Kein Notgeld, sondern Kunstblätter!

Die beiden Notgeldserien der Stadt Münster vom 1. August 1921


Mit Datum vom 1. August 1921 gab die Stadt Münster in Westfalen zwei verschiedene Serien von Notgeldscheinen aus. Entworfen wurden die Scheine vom Paderborner Maler und Grafiker Josef Domenicus (1885 – 1973), der auch für andere Emittenten arbeitete. 1) Seine Arbeiten sind meist an der Signatur "JD" erkennbar. Die erste Serie mit Stadtbildern bestand aus fünf 50-Pfennig-Scheinen, während die zweite der Geschichte der Wiedertäufer gewidmet ist und die gleiche Anzahl von Scheinen umfasste, allerdings zu 2 Mark. Die Münsteraner Scheine wurden in Hannover bei Gebrüder Jänecke gedruckt.


Die Vorderseite der Stadtbilder-Serie ist einheitlich gestaltet und zeigt die Ansicht Münsters im Jahre 1570 sowie das Stadtwappen. Neben dem Wappen, links die Unterschrift des Oberbürgermeisters Dr. Sperlich und rechts des 2. Beigeordneten Berenberg. Der Druck der Vorder- und Rückseite auf dem wasserzeichenlosen, weißen Papier ist schwarz und der Unterdruck olivfarben. Die Rückseiten der 100 x 85 mm großen Scheine zeigen bekannte Bauwerke Münsters. Während des Zweiten Weltkriegs wurden alle Gebäude durch Bomben stark beschädigt oder zerstört und in den 1950er Jahren wieder aufgebaut.


Abb. 1: 50 Pfennig, 1. August 1921, gemeinsame Vorderseite.

Abb. 2: 50 Pfennig, 1. August 1921, Rückseite: Rathaus.

Abb. 3: 50 Pfennig, 1. August 1921, Rückseite: Westwerk des Doms.

Abb. 2: 50 Pfennig, 1. August 1921, Rückseite: Rathaus.

Abb. 3: 50 Pfennig, 1. August 1921, Rückseite: Westwerk des Doms.

Abb. 6: 50 Pfennig, 1. August 1921, Rückseite: Schmisinger Hof.


Die 112 x 86 mm großen Scheine der Wiedertäufer-Serie wurden auf gelbbraunem Papier mit Wasserzeichen „Rautensternmuster“ gedruckt, und zwar der Hauptdruck schwarz und der Unterdruck blau und rot. Unterschrieben wurden die Scheine vom Oberbürgermeister Dr. Sperlich und dem Stadtsyndikus Darius. Der Text stammt von Karl Wagenfeld (1869–1939), einem westfälischen Mundart-Dichter, und ist im "Mönsterlänner Platt" verfasst.


Die Gestaltung der fünf Notgeldscheine ist ähnlich; auf der Vorderseite eine bildliche Darstellung und links und rechts davon die Wertangabe: „2 Mark“. Über der Abbildung ein Text und am unteren Rand zweizeilig: „NOTGELD DER STADT / MÜNSTER I./W.“.

Die Rückseite erinnert an Begebenheiten in Münster währen der Herrschaft der Wiedertäufer. Über und unter dem Bild ein Text. Am unteren Rand klein zweizeilig „EINLÖSUNGSTERMIN 1 MONAT NACH ÖFFENTL. AUFRUF / MÜNSTER, DEN 1. AUGUST 1921 . DER MAGISTRAT:“ Es folgen die Unterschriften des Oberbürgermeisters und des Stadtsyndikus. Neben diesem Block die Wertangabe. In der rechten unteren Ecke auf dem Scheinrand „DRUCK: GEBRÜDER JÄNECKE, HANNOVER“.


Verkauft wurden die Scheine in einer braunen Falttasche, die auf der Vorderseite den Titel der Notgeld-Serie nennt und auf der Rückseite für die Stadt wirbt. Die beiden Innenseiten schildern die Geschichte der Wiedertäufer in Münster.


Abb. 7.1: Vorderseite der Falttasche.

Abb. 7.2: Rückseite der Falttasche.

Abb. 7.3: Linke Innenseiten der Falttasche.

Abb. 7.4: Rechte Innenseiten der Falttasche.


