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Bisher unbekannter Notgeldschein: 10 Reichsmark 1945 aus dem Kleinwalsertal

Fünf Jahre nach Bekanntwerden von bis dahin unbekannten Notgeldausgaben im Jahr 1945 (nicht ausgegebene Notgeldscheine der sächsischen Stadt Chemnitz) liegt eine neue Meldung vor: 10 Reichsmark 1945 der Gemeinde Mittelberg im Kleinwalsertal.


Abb. 1: 10 Reichsmark 1945, Vs., zweifarbiger Druck mit roter Kontrollnummer und Gemeindestempel; die Abmessungen des Scheins sind bisher nicht bekannt.
Abb. 1: 10 Reichsmark 1945, Vs., zweifarbiger Druck mit roter Kontrollnummer und Gemeindestempel; die Abmessungen des Scheins sind bisher nicht bekannt.
Abb. 2: 10 Reichsmark 1945, Rs., unbedruckt, leider ist die Qualität der Abbildungen unbefriedigend (mit Photoshop bearbeitetes Bildschirmfoto).
Abb. 2: 10 Reichsmark 1945, Rs., unbedruckt, leider ist die Qualität der Abbildungen unbefriedigend (mit Photoshop bearbeitetes Bildschirmfoto).

Das österreichische Kleinwalsertal gehörte bis zum „Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich“ am 13. März 1938 zum Bezirk Bregenz im Bundesland Vorarlberg. Danach sollte es dem NS-Gau Schwaben zugeordnet werden und wurde bis 1945 verwaltungsmäßig in den Landkreis Sonthofen eingegliedert.


Am 29. April 1945 überschritten Soldaten der 5. Französischen Panzerdivision und der

4. Marokkanischen Gebirgsdivision die Grenze bei Lochau und besetzten innerhalb einer Woche ganz Vorarlberg. Der Krieg endete im Kleinwalsertal am 2. Mai 1945. Schon vor dem Eintreffen französisch-marokkanischer Truppen wurde das Tal vom Heimatschutz unter Kontrolle gebracht. Am 1. Mai 1945 umstellten 30 von den auf 120 Männern angewachsenen Heimatschutz-Gruppe das provisorisch im „Café Amely“ in Riezlern untergebrachte Gemeindeamt. Gottlieb Kessler und Hermann Künzel übergaben die zivile Verwaltung an Gedeon Fritz und Peter Meusburger. Die Widerstandsbewegung war bewaffnet – Waffen und Munition hatten sie sich beim Jägerbataillon unter Oberleutnant Karl Richter im nahen bayerischen Oberstdorf beschafft, der den Ort mit seinem Heimatschutz ebenfalls kampflos übergeben wollte. Man wollte in den letzten Kriegstagen das Tal vor fanatischen Nationalsozialisten schützen und Kämpfe mit den anrückenden alliierten Truppen verhindern. Sie rechneten mit der Besetzung durch die US-Armee und stellten deshalb eine Tafel mit der Aufschrift „Here is Austria“ auf. Aber am Mittag des 2. Mai 1945 rückten die Franzosen auf leichten Panzerspähwagen an. Der bis März 1938 im Amt befindliche Bürgermeister, Gedeon Fritz, der sich den Widerständlern angeschlossen hatte, wurde als provisorischer Bürgermeister wieder eingesetzt und übergab das Tal formell an den französischen Kommandanten. Der Land- und Gastwirt Fritz führte vorerst auch das Referat für das Finanzwesen.


Abb. 3: Heimatschutzmänner unter dem Kommandanten Peter Meusburger halten die Tafel "Here is Austria" am historischen Grenzgasthof „Walserschanz“.
Abb. 3: Heimatschutzmänner unter dem Kommandanten Peter Meusburger halten die Tafel "Here is Austria" am historischen Grenzgasthof „Walserschanz“.

Der Mangel an ausreichend Zahlungsmittel am Ende des Zweiten Weltkriegs war bei der Bevölkerung, bei Industrie und Handel sowie der öffentlichen Hand im April/Mai 1945 in vielen Gegenden des Deutschen Reichs spürbar – so auch in Süddeutschland und im angeschlossenen Österreich. Das Bargeld für das Kleinwalsertal kam von der Reichsbankstelle Augsburg und anschließend von der Reichsbanknebenstelle in Kempten. Die Versorgung mit Reichsbanknoten war von dort aus im April 1945 nicht mehr gewährleistet: am 27. April 1945 war die kreisfreie Stadt kampflos an die US-Armee übergeben worden.


