„Eidgenossen, wacht endlich auf!“

Propagandaaufdrucke auf deutschen Inflations-Banknoten durch den schweizerischen, nationalsozialistischen Volksbund


Rückseite der Reichsbanknote vom 20. August 1923 zu 5 Millionen Mark mit dem Propagandaaufdruck des Volksbundes (Schweiz).

Vorderseite der Reichsbanknote vom 20. August 1923 zu 5 Millionen Mark mit dem Propagandaaufdruck des Volksbundes (Schweiz).

Ende der 1920er und namentlich in den frühen 1930er Jahren wuchs auch in der Schweiz die Kritik an der herkömmlichen Demokratie und vor allem an der als individualistisch-kapitalistischen empfundenen Wirtschaftsstruktur des Landes.

„Die Entwicklung antidemokratischer Bewegungen in den Nachbarländern – italienischer Faschismus, deutscher Nationalsozialismus, autoritäre christlichsoziale Bewegung in Österreich, Action Française – wirkte sich .. stimulierend auf eine solche Kritik aus.“1

Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Schweiz schwer, sodass die Exportindustrie bis 1934 auf ein Drittel ihres bisherigen Volumens sank und der Fremdenverkehr schrumpfte etwa auf die Hälfte. Die Zahl der Arbeitslosen stieg bei sinkenden Löhnen und steigenden Preisen bis 1936 auf 124.000. Wie in Deutschland erhielt die extreme Rechte hierdurch Auftrieb.


In der Schweiz, insbesondere im deutschsprachigen Teil, fand der deutsche Nationalsozialismus nach Hitlers Machtübernahme durchaus begeisterte Anhänger, die sich in „Fronten“ (politische Gruppierungen, Parteien) zusammenschlossen.

Diese Bewegung rekrutierte ihre Anhänger einerseits aus den antikommunistisch und antisozialistisch eingestellten Bürgerwehren, die im Sommer 1919 den Landes-Streik in Basel und Zürich bekämpften und andererseits aus den nationalkonservativen und häufig auch antisemitischen, rechtsstehenden bürgerlichen Parteien.

Die einflussreichste Gruppe innerhalb der zersplitterten und sehr vielfältigen Fronten-Bewegung war die Nationale Front, die im Herbst 1933 bei den nationalen Wahlen in Zürich deutlich den Sprung in den Schweizer Nationalrat schaffte und auch in Schaffhausen 27 % der Stimmen bei der Ständeratsersatzwahl errang. Insgesamt gelang es der Frontbewegung 125 Gemeinderatsmandate zu erobern.


Am 5. Oktober 1933 lösten sich Teile der Orts-Sektionen von Basel und Solothurn von der Nationalen Front und gründeten den Volksbund, dem sich Gruppen aus den Kantonen Bern, Aargau und Luzern anschlossen. Gauführer von Basel und Solothurn wurde Major Ernst Leonhardt. Der Volksbund vertrat eine besonders deutschfreundliche Politik und war stark antisemitisch. Bereits am 11. März 1934 kam es zur Spaltung des Volksbundes. Zwei führende Aktivisten, Oberst Emil Sonderegger und Hans Bosshard, verließen den Volksbund und schlossen sich der Volksfront an.

Im August 1934 traten Mitglieder des Nationalsozialistischen Eidgenössischen Kampfbundes dem Volksbund bei. Im Februar 1935 folgten die Mitglieder der Nationalsozialistischen Eidgenössischen Arbeiterpartei (NSEAP) / Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen (BNSE). Daraufhin nannte sich der Volksbund in Nationalsozialistische Schweizerische Arbeiterpartei (NSSAP) um.


Im Oktober 1938 verbot der Bundesrat Kundgebungen der NSSAP und am

10. November auch die Parteizeitung, deren Verkauf bereits seit dem 15. November 1935 am Zeitungskiosk verboten war und nur noch per Post verschickt werden durfte. Am 10. Dezember löste Leonhardt die NSSAP auf und flüchtete im März 1939, da ihm ein Prozess vor dem Bundesgericht drohte, in das benachbarte Deutsche Reich.2


Zu Propagandazwecken ließ der Volksbund die Rückseite freier deutscher Reichsbanknoten aus der Inflationszeit überdrucken (siehe Abbildung).

Die Abbildungen des 10-Millionen-Mark-Scheins vom 22. August 1923 und des

50-Millionen-Mark-Scheins vom 25. Juli 1923 mit dem Aufdruck sind bei Jürg Richter und Ruedi Kunzmann sicherlich nur als Beispiele anzusehen, wie die hier abgebildete Note zu 5 Millionen vom 20. August 1923 belegt.3

Die beiden erst genannten Werte haben zusätzlich am unteren Rand den Vermerk „Buchdr. Zentrum, Weisse Gasse 5, Basel“. Dieser fehlt beim Wert zu 5 Millionen Mark wegen des fehlenden Platzes.


Die zeitliche Zuordnung in die „frühen Zwanziger-Jahre“ im Katalog ist jedoch unzutreffend, da der Volksbund nur von Oktober 1933 bis (Februar?) 1935 bestand.


1) Peter Gilg und Erich Gruner, Nationale Erneuerungsbewegungen in der Schweiz 1925 – 1940, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 14. Jahrgang 1966, S. 6.

2) Nach Wikipedia, Volksbund (Schweiz): https://de.wikipedia.org/wiki/Volksbund_(Schweiz)

3) Jürg Richter und Ruedi Kunzmann, Die Banknoten der Schweiz, Regenstauf 2003,

S. 567, Kat.-Nr. KU11 a) und b).


Uwe Bronnert

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