Silvio Gesells Freiwirtschaftslehre

Die Freiwirtschaftslehre unter besonderer Berücksichtigung des Freigeldes (Schwundgeldes)
Die staatliche Wirtschaftspolitik ist eng mit der Frage verbunden, wie Wohlstand geschaffen, Wirtschaftskrisen vermieden und soziale Gerechtigkeit gewährleistet werden kann. Seit dem 19. Jahrhundert konkurrierten kapitalistische[1] und sozialistische[2] Wirtschaftssysteme miteinander. Daneben entstanden zahlreiche Reformkonzepte, die alternative Wege zwischen Marktfreiheit und sozialer Verantwortung suchten. Zu den bemerkenswertesten Vertretern dieser Reformbewegungen zählt der deutsch-argentinische Kaufmann, Publizist, Finanztheoretiker und Sozialreformer Silvio Gesell.
Gesells Freiwirtschaftslehre nimmt innerhalb der Geschichte wirtschaftspolitischer Ideen eine Sonderstellung ein. Anders als marxistische Autoren sah er die Ursache wirtschaftlicher Krisen nicht primär in Eigentums- oder Klassenverhältnissen. Zugleich lehnte er die Vorstellung ab, dass freie Märkte allein zu einer gerechten und stabilen Wirtschaftsordnung führen würden. Nach seiner Auffassung beruhte die Krisenanfälligkeit moderner Volkswirtschaften auf grundlegenden Fehlentwicklungen der Geld- und Bodenordnung.
Die Institutionen des Geldes und des Grundeigentums ermöglichen seiner Ansicht nach die Entstehung leistungsloser Einkommen, die regelmäßig zu Arbeitslosigkeit, Unterkonsumtion und sozialen Ungleichheiten führen.
Johann Silvio Gesell wurde am 17. März 1862 als siebtes von neun Kindern der Eheleute Ernst und Mathilde Gesell, geb. Talbot, in Sankt Vith geboren, das damals zur Rheinprovinz im Königreich Preußen gehörte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung zog es ihn 1887 nach Argentinien, wo er als Unternehmer erfolgreich tätig war. Die heftigen Krisen, die Argentinien im 19. Jahrhundert erschütterten, prägten sein Denken nachhaltig. Besonders beschäftigte ihn die Frage, warum der Warenabsatz schrumpfen kann und Investitionen ausbleiben, obwohl ausreichende Produktionskapazitäten und Ressourcen an Arbeitskräften und Rohstoffen vorhanden sind. Er sah die Ursachen dafür im Geldwesen.
Im Laufe seiner publizistischen Tätigkeit entwickelte er eine umfassende Theorie wirtschaftlicher Reformen, die er 1916 in seinem Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ darlegte. Dieses Werk wurde zum Fundament der Freiwirtschaftsbewegung und bildet bis heute die zentrale Quelle für die Interpretation seiner Lehre.[3]


Gesells Theorie wird häufig als Versuch gesehen, einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu finden. Diese Einordnung ist insofern zutreffend, als er sowohl die kapitalistische als auch die sozialistische Wirtschaftsordnung grundlegend kritisierte.
Am Kapitalismus beanstandete er insbesondere die Möglichkeit, Einkommen aus Eigentum zu erzielen, ohne selbst produktiv tätig zu sein. Zins- und Renteneinkommen erschienen ihm als Ausdruck struktureller Privilegien, die den Wettbewerb verzerrten und gesellschaftliche Ungleichheiten verstärkten. Gleichzeitig wandte er sich gegen sozialistische Forderungen nach einer zentralen Planung der Wirtschaft. Märkte betrachtete er grundsätzlich als effiziente Informations- und Koordinationsmechanismen. Wettbewerb und unternehmerische Initiative sollten daher erhalten bleiben. Die eigentliche Reformaufgabe bestand für ihn nicht in der Abschaffung des Marktes, sondern in der Veränderung jener institutionellen Rahmenbedingungen, die seiner Ansicht nach Krisen und Ungleichheiten verursachten.