Im Gemeinderat von Mittelberg beschloss man am 10. April 1945 den Druck und die Ausgabe von lokalem Notgeld in den Wertstufen 5, 10 und 20 RM. In der Schrift von Ulrich Nachbaur kann man nachlesen:

„Auf Beschluss der kommissarischen Gemeindevertretung vom 10. Mai 1945 gab die Gemeinde Mittelberg Geldgutscheine als Notgeld aus, das aber bis 31. August 1945 wieder in allgemein gültige Zahlungsmittel umzuwechseln war.“

Abb. 4: Beratungsprotokoll und Entschließung vom 10. Mai 1945 zum Druck und zur Ausgabe von lokalem Notgeld in Höhe von 30.000 Reichsmark in Geldgutscheinen durch die Gemeindekasse und der Spar- und Darlehenskasse Hirschegg; anwesend waren Bürgermeister Gedeon Fritz, 2. Bürgermeister Max Kessler (Beamter der Spar- und Darlehenskasse), Ortsvorsteher Norbert Drechsel, Gewerbereferent Walter Riedmann und Ortskommandant Peter Meusburger.
Abb. 4: Beratungsprotokoll und Entschließung vom 10. Mai 1945 zum Druck und zur Ausgabe von lokalem Notgeld in Höhe von 30.000 Reichsmark in Geldgutscheinen durch die Gemeindekasse und der Spar- und Darlehenskasse Hirschegg; anwesend waren Bürgermeister Gedeon Fritz, 2. Bürgermeister Max Kessler (Beamter der Spar- und Darlehenskasse), Ortsvorsteher Norbert Drechsel, Gewerbereferent Walter Riedmann und Ortskommandant Peter Meusburger.

Belegt ist bis heute nur ein 10-RM-Gutschein mit dem Aufdruck:

„Gemeinde Mittelberg / Gutschein / über / ZEHN MARK / Dieser Schein gilt nur in der Gemeinde Mittelberg (Klein Walsertal) und wird über Aufruf durch die Spar- und Darlehenskasse Klein Walsertal in Hirschegg eingelöst. / Mittelberg, am 11. Mai 1945 Gemeinde Mittelberg.“

Der Schein ist insofern von Interesse, da er das Datum vom 11. Mai 1945 trägt, die Gemeinde Mittelberg jedoch schon seit über eine Woche von den Franzosen verwaltet wurde.

Eine Ausgabe der Scheine war eigentlich von der französischen Militärverwaltung verboten (wie im Falle der Stuttgarter und Triberger Notgeldscheine – beide mit Datum 1. Mai 1945, obwohl beide Städte schon am 22. bzw. 24. April 1945 von französischen Truppen besetzt wurden). Das wurde in der Beratung am 1. Juli 1945 bestätigt:


„Er [der Bürgermeister] teilte noch mit, dass der Druck von Notgeld eigentlich verboten gewesen wäre. Die Gemeinde hat derzeit Rm. 12.000.- in Umlauf, wofür aber volle Deckung vorhanden ist. Die Ausgabe von weiteren Notgeld wurde eingestellt.“

Der Schein zeigt außerdem den Gemeindestempel mit der Umschrift „Gemeinde * Mittelberg Kl. Walsertal“ – eine Unterschrift fehlt. Er entspricht in vielerlei Hinsicht ähnlichen Notgeldscheinen der 1945-er Notgeld-Epoche. Die Scheine ohne Wasserzeichen wurden in der am 1. April 1930 eröffneten Buchdruckerei von Josef Müller im Hauptort Riezlern hergestellt; im Verlag dieser Druckerei erschien das „Veröffentlichungsblatt der Gemeinde Mittelberg-Kleinwalsertal“. In keiner Ausgabe wurde jedoch eine Bekanntmachung über die Ausgabe des Notgelds veröffentlicht; nur die Aufrufe zur Einlösung erschienen dort am

25. Juli und nochmals am 22. August 1945.


Abb. 5: Nr. 13 des VBl. vom 25. Juli 1945 – amtliche Bekanntmachung über den Einzug von Notgeld.
Abb. 5: Nr. 13 des VBl. vom 25. Juli 1945 – amtliche Bekanntmachung über den Einzug von Notgeld.

