Aus alten Zeitungen: Besatzungsgeld – Verstärkter Druck
- Hans-Ludwig Besler (Grabowski)

- 13. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Apr.
Gefunden in: "Der Spiegel" vom 4. November 1953
Links: "Gebt den Russen, was sie wollen!" – Ex-Finanzminister Henry J. Morgenthau jr.
Rechts: Irgendwer wurde geprellt – US-Senator Karl E. Mundt. | Abb. Wikimedia Commons.
Besatzungsgeld – Verstärkter Druck
Den Senator Karl E. Mundt vom amerikanischen "Senatsausschuß für Untersuchungen" bekümmerte vor zwei Wochen eine Frage, über die sich die Deutschen in der Sowjetzone schon 1945 den Kopf zerbrochen hatten: Wie kamen die Russen zu der Unmenge amerikanischen Besatzungsgeldes, das jeder Iwan bündelweise in seinen Feldblusen-Taschen stecken hatte und – fröhlich im Überfluß schwelgend – dazu benutzte, für eine Flasche Spiritus 250, für eine Schachtel Streichhölzer mindestens 100 Mark zu zahlen?
Der US-Senator kam zu dem Ergebnis, daß diese Erscheinung auf "eine Mischung von lügnerischer Diplomatie, Spionage und Untergrund-Sabotage in unserem Land" zurückzuführen sei, mit der die Russen schon 1944 ihre amerikanischen Verbündeten übertölpelt hätten.
Als die amerikanische Armee im September 1946 ihr Besatzungsgeld in Deutschland aus dem Verkehr zog, mußte sie für 255 Millionen Dollar (nach dem damals geltenden Kurs 2,5 Milliarden Mark) mehr einlösen, als sie Militärmark in Deutschland in Umlauf gesetzt hatte.
Die Differenz wurde schon 1947 von drei Senatsausschüssen aufgeklärt: Das US-Finanzministerium hatte im Mai 1944 den verbündeten Sowjets einen Satz der Druckstöcke überlassen, mit denen man in Washington die Besatzungsbanknoten herstellte. Und die Russen hatten emsig und ohne Maß drauflos gedruckt. So war die deutsche Inflation auch noch mit amerikanischen Markscheinen aus den Brustbeuteln der Roten Armee angereichert worden.
"Die Russen müssen buchstäblich regelrechte Ballen deutscher Besatzungsmark gedruckt haben; ich persönlich habe Leute gesehen, die ganze Handkoffer voll mit solchen Banknoten herumschleppten", entrüstete sich Senator Mundt achteinhalb Jahre nach Kriegsende. Mit einiger Verspätung drückte ihn die Sorge: "Irgendwer wurde dadurch geprellt, die amerikanische Regierung, die deutsche Wirtschaft, vielleicht auch beide!"
Mundts Chef, Senator McCarthy, beschränkte sich diesmal aufs Zuhören. Ihn plagten zunächst noch einige Zweifel, ob nicht auch die Armee, deren Oberbefehlshaber in Europa damals Eisenhower gewesen war, in die Affäre verwickelt gewesen sein könnte. Die von Senator Mundt selber geleitete Untersuchung bestätigte indes, daß Finanzminister Henry J. Morgenthau jr. seinen Staatssekretär Bell und den Leiter der Notendruckerei Hall gegen den Widerspruch der beiden Beamten angewiesen hatte, "den Russen zu geben, was sie wollen".
Die Amerikaner lieferten den Sowjets mit einem Armeeflugzeug frei Haus nicht nur die Druckstöcke, sondern auch Farbe und Papier für die Herstellung der Banknoten. Damit nichts mehr schiefginge, wurde außerdem ein russisches Notendruck-Team in der Washingtoner Münze im Gebrauch der Notenpresse unterwiesen. Der sowjetische Botschafter in Washington war's zufrieden. Er hatte auf geradem Verhandlungswege mit Morgenthau dieses, wie es Senator Mundt jetzt scheinen möchte, krumme Ding gedreht.
Die Großzügigkeit des amerikanischen Finanzministers und Roosevelt-Freundes konnte schlechterdings durch keine politischen Skrupel gehemmt werden. Für den Kartoffelacker-Theoretiker war die Frage völlig uninteressant, ob der deutschen Wirtschaft aus dem zu erwartenden unbegrenzten Notenumlauf Schaden erwachsen könnte.
Und daß die Sowjets nicht nur mit ihm "über den Tisch" verhandelt, sondern sich gleichzeitig auch auf dem Umweg über ihre Internationale mit V-Leuten und Agenten um die Druckstöcke bemüht hatten, war dem Minister damals noch nicht bekannt.
Erst eine willige Kronzeugin des Untersuchungsausschusses bestätigte jetzt, daß jene für die Sowjets obligate Parallelschaltung von Diplomatie und Untergrund auch in diesem Fall funktioniert hatte. Senator Mundt war zufrieden mit Miß Elizabeth Bentley. Sie berichtete freimütig von ihren Kuriererlebnissen im Dienst der Russen. Die sowjetische Spionage-Zentrale in New York hat sie mit Instruktionen zu den beiden Gesinnungsfreunden und Angestellten des Finanzministers Nathan G. Silvermaster und William L. Ullman nach Washington geschickt. Der Chef des kommunistischen Silvermaster-Rings sollte auf den Assistenten des Finanzministers, Harry D. White (der 1948 leugnete, kommunistischer Agent gewesen zu sein und kurz darauf starb), "Druck ausüben", um einige Muster der frisch gedruckten Besatzungsmark zu bekommen. White lieferte die Muster, mit denen die New Yorker Spionagezentrale allerdings nichts anzufangen wußte, da ihre Farbe sich nicht kopieren ließ.
Inzwischen hatte Moskaus Vertreter in Washington seine Verhandlungen mit Morgenthau aufgenommen, an denen White und Ullman – auf amerikanischer Seite – beteiligt waren.
Der amerikanische Steuerzahler ist übrigens durch das russisch-amerikanische Währungsabenteuer nicht geschädigt worden.
Der Finanzberater des amerikanischen Verteidigungsministeriums, Sacks, erklärte dieser Tage, das eingelöste Geld sei für die Bezahlung von Besatzungsbedarf verwendet worden (womit er wohl sagen wollte, daß die Deutschen das Besatzungsgeld gegen Reichsmark einlösen mußten und den dafür ausgegebenen Betrag als Besatzungskosten verbuchen durften.)
Die Militärmark unmittelbar gegen Dollar einzutauschen, hatte es sogar den Russen an Unverfrorenheit gefehlt.


Alliierte Militärbehörde: Besatzungsausgabe zu 1000 Mark von 1944 für Deutschland, sowjetischer Druck ohne das Geheimzeichen (ein kleines englisches "F") für die US-Firma Forbes, Vorder- und Rückseite. Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte.
Was damals dem Berichterstatter für den "Spiegel" wahrscheinlich noch unbekannt war, ist, dass die Amerikaner sich bei der Weitergabe der Druckplatten an die Sowjetunion in sofern absicherten, dass sie die in den USA gedruckten Militärmark-Scheine mit einem winzigen Geheimzeichen für die Druckfirma Forbes versahen, das bei den sowjetischen Drucken fehlt. So war man vorbereitet, bei einer möglichen Umtauschaktion die Sowjet-Drucke von den US-Drucken zu separieren und eine Einlösung der sowjetischen Drucke unter Umständen auch zu verweigern.
Hans-Ludwig Besler (Grabowski)
Anmerkung der Redaktion
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