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Bisher unbekannter Notgeldschein: Chemnitz 10 Reichsmark vom 7. Juni 1945

Nach Erscheinen des Notgeld-Katalogs „Zwischen den Fronten“ von 2014 wurden – wie immer vermutet – weitere Notgeldausgaben bekannt. Auch von Varianten zu bekannten Ausgaben wurde berichtet. Nach der Entdeckung im Jahr 2015 zu der Notgeldausgabe über 5 Reichsmark aus Radeburg vom 30. April 1945 folgte im September 2019 die Mitteilung vom Fund eines 20-Reichsmark-Scheins aus Crailsheim vom 5. Mai 1945.


Abb. 1: 5 Reichsmark vom 30. April 1945, bisher Unikat, ausgegeben von der Spar- und Girokasse Radeburg in Sachsen.

Abb. 2: 20 Reichsmark vom 5. Mai 1945, bisher Unikat, ausgegeben vom Kreisverband Crailsheim in Württemberg.


Und nun Chemnitz in Sachsen: nach über 75 Jahren, im August 2021 wurden Andrucke zu einem 10-RM-Schein bekannt. Die bei eBay angebotenen und getrennt gedruckten Vorder- und Rückseiten sind zweifelsfrei authentisch.


Abb. 3: 10 Reichsmark vom 7. Juni 1945, Vorderseite, einseitig schwarz auf grünem Unterdruck auf Halbkarton gedruckt, bisher Unikat, vom Oberbürgermeister von Chemnitz.

Abb. 4: 10 Reichsmark vom 7. Juni 1945, Rückseite, einseitig schwarz auf grünem Unterdruck auf Halbkarton gedruckt, bisher Unikat, vom Oberbürgermeister von Chemnitz.



Die Scheine sind 123 x 62 mm (Vorderseite) bzw. 118 x 61 mm (Rückseite) groß, die Blätter haben kein Wasserzeichen und auch keine Kontrollnummer. Auf der Vorderseite kann man jedoch den vorgesehenen Ausgeber lesen: Stadt Chemnitz.


Die zur Ausgabe vorgesehenen 10-Reichsmark-Gutscheine sollten außer im Stadtgebiet von Chemnitz auch im damaligen Landkreis Chemnitz umlauffähig sein. Der LK Chemnitz wurde kurzzeitig umstrukturiert und Grüna mit dem Kommandobefehl Nr. 5/1945 vom 2. Juni 1945 der US-Militärbehörde dem neuen selbstständigen Landkreis Limbach zugeschlagen.

Interessant ist u. a. die Serienbezeichnung „REIHE B 1“. Kann das bedeuten, dass es eine Reihe A 1 oder eine Reihe B 2 gegeben hat oder geben sollte – vielleicht auch für eine oder mehrere Wertstufen, 5 RM, 20 RM usw.?


Auf der Vorderseite findet sich die stilisierte Darstellung des Chemnitzer Rolands im grünen Unterdruck. Die Figur stammt vom Dresdner Bildhauer Alexander Höfer und befindet sich als fast fünf Meter hohes Standbild am erst 1911 eingeweihten Neuen Chemnitzer Rathaus.

Mit der Faksimile-Unterschrift des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Fritz Gleibe wurde der Geltungsbereich der Notgeld-Gutscheine für die Stadt sowie den Landkreis Chemnitz verfügt.


Die Stadtoberen von Chemnitz hatte sich bei Kriegsende entschlossen, ihre Stadt kampflos den US-Amerikanern zu übergeben, aber die alliierten Vereinbarungen sahen eine Demarkationslinie westlich von Chemnitz vor. Schon ab dem 16. April 1945 waren US-Truppen in Grüna einmarschiert. Der Ort gehört heute zur Stadt Chemnitz, war aber 1945 noch eigenständig. Nach vielen Verhandlungen zwischen amerikanischen und sowjetischen Offizieren blieben die US-Amerikaner vorerst in Grüna und Chemnitz blieb kurzzeitig besatzungsfrei. Die drittgrößte sächsische Stadt wurde erst am Tag der deutschen Kapitulation der Roten Armee übergeben.


Vom 8. bis zum 15. Mai 1945 amtierte der zwielichtige Wehrmachtsoffizier Ernst Ringe als Oberbürgermeister der Stadt und wurde danach von den sowjetischen Besatzern verhaftet; ihm folgte bis Mitte Juli 1945 der bisherige Stadtkämmerer Fritz Gleibe. Während seiner Dienstzeit als OB wurde die Ausgabe von Gutscheinen geplant und bis zum Druck von Musterscheinen vorangetrieben. Gleibe blieb bis Februar 1946 Leiter der Chemnitzer Finanzverwaltung und ging im August 1951 nach Niedersachsen.


Abb. 5: 20 Reichsmark 26. April 1945, Vorderseite, ausgegeben von der Sächsische Staatsbank Dresden.


Ein Bargeldmangel im April/Mai 1945 herrschte auch in Sachsen. In einigen Gebiet, vor allem in West- und Süd-Sachsen sind einige Notgeldausgaben bekannt, die das Fehlen an Banknoten mindern sollten. So ließ man in den letzten Kriegstagen Banknoten der Sächsischen Staatsbank in Niedersedlitz drucken. Von den fertiggestellten Scheinen zu 20 Reichsmark wurden noch am 11. Mai 1945 von Direktor Strauch Scheine in Höhe von 9,24 Mio. RM (in 462 Paketen zu 1.000 Stück) an die Reichsbankstelle Chemnitz ausgeliefert.


Es ist eigentlich kein Wunder, dass die Chemnitzer Notgelder nicht mehr fertiggedruckt oder gar ausgegeben wurden. Alle Drucksachen mussten von den sowjetischen Stadtkommandanten genehmigt werden und solch eine Genehmigung zum Druck von Geldscheinen wurde höchstwahrscheinlich nicht erteilt. Ähnliches kennt man vom 1945er Notgeld aus Cunewalde. Es sollten fünf Wertstufen mit dem Datum 30. Mai 1945 gedruckt werden. Am 11. Juni 1945 lag dort eine Druckerlaubnis durch den sowjetischen Kreiskommandanten noch nicht vor – ähnlich wird es möglicherweise auch in Chemnitz gewesen sein. Auch eine Druckerei konnte bisher noch nicht ausgemacht werden. Weitere Recherchen sind notwendig ... und irgendwann wird wieder weiteres, heute noch unbekanntes, 1945er Notgeld bekannt werden.


Ergänzung:


Wie am 13. September 2021 bekannt wurde, sind vom Chemnitzer Notgeld 1945 noch der Schein über 5 RM Serie A 1 und ein Fünfziger D 1 bei eBay aufgetaucht. Es sollte demnache auch einen Zwanziger mit Serie C 1 geben.


Michael H. Schöne

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