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Geld als Kommunikationsmittel: Deutschnationale Propaganda auf Geldscheinen

Aktualisiert: 3. März 2022

Auf deutschen wie auch auf österreichischen Notgeld- und Serienscheinen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kommen neben antisemitischen Motiven und Texten auch zahlreiche patriotisch geprägte Ausgaben vor, die z.B. an die Gebietsverluste beider deutscher Staaten entsprechend der Friedensschlüsse von Versailles und St. Germain erinnern. Als Beispiele deutscher Serienscheine werden zwei verschiedene Ausgaben zu je 1 Mark des Nordseebads Wittdün auf Amrum gezeigt, die an abgetrennte deutsche und österreichische Gebiete erinnern. Der erste Schein zeigt die Marienkirche in Danzig.


Rückseite eines Serienscheins des Nordseebads Wittdün über 1 Mark ohne Datum (1921) mit Darstellung der berühmten Danziger Marienkirche und der Losung „Heil den unerlösten Brüdern“. (Sammlung des Autors)


Danzig war bis 1919 Hauptstadt der preußischen Provinz Westpreußen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Stadt und Umland durch die Alliierten vom Deutschen Reich abgetrennt und als „Freie Stadt“ unter den Schutz des Völkerbunds gestellt. Diese Lösung stellte einen Kompromiss zwischen der von Frankreich unterstützten polnischen Forderung zur Einverleibung Danzigs einerseits und dem von Großbritannien befürworteten Selbstbestimmungsrecht der zu über 95% deutschen Bevölkerung andererseits dar.

Es versteht sich von selbst, dass das Selbstbestimmungsrecht der deutschen Bevölkerung Danzigs nicht so weit ging, dass diese sich für einen Verbleib beim Deutschen Reich entscheiden durfte. Der deutsch-polnische Konflikt um Danzig sollte schließlich 1939 in den Zweiten Weltkrieg führen.


Rückseite eines Serienscheins des Nordseebads Wittdün über 1 Mark ohne Datum (1921) mit Darstellung des Andreas-Hofer-Denkmals in Meran im „geraubten Tirol“ und der Losung „Heil den unerlösten Brüdern“. (Sammlung des Autors)



Der zweite 1-Mark-Schein von Wittdün zeigt das Andreas-Hofer-Denkmal in Meran in Tirol,

das nach dem Krieg ab dem Brenner Italien zugeschlagen wurde und heute als Südtirol bekannt ist. Italien erhielt das deutsch besiedelte Land nach dem Krieg, weil es 1915 – obwohl mit Österreich-Ungarn und Deutschland verbündet – durch seinen Einmarsch in Österreich auf der Seite der Entente in den Krieg eingetreten war. Wie bereits berichtet, konnte Italien zwar sein Kriegsziel, auf kurzem Weg bis nach Wien vorzudringen, nicht erfüllen und wurde sogar besiegt, es wurden aber am Isonzo über Jahre erhebliche österreichische und deutsche Truppenkontingente gebunden, die damit an anderen Fronten fehlten und Franzosen, Briten und Russen Entlastung brachten. Wie mit dem Londoner Vertrag von 1915 zugesagt, verschenkten die Alliierten nach dem Krieg deshalb Land, das ihnen nicht gehörte, an Italien für dessen Bündnisbruch.


Es gibt mehrere Notgeldausgaben von Gemeinden aus Tirol, die an die Teilung erinnern und die Einheit des Landes anmahnen. Als Beispiele sollen hier Scheine aus Innsbruck und Jochberg gezeigt werden. Die Gemeinde Gries am Brenner zeigte auf ihren Notgeldscheinen eine Umrisskarte Tirols mit einem roten Herz und einer Trennlinie.


