Turner-Notgeld von Coblenz-Lützel (1921)

Vor gar nicht langer Zeit erwarb ich eine Schulkladde mit Zeitungsausschnitten.

Sie waren von einem Sammler von Serienscheinen aus der Coblenzer Zeitung und der Westdeutschen Sammler-Rundschau ausgeschnitten und fein säuberlich in das Heft geklebt worden. Obwohl die meist kurzen Meldungen nicht datiert sind, dürften sie in der Mehrzahl aus dem Jahr 1921 stammen. Vieles, was heute vergessen ist, wird durch sie wieder lebendig. So erfährt der Leser, welcher Künstler die Scheine entwarf, welche Druckerei sie herstellte, zu welchen Preisen sie abgegeben wurden und manch anderes Wissenswertes.

Zwei dieser Meldungen betreffen Gutscheine des Turnvereins Coblenz-Lützel.

Der Turnverein wurde im August 1891 gegründet. Geräteturnen, Gymnastik für Männer und Bewegungsspiele standen zunächst auf dem Programm. Wie zu der damaligen Zeit üblich, fand das Training in Sälen von Gaststätten statt. Die Turner des TV Lützel trafen sich in der Gaststätte Suderland. Nach dem Ersten Weltkrieg richtete sich der Turnverein neu aus. Erstmals in der Vereinsgeschichte bildeten Frauen eine eigene Turn- und Gymnastikabteilung.

Anfang der 1920er Jahre zeichnete sich Ungemach ab, da Turner und Sportler anderer Sportarten (z.B. von Mannschaftsspielen, wie Fußball) in eigenen Sportverbänden organisiert waren. Diese Sportverbände strebten die Gründung eines gemeinsamen Deutschen Bundes für Leibesübungen an, was die Turnerschaft am 1. September 1923 jedoch ablehnte und sich einseitig für die „reinliche Scheidung“ zwischen Turnen und Sport entschied. Bis zum 1. November 1923 mussten sich die Mitglieder der Spielabteilungen der Turnvereine zwischen einer Mitgliedschaft im Sportverband oder in der Turnerschaft entscheiden. Daraufhin gründeten 1923 in Lützel die Fußballer des Turnvereins Lützel einen eigenen Verein, den „Verein für Bewegungsspiele Lützel“.

Da die französische Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg reine Turnvereine verbot, schloss sich der Turnverein Lützel dem VfB Lützel an. Diese Zwangsehe und das Verbot von Turnvereinen hatte jedoch nicht lange Bestand. Am 21. März 1955 wurde der „Turnverein 1955 Koblenz-Lützel e.V.“ neu gegründet. Der höchste Mitgliederbestand wurde in den 1990er Jahren mit 800 Mitgliedern erreicht. Die sportliche Palette des Vereins reicht heute von Gymnastik über Kindersport (Ballschule, Eltern-Kind-Turnen, Erlebnissport) Tischtennis, Volleyball bis hin zum Kampfsport Taek Won Do.

Nach diesem Ausflug in die Vereinsgeschichte nun die beiden Meldungen aus der Kladde:

Turner-Notgeld von Coblenz-Lützel

„Der Lützeler Turnverein gibt Notgeld heraus.“ „Was, ein Verein?“ „Ei, gewiß, der Verein da drüben auf der anderen Moselseite, jener Verein, der usw.“ Solche und ähnliche Gespräche bildeten in den Tagen, in denen der Schleier des Geheimnisses etwas gelüftet, und von den Absichten des Lützeler Turnvereins hier und da vereinzelte Tropfen durchgesickert waren, zum mindesten nicht wenig sensationelle Unterhaltungen. Über die Idee, die Art, die Form und überhaupt die ganze Aufmachung des neuen Notgeldes schwebte ein schwieriges Rätselraten. Gewiß, es scheint eigenartig, daß ein Verein zur Herausgabe von Notgeld Veranlassung nimmt. Kommunen, Wirtschaftsverbände und Kassen kamen ohne die alltäglich gewordenen Notgeldscheine nicht aus. Erwägt man die praktische Seite dieses eigenen Unternehmens, so ergibt sich, daß der Lützeler Verein teils dieserhalb und teils außerdem einen recht guten Gedanken hat zur Tat reifen lassen. Die ersten Scheine liegen jetzt vor. Wirklich nette lokale Motive mit turnerischem und sportlichem Einschlag. Es sind neue Scheine, je drei Serien im Nennwert von 50, 75 und 100 Pfennig. Die 50 Pfg.-Scheine zeigen als Titelbild den Sommersportplatz, darüber befindet sich die Inschrift: „Fönnef Grosche“. Für die 75 Pfg.-Serie, „Siwwwe nn’en halwe Grosche“, wie der Aufdruck sagt, ist als Titel der „Fluzehaafe“ gewählt, während die Nennseite der „Zehn Groschen-Scheine über dem Turnerwappen die Inschrift „Gutschein des Turnvereins Coblenz-Lützel“ besonders hervortreten läßt. Daneben ist die heutige dürftige Turnhalle wiedergegeben und im Gegensatz dazu, wie die Halle der Gegenwart aussehen soll. Auf der Rückseite aller Scheine sind äußerst gelungene Darstellungen aus dem turnerischen und sportlichen Leben festgehalten, die die umfassende Tätigkeit des Vereins auf allen Gebieten der Leibesübungen treffend illustrieren. Das köstliche Bildnis des kleinen Liga-Säuglings mit Schnuller und Windelhose darf als das gelungenste bezeichnet werden und ist auf einem Scheine der Zehn Groschen-Serie verewigt.