Der ordnungspolitische Kern seiner Theorie besteht folglich darin, den Markt von Einflüssen der Geldhortung und Bodenrente zu befreien. Dabei sind „Freigeld“ und „Freiland“ die zentralen Elemente seiner Freiwirtschaftslehre. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die besondere Stellung des Geldes innerhalb einer Volkswirtschaft. Gesell argumentierte, dass nahezu alle Güter einem natürlichen Wertverlust unterliegen. Lebensmittel verderben, Maschinen verschleißen und Gebäude altern. Geld hingegen besitze den Vorteil, über lange Zeiträume nahezu verlustfrei aufbewahrt werden zu können. Dies verleiht den Geldbesitzern eine strukturelle Machtposition.
Während Produzenten ihre Waren verkaufen müssen, können Geldhalter den Austauschprozess unterbrechen und auf günstigere Marktbedingungen warten.
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten werde Geld daher gehortet, wodurch die Nachfrage sinke und Investitionen zurückgestellt würden. Diese Prozesse betrachtete Gesell als wesentliche Ursache von Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit.
Zur Überwindung dieses Problems entwickelte er die Idee eines umlaufgesicherten Geldes, das er Freigeld nannte. Es soll regelmäßig an Wert verlieren, sofern es nicht ausgegeben oder investiert wird. Technisch stellte sich Gesell dies so vor. In festen Zeitabständen muss der Geldbesitzer eine Gebühr entrichtet, damit der Geldwert erhalten bleibt. Geld würde damit Lagerkosten verursachen und sich wie andere Wirtschaftsgüter verhalten. Er erwartete, dass dies die Geldhortung verringert, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöht und damit die Nachfrage stabilisiert. Dadurch würden Konjunkturschwankungen abgeschwächt und Vollbeschäftigung begünstigt.
Eng mit seiner Geldtheorie verbunden ist die Erklärung des Zinses. Nach seiner Auffassung beruht der Zins wesentlich auf dem Liquiditätsvorteil des Geldes. Da Geldhalter die Möglichkeit besitzen, ihre Mittel zurückzuhalten, müssen Kapitalnachfrager einen Preis zahlen, um Zugang zu diesen Mitteln zu erhalten. Diesen Preis nennt Gesell Urzins. Durch die Einführung eines umlaufgesicherten Geldes würde dieser strukturelle Vorteil weitgehend verschwinden. Geldbesitzer hätten dann ein Interesse daran, ihre Mittel möglichst rasch in Umlauf zu bringen. Gesell nahm an, dass das Kreditangebot dadurch steigen und die Zinssätze langfristig gegen null tendieren würden. Er übersah dabei, dass sich der Zins in der Regel durch ein Zusammenwirken von Zeitpräferenzen, Risikoabwägungen, Kapitalproduktivität und Inflationserwartungen bildet.
Neben dem Geldwesen betrachtete Gesell die Bodenordnung als zweite zentrale Ursache gesellschaftlicher Ungleichheit. Seine Kritik knüpfte an ältere Reformtraditionen an, insbesondere an die Ideen des US-amerikanischen Ökonomen Henry George.
Gesell argumentierte, dass Boden grundsätzlich anders behandelt werden müsse als gewöhnliche Produktionsgüter. Während Maschinen oder Gebäude durch menschliche Arbeit geschaffen werden, existiert Boden unabhängig von menschlicher Leistung. Sein Wert steigt häufig aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen wie Bevölkerungswachstum, Urbanisierung oder Infrastrukturinvestitionen. Die daraus entstehenden Bodenwertsteigerungen betrachtete Gesell als leistungsloses Einkommen. Wer über Grundbesitz verfügt, könne wirtschaftliche Vorteile erzielen, ohne selbst zusätzliche produktive Leistungen zu erbringen. Dies widerspreche seinem Ideal einer Wirtschaftsordnung, in der Einkommen primär aus Arbeit und Unternehmertum hervorgehen sollten. Als Gegenmodell entwickelte er das Konzept des Freilandes. Grund und Boden sollten in öffentliches Eigentum überführt und lediglich zur Nutzung verpachtet werden.
Die entstehenden Bodenrenten würden dadurch der Allgemeinheit zufließen. Gesell erwartete hiervon eine Verringerung der Bodenspekulation sowie einen gerechteren Zugang zu Wohn- und Wirtschaftsflächen.