Rückseite eines Serienscheins des Innsbrucker Notgeldsammlerbunds über 75 Heller vom 1. Juni 1920 mit der Losung „Tirol den Tirolern! – Von Kufstein bis Salurn“. Vorderseite mit Tiroler Adler und der Forderung „Tirol deutsch und ungeteilt!“ (Sammlung des Autors)


Die Rückseite eines Notgeldscheins der Gemeinde Jochberg über 20 Heller ohne Datum (gültig bis 31. Januar 1921) zeigt einen Tiroler, der mit gesenkter Fahne nach Südtirol blickt, mit dem Spruch „Deutsche Brüder, ach, wie brennt die Seele uns in tiefen Schmerzen – Doch sind wir auch von Euch getrennt, so bleiben wir doch eins im Herzen.“ (Sammlung des Autors)


Rückseite eines Notgeldscheins der Gemeinde Eggelsberg in Oberösterreich über 75 Heller ohne Datum (Bewilligung vom 19. Juni 1920) mit Darstellung eines Mannes, der mit einer Axt ein Grenzschild beseitigt, und dem Spruch „Nehmt die verfluchte Grenze fort – Was deutsch ist will zusammen“. (Sammlung des Autors)


Rückseite eines Notgeldscheins der Gemeinde Gries über 25 Heller vom 15.10.1920 mit Darstellung des geteilten Tirols. (Sammlung des Autors)


Besonders von österreichischer Seite gab es Bemühungen zur Wiedervereinigung mit Deutschland, was auch beim Notgeld jener Zeit Spuren hinterlassen hat.

Auf nicht wenige Leser, die Geschichte allein aus der heutigen Sicht vermittelt bekommen haben, mag dieser Umstand vielleicht befremdlich wirken, aber hier handelt es sich nicht etwa um „rechte Propaganda“ einiger weniger Gemeinden oder von Nazi-Vereinen, die 1920/1921 in Österreich Notgeld ausgaben, sondern um den Ausdruck des allgemeinen Volkswillens jener Zeit.



Man bedenke, dass Österreich bis zur 1806 durch das napoleonische Frankreich erzwungenen Abdankung den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation stellte und noch 1866 den Deutschen Bruderkrieg gegen Preußen anführte. Erst danach kam es in der sog. „kleindeutschen Lösung“ zur Bildung des Norddeutschen Bunds ohne Österreich als Vorläufer des 1871 gegründeten Deutschen Reichs, während Österreich nach dem „Ausgleich“ mit Ungarn 1867 die Doppelmonarchie begründete, die nach dem Ersten Weltkrieg zerfallen sollte. Nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie wurde am

12. November 1918 eine Republik ausgerufen, die sich durch ihre Nationalversammlung den Namen „Deutschösterreich“ gab. Damit drückte man nicht nur nationale Identität aus, sondern in Artikel 2 des Gründungsgesetzes wurde außerdem festgeschrieben: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik...“.


Deutschösterreich beanspruchte den gesamten zusammenhängend deutsch besiedelten Raum des ehemaligen Österreich-Ungarns, darunter auch das Sudetengebiet sowie Südtirol. Mit dem Frieden von St. Germain wurde Deutschösterreich jedoch die Führung dieses Landesnamens untersagt und Österreich wurde – wie auch Ungarn und Deutschland – zerstückelt und territorial amputiert. Millionen Deutsche gerieten so als Minderheiten unter fremde Herrschaft, was – durchaus von Frankreich beabsichtigt – neue Konflikte schuf, die eine starke europäische Mitte verhinderten, allerdings auch ungewollt die

deutschnationale Bewegung förderten. Als bekannt wurde, dass die Alliierten in den Friedensverhandlungen den Staatsnamen „Deutsch­österreich“ verbieten würden, wurden in Österreich zahlreiche Vorschläge für einen neuen Staatsnamen unterbreitet, darunter „Südost-Deutschland“, „Alpen-Germanien“ oder „Donau-Deutschland“. Die Alliierten wollten jedoch jeden Bezug Österreichs zur deutschen Nation, wie auch einen einheitlichen deutschen Nationalstaat, verhindern. Mit dem Frieden von St. Germain legten sie den Staatsnamen „Republik Österreich“ fest. Selbst österreichische Monarchisten, die einen Zusammenschluss früher abgelehnt hatten, strebten nun gemeinsam mit den Deutschnationalen die deutsche Einheit an.


Gutschein der Landesregierung von Salzburg aus dem Jahr 1921 über 5 Kronen mit der Losung „Wir Deutsche wollen Deutsche sein!“. Ausgegeben zur teilweisen Deckung der Kosten für den Volksentscheid über den Anschluss an das Deutsche Reich. Bei der Volksabstimmung vom 29. Mai 1921 stimmten 99,3% für den Anschluss Österreichs.

