Safe Conduct Certificate aus dem Korea-Krieg
- Uwe Bronnert

- 9. Sept. 2025
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1875 erkannte die chinesische Qing-Dynastie Korea als unabhängigen Staat an. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich Japan Dank eines explosionsartigen Wirtschaftswachstums und effizienter Rüstungspolitik von einem rückständigen Inselreich zu einem bedeutenden Machtfaktor in Asien. Japan war entschlossen dies auszunutzen und den chinesischen Einfluss in Korea durch seinen eigenen zu ersetzen. Dem stand das Hegemonialstreben Russlands entgegen, das sein Augenmerk auf die Mandschurei und Korea gerichtet hatte. Nachdem Japan aus den Kriegen gegen die Qing-Dynastie[1] und Russland[2] siegreich hervorgegangen war, wurde 1905 das kurzlebige Kaiserreich Korea (1897 – 1910) japanisches Protektorat und fünf Jahre später unter dem Namen „Chōsen“ als Kolonie in das japanische Kaiserreich eingegliedert. Offiziell endete die japanische Kolonialherrschaft mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 nach den Abwürfen zweier Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Korea wurde am 9. September 1945 amtlich an die Siegermacht USA übergeben.[3]
Kurz vor Kriegsende kündigte die Sowjetunion den „Neutralitätspakt mit Japan“. Die Rote Armee besetzte im August 1945 die Mandschurei und im September den Norden Koreas, wo sie, wie die US-Amerikaner im Süden, eine Zivilverwaltung einrichteten. Das ursprüngliche Ziel beider Besatzungsmächte war eine gesamt-koreanische Regierung zu bilden mit freien Wahlen im ganzen Land, daher übergab der UN-Treuhandrat der Sowjetunion und den USA zunächst die treuhänderische Verwaltung Koreas.
Nachdem die Verhandlungen zwischen den beiden Supermächten über ein vereintes Korea bis 1947 ergebnislos verlaufen waren, brachten die USA die Koreafrage vor die Vereinten Nationen. Am 14. November 1947 erreichten die USA eine UN-Resolution, die freie Wahlen, den Abzug aller ausländischen Truppen und die Schaffung einer UN-Kommission (UNTCOK: UN Temporary Commission on Korea) vorsah. Die USA zogen ihre im Süden Koreas stationierten Truppen zurück, wie auch die UdSSR ihre Armee bis Ende 1948 vertragsgemäß aus Nordkorea abzog.
Am 10. Mai 1948 fanden im Süden Wahlen statt, die Rhee Syng-man gewann. Allerdings wurden die Wahlen von den linken Parteien boykottiert. Am 13. August 1948 übernahm Rhee Syng-man offiziell die Regierungsgeschäfte von der US-amerikanischen Militärregierung.
Der sowjetisch kontrollierte Norden beantwortete dies am 9. September 1948 mit der Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea, deren erster Präsident Kim Il-sung wurde. Beide Regierungen sahen sich als rechtmäßige Regierung über ganz Korea an und erklärten darüber hinaus, diesen Anspruch auch militärisch durchsetzen zu wollen.
Ermutigt durch eine Äußerung des US-Außenministers Dean Acheson, die dahingehend interpretiert werden konnte, dass die USA nicht um Korea kämpfen würden, griff Nordkorea am 25. Juni 1950 den Süden an. Die Soldaten des kommunistischen Führers Kim Il-sung überrannten die südkoreanischen Truppen. Bereits am 28. Juni fiel Seoul, die Hauptstadt Südkoreas. Bis zum 1. September kontrollierten sie die koreanische Halbinsel bis auf ein kleines Gebiet um die Hafenstadt Busan.
![Abb. 1: Korea während des Krieges 1950 – 1953.[4]](https://static.wixstatic.com/media/d464b6_c480a093676849c0b65703edeb6b093d~mv2.jpg/v1/fill/w_497,h_771,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/d464b6_c480a093676849c0b65703edeb6b093d~mv2.jpg)
Nach Beginn der Kampfhandlungen forderten die USA im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Nordkoreas Vorgehen als Friedensbruch zu deklarieren, und setzten am 25. Juni 1950 die entsprechend formulierte Resolution 82 durch.[5] Am 31. Juli stimmte der UN-Sicherheitsrat einem Militäreinsatz zu, um Südkorea zu unterstützen. Am 15. September landete eine internationale Streitmacht – die vorwiegend aus US-Truppen bestand – unter dem Kommando des US-Generals MacArthur bei Incheon. Die zahlenmäßig[6] und militärtechnisch überlegenen Alliierten drangen in Richtung Norden vor und eroberten ihrerseits bis Ende Oktober beinahe die gesamte Halbinsel. Erst kurz vor Pjöngjang kam der Vormarsch zum Stehen. Der Krieg schien kurz vor seinem Ende.