Die "Westdeutsche Sammler-Rundschau" 2) schrieb über die Wiedertäufer-Serie:

„Um es gleich vorweg zu sagen. Es ist einer ehrwürdigen Stadt mit großer Geschichte würdig. … Als am Ausgang des Mittelalters die Wiedertäufer in Holland, Oesterreich, Ungarn, Spanien usw. und in Deutschland Fuß faßten, war hier einer der hervorragendsten Brandherde Münster. Diese Episode behandelt das Geld in ungeahnt hoher Kunst. Künstler und Dichter von hohem Ansehen (Josef Domenikus und Karl Wagenfeld) bringen hier ein Meisterwerk von seltenem kulturhistorischem Wert. Von Effekthascherei oder fader Originalität keine Spur, wohl aber echte herrliche Notgeldkunst. – Jan Bockelsohn, der ‚gesalbte König von Sion‘, sein nimmermüder Scharfrichter Knipperdollnick, die vom ‚hl. Geiste erleuchteten‘ Minister Krechting und Rottlmann geben den ersten Scheinen die besondere Note. Es folgt dann die Ausrufung des ‚Neuen Reiches Gottes auf Erden‘ und das Wüten der Sektierer gegen die Ehe, die in der Erschießung von 36 Bürgern im Dom zu Münster zum Ausdruck kommt: dann das großartige Wappen und der stolze Wahlspruch König Jans:Ein Künink uprecht over all, Ein Godt, ein Geloeve, ein Doepe‘ und nun ein Bild köstlichen Humors: Jan hoch auf seinem Throne vor dem Rathause, die Huldigung seiner Untertanen entgegennehmend. Jan mit Krone, Zepter und Purpur in unnachahmlich ‚graziöser‘, dünkelhafter Aufgeblasenheit und dazu Karl Wagenfeld:Dat m’ut’n Snider all’s maken kann, Dat süht m‘ den Jan äs Künink an. ‘Nun ist’s mit der Herrlichkeit aber auch schon vorbei. Durch Verrat fällt die Stadt nach 17monatiger Belagerung in die Hände des Bischofs von Münster. Die nächsten Bilder zeigen die Marterung des Königs, seines Scharfrichters und des Ministers Krechting im Schnee des Januars 1536. Wie die Leichen zum warnenden Exempel hoch oben am Lambertikirchturm in dort jetzt noch vorhandenen Eisenkäfigen aufgehangen wurden, zeigt das letzte Bild als Schlußakt des blutigen Wiedertäuferdramas in Münster.“

Abb. 8.1: 2 Mark, 1. August 1921. Vorderseite: Wappen des Wiedertäuferkönigs, ein von zwei Schwertern durchbohrten gekrönten Globus, zum Teil verdeckt von einem Spruchband des Alphabets.

Abb. 8.2: 2 Mark, 1. August 1921. Rückseite: König Jan van Leyden sitzt mit dem Zepter im Arm auf seinem Thron, der zwischen zwei Bögen des Prinzipalmarktes steht.


Abb. 9.1: 2 Mark, 1. August 1921. Vorderseite: Brustbild des Wiedertäuferkönigs Jan van Leyden mit Zepter.

Abb. 9.2: 2 Mark, 1. August 1921. Rückseite: Prediger Rottmann liest zwei Männern aus einem Buch vor.


Abb. 10.1: 2 Mark, 1. August 1921. Vorderseite: Bernt Knipperdollink mit blankem Schwert in der rechten Hand.

Abb. 10.2: 2 Mark, 1. August 1921. Rückseite: Zwei begeisterte Männer laufen schreiend durch die Straßen der Stadt.


Abb. 11.1: 2 Mark, 1. August 1921. Vorderseite: Berntken Krechting hält die Bibel unter dem rechten Arm.

Abb. 11.2: 2 Mark, 1. August 1921. Rückseite: Eine Frau wird durch zwei bewaffnet Männer erschossen.


Abb. 12.1: 2 Mark, 1. August 1921. Vorderseite: Die drei Eisenkäfige mit den Leichen am Turm der Lamberti-Kirche.

Abb. 12.2: 2 Mark, 1. August 1921. Rückseite: König Jan, Scharfrichter Knipperdollnick und Minister Berntken Krechting werden mit glühenden Zangen zu Tode gequält.


