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Geldscheine auf und am Ende des „Baltischen Wegs“

Am 23. August 1989, gegen 19 Uhr, hatten es die fast zwei Millionen Esten, Letten und Litauer geschafft, eine 675 km lange Menschenketten durch die damals drei baltischen Sowjetrepubliken zu schließen. Die Frauen, Männer und Kinder hatten sich auf den Autobahnen und Landstraßen, in Städten und Gemeinden zwischen Tallinn, Riga und Vilnius versammelt, hielten sich an den Händen, sangen und tanzten, teilweise in historischen Trachten. Zehntausende Ladas, Wolgas und Polski Fiats säumten die Straßenränder und die Menschen zeigten allerorts die früheren baltischen Nationalflaggen.


Abb. 1: Der „Baltische Weg“; Estnisch:

Balti kett; Lettisch: Baltijas ceļš; Litauisch: Baltijos kelias; organisiert von Dissidenten und Helsinki-Gruppen der estnischen Rahvarinne, der lettischen Tautas Fronte und der litauischen Sajūdis.


Anlass des friedlichen Protests war die Forderung nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit der drei früheren Republiken Estland, Lettland und Litauen. In der von baltischen Oppositionellen aufgerufenen Demonstration hieß es in ihrem Appell „Lasst uns einander die Hände reichen und auf dem gemeinsamen Weg voranschreiten. Der baltische Weg – das ist der Weg Europas, der baltische Weg – das ist der Weg der Befreiung, der baltische Weg – das ist der Weg zur Errichtung unseres gemeinsamen Hauses! Wir gehen voran!“


Abb. 2: Momentaufnahme vom „Baltischen Weg“ in Lettland, Foto: Imants Prēdelis.


Abb. 3: Luftaufnahme vom „Baltischen Weg“ in Litauen (auf einschlägigen Internetseiten werden tausende Fotos und Videos gezeigt).



Man forderte vor allem die Annullierung des sog. Hitler-Stalins-Pakts (Nichtangriffsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR) – insbesondere die Ächtung der damit verfassten vier Punkte im Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939.


Abb. 4: mitgeführter Banner mit Forderungen an die UdSSR: „Beseitigung der Folgen des Sowjet-Nazi-Pakts: 1. Abzug der sowjetischen Besatzungsarmee und der Zugewanderten; 2. Entschädigung für Personen- und Materialschäden, die während der Zeit der Besetzung entstanden sind; 3. Verhandlungen zwischen den neutralen baltischen Staaten und der Sowjetunion aufnehmen“.



In einer geheimen Abfassung wurden territoriale Interessen und die Aufteilung des Baltikums vereinbart – Originaltext: „Aus Anlaß der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache

die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessenssphären in Osteuropa erörtert.

Die Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:

1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland und Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphäre Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt. ...“


Anmerkung der Redaktion:

Im Klartext heißt das, dass Litauen Teil der deutschen Interessensphäre war, was das 1920/22 von Polen annektierte südöstliche litauische Gebiet um die Hauptstadt Wilna (Vilnius) mit einschloss. Das wird leider oft bei Interpretationen des Zusatzprotokolls übersehen.

Den kompletten sog. "Hitler-Stalin-Pakt" finden Sie hier:

Das komplette geheime Zusatzprotokoll finden Sie hier:

Erst mit dem sog. Deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 mit einer entsprechenden Regelung in einem ebenfalls geheimen Zusatzprotokoll dazu wurde Litauen (ohne das vormals ostpreußische und 1923 von Litauen annektierte Memelgebiet) der Sowjetunion als Interessensphäre überlassen.

Den kompletten Deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag inkl. geheimen Zusatzprotokoll und Landkarte finden Sie hier:


Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs marschierten am 1. September 1939 zuerst deutsche Truppen und am 17. September die Rote Armee in Polen ein. Danach wurden die drei baltischen Republiken von der Sowjetunion annektiert: Litauen wurde am 15. Juni 1940 besetzt und als Litauische SSR am 21. Juli 1940 in die Sowjetunion eingegliedert – ebenso wurde Lettland am 17. Juni 1940 von Sowjettruppen besetzt und am 21. Juli die Lettische Sowjetrepublik gegründet, die am 5. August 1940 der Sowjetunion beitrat; Estland verlor seine Unabhängigkeit nach dem Einmarsch der Roten Armee und nach Scheinwahlen ebenfalls am 21. Juli 1940. Am 6. August 1940 nahm die UdSSR die Estnische Sowjetrepublik als Teilrepublik auf.