Seine Überlegungen beeinflussten verschiedene Reformbewegungen des 20. Jahrhunderts und werden bis heute in Debatten über Geldpolitik, Bodenwertbesteuerung und alternative Währungssysteme diskutiert. Dabei nimmt das Freigeld eine besondere Stellung ein. dass nun genauer betrachtet werden soll. Silvio Gesell selbst beschreibt es so:[4]
Erklärung des Freigeldes
1. Das Freigeld wird in Zetteln von 1-5-10-50-100-1000 Mark ausgegeben. – Außer diesen festen Zetteln werden Kleingeldzettel auf farbigem Muster ausgegeben, die ähnlich wie die Briefmarkenbogen eingerichtet sind und dazu dienen, durch Abreißen der nötigen Felder jeden Einzelbetrag bis Mk. 1,- zu zahlen; sie ersetzen also das frühere Kleingeld von 1-2-5-10 und 50 Pfg. (Gleichzeitig dienen diese Kleingeldabrisse dazu, die Zahlkraft der festen Geldzettel durch Ueberkleben der fälligen Wochenfelder auf dem Laufenden zu erhalten [siehe unter 2.]) Die bei den öffentlichen Kassen eingehenden Kleingeldabrisse werden nicht mehr in Verkehr gebracht, sondern immer wieder durch neue Zettel ersetzt.
2. Das Freigeld verliert wöchentlich ein Tausendstel (1‰) an Zahlkraft und zwar auf Kosten der Inhaber. Durch Aufkleben von Abrissen des erwähnten Kleingeldes hat der Inhaber die Zahlkraft der Zettel immer zu vervollständigen. So ist z. B. auf dem farbigen Muster die Note zu Mk. 100 durch Aufkleben solcher Abrisse bis zum 10. August vervollständigt. Der Empfänger dieser Note, der sich natürlich solchen Schaden entziehen will, sucht nun das Geld immer so schnell wie möglich weiterzugeben; denn erhält er es aus Bequemlichkeit bei sich, etwa bis zum 10. September, so muß er schon 5x10=50 Pfennig nachzahlen, indem er von seinem Kleingeld 5x10 Pfennig abreißt und auf die Hundertmarknote aufklebt. So steht der Geldumlauf unter Druck, der es bewirkt, daß jeder immer gleich bar bezahlt, seine Schulden tilgt und etwa dann noch verbleibenden Geldüberschuß mit derselben Eile zur Sparkasse trägt, die ihrerseits auch wieder danach trachten muß, Abnehmer für die Spareinlage heranzulocken, wenn nötig, durch Herabsetzung des Zinsfußes.
3. Am Ende des Jahres werden alle Geldscheine gegen neue umgetauscht.
4. Zweck des Freigeldes. Vor allem soll die Uebermacht des Geldes gebrochen werden. Diese Uebermacht ist restlos darauf zurückzuführen, daß das herkömmliche Geld den Waren gegenüber den Vorzug der Unverwüstlichkeit hat. Während unsere Arbeitserzeugnisse bedeutende Lager- und Wartekosten verursachen, die ihren allmählichen Zerfall nur verlangsamen, aber nicht verhindern können, ist der Besitz von Geld durch die Natur des Geldstoffes (Edelmetall) frei von jedem solchen Verlust. Der Geldbesitzer (Kapitalist) hat darum im Handel immer Zeit; er kann warten, während die Warenbesitzer es immer eilig haben. Zerschlagen sich also die um den Preis geführten Verhandlungen, so trifft der Schaden, der daraus erwächst, immer einseitig den Warenbesitzer, letzten Endes also den Arbeiter. Diesen Umstand benützt der Kapitalist, um den Druck auf den Warenbesitzer (Arbeiter) auszuüben, also um diesen zu veranlassen, seine Arbeitserzeugnisse (Arbeitskraft) unter Preis zu verkaufen.
