Roger Pfund und der „10-Rubel“-Promotion-Schein von De La Rue

Mit einer Werbe-Note [1] würdigte die vormals in Lausanne beheimatete Wertpapierdruckerei De la Rue Giori SA den russischen National-Dichter und Begründer der modernen russischen Literatur Alexander Sergejewitsch Puschkin (* 26. Mai/6. Juni 1799 greg. in Moskau; † 29. Januar/10. Februar 1837 greg. in Sankt Petersburg).

Der Entwurf dazu stammt vom renommierten Schweizer Grafiker Roger Pfund (* 28. Dezember 1943 in Bern).


Pfund machte seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Bern. 1966 schloss er hier bei Kurt Wirth seine Ausbildung als Grafiker ab. Als im Jahr 1969 die Schweizerische Nationalbank unter Leitung von Michael De Rivaz einen Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung einer neuen Notenserie ausschrieb, wurde auch der 25-Jährige zur Teilnahme eingeladen. Der Wettbewerb fand anonym statt. Als dann der Briefumschlag mit dem Namen des Siegers geöffnet wurde, war die Sensation perfekt. Der krasse Außenseiter hatte gewonnen. Seine Idee, Banknoten unter einer Thematik und mithilfe der Computertechnologie zu gestalten, überzeugte das Preisgericht. Allerdings wurden seine Entwürfe nur bei der Reserveserie (7. Emission) berücksichtigt. Wegen seiner fehlenden Erfahrung beauftragte die Nationalbank das Studio E+U Hieststadt mit der neuen Banknotenserie.

Auch in den folgenden Jahren blieb Roger Pfund dem Metier treu und entwarf für verschiedene Auftraggeber Banknoten, so die letzte Banknotenserie (1992 – 1997) für die Banque de France, eine Serie für die Banque Centrale des Comores (2006), den 50-Dirhams-Schein der Bank Al-Maghrib (Marokko) zum 50. Bankjubiläum 2009 und die 100-Pesos-Note der Banco Central de la Republica Argentina zum 60. Todestag von Evita Peron 2012. Ferner war er einer der 29 Künstler, die Entwürfe für die neuen Euro-Banknoten einreichten. Auch als Berater verschiedener Notenbanken war er tätig.


Promotion-Schein, Vorderseite

Promotion-Schein, Rückseite

Aber zurück zum Promotion-Schein. Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre beauftrage ihn De la Rue Giori mit dem Entwurf einer „10-Rubel“-Promotion-Note.

Es ging darum, eine „Banknote“ zu kreieren, die den modernsten Anforderungen der Technik, der Druckverfahren und der Sicherheit genügen sollte. Ein möglichst breites Spektrum von Elementen aus Puschkins Leben und seinen Werken sollte hierbei ikonografisch umgesetzt werden. Roger Pfund löste durch seine klare Formsprache die gestellte Aufgabe überzeugend.

Im Mittelpunkt der Vorderseite steht das Brustbild des Literaten nach einem Gemälde von Orest Kiprenski (1827). Hierzu musste das Originalgemälde umgezeichnet und in ein lineares Kupferstrichnetz umgesetzt und gestochen werden. Im Hintergrund eine Silhouette St. Petersburgs. Hierbei handelt es sich nicht um die Wiedergabe einer realen Ansicht, sondern der Künstler wählte einige markante Gebäude der Stadt aus und ordnete diese am Ufer der Newa entsprechend an: rechts die Peter-und-Paul-Festung, links das Smolny-Institut und möglicherweise Teile der Eremitage. Rechts neben dem Brustbild schließlich noch die große Wertzahl „10“. Die Rose auf dem Schaurand als Metapher für vollkommende äußere Schönheit, die sich selbst genügt, erinnert an sein Liebesgedicht „Die Nachtigall und die Rose“.