Mit der sowjetischen Annexion wurden auch die bisherigen Nationalwährungen der baltischen Republiken nach und nach ungültig. Ab dem 23. November 1940 kam in Litauen der sowjetische Rubel in Umlauf.

Bis zum 25. März 1941 kursierten zwei Währungen; ein Umtausch des litauischen Litas in sowjetische Rubel war bis zu diesem Tag beim Wechselkurs von 100 Litas = 90 Rubel möglich. Zwischen dem 1. und 30. April 1941 wurden alle in den Tresoren gelagerten Litas-Banknoten verbrannt.


Abb. 5: 100 Litų der Lietuvos Bankas, 31. März 1928, Vs.; Hersteller: Wertpapierdruckerei Bradbury, Wilkinson & Co. Ltd., Großbritannien.



Ähnlich wie in Litauen blieb nach der Besetzung Lettlands auch der Lats als Zahlungsmittel vorerst gültig. Entsprechend dem Rat der Volkskommissare der Lettischen SSR vom

25. November 1940 wurde der Sowjetrubel eingeführt. Der Wechselkurs von Lats zum Rubel wurde im Verhältnis 1:1 festgelegt. Ohne Vorwarnung wurde die lettische Währung zum

26. März 1941 für ungültig erklärt und private Einlagen von mehr als 1000 Lats verstaatlicht.


Abb. 6: 100 Latu der Latvijas Bankas, 1939, Vs.; Hersteller: Valsts Papīru Spiestuve Un Naudas Kaltuve, Rigaer Staatsdruckerei.



Die gleichen Vorgänge wiederholten sich im besetzten Estland: seit dem 25. November 1940 waren Rubel und Krone nebeneinander im Umlauf. Ab dem 26. März 1941 war in Estland nur noch der Sowjetrubel im Umlauf. Der festgelegte Wechselkurs war 100 Krone = 125 Rubel. obwohl der offizielle Wechselkurs höher lag.


Abb. 7: 100 Krooni der Eesti Pank, 1935, Vs.; Hersteller: Riigi Trükikoda, estnische Landesdruckerei Tallinn.



Ganz anders war es in Finnland, das nach dem geheimen Zusatzprotokoll ebenfalls der sowjetischen Interessensphäre überlassen wurde. Im sog. sowjetisch-finnischen Winterkrieg vom 30. November 1939 bis zum 13. März 1940 versuchte die UdSSR das neutrale Nachbarland zu okkupieren, scheiterte aber am Widerstand der Finnen. Um weitere Opfer zu vermeiden, wurde der Krieg im „Frieden von Moskau“ beendet und die Ergebnisse am

21. März 1940 von beiden Seiten akzeptiert. Finnland musste erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, blieb aber so von einer Besetzung verschont.


Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion erfolgte auch der Einmarsch der Wehrmacht ins Baltikum. Am 25. Juli 1941 wurde das Reichskommissariat Ostland gebildet und Reichskreditkassenscheine (1 RM = 10 Rubel) eingeführt. Sie galten von 1941 bis 1945 und wurden nach Wiedereinführung des Sowjetrubels ungültig.


Bis zur Unabhängigkeit der drei Baltenstaaten von der UdSSR gingen nach dem „Baltischen Weg“ noch zwei lange Jahre zwischen Hoffen und Bangen ins Land. Die Sowjets fuhren Panzer auf, um die Unabhängigkeitsbewegungen zu stoppen. Es gab mindestens 15 Tote in Litauen; in Riga demonstrierten 700.000 Letten und errichteten Barrikaden gegen die Sowjetarmee; es gab sechs Tote. Doch letztlich waren es die friedlichen Proteste der „singenden Revolution“, durch die sich Esten, Letten und Litauer ihre Zukunft eroberten.


