Die Kriegsgefangenen von Avignon

Ende 1921 gab der Hilfsausschuss des Avignon-Komitees einen Notgeldschein über 5 Mark aus, über den die "Westdeutsche Sammler-Rundschau" wie folgt berichtete:

„Das Notgeld der Not. Wenn je ein Notgeld Berechtigung hatte zu erscheinen, ist es der 50 Ctm.-Schein (5 Mk.) der Gefangenengemeinde Avignon, Frankreich. Über 60 deutsche Brüder fronen dort noch als gefangen und lassen hier ihre Angehörigen, alte Eltern, Frauen mit 305 Kindern größtenteils in traurigsten Verhältnissen zurück. Im Auftrag des Hilfsausschusses gibt das Avignon-Komitee Neuhaus i. Westf. (Dr. Huestedde, leit. Arzt des St. Andreas-Krankenhauses, Reg.-Medizinalrat Dr. Walz, Amtsrentmeister Joh. Bee) den Notgeldschein heraus. Kein Geringerer als Rudolf Herzog[1], Deutschlands beliebtester Dichter, hat auf Bitten der Gefangenen dem Schein einen flammenden Appell in Gedichtform beigegeben. Dieses Gedicht ziert die Rückseite des Scheins und die eigenhändigen Unterschriften sämtlicher Avignon-Gefangenen. Dies dürfte schon genügen, daß er der erste und der Ehrenschein jeder Notgeldsammlung wird. Aber auch der Nichtsammler wird gerne diesen seltenen Schein erwerben, um dazu beizutragen, den Aermsten der Armen eine Weihnachtsfreude zu bereiten und das Comitee in den Stand zu setzen, da überall in den Familien zu helfen, wo Hilfe dringend Not tut. Man wende sich rasch an das Avignon-Comitee Neuhaus i. Westfalen oder an die Gemeindekasse. Auch bei jedem Notgeldhändler wird der Schein in Kürze zu haben sein. Wir schließen diesen Hinweis mit Herzogs Worten: ‚Deutschland, es geht um die Treue!‘“[2]
Abb. 1: Avignon Gefangenengemeinde, Weihnachten 1921, 5 Mark – 50 ctms., Vorderseite.
Abb. 2: Avignon Gefangenengemeinde, Weihnachten 1921, 5 Mark – 50 ctms., Rückseite.

Dichtung und Wahrheit liegen, wie so oft, dicht beieinander. Mit Inkrafttreten des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920 begann der Abtransport der in französischer Hand befindlichen deutschen Kriegsgefangenen in die Heimat. Zurück blieben die gerichtlich wegen anderer Vergehen als solcher gegen die Disziplin bestraften deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. Sie wurden ab Ende März im Spezialdepot Avignon zusammengefasst. Gemäß Art. 219 des Friedensvertrags stand den alliierten und assoziierten Mächten das Recht zu, diese Gefangenen solange in Haft zu halten, bis sie ihre Strafe verbüßt hatten. Obwohl sich die deutsche Regierung von Anfang an für ihre Freilassung einsetzte, befanden sich im Juli 1920 noch 350 kriegsgerichtlich Verurteilte in und um Avignon, die zunächst vom Vertreter des Dänischen Roten Kreuzes in Paris, Herr Nosting, betreut wurden.

Die deutschen Kriegsgefangenen in Avignon waren in der Zeit vom 30. Juli 1920

bis 17. Oktober 1922 mehrfach Gegenstand von Abgeordneten-Anfragen im Deutschen Reichstag. Erst seit Anfang Juli 1920 bekamen deutsche Stellen Zugang zum Depot in Avignon und den angeschlossenen Arbeitslagern Cuers und Agay. Dem deutschen Vertreter Oberstleutnant Draudt gelang es, eine Reihe von Missständen in den Lagern zu beseitigen. Darüber hinaus unterstützte der Hauptausschuss für Kriegsgefangene bei der deutschen Friedensdelegation in Paris in der Zeit von Oktober 1919 bis November 1920 die Häftlinge in Avignon und Umgebung aus Reichsmitteln mit 38.650 französischen Francs. Hinzu kamen erhebliche Rotkreuzmitteln sowie private Spenden.

Daniel Stücklen, Reichskommissar für Zivilgefangene und Flüchtlinge im Reichsministerium des Inneren, führte anlässlich einer Anfrage im Reichstag aus, dass

„an Bekleidungsstücken, Nahrungs- und Genußmitteln, Zigarren und Zigaretten .. mehrfach umfangreiche, aus Reichsmitteln bestrittene Sendungen, darunter über 70.000 Zigarren und Zigaretten von der Hauptkommission in Paris nach Avignon überwiesen worden [seien]. Auf die Mitteilung des Hilfskomitees in Avignon Ende Oktober, daß die Unterwäsche in ungünstigem Zustand sei, und daß die Kriegsgefangenen deshalb mit einer gewissen Sorge an die kommende schlechte Witterung dächten, wurde in den ersten Novembertagen vom Hauptausschuß eine vollständige Wäscheausrüstung für jeden einzelnen Mann von je 1 warmen Hemd, 1 Unterhose, 1 Paar Strümpfen, sowie außerdem für jeden Mann eine große Wolldecke nach Avignon übersandt. … Die Kosten, die sich einschließlich der Verschickung auf über 17.000 Franken belaufen, wurden aus Reichsmitteln bestritten.“[3]

