: 351 Seiten

Format: 17 x 24 cm

ISBN: 978-3-86646-558-9

Preis: 19,90 Euro






Mit seinem Buch Kennzeichen »Jude« widmet sich der Autor erneut einer auch unter Historikern kaum erforschten Thematik des Dritten Reichs – nämlich der Rationierung von Nahrungs- und Verbrauchsgütern für die jüdische Bevölkerung im Großdeutschen Reich und in den besetzten Gebieten von 1939 bis 1945. Bereits zwei Wochen vor dem Überfall auf Polen wurden im Deutschen Reich Lebensmittelkarten eingeführt. Bald schon mussten alle Karten, die für jüdische Verbraucher bestimmt waren, besonders gekennzeichnet werden – mit dem Kennzeichen „J“, dem Wort „Jude“ oder mit einem David-Stern. Den Juden im Reich wurden sämtliche Sonderzuteilungen an Lebensmitteln und Kleiderkarten gestrichen, sie erhielten schließlich auch keine Eier und kein Fleisch mehr und viele Menschen in jüdischen Gettos und Konzentrationslagern verhungerten.


Dank einer Fülle von Belegen der weltweit einzigartigen zeitgeschichtlichen Privatsammlung von Wolfgang Haney entstand darüber hinaus aber auch eine beeindruckende Dokumentation, die den Leser von den Anfängen des Antisemitismus in der Antike über wichtige Ereignisse der Zeitgeschichte, den Folgen des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten, über die Juden-Boykotte, die Nürnberger Rassegesetze und die Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht sowie den Auswirkungen von Krieg und Judenverfolgung bis hin zum Holocaust führt.



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