Das Hauptmotiv der Rückseite, die „Pique Dame“ deutet auf seine gleichnamige Erzählung hin: Der arme, junge Pionieroffizier Hermann erfährt von seinem Freund, dass dessen Großmutter, die Gräfin, drei Gewinnkarten beim Pharospiel voraussehen kann. Daraufhin sucht er heimlich die Gräfin auf, um das Geheimnis zu erfahren. Er fleht sie an, er droht ihr, doch sie schweigt. Als sie in seiner Hand eine Pistole erblickt, erleidet sie vor Schreck einen Herzanfall und stirbt. Der Geist der Gräfin erscheint Hermann in der Nacht und teilt ihm mit, dass die Drei, die Sieben und das Ass zum Gewinn führen würden. Einige Tage später bietet sich die Gelegenheit zum Spiel. Hermann setzt alle seine Ersparnisse auf die Drei und gewinnt. Am folgenden Tag setzt er alles auf die Sieben und gewinnt erneut. Mittlerweile hat er ein Vermögen von ungefähr zweihunderttausend Rubel, welches er am dritten Tag vermeintlich auf das Ass setzt, das auch gewinnt. Jedoch hatte Hermann unbewusst alles auf die Pique Dame gesetzt. Als ihm dies bewusst wird, meint Hermann auf der Karte die Gesichtszüge der Gräfin zu erkennen, die ihn hämisch angrinst. Über den Verlust seines Geldes verliert er den Verstand und murmelt ständig: „Drei, Sieben, Ass. Drei, Sieben, Dame.“

Zusätzlich wurden auf dem Schaurand der Vorder- und Rückseite kreuzförmig die Kartensymbole „Kreuz, Pik, Karo und Herz“ aufgedruckt sowie „De La Rue Giori“ in Schreibschrift; auf der Vorderseite auch rot „SPECIMEN“.


Promotion-Schein mit weiterer Rückseitendarstellung

Andere Seite der Rückseite mit zusätzlichem Aufdruck

Eine weiterer Rückseiten-Entwurf greift das Ende der Erzählung in besonderer Weise auf, indem die Spielkartensymbole „Karo As, Pik As, Pik 7“ zusätzlich aufgenommen wurden. Rechts vom Brustbild findet sich bei diesem Entwurf eine kleine Darstellung, die das Ende Puschkins wiedergibt: Seine Sekundanten führen ihn nach dem verlorenen Duell vom Platz. Zwei Tage später starb er an den Folgen des erlittenen Bauchschusses. Links auf dem Schaurand sehen wir die Darstellung eines Reiters, eine Anspielung auf sein Gedicht „Der eherne Reiter“ (1833): Bei einer starken Überschwemmung der Newa kommt die Braut eines armen Beamten um. Er gibt dem Zaren Peter I. die Schuld daran, da er St. Petersburg am falschen Ort habe bauen lassen. Er droht und flucht seinem Denkmal [2], woraufhin dieses lebendig wird und den Beamten verfolgt, bis dieser wahnsinnig wird. Am unteren Rand zusätzlich der Aufdruck: „Printed by De La Rue Giori’s process and equipment“.

Die Vorderseite des 130 mm x 65 mm großen Scheins wurde im Offset- und Kupferdruckverfahren hergestellt, während die Rückseite nur im Offset-Verfahren gedruckt wurde. Wie bereits erwähnt, wurde der Schein in verschiedenen Ausführungen hergestellt.


Promotion-Schein, Druck der Vorderseite ohne zusätzlichem „SPECIMEN“-Aufdruck. Rückseite unbedruckt.

[1] Promotion-Note (Werbenote) sind besondere „Geldscheine“, mit denen Banknoten-Druckereien mögliche Kunden über neue Sicherheitstechniken informieren. Durch entsprechendes Design der Druckerzeugnisse sollen die möglichen Auftraggeber überzeugt werden. Manchmal gelangen diese Scheine auch in Sammlerhände.


[2] Die Zarin Katharina die Große ließ das bronzene Reiterstandbild des Zaren Peter des Großen 1782 von dem berühmten französischen Bildhauer Étienne-Maurice Falconet auf dem St. Peterburger Senatsplatz errichten. Der Herrscher ist mit Lorbeerkranz, Toga und hochgebundenen Sandalen in antiker, idealisierender Weise dargestellt.


Text und Abb. Uwe Bronnert

#Werbenoten #Europa #Russland #Bronnert