Im VBl. Nr. 17 vom 18. August 1945 wurde der Einzug von Notgeld nochmals fast wortgleich bekanntgegeben:


„Neuerdings wird darauf hingewiesen, dass der Gemeinderat in der Sitzung vom 22. 7. 45. den Einzug des auf Grund des Beschlusses vom 10. Mai 1945 ausgegebenen Notgeldes beschlossen hat. Die Geldgutscheine sind bis 31. 8. 1945 bei der Spar- und Darlehnskasse Hirschegg oder der Gemeindekasse in allgemein gültige Zahlungsmittel umzuwechseln. Mittelberg, den 18. August 1945 – Der Bürgermeister: G. Fritz.“

Der Text des Beratungsprotokolls mit den Gemeinderäten vom 22. Juli 1945, Punkt 2, lautete:


„Einzug der auf Grund des Beschlusses vom 10.5.45. ausgegebenen Notgeldscheine – Bürgermeister Gedeon Fritz gab den Gemeinderäten Kenntnis, dass derzeit Notgeldscheine im Werte von Rm. 12.000.- im Umlauf sind. Der beabsichtigte Zweck wurde durch die Ausgabe voll erfüllt; derzeit ist ein Mangel an Bargeld nicht mehr festzustellen. Es wäre zweckmäßig die im Umlauf befindlichen Notgeldscheine bis zum 31. August dieses Jahres zurückzuziehen. Entschließung: Die Gemeinderäte beschlossen einstimmig die auf Grund des Beschlusses vom 10. Mai 1945 ausgegebenen Notgeldscheine, bis 31.August aus dem Verkehr zu ziehen. Die Einlösung erfolgt durch die Gemeindekasse und durch die Spar- und Darlehenskasse Hirschegg. Die Rückziehung wird zweimal im Gemeindeblatt bekanntgegeben werden.“

Die 5-stellige Kontrollnummer lässt keinen Rückschluss auf die gedruckte Menge des 10-RM-Scheins zu, da man nicht weiß, ab welcher Zahl nummeriert wurde. Der Schein zeigt typische Umlaufspuren. Die Scheine könnten die selben Abmessungen wie die Reichsbanknoten zu 10 RM 1929 (150 x 75 mm) haben – die Verhältnisse Breite : Höhe sind gleich. Auch wurde der Grünton für 10-RM-Scheine beibehalten. Unbekannt ist weiterhin die gedruckte, ausgegebene, eingelöste und vernichtete Stückzahl aller Gutscheine.


Am Ende des Kriegs befanden sich etwa 10.000 Menschen im Tal – fast 3.000 davon waren die eigentlichen Einwohner. Tausende Ostflüchtlinge waren seit März 1945 ins Tal gekommen und über tausend Verwundete lagen in Hotels, die als Notlazarette dienten. Entsprechend waren Versorgungsengpässe die Folge. Um die Fremden mit Lebensmitteln zu versorgen, übernahm die Metzgerei Meusburger die Aufgabe, alle Personen zu verpflegen. Unter ihnen befanden sich im damaligen „Ifen-Hotel“ zuvor internierte französische, italienische und griechische Diplomaten sowie Offiziere. Auch deutsche Soldaten auf ihrer Flucht und Bombenopfer mussten versorgt werden. Bis zum 1. Juli 1945 hatten schon zwei Drittel der Evakuierten das Tal wieder verlassen.


Als Ortskommandant und Inhaber des Familienbetriebs einer Metzgerei gab Peter Meusburger wegen Bargeldmangels anfangs handschriftliche Zettel zur Verrechnung aus. Diese waren bald aufgebraucht und sind heute nicht mehr vorhanden und so ließ er eine Serie von 2-seitig gedruckten Gutscheinen herstellen. Zitat Peter Meusburger 1982:

„Durch die 1945 noch geltenden Gesetze kostete ein Vergehen gegen die RM beinahe den Kopf. Deshalb war es schwer, eine Druckerei zu finden, mit welcher man zum Teil nur chiffriert korrespondieren konnte. Dies ist auch einer der Gründe, warum auf meinem Notgeld weder das Datum noch die Druckerei aufscheinen.“

Die Scheine sollen von der Bevölkerung in den drei Gemeinden des Tals gut angenommen worden sein und wanderten nach Einlösung in den Heizkessel. Daher gibt es bei den noch verbliebenen Serien und Einzelscheinen Nummernlücken. Meusburgers Wunsch war es, diese „einmalige Ausgabe“ teuer zu vermarkten und den Erlös auf seine Erben aufzuteilen. Auch den Zeitungen wollte er nur Rede und Antwort gegen entsprechendes Honorar gewähren. Nach seinem Tode waren die Restbestände von zigtausend Scheinen verschwunden. Erben bemühten Rechtsanwälte und man munkelte allerhand über den Verbleib der Scheine. Vielleicht hatte er aus Enttäuschung noch einen großen Teil selbst vernichtet. Peter Meusburger hatte den Geltungszeitraum seiner Scheine immer mit 1945 bis 1948 angegeben, was zu bezweifeln ist, da im Jahr 1945 noch kein Mangel an Kleingeld herrschte – der setzte erst 1946 ein. Nominale von 10 Reichspfennig bis 5 Reichsmark sind typisch für den Zeitabschnitt 1947/48.