Dr. Köpke, Wirklicher Legationsrat im Auswärtigen Amt, erkärte vor dem Reichstag am 14. Juni 1921:

„Die deutsche Regierung hat es nicht unterlassen, ihre Bemühungen wegen der Freilassung der Gefangenen nachdrücklich fortzusetzen. Erst ganz kürzlich hat der deutsche Botschafter in Paris dem französischen Ministerpräsidenten persönlich in einer Unterredung nochmals die dringende Bitte um sofortige Begnadigung der Gefangenen vorgetragen. Wir hoffen, daß dieser Schritt nicht ohne Erfolg bleibt.“[4]

Auch im Bewusstsein der deutschen Gesellschaft waren die 115 Gefangenen, die in Frankreich noch festgehalten wurden, nicht vergessen. Am 13. Juni 1921 forderten Tausende auf Kundgebungen in Berlin, Leipzig, Breslau, Hannover, Hamburg, Mannheim und anderen Städten ihre Freilassung.


Abb. 3: Vossische Zeitung vom 13. Juni 1921, Abendausgabe.

Bei dieser emotionalen Betroffenheit der Öffentlichkeit und dem damaligen Interesse an Papiernotgeld, war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Scheine zugunsten der Gefangenen auf dem Sammlermarkt erschienen. Dass dabei die patriotische Einstellung und die Hilfsbereitschaft der Käufer genutzt wurde, ist sicherlich noch hinnehmbar, nicht jedoch, dass man dabei einem Schwindler aufsaß. Der Initiator dieser Ausgabe, der Schauspieler Julius von Bastineller aus Neuhaus in Westfalen, hatte reichlich Erfahrungen mit Schwindelausgaben. Zu keinem Zeitpunkt dachte er daran, seine beiden Notgeldscheine – 1 Mark vom 31. Dezember 1920 und 3 Mark vom 1. April 1921 – einzulösen. Wären die Sammler aufmerksamer gewesen, hätten sie entsprechende Hinweise auf dem Notgeld lesen können. Nun versuchte er sich an den

„Avignonscheine[n], mit deren Vertrieb noch immer genug bei denen zu holen ist, die nie alle werden. Die Aufschrift lautet: ‚5 Mark, 50 ctms. Notgeld herausgegeben von der Gefangenen-Gemeinde in Avignon. Einlösung: Der Tag der Freiheit. Avignon, Weihnacht 1921. Hilfsausschuss des Dépot Spécial des P. G. d’Avignon (4 Unterschriften). Vu: l’interprète du Dépot Spécial des P. G. d’Avignon.‘ Der Schein ist natürlich nie in Avignon gewesen, und nie hat ein ‚interprète‘ seinen Stempel darauf gedrückt. Der Bund der ehemaligen Kriegsgefangenen weiss auch nichts von diesem Notgeld und hat öffentlich davor gewarnt – schadet alles nichts, der Herr mit dem Adelsprädikat preist seinen Schein in Inseraten an. Die Franzosen haben dem Machwerk mit Beschlagnahme eines Postens in Bonn zuviel Ehre angetan,“

so Gustav Prange.[5] Es wäre sicherlich interessant zu erfahren, wie es von Bastineller schaffte, den renommierten Schriftsteller Herzog für sein Projekt zu gewinnen.


Abb. 4: Neuhaus b. Paderborn, Julius von Bastineller, 31. Dezember 1920, 1 Mark, Vorderseite.
Abb. 5: Neuhaus b. Paderborn, Julius von Bastineller, 31. Dezember 1920, 1 Mark, Rückseite.
Abb. 6: Neuhaus b. Paderborn, Julius von Bastineller, 1. April 1921, 3 Mark, Vorderseite.
Abb. 7: Neuhaus b. Paderborn, Julius von Bastineller, 1. April 1921, 3 Mark, Rückseite.

Die letzte Nachricht über die deutschen Kriegsgefangenen findet sich im Protokoll der 257. Reichstagssitzung vom 17. Oktober 1922: Nachdem der Präsident der Französischen Republik im März 1922 einen Gefangenen und im Mai einen weiteren begnadigt hatte und durch Dekret vom 28. September und 2. Oktober weitere 21 befanden sich im Oktober noch 5 deutsche Soldaten in französischer Haft. Diese hoffte die deutsche Regierung, auch bald frei zu bekommen.[6]

Anmerkungen

[1] Anm. d. Verf.: Rudolf Herzog [* 6. Dezember 1869 in Barmen (heute Stadtteil von Wuppertal); † 3. Februar 1943 in Rheinbreitbach] war ein deutscher Schriftsteller, Journalist, Dichter und Erzähler. Herzog war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Bestseller-Autor, die meisten seiner Bücher erreichten Auflagen von mehreren Hunderttausend. Diese erschienen zunächst meist bei Cotta, später im Vier-Falken-Verlag seines Sohnes. Quelle: Wikipedia

[2] Mitteilung in der Westdeutschen Sammler-Rundschau. Leider ist mir näheres nicht bekannt.

[3] Protokoll des Reichstags, 33. Sitzung, 23. November 1920, S. 1209 f.

[4] Protokoll des Reichstags, 113. Sitzung, 14. Juni 1921, S. 3844.

[5] Gustav Prange, Das deutsche Kriegsnotgeld, Eine kulturgeschichtliche Beschreibung, Band II, Görlitz 1922, S. 77 f.

[6] S. 8760.


Uwe Bronnert

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