Im Oktober 1950 griff jedoch China aus Furcht vor einem westlich dominierten Korea mit einer sog. „Freiwilligenarmee“, bestehend aus 300.000 Soldaten, in den Konflikt ein.
Die 500.00 Mann der nordkoreanischen Koalition warfen die UN-Streitkräfte bis Januar 1951 bis knapp hinter die Grenze des 38. Breitengrads zurück. Ermutigt durch Chinas Erfolg, stellte sich nun die Sowjetunion an die Seite Chinas. Sowjetische Piloten flogen, weil sie keine direkte Konfrontation mit den USA wollten, unter nordkoreanischer Flagge Angriffe auf den Süden. Die Situation für die UN- und südkoreanischen Streitkräfte verschlechterte sich weiter und die Nordkoreaner besetzten am 3. Januar 1951 wieder Seoul. Dies veranlasste General MacArthur den Einsatz von Atombomben gegen China zu fordern. Letztendlich lehnte dies der US-amerikanische Präsident Truman ab.


Nach der Frostperiode, auf die die UN-Truppen nicht vorbereitet waren, eroberten sie im Frühjahr 1951 wieder weite Teile des Landes zurück. Ungefähr in Höhe der ursprünglichen Grenze zwischen Nord- und Südkorea kamen im April beide Armeen zum Stehen.
Die Eroberungsoffensive wandelte sich zu einem festgefahrenen Stellungskrieg. Daraufhin fanden am 10. Juli 1951 erste Friedensverhandlungen statt. Aber erst am 27. Juli 1953 unterzeichnete die UNO und Nordkorea in Panmunjeom ein Waffenstillstandsabkommen. Beide Seiten einigten sich auf eine etwa 250 Kilometer lange und vier Kilometer breite entmilitarisierte Zone, die ungefähr dem Verlauf der ursprünglichen Demarkationslinie folgt.
In Korea wurde nicht nur mit Waffen gekämpft, sondern die US-Militärführung setzte auch auf Mittel der psychologischen Kriegsführung. Tausende Flugblätter wurden über den feindlichen Stellungen abgeworfen.




Eines der bekanntesten Flugblätter des Koreakrieges war der „Überläuferausweis” (Safe Conduct Certificat), dessen Rückseite wie die nordkoreanischen 100-Won-Banknote von 1947 aussah. Er wurde während Ridgways Amtszeit gedruckt.[7] Die First Radio Broadcasting and Leaflet (RB&L) Group der Psychological Warfare Section (PWS) des Far Eastern Command passte die Vorderseite des Flugblattes der psychologischen Kriegsführung an, während die Rückseite mit der Berglandschaft der Originalbanknote entspricht.
Auf der Vorderseite des Überläuferausweises sind drei Texte abgedruckt. Links in koreanischer Sprache und koreanischen Schriftzeichen. Die Übersetzung lautet:
Achtung, koreanische Soldaten. Dieses offizielle Zertifikat der Vereinten Nationen ist Ihre Sicherheitsgarantie. Wenn Sie sich entschließen, den Widerstand aufzugeben, legen Sie dieses Zertifikat einem Soldaten der Vereinten Nationen vor. Meine offiziellen Anweisungen befehlen allen Soldaten der Vereinten Nationen, Sie ehrenhaft und gut zu behandeln, wenn Sie zu den Linien der Vereinten Nationen kommen.
Rechts finden sich chinesischen Schriftzeichen. Der Text ist identisch mit dem koreanischen Text, sieht man von der Anrede (Achtung, chinesische Soldaten) ab.
Der Text in der Mitte in englischer Sprache lautet in der Übersetzung:
Achtung, Soldaten der Vereinten Nationen. Dieses Zertifikat garantiert jedem chinesischen oder nordkoreanischen Soldaten, der den Kampf einstellen möchte, eine gute Behandlung. Bringen Sie diesen Mann zu Ihrem nächsten Offizier und behandeln Sie ihn wie einen ehrenhaften Kriegsgefangenen. Matthew B. Ridgway Commander of Chief United Nations Forces
Alle drei Textblöcke tragen die faksimilierte Unterschrift des Generals. Der Text ist mit einem Schmuckrahmen, ähnlich der Originalnote eingefasst. Im oberen und unteren Rahmen heißt es zusätzlich „SAFE CONDUCT CERTIFICATE“. Am unteren Rand der Vorder- und Rückseite mittig der Druckvermerk 6015-9017.
Am 12. Mai 1952 wurde General Ridgway zum Kommandeur der NATO ernannt und General Mark W. Clark übernahm das Kommando in Korea. Die Überläufer-Ausweise müssen als großer Erfolg gewertet worden sein, denn sie wurden fast identisch nachgedruckt, einzig die faksimilierte Unterschrift von General Ridgway wurde gegen die General Clarks ausgetaucht und die Codenummer in 6027-9027 geändert.
Die Flugblätter hatten nicht nur das Aussehen einer Banknote, sondern auch die Größe (169 x 95 mm), sodass sie zwischen dem echten Geld versteckt werden konnten, denn ihr Besitz galt als Absicht zur Desertion, eine Straftat, die in der Regel mit dem Tod bestraft wurde.
Politische Kommissare, die jeder kommunistischen Einheit angehörten, versuchten, die Soldaten davon abzuschrecken, die Scheine überhaupt in die Hand zu nehmen. Ihnen wurde gesagt, dass die US-Amerikaner das Papier mit Krankheitserregern getränkt hätten, die einen Menschen einen qualvollen und grausamen Tod sterben ließen.