Am 11. März 1990 erklärte Litauen seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion, setzte im Februar 1990 die sowjetische Verfassung außer Kraft und rief die eigenständige „Republik Litauen“ aus. Am 4. Mai 1990 folgten Lettland und am 8. Mai 1990 Estland. Doch erst am

6. September 1991 erkannte die Sowjetunion die Unabhängigkeit der baltischen Staaten an. Dort mussten sich die neuen Verwaltungen um die Schaffung nationaler Währungen kümmern. Der Ausstieg aus dem sowjetischen Zahlungssystem war für alle drei Länder zwingend, zumal sich die Inflation in der UdSSR verschärfte.


Im September 1990 beschloss die estnische Regierung die Bildung einer Währungsreformkommission, die eine Druckerei für die neue Währung suchte. Man vergab an De La Rue die ersten Druckaufträge und bestellte für 1,62 Mio. Rubel die ersten Banknoten der Eesti Pank. Vom 20. bis 22. Juni 1992 konnten/mussten die Menschen Rubel in Krooni umtauschen – im Verhältnis 10:1. Aus 1.500 Rubel wurden 150 estnische Kronen und das war gleichzeitig auch der Höchstbetrag, der umgetauscht werden konnte.

Die estnische Krone war an die Deutschen Mark gekoppelt: 100 Kronen = 12,50 DM/100 DM = 800 Kronen.


Abb. 8: 100 Krooni der Eesti Pank, 1991, Vs.; Hersteller: De La Rue.



Anders in Lettland: Anfang der 1990er Jahre waren die Probleme mit dem Rubel ähnlich.

Um diese zu lösen, verabschiedete die Währungsreformkommission der Republik Lettland am 4. Mai 1992 eine Entschließung „Über die Einführung des lettischen Rubels“ als Zwischenwährung. Die als „Repšes Rublis“ oder auch „reps“, „repsīs“ oder „repsīks“ genannten Scheine (nach dem lettischen Finanzminister Einārs Repše) wurden ab dem

7. Mai 1992 parallel zu den sowjetischen Rubelnoten als gesetzliches Zahlungsmittel in Umlauf gebracht. Es liefen neun Wertstufen um: 1, 2, 5, 10, 20, 50, 100, 200 und 500 LR (Latvijas rublis ). Der Umrechnungskurs war 1:1 zum Sowjetrubel. Am 18. Oktober 1993 wurden diese schlichten Scheine aus dem Verkehr gezogen Der letzte Schritt zur neuen Nationalwährung Lettlands war die folgende Einführung der Lats-Banknoten durch die Latvijas Banka. Bis zum 1. Juli 1994 konnten die LR-Scheine gegen Lats eingetauscht werden, im Verhältnis von 200 LR für 1 lettischen Lats.


Abb. 9: 200 Latvijas Rubļu der Latvijas Bankas, 1992, Vs.; Hersteller; Rīgas Paraugtipografija, Staatsdruckerei Lettlands Riga.


Abb. 10: 100 Latu der Latvijas Bankas, 1992, Vs.; Hersteller: Giesecke & Devrient.



Auch in Litauen stand man unter dem Druck, hochwertige Banknoten einer neuen Währung schnellstmöglich herzustellen. Damals kamen Gerüchte von einer Währungsreform in der UdSSR auf. Danach hätte sich die Moskauer Gosbank mit Sicherheit nicht um die Belange der abtrünnigen baltischen Länder gekümmert.


Die Gründung des Finanzministeriums in Litauen erfolgte schon am 17. Januar 1990 und am

5. August 1991 wurde ebenfalls als eine Übergangswährung der „Talonas“ neben den umlaufenden Sowjetrubeln eingeführt. Die auch als „Tiergeld“ oder auch als „Vagnorkes“ (nach dem damaligen litauischen Ministerpräsidenten Gediminas Vagnorius) benannten Geldscheine sollten eine Inflation vermeiden. In Umlauf gegeben ab dem

5. August 1991 wurden Löhne und Gehälter zu 20 Prozent in Talonas ausbezahlt – Waren waren nur zu 50 Prozent in Talonas erhältlich. Man rechnete den Sowjetrubel 1:1 zum Talon. Die Talonas waren mit dem Verlassen der sog. Rubelzone dann ab 1. Oktober 1992 die alleinige gesetzliche Währung in Litauen und bis zum 24. Juli 1993 gültig – in der Zwischenzeit war eine zweite Serie Talonas im Umlauf.


