Geldgeschichtliche Hinterlassenschaften des Kapp-Putsches 1920

In der Revolutionszeit nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich in Ermanglung zuverlässiger Truppen sog. Freikorps. In diesen den militärischen Kommandostellen des Reichs unterstehenden Freiwilligen-Verbänden mit einer Stärke von bis zu 400.000 Mann scharten sich entwurzelte, im Krieg sozialisierte Frontkämpfer in blindem Gehorsam um ihre Führer. Die Reichsregierung setzte die politisch zweifelhaften, mitunter deutlich antidemokratischen, Freikorps zur Sicherung der Ostgrenzen, aber auch im Inneren gegen Aufständische ein.


Im März 1920 ordnete die Reichsregierung den im Friedensvertrag vereinbaren Abbau der Streitkräfte an. Der Vertrag gestattete Deutschland nur noch ein Heer von 100.000 Mann. Der für Ost- und Mitteldeutschland zuständige Reichswehrgruppenkommandeur General der Infanterie Walther Freiherr von Lüttwitz [* 2. Februar 1859 auf Jagdschloss Bodland (Schlesien); † 20. September 1942 in Breslau] war ein scharfer Gegner der Abrüstung. Er stellte am 10. März dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert ein Ultimatum: Auflösung der Nationalversammlung, Neuwahlen zum Reichstag, Volkswahl des Staatsoberhauptes und Entlassung des Reichswehrministers Gustav Noske wegen Insubordination. In der Nacht vom 12. auf den 13. marschierten 6000 Soldaten der reaktionären Marinebrigade Ehrhardt, die Noske am 29. Februar für aufgelöst erklärt hatte, von Döberitz über die Heerstraße nach Berlin und ins Regierungsviertel.

Gegen 23 Uhr erfuhr die Reichsregierung davon. Reichswehrminister Gustav Noske verlangte nun, dass sich reguläre Reichswehrverbände dem Freikorps entgegenstellen sollten. Doch die Offiziere um den Chef des Truppenamtes, General Hans von Seeckt, fürchteten um den Zusammenhalt ihrer Verbände und lehnten ein Eingreifen ab. „Truppe schießt nicht auf Truppe“, so die von Seeckt zugeschriebenen Worte.

Nach einer fast die ganze Nacht währenden Sitzung lehnte das Kabinett die Forderungen ab und floh gegen fünf Uhr morgens aus Berlin Richtung Dresden.

Später nahm die Regierung ihren Sitz in Stuttgart.


Am Morgen erklärte der ostpreußische General-Landschaftsdirektor Wolfgang Kapp [* 24. Juli 1858 in New York City, USA; † 12. Juni 1922 in Leipzig] die Reichsregierung für abgesetzt und sich zum neuen Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten sowie General von Lüttwitz zum Oberbefehlshaber der Reichswehr.


In ihrer Not riefen Reichspräsident und SPD-Minister zum Generalstreik auf.

Dieser „nahm alsbald eine derartige Ausdehnung an, daß man ihn den vollständigsten in der Geschichte genannt hat.“[1] Hauptsächlich dieser von der Arbeiterbewegung getragene Generalstreik führte, neben der Weigerung der Beamten, sich den Putschisten zur Verfügung zu stellen, zum Scheitern der Kapp-Diktatur innerhalb von nur fünf Tagen.


„Als die alte Regierung nach Berlin zurückgekehrt war, erkannte sie, daß das Ergebnis ihrer Abschiedskundgebung, der Generalstreik, eine neue schwere Gefahr heraufbeschworen hatte. Erst am 23. März war in Berlin der Streik offiziell beendet. In Sachsen, Thüringen und Mecklenburg und besonders in dem großen, an den Rhein grenzenden Industriebezirk von Westfalen, blieb die Lage sehr gespannt.“[2]

Hier beschränkte sich der Widerstand nicht nur auf den Generalstreik, sondern Kommunisten und Vertretern der USPD und SPD gebildeten spontan Volksräte, die die lokale Macht übernahmen. Zur Abwehr des Staatsstreiches bildeten sie proletarische Selbstschutzeinheiten. Den etwa 50.000 Arbeiter-Soldaten gelang es innerhalb weniger Tage, das gesamte Revier zwischen Hamm im Osten, dem Rhein im Westen, der Lippe im Norden und der Wupper im Süden unter ihre Kontrolle zu bringen.