5. Eine Einlösung des Papiergeldes von seiten des Währungsamtes findet nicht statt. Wozu denn auch? Geld wird man ja immer brauchen; darum ist auch keine Einlösungspflicht vorgesehen. Jedoch ist das Währungsamt verpflichtet, die Geldausgabe derart den Marktverhältnissen anzupassen, daß die Warenpreise im Durchschnitt fest bleiben. Das Währungsamt setzt mehr Geld in Umlauf, wenn die Warenpreise abwärts neigen, und zieht Geld ein, wenn die Warenpreise aufwärts streben, denn die Preise hängen ausschließlich von der Menge des angebotenen Geldes ab. Dafür aber, daß das vom Währungsamt in Umlauf gesetzte Geld auch sofort gegen Waren angeboten wird, sorgt die Natur diese Freigeldes. Das Währungsamt wird also nicht wie bisher schlafen und schicksalsgläubig faul die Währung des Landesgeldes vom rätselhaften sogenannten inneren Wert des Goldes erwarten, zum Vorteil des Schwindels, der Glücksritter und der Wucherer, sondern zielbewußt mit starker Hand eingreifen und den ehrlichen Handel gegen alle Fährnisse schirmen.
6. Unter Berücksichtigung der großen Bedeutung des Außenhandels wäre zur Herbeiführung fester Wechselkurse eine zwischenstaatliche Verständigung zu erstreben. Solange eine solche jedoch nicht erzielt ist, hat man die Wahl zu treffen, ob die Geldverwaltung die Festigkeit der Inlandspreise oder die der Wechselkurse zum Maßstab der Geldausgabe machen soll.
7. Der Umtausch des Metallgeldes gegen dieses Freigeld soll ein völlig freiwilliger bleiben. Wer sich also nicht vom Gold trennen kann, mag es behalten, doch verliert das Gold, genau wie es bereits mit dem Silber geschah, das freie Prägerecht, und die Münzen verlieren die Eigenschaft eines gesetzlichen Zahlungsmittels.
Nach Ablauf der Umtauschfrist werden die Münzen an allen Staatskassen und vor Gericht zurückgewiesen.
8. Für Zahlungen ins Ausland bediene man sich wie bisher der Wechsel, die die Banken und Kaufleute als Erlös für die ins Ausland gelieferte und vom Ausland bezogene Waren feilhalten. Für kleinere Beträge bedient man sich in gewohnter Weise der Postanweisung.
9. Wer Landeserzeugnisse für die Ausfuhr erwerben will und dazu nur über Gold verfügt, also keine Einfuhrwechsel hat auftreiben können, dem wird das Gold vom Währungsamt abgekauft werden. Wer umgekehrt für die Einfuhr ausländischer Waren Gold braucht und keine Ausfuhrwechsel auftreiben kann, dem verkauft das Währungsamt das benötigte Gold. Der Preis dieses Goldes wird davon abhängen, wie man die im Absatz 6 offengelassene Frage beantwortet.
10. Durch den Kursverlust von 5,2 % jährlich dürfte die umlaufende Geldmasse um jährlich 200 – 300 Millionen abnehmen. Damit aber durchaus kein Geldmangel entsteht, muß das Währungsamt diese Millionen immer durch neu herzustellendes Geld jährlich ersetzen. Dies bedeutet für das Amt also eine regelmäßige Einnahme.
11. Bei dieser Einnahme der Geldverwaltung handelt es sich um eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der Geldreform von verhältnismäßig ganz untergeordneter Bedeutung. Ueber die Verwendung dieser Summe sind besondere gesetzliche Bestimmungen zu treffen.


Gesells Reformforderungen wurden im deutschsprachigen Raum vor allem in den 1920er Jahren von der Freiwirtschaftsbewegung – oft mit F.F.F. (Freigeld, Freiland, Festwährung) – propagiert, deren Wurzeln jedoch weiter zurückliegen.
1909 schloss sich der gelernte Tischler Georg Blumenthal (1872–1929) dem damals kleinen Kreis der "Gesellianer" an und gründete den Verein für physiokratische Politik, dem Gesell von Südamerika aus beitrat. Bereits im folgenden Jahr erfolgte die Gründung des Physiokratischen Verlags, in dem im Mai 1912 die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Physiokrat“ erschien, die im März 1916 der Kriegszensur zum Opfer fiel.