Mit der Einführung des Litas erhielt Litauen am 25. Juni 1993 eine neue Währung. Die Talonas konnten/mussten im Verhältnis 100:1 in die neuen Litas getauscht werden. Der Litas war von 1993 fest an den US-Dollar gekoppelt.


Abb. 11: 100 Talonų der Republik Litauen, 1991, Vs., Hersteller: Radius-Druckerei Kaunas.


Abb. 12: 100 Litu der Lietuvos Bankas, 1991, Vs.; Hersteller: United States Banknote Co.



Im Jahr 1994 hatten dann die baltischen Republiken ihre Nationalwährungen wieder, wie sie sie bis 1940 besaßen. Mit dem Erreichen der sog. "Maastrichter Kriterien" gelangten die drei Staaten in die Euro-Zone.


Als erstes baltisches Land führte Estland zum 1. Januar 2011 den Euro ein und wurde damit das 17. Land in der Euro-Gemeinschaft. Die estnischen Kronen waren bis zum 15. Januar 2011 umlauffähig und bis zum 30. Juni 2011 bei Banken umtauschbar.


Lettland wurde am 1. Januar 2014 Mitglied des Euroraums. Nach Ablauf eines zweiwöchigen Zeitraums, in dem beide Währungen parallel verwendet werden konnten, verlor der Lats am 15. Januar 2014 seine Gültigkeit als gesetzliches Zahlungsmittel, konnte aber noch bis zum 31. März 2014 bei den Postämtern und bis zum 30. Juni 2014 bei den Banken umgetauscht werden.


Abb. 13: 100 Euro 2002, Vs.,

Estland 2011: 100 Euro = 1.564,66 Kronen, 100 Kronen = 6,39 Euro;

Lettland 2014: 100 Euro= 70,28 Lats, 100 Lats = 142,28 Euro;

Litauen 2015: 100 Euro = 345,28 Litas 100 Litas = 28,96 Euro.



Der Litas war bis zum 31. Dezember 2014 die litauische Währung und wurde dem ab 1. Januar 2015 durch den Euro ersetzt und war noch bis zum 15. Januar 2015 bei den Postämtern eintauschbar; die meisten Banken wechselten die Litas-Banknoten noch bis zum 30. Juni 2015 und manche Geldinstitute sogar bis zum 31. Dezember 2015 um. Die Bank von Litauen tauscht Litas-Banknoten und -Münzen zu einem festen Wechselkurs, ohne Begrenzung der Beträge und für unbegrenzte Zeit.


Abb. 14: der „West-Express“, die Karikatur von Jocius Gintaras aus dem Jahr 2014 zeigt den früheren Finanzminister Romualdas Sikorskis, der 1991 den Waggon mit den Sowjetrubel abkoppelte – danach koppelte Finanzminister Eduardas Vilkelis die Talonas-Waggons ab – und schließlich sieht man Finanzminister Rimantas Šadžius, der die Litas-Waggons abkoppelte und sich mit den Euro-Banknoten auf dem richtigen Gleis befindet.



Der lettische Karikaturist Jocius Gintaras fand mit seiner aussagekräftigen Bildgeschichte zur litauischen Währung von 1990 bis 2015 allgemeine Anerkennung und Auszeichnungen.


Michael H. Schöne


Quellen:

Ilmar Lepik „Pikk üleminek: Eesti valuutakomitee 1992–2010“, Eesti Pank, Tallinn 2014

Vidmantas Laurinavičius „Pinigai Ir Pinigų Sistemos Pokyčiai Lietuvoje“ (1988–2016),

Lietuvos bankas, Vilnius 2017

Villu Zirnask „Eesti Pangalugu“, Eesti Pank, Tallinn 2019

https://de.wikipedia.org

https://enciklopedija.lv

https://geschichte-wissen.de

https://www.caricatura.lt

https://www.delfi.ee

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