Es ist nicht bekannt, wie viele chinesische und nordkoreanische Soldaten sich ergaben, indem sie die gefälschten 100-Won-Scheine über ihren Köpfen schwenkten. Am Ende des Korea-Krieges wurden jedoch von den Streitkräften der Vereinten Nationen 132.000 Gefangene festgehalten. Bis heute gibt es keine exakten Opferzahlen; schätzungsweise starben während des Koreakrieges 3,5 bis 4,5 Millionen Menschen. Weite Teile des Landes lagen in Schutt und Asche. Besonders Nordkorea war davon betroffen.
Uwe Bronnert
Literatur
SGM Herbert A. Friedman (Ret.), Allied Banknote Psyop of the Korean War. <https://www.psywarrior.com/KoreaSCP.html> (01.07.2025)
Anmerkungen
Streitigkeiten über den Einfluss auf der koreanischen Halbinsel führten zum Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg, der vom 25. Juli 1894 bis zum 17. April 1895 ausgetragen wurde. Der Friedensvertrag von Shimonoseki am 17. April 1895 legte folgendes fest: Japan erhält die Pescadores-Inseln, Taiwan und die Liaodong-Halbinsel. China verzichtet auf die Tribut-Zahlungen Koreas und muss 200.000.000 Silber-Taels als Entschädigung an Japan zahlen. Zusätzlich wurden die chinesischen Handelshäfen verpflichtet, sich für japanische Handelsschiffe zu öffnen.
Der Russisch-Japanische Krieg begann im Februar 1904 und endete im September 1905 mit der Niederlage des Russischen Kaiserreichs. Der Krieg wurde durch den Vertrag von Portsmouth am 5. September 1905 offiziell beendet, wobei Russland die Mandschurei räumen und Japans Vormachtstellung in Korea anerkennen musste.
Rechtskräftig trat Japan erst mit Inkrafttreten des Friedensvertrags von San Francisco 1952 die Verwaltungshoheit über Korea ab.
Quelle: <https://www.thekoreanwar.net/overview-of-the-war.php> (24.07.2025).
Dies konnte zustande kommen, da die Sowjetunion zuvor für sechs Monate den UN-Sicherheitsrat boykottierte und somit nicht von ihrem Vetorecht Gebrauch machen konnte.
140.000 alliierte Soldaten standen 30.000 Nordkoreanern gegenüber.
Matthew B. Ridgway (1895 – 1993) war von 1948 bis 1949 Oberbefehlshaber des US Caribbean Command, danach Stabschef von General J. Lawton Collins. Nach dem Tod von Lieutenant General Walton Walker erhielt er 1950 das Kommando über die 8. US-Armee in Korea. Unter seiner Leitung begann am 25. Januar 1951 die Gegenoffensive. Nach der Abberufung von General Douglas MacArthur beförderte man ihn zum General und machte ihn zum Oberbefehlshaber Fernost und Kommandeur der UN-Truppen unter dem United Nations Command.




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