Dr. Arnold Keller teilte nicht das überschwängliche Lob des Autors der „Westdeutschen Sammler-Rundschau“. Als Schriftleiter der Zeitschrift „Das Notgeld“, „die für Reinhaltung des Notgeldwesens von allen Mißbräuchen kämpft“, wandte er sich in einem Brief vom 14. Dezember 1921 an die Provinzialregierung von Westfalen. Die Beschwerde richtete sich gegen die Geldschneiderei der Stadt Münster,

„die soeben eine ‚Notgeld‘-Reihe von je 5 verschiedenen 50 Pfg. und 2 Mark Scheinen zur Ausgabe bringen will. Diese Reihe mit 12,50 M Nennwert wird an Sammler zudem noch mit 1,50 M Aufschlag verkauft. Wir sehen in der Ausgabe der 2 Mark Werte eine glatte Verhöhnung aller Reichsverordnungen, die nur Werte bis 50 Pfg. duldet und ersuchen darum, auch damit das schlechte Beispiel keine Nachahmung findet, die gesamte Auflage der Münsterer Scheine zu beschlagnahmen und zu vernichten.“ 3)

Der Regierungspräsident reagiert hierauf umgehend. Unter Bezugnahme auf die Verfügung 2689 I 2 vom 22. Oktober 1921 forderte er am 2. Januar 1922 den Oberbürgermeister auf, zu Kellers Vorwürfen und einer Zeitungsmeldung bis zum 10. Januar Stellung zu nehmen. 4)


In seiner spitzfindigen Antwort vom 9. Januar bestritt der Oberbürgermeister die Notgeldausgabe. Er führte aus, dass

„durch den Verkauf der ursprünglich zur Ausgabe als Notgeld bestimmten Kunstblätter nicht [gegen die Verfügung] verstossen worden [sei, da] die Verfügung .. lediglich die Verlängerung der Umlauffrist und die Neuausgabe von Ersatzwertzeichen [betreffe]. Die Ausgabe als Ersatzwertzeichen würde voraussetzten, dass auf übereinstimmenden Beschluss beider städt. Körperschaften und mit nachgesuchter Genehmigung der Aufsichtsbehörde die Kunstblätter einzeln als Zahlungsmittel in den Verkehr gegeben worden wären. Das ist nicht geschehen und auch nicht beabsichtigt. … Die Mitteilung des Münster. Anzeigers, wonach ‚die Einzelscheine im Geldverkehr in der Stadt zugelassen sind‘ ist unzutreffend.“ 5)

Wie es scheint hatten die Notgeldscheine, die als Kunstblätter bezeichnet wurden, keine weiteren Folgen für den Oberbürgermeister und die Stadt Münster.


Beide Notgeldserien sollten keinen akuten Zahlungsmittelmangel abhelfen, sondern dienten ausschließlich dazu, das Stadtsäckel zu füllen. Den Alleinvertrieb der beiden Serien übernahm kommissionsweise die Büro-Bedarfs-Großhandlung Jos. Mich. Brockmann, Paderborn. Der Verkauf erstreckte sich über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren.


„Dabei ging der Absatz der ‚Stadtbilder‘ siebenmal schneller vonstatten als derjenige der ‚Wiedertäufer‘.“ 6)

Bleibt an dieser Stelle noch anzumerken, dass Josef Domenicus bei der Wiedertäufer-Serie Anleihen beim bedeutenden Soester Renaissance-Künstler Heinrich Aldegrever, eigentlich Hinrik Trippenmäker (* 1502 in Paderborn; † zwischen 1555 und 1561 in Soest), machte.

„Nach der Eroberung Münsters in der Johannisnacht 1535 erhielt Aldegrever die Möglichkeit oder den Auftrag, die gefangenen Wiedertäufer zu portraitieren“ 7)

Die anschließend erstellten Kupferstiche inspirierten Domenicus. Ein Selbstbildnis Aldegrevers im Alter von 28 Jahren finden wir auf der Rückseite eines 50-Pfennig-Notgeldscheins des Hansa-Kaffes, Soest.


Abb. 13.1: Soest, Hansa-Kaffe, o. D., 50 Pfennig, Vorderseite.

Abb. 13.2: Soest, Hansa-Kaffe, o. D., 50 Pfennig, Rückseite.


Uwe Bronnert


Anmerkungen

1) Von ihm stammen z. B. auch Entwürfe für das Notgeld der Städte Lippspringe, Paderborn und Sternberg i. Mecklenburg (Ausgabe vom 23. Januar 1922).

2) Leider fehlen mir hier nähere Angaben.

3) Abgedruckt bei Wilhelm Döll, Notgeldscheine aus der Stadt und von der Landesbank Münster i/W. 1918 – 1947, Ein Beitrag zur Heimatgeschichte, Eigenverlag 1988, S. 7.

4) S. ebenda, S. 8.

5) Ebenda.

6) Ebenda, S. 6.

7) Stadtmuseum Münster (Hrsg.), Die Wiedertäufer in Münster, Ausstellung 1. Oktober 1982 bis 30. Januar 1983, 2., verbesserte Auflage, Münster 1982, S. 174 f.


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