Abb. 6: 5 Reichsmark o. D. (1946/47), Vs., Gutschein der Metzgerei Peter Meusburger; die angeblich bis zur Währungsreform 1948 Gültigkeit hatten – Meusburger ließ außerdem die seit 1981 in der Sammlerschaft bekannt geworden Scheine in den Wertstufen 0,10 und 0,50 RM sowie 1, 2 und 5 RM drucken.
Abb. 6: 5 Reichsmark o. D. (1946/47), Vs., Gutschein der Metzgerei Peter Meusburger; die angeblich bis zur Währungsreform 1948 Gültigkeit hatten – Meusburger ließ außerdem die seit 1981 in der Sammlerschaft bekannt geworden Scheine in den Wertstufen 0,10 und 0,50 RM sowie 1, 2 und 5 RM drucken.

Eine weitere Besonderheit aus dem Kleinwalsertal: bis zum Jahr 2002 galt die Deutsche Mark als gültige Währung und deshalb verwendete man im Spielcasino Kleinwalsertal/Casinos Austria in Riezlern entsprechende Jetons. Bis zum 31. Dezember 2001 waren farbige Kunststoff-Jetons zu 5, 10, 20, 50 und 100 DM in Gebrauch.


Abb. 7: Jeton des Spielcasinos Kleinwalsertal im Wert von 2 Deutschen Mark, o. J., 28 mm Ø, Messing, es gab angeblich auch silberfarbene auf 10 Schilling lautende Marken.
Abb. 7: Jeton des Spielcasinos Kleinwalsertal im Wert von 2 Deutschen Mark, o. J., 28 mm Ø, Messing, es gab angeblich auch silberfarbene auf 10 Schilling lautende Marken.

Die im Tal anwesenden französischen und marokkanischen Besatzungssoldaten feierten ihren Sieg über das nationalsozialistische Deutschland am 20. Mai 1945 mit einer großen Parade in Anwesenheit von Charles de Gaulle, dem späteren Staatspräsidenten Frankreichs. Die Gemeinde Mittelberg kehrte am 20. September 1945 offiziell zum österreichischen Bundesland Vorarlberg zurück.


Bekannt ist, dass das Tal außer zu Fuß über die Berge nur auf einer Straße über Bayern erreichbar war und noch heute ist; zur Gemeinde Mittelberg gehören die Orte Riezlern, Hirschegg und Baad. Aufgrund ihrer geografischen Lage wurde die Gemeinde 1891 als Zollanschlussgebiet dem deutschen Wirtschaftsraum angeschlossen. Der Vertrag darüber wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland neu geschlossen.


Abb. 8: Karte des Kleinwalsertals – die Einheimischen nennen es lediglich Walsertal, das seit über 100 Jahren zu einer beachtlichen und wichtigen Tourismusregion in den Allgäuer Alpen wurde.
Abb. 8: Karte des Kleinwalsertals – die Einheimischen nennen es lediglich Walsertal, das seit über 100 Jahren zu einer beachtlichen und wichtigen Tourismusregion in den Allgäuer Alpen wurde.

Ein besonderer Dank gilt dem Chronisten der Gemeinde Mittelberg, Herrn Stefan Heim, für die umfang- und hilfreiche Unterstützung bei der Recherche zum Mittelberger Notgeld 1945 vor Ort und für die Zusendung der entspr. Gemeinderatsprotokolle und Veröffentlichungsblätter.


Michael H. Schöne


Quellen:

Ulrich Nachbaur: „Vorarlberger Territorialfragen 1945 bis 1948“, Konstanz 2007

Peter Schwarz: „Eigenes Geld zur Stunde Null“ > Allgäuer Zeitung vom 17. Mai 2005, 20:30 Uhr (https://www.all-in.de)

WAG-Online oHG Arnsberg: Auktion 168 vom 8. März 2026, Los 539

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