(Sammlung des Autors)


Spendenschein der Verkaufsabteilung Wien des Bunds der Deutschen zur Erhaltung ihres Volkstums im In- und Ausland über 2 Kronen von 1921 mit der Forderung einer Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich.

(Sammlung des Autors)


Im April 1921 ließ der Tiroler Landtag eine Volksabstimmung durchführen, bei der sich 98,8% der Bevölkerung für den Anschluss an Deutschland aussprachen. Eine am 29. Mai 1921 im Land Salzburg durchgeführte Abstimmung ergab sogar eine Zustimmung von 99,3% aller abgegebenen Stimmen. Der oben abgebildete Spendenschein – wegen der umseitigen Bezeichnung „Südmark“ (Bezeichnung für Österreich als deutsche Südmark) auch als „Südmarkspende“ bekannt – forderte eine Volksabstimmung für ganz Österreich. Auf der Rückseite wird der damalige Präsident des Nationalrats der Republik Österreich, Dr. Franz Dinghofer, vom Mai 1921 zitiert:

„Das Wort vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, in die Welt gerufen als Friedensbotschaft, dann verleugnet und schändlich miss­braucht, es durchhallt weiter die Welt und wird nicht früher verklingen, bis nicht wahr wird, was es ausdrückt. Wie trotz aller Ränke und Schliche Lüge nicht in Wahrheit umgefälscht, Knechtschaft und Vergewaltigung nicht als Freiheit und Recht ausgegeben werden kann, so kann nie das Recht der Völker auf Selbstbestimmung zu einem Recht einzelner Völker auf Unterdrückung anderer Völker werden. Noch glaubt die Welt, das heilige Recht des deutschen Volkes mit Füßen treten zu können, doch: ‚Die Zeit eilt, teilt und heilt‘ und ‚Nur wer sich wehrlos aufgibt, wird zum Knecht.‘ So ist auch die Volksabstimmung über den Anschluss nur ein Schritt auf dem Weg zur Erkämpfung unseres Rechtes.“

„Südmark“-Spende über 2 Kronen von 1921 mit Dar­stellung eines von feindlichen Schlangen umgebenen deutschen Recken, der ein Hakenkreuz erhebt.

(Sammlung des Autors)


Weitere Volksabstimmungen wurden jedoch durch die alliierten Garantiemächte des Friedensvertrags, die eifrig im „Völkerbund“ das Selbstbestimmungsrecht aller Völker propagierten – allen voran durch Frankreich – unterbunden. Für den Fall, dass in Österreich weitere Abstimmungen folgen sollten, wurde u.a. mit dem Ende von Auslandskrediten an das wirtschaftlich geschwächte Land gedroht. Selbst eine gesamtdeutsche Zollunion, die 1931 gebildet werden sollte, wurde von den Alliierten verhindert.

Andere „Südmark“-Spendenscheine erinnern an Städte und deutsche Siedlungsgebiete, die von Österreich abgetrennt wurden, wie Ödenburg in Deutschwestungarn (heute: Sopron in Ungarn), Marburg an der Drau in der Südsteiermark (heute: Maribor in Slowenien), an Brünn, Troppau und Eger in Böhmen und im Sudetenland (heute: Brno, Opava und Cheb in der Tschechischen Republik), Bozen in Südtirol (heute: Bolzano in Italien) oder Pontafel in Kärnten (heute: Pontebba in Italien).


Zu den patriotischen Ausgaben zählen auch „Abstimmungsscheine“, Kolonial-Gedenkausgaben sowie Protestausgaben gegen die Folgen der Friedensschlüsse von 1919.


Hans-Ludwig Grabowski



Literaturempfehlung:


Hans-Ludwig Grabowski /

Wolfgang Haney (Hrsg.):

"Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck …"


Für politische Zwecke und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs


Titel: Battenberg Verlag

ISBN: 978-3-86646-122-2

Auflage: 1. Auflage 2015

Format: 17 x 24 cm

Abbildungen: durchgehend farbig

Cover-Typ: Hardcover

Seiten: 280

Preis: 29,90 Euro


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