Ein weiter Multiplikator der Gesell'schen Lehre war der ehemalige römisch-katholische Landpfarrer und Damaschke[5]-Anhänger Paulus Klüpfel (1876–1918). Er begegnete 1914 zunächst Blumenthal und dann Gesell, für den er bald als Privatsekretär arbeitete. Bereits ein Jahr später gründete Klüpfel den Freiland-Freigeld-Bund mit Sitz in Berlin-Steglitz. Im selben Jahr wurde eine Parallelorganisation mit gleichem Namen in der Schweiz vom Arzt und Mathematiker Theophil Christen (1873–1920) sowie dem Reformpädagoge und Psychoanalytiker Ernst Schneider (1878–1957) gegründet.
Am 14. September 1919 schlossen sich in Arnstadt (Thüringen) der "Freiland-Freigeld-Bund" und der "Helmut Haackes Bund für Freiwirtschaft" zum "Deutschen Freiland-Freigeld-Bund" (DFFB) zusammen, dem sich im Mai 1921 weite Teile Blumenthalschen Physiokraten anschlossen. Der neue Name dieser Einheitsorganisation lautete "Freiwirtschaftsbund".
Um die Idee des Freigeldes größeren Bevölkerungsgruppen bekannt zu machen, setzte die Freiwirtschaftsbewegung auf Flugschriften und Flugblätter in Form von Geldscheinen.






















![Abb. 12.1: 100 Mark, 1. Januar 1933, Flugblatt, Vorderseite[6]. Abb. des Autors.](https://static.wixstatic.com/media/d464b6_b5b2badaac204b53a900e23bde8d5679~mv2.jpg/v1/fill/w_980,h_439,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/d464b6_b5b2badaac204b53a900e23bde8d5679~mv2.jpg)






Zwar emittierte die Flensburger Goldmarkgesellschaft m.b.H. unter dem Datum vom
30. September 1923 einen Notgeldschein über eine Goldmark, aber er blieb eine Kuriosität innerhalb der Goldgeld-Ausgaben des sog. wertbeständigen Notgelds am Ende der Hyperinflation. Am rechten Rand dieses Scheins ist „ein Aufgeld, damit dieser Schein
1 Goldmark gilt“ für Daten vom 3. Oktober bis 31. Dezember 1923 in Pfennigen aufgeführt
und daneben die Umkehrung „Sonst gilt der Schein nur …“ mit datenmäßiger Festlegung des Schwundes bis zu einem Wert von 86 Pfennig am 31. Dezember 1923. Um den Schwund ausgleichen zu können und wieder auf den vollen Betrag zu kommen, war die Ausgabe von Scheinen zu einem Goldpfennig und einem Goldgroschen nötig.




Der Text auf dem Wert zu einem Goldpfennig [Goldgroschen] lautet:
„Gegen diesen Zettel zahlen wir an Herrn Karl Polenske Berlin oder dessen Order den Betrag von 1/400 Dollar (1/4 cts) [1/40 Dollar (2 ½ cts)] in deutschem Gelde zum Dollarschatzkurse, wenn er als Ergänzung zu 10 oder 1 Goldmark vorgelegt wird, andernfalls nur die Hälfte [1/50 Dollar (2 cts)]. Der Zettel kann vom 1.1.1924 zur Vorlage aufgerufen werden.“
Die Scheine wurden ab 5. Oktober 1923 in Umlauf gesetzt. Sie dürften keine große Bedeutung im Zahlungsverkehr gehabt haben, zumal sie schon bald beschlagnahmt wurden, da sie nicht den Vorschriften entsprachen.
Auf Anfrage vom 22. Januar 1922 teilte der Emittent zwei Tage später der Finanzabteilung des Magistrats der Stadt Flensburg Folgendes mit:[7]

Bleibt noch anzumerken, dass diese Goldmark-Scheine die erste Schwundgeld-Ausgabe überhaupt war.
Silvio Gesell erlebte eine erfolgreiche Umsetzung seiner Freigeld-Idee nicht mehr. Er starb am 11. März 1930 an einer Lungenentzündung in Oranienburg, wo er einige Tage später im kleinen Kreis auf dem Stadtfriedhof beigesetzt wurde.
Die moderne Volkswirtschaftslehre betrachtet die Freiwirtschaftslehre überwiegend kritisch.[8] Empirisch konnte bislang nicht nachgewiesen werden, dass Geldhortung allein die zentrale Ursache wirtschaftlicher Krisen darstellt. Gegenwärtige Konjunkturtheorien berücksichtigen zahlreiche weitere Faktoren, darunter technologische Innovationen, Finanzmarktentwicklungen, Erwartungen und staatliche Rahmenbedingungen.
Zudem bestehen praktische Einwände gegen ein dauerhaft wertminderndes Geldsystem.
In offenen Volkswirtschaften könnten Wirtschaftssubjekte auf alternative Währungen oder Anlageformen ausweichen. Auch die Frage, ob eine Umlaufsicherung tatsächlich zu dauerhaft höherer Beschäftigung führen würde, bleibt ungeklärt.
Gleichzeitig sollte die Freiwirtschaftslehre nicht vorschnell als historische Kuriosität abgetan werden. Viele von Gesells Fragestellungen besitzen weiterhin Aktualität. Die Diskussion über Vermögenskonzentration, steigende Bodenpreise, Finanzspekulation und die gesellschaftliche Funktion des Geldes berührt Themen, die bereits im Zentrum seiner Analysen standen. Insbesondere die Debatten über Negativzinsen nach der Finanzkrise von 2008 sowie über digitale Zentralbankwährungen zeigen, dass Fragen nach der Steuerung des Geldumlaufs auch im 21. Jahrhundert von erheblicher Bedeutung sind.
Uwe Bronnert
Anmerkungen
[1] Der Kapitalismus beruht auf der Idee, dass Wirtschaftswachstum und Wohlstand durch die Freiheit des Marktes, unabhängige Unternehmen und individuelle Entscheidungen erreicht werden können. Im kapitalistischen Wirtschaftssystem gibt es private Eigentumsrechte an Produktionsmitteln und Waren, die dem freien Markt angeboten werden. Die Preise für diese Waren und Dienstleistungen werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt.
Merkmale des kapitalistischen Wirtschaftssystems:
Privateigentum an Produktionsmitteln und Waren
Freier Marktmechanismus
Wettbewerbsorientierung
Gewinne und Verluste sind individuell
[2] Das sozialistische Wirtschaftssystem beruht auf der Vorstellung, dass die Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen am besten von der Gemeinschaft kontrolliert werden sollten, um soziale Gerechtigkeit und Gleichheit zu erreichen. Im Unterschied zum Kapitalismus besteht im sozialistischen Wirtschaftssystem kein privates Eigentum an Produktionsmitteln und Waren. Die Waren und Dienstleistungen werden staatlich kontrolliert und die Preise festgesetzt.
Merkmale des sozialistischen Wirtschaftssystems:
Staatliche Kontrolle der Produktion und Verteilung von Waren
Gemeinwohl-Orientierung
Gleichheit und soziale Gerechtigkeit
Planwirtschaft
[3] Gesell, Silvio: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, 6. Auflage, Berlin und Bern 1924.
[4] Ebenda, S. 239 ff.
[5] Adolf Wilhelm Ferdinand Damaschke (* 24. November 1865 in Berlin; † 30. Juli 1935 ebenda) war Lehrer und eine führende Persönlichkeit der Bodenreform in Deutschland.
[6] Siehe hierzu Bronnert, Uwe: Das Geld der Zukunft, Beschlagnahmen – Einziehen – Verbieten, Geldscheine-online.com 13/2021.
[7] Angaben nach Bakowsky, Herbert: Das Notgeld der Stadt Flensburg 1914-1923, Band 49 der Schriftenreihe „Die Münze“, Berlin 1975, S. 32.
[8] Der britische Ökonomen John Maynard Keynes nannte Gesell in seinem Werk „General Theory of Employment, Interest and Money“ einen originellen und unterschätzten Denker, dessen Analyse der Geldhaltung wichtige Einsichten enthalte.




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