Die Entwürfe sind eine geschmackvolle, künstlerische Schöpfung des Vereinsmitgliedes A. Regenhard, (sic! Auf den Scheinen wird Regenhardt genannt) während die lithographische Kunstanstalt der Firma Deinhard-Coblenz die Scheine ganz vortrefflich in Vielfarbendruck hergestellt hat."


Obige Meldung erweckt den Eindruck, als handele es sich bei den undatierten Scheinen um Notgeld für den allgemeinen Gebrauch. Dies war dem Vereinsvorstand auf der einen Seite sicherlich recht, konnte man dadurch den Verkauf der „Notgeldscheine“ ankurbeln und die Vereinskasse aufbessern, andererseits war ein Verbot durch die zuständigen Behörden zu befürchten, evtl. sogar mit einer Strafanzeige zu rechnen. Deshalb teilte der Vorstand mit:

Geldscheine des Turnvereins Coblenz-Lützel

"Der Vorstand des Vereins legt Wert auf die Feststellung, daß es sich bei den von Vereinswegen herausgegebenen Zahlungsscheinen nur um Gutscheine des Turnvereins Coblenz-Lützel handelt, die lediglich die Zahlungsweise der Vereinsmitglieder dem Verein gegenüber vereinfachen soll. Die irrtümlicher Weise von den Tages- und Sportzeitungen gebrachten Notizen, die die Vereinsgutscheine als Notgeld für den öffentlichen Verkehr bezeichneten, entsprechen mithin nicht den Tatsachen. Durch ihr gefälliges Aussehen haben die Scheine auch bei Sammlern Anklang gefunden. Der Verein ist bereit, die Gutscheine zum Nennwert in beschränktem Umfang an Interessenten abzugeben."

Über den finanziellen Erfolg der Ausgabe aus dem Jahr 1921 ist leider nichts bekannt. Ihre Auflage kann nicht allzu groß gewesen sein, da die Gutscheine heute nicht so häufig angeboten werden. Bleibt noch anzumerken, dass alle Scheine die Größe von 100 mm x 70 mm haben und auf festem Papier ohne Wasserzeichen gedruckt wurden.


Abb. 1: 50 Pfennig, gemeinsame Vorderseite mit der Abbildung „Sommer-Sportplatz“.

Abb. 2: 50 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Turner am Barren“.

Abb. 3: 50 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung einer Spielszene aus einem Fußballspiel.

Abb. 4: 50 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Die Läufer“.

Abb. 5: 75 Pfennig, gemeinsame Vorderseite mit der Abbildung „Litzelland, Fluuzehaafe und Winter-Sportplatz“.

Abb. 6: 75 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung einer Spielszene aus einem Fußballspiel.

Abb. 7: 75 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Tauziehen“.

Abb. 8: 75 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Die Sieger“.

Abb. 9: 100 Pfennig, gemeinsame Vorderseite mit den Abbildungen „su seht uns Tornhall aus 1921“ und „on su soll se wiere! 19??“.

Abb. 10: 100 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung einer Spielszene aus einem Fußballspiel.

Abb. 11: 100 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Reigen der Turnerinnen“.

Abb. 2 100 Pfennig, Rückseite mit der Abbildung „Säuglings-Liga“.

Katalogisiert sind die Scheine des Turnvereins Coblenz-Lützel in:

Grabowski/Mehl: "Deutsches Notgeld, Band 1+2 – Deutsche Serienscheine 1918 – 1922" unter Nr. 234.1.


Uwe Bronnert

Literatur:

https://xn--tv-ltzel-95a.de/verein

Stand: 12.11.2019, 11.40 Uhr

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