Carl Severing, Reichs- und preußischer Kommissar für das Ruhrgebiet, suchte den Ausgleich, um militärische Gewaltanwendung zu vermeiden. Vertreter des Reichs, der Stadtverwaltungen, der Gewerkschaften und der Parteien vom Zentrum bis zu den Kommunisten schlossen am 24. März 1920 in Bielefeld ein Abkommen, das auf dem Berliner Acht-Punkte-Programm[3] basierte.


Da sich ein Teil der Roten Armee weigerte, die Waffen abzuliefern, ließ die Reichsregierung Freikorps und Reichswehrtruppen, die unter dem Befehl des in seiner politischen Loyalität gegenüber der Republik zwielichtigen Generals Watter standen, ins Ruhrgebiet einmarschieren. Erst Anfang April endete der von beiden Seiten ohne Pardon geführte „Ruhrkrieg“ mit etwa 1300 Toten, überwiegend in den Reihen der Selbstschutzverbände.


Natürlich behinderte der Putsch auch die Geldversorgung durch die Reichsbank, da sie vom Generalstreik im Post- und Eisenbahnverkehr ebenfalls betroffen war.

Das Schreiben des Reichsbank-Direktoriums an den Reichskanzler vom 29. März 1920 zeigt eine Reihe von Problemen auf.[4] Erst seit dem 25. März, dem Tage der Aufhebung der Postsperre, konnte die Reichsbankhauptkasse wieder Geld an die Reichsbankstellen versenden. „Von allen Teilen des Reiches, insbesondere aus dem Ruhrgebiet, liefen fortdauernd dringendste telephonische Notschreie nach Geldüberweisungen ein.“

Nach den Vorkommnissen im Ruhrgebiet – hier herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände – hatte das Reichsbank-Direktorium größte Bedenken, diesen Wünschen nachzukommen.


Am 25. März 1920 erschien der Essener Abgeordnete (zur Preußischen Landesversammlung) Kloft und forderte in „denkbar schärfster Form“ die sofortige Zahlungsmittelausstattung der Reichsbank in Essen. Auch Postminister Giesberts, der von seinem Besuch des Ruhrgebiets zurückgekehrt war, erwiderte auf Einwand des Reichsbank-Direktoriums wegen der Geld-Versendung nach Duisburg, dass „auch Duisburg sofort zu versorgen [sei], um nicht durch Vorenthaltung der Lohnzahlungen auch die regierungstreuen Arbeiter in das Lager der Kommunisten zu treiben.“ Daraufhin gingen unverzüglich rund 280 Millionen Mark ins Ruhrgebiet ab.


Am 27. nachmittags traf dann die folgende Hiobsbotschaft von der Reichsbankanstalt

in Duisburg ein:

„Revolutionäres Exekutivkomitee hat mit bewaffneter Macht und unter Androhung äußerster Gewalt unserem Tresor 1 Million entnommen und verlangt weitere Beträge. Erbitten Verhaltensregeln telegraphisch.“

Die Antwort aus Berlin war wie zu erwarten:

„Revolutionärem Exekutivkomitee sind Zahlungen unbedingt zu verweigern. Tresorschlüssel sind zu beseitigen, nötigenfalls zu vernichten. Laßt es auf gewaltsames Öffnen des Tresors ankommen. Bank ist weiter geschlossen zu halten. Reichsbank Havenstein, v. Glasenapp.“

Ferner erhielten die beiden Vorstandsbeamten vom Exekutivkomitee die Weisung:

„fortan nur noch Auszahlungen zu leisten, wenn von den Unternehmen die Lohnlisten vorgelegt und jedes mal eine Genehmigung vorgezeigt werde von dem Vorsitzenden des betreffenden Werks-Arbeiter- oder Beamten-Ausschusses, daß dieser mit der Auszahlung der Beträge einverstanden sei.“[5]

In den folgenden Zeilen schilderte Bankdirektor Rodewyk die weiteren Vorkommnisse. Um den noch

„etwa 5 ½ Millionen Mark betragenden Tresorbestand vor weiterer Beraubung durch die rote Exekutiv zu retten, habe ich mich während des letzten Sonntags (den 28. d. M.) mit den lohnbedürftigen Duisburger Werken, Firmen und Behