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Geld als Kommunikationsmittel: Protest gegen "Versailles" und die Folgen

Aktualisiert: 3. März 2022

Auf deutschen Geld- und Fantasiescheinen findet man auch Protest gegen die enormen Reparationsforderungen der alliierten Siegermächte des Ersten Weltkriegs, die die junge deutsche Republik in Krise und Inflation und viele Menschen ins Elend trieben.


Der am 28. Juni 1919 unter Protest der von den Verhandlungen ausgeschlossenen deutschen Vertreter unterzeichnete Frieden von Versailles stellte nicht nur das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom Januar 1918 auf den Kopf, das u.a. offene und öffentlich abgeschlossene Friedensverträge gefordert und Deutschland erst zum Abschluss des Waffenstillstands bewogen hatte, hier wurde auch die Alleinschuld Deutschlands und seiner Verbündeten am Ersten Weltkrieg festgelegt, die den Alliierten als Grundlage für die verpflichtende Wiedergutmachung aller Kriegsschäden durch das Deutsche Reich diente. Zwar wurde 1919 noch keine konkrete Summe genannt, doch bis zum 30. April 1921 war ein erster Abschlag in Höhe von 20 Milliarden Goldmark in bar und in Waren zu zahlen.

Am 29. Januar 1921 legte schließlich der Oberste Rat der Alliierten im sog. „Pariser Beschluss“ die Gesamthöhe der Wiedergutmachung auf 226 Milliarden Goldmark, zahlbar in 42 Jahresraten, steigend von 2 bis auf 6 Milliarden Goldmark fest. Darüber hinaus hatte Deutschland noch 12 % des Werts seiner sämtlichen Ausfuhren an die Alliierten zu leisten.

Die letzten Raten zahlte die Bundesrepublik Deutschland übrigens im Oktober 2010.


Der Regierung der jungen „Weimarer Republik“ blieb aufgrund dramatischen Devisenmangels nichts anderes übrig als der Versuch, die Reparationsforderungen durch Verhandlungen abzuschwächen, was sich direkt auf den Devisenkurs auswirkte und die Inflation beschleunigte.


Als am 11. Januar 1923 eine französisch-belgische Armee in das deutsche Ruhrgebiet einmarschierte, um „produktive Pfänder“ zu nehmen, weil Deutschland nicht mehr in der Lage war, die Forderungen der Alliierten termingerecht zu erfüllen, brach Panikstimmung aus und die deutsche Währung war nicht mehr zu halten. Lag der Dollar-Kurs am 2. Januar 1923 noch bei 7260 Mark, so hatte er am 14. Juni 1923 schon die 100.000-Mark-Marke überschritten und wurde am 30. Juli 1923 schon mit 1,1 Millionen Mark gehandelt. Im Oktober befand man sich bereits mitten in der Hyperinflation mit Milliarden-Beträgen und am 14. November 1923 kostete der US-Dollar 1,26 Billionen Mark.


Für den Protest gegen die Kriegsreparationen, die mit Inflation und internationaler Börsenspekulation einhergingen, in denen die erste deutsche Einheitswährung schließlich unterging, sollen hier nur einige Beispiele gezeigt werden.

Neben zahlreichen kommunalen Ausgabestellen emittierten auch Vereine und sogar private

Firmen Anfang der 1920er Jahre sog. Serienscheine. In Hannover gab das Restaurant und Café Handelshof mit Datum vom 1. März 1922 Gutscheine für Speisen und Getränke in vier verschiedenen Werten (25, 50 und 75 Pfennig sowie 1 Mark) aus, die für ihre politische Brisanz jener Zeit bekannt sind. Zwei Rückseiten solcher Gutscheine sind auf der vorigen Seite zu sehen.


Rückseite eines privaten Gutscheins über 25 Pfennig mit Datum vom 1. März 1922, ausgegeben vom Restaurant und Café Handelshof in Hannover.

Karikiert ist der gewaltige Transfer von Vieh, Waren und Geld aus Deutschland in die Siegerländer des Ersten Weltkriegs entsprechend des Friedens von Versailles.

(Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Die Rückseite des 75-Pfennig-Scheins des Hannoverschen Restaurants Handelshof zeigt den hungernden Deutschen umgeben von Friedenspredigern und jüdischen Börsenschiebern vor der Flagge der USA, die in dieser Zeit zur Weltmacht wird. (Sammlung Wolfgang Haney, Berlin)


Etwas ganz besonderes – wenn auch nicht wirklich seltenes – sind die sog. „Ruhrtaler“,

die die französisch-belgische Besatzungspolitik anprangern. Hierbei handelt es sich um kein echtes Notgeld, sondern um Protest im Aussehen von Geldscheinen. Nach der alliierten Besetzung an Rhein und Ruhr war die Bevölkerung von der deutschen Regierung zum passiven Widerstand aufgerufen worden. Eine Form dieses Widerstands war sicher auch dieser Protest, der den wahren Charakter der in Versailles von den Siegern beschlossenen Friedensbedingungen und der daraus resultierenden Ungerechtigkeit anprangerte.

Die Friedensverhandlungen von Versailles hatten lediglich unter den Alliierten und den mit ihnen assoziierten Mächten stattgefunden. Für den Angeklagten gab es keine Verteidigung, sondern Ausschluss. Die Friedensbedingungen musste Deutschland wie ein Gerichtsurteil über sich ergehen lassen, um nicht sofort besetzt zu werden. Ohne Versailles wäre ein Erstarken nationaler, rechtsextremer und antijüdischer Kreise, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus unter Hitler mit allen Konsequenzen, d.h. auch zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust geführt haben, nicht denkbar gewesen. Gerechte Verhand­lungen mit Deutschland und Österreich-Ungarn hätten einen dauerhaften Frieden in Europa sichern können, doch Eigennutz, Gier und Rachsucht der vermeintlichen Sieger waren zu groß.


Propagandaschein über 10 Millionen Ruhrtaler ohne Datum (1923). Die Vorderseite zeigt die französische Marianne mit dem Fuß auf der Kehle des unterdrückten Deutschen. Weil Deutschland im Januar 1923 keine Kohlen liefern konnte, holen sich auf der Rückseite französische Soldaten die Kohlen von hungernden und frierenden deutschen Kindern. (Sammlung des Autors)


Mit dem Waffenstillstand von 1918 endete zwar der Krieg, doch das erst 1871 neu gegründete Reich und die Monarchie zerfielen, Deutschland und Österreich wurden zerstückelt, um weite Gebiete beraubt und an einer deutschen Einheit gehindert. Die Mark hatte schon jetzt die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren. Die sozialistischen Berufspolitiker versprachen Frieden, Freiheit und Brot. Doch die immensen Reparationsleistungen, die Deutschland abgefordert wurden für einen Krieg, den es weder begonnen, noch im Felde verloren hatte, trieben das Land in Infla­­tion und Wirtschafts­krise und die Menschen in Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger. Die Politik regierte derweil in ihrer Hilflosigkeit und Zerstrittenheit mittels immer neuer Notverordnungen.


Hans-Ludwig Grabowski



Literaturempfehlung:


Hans-Ludwig Grabowski /

Wolfgang Haney (Hrsg.):

"Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck …"


Für politische Zwecke und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs


Titel: Battenberg Verlag

ISBN: 978-3-86646-122-2

Auflage: 1. Auflage 2015

Format: 17 x 24 cm

Abbildungen: durchgehend farbig

Cover-Typ: Hardcover

Seiten: 280

Preis: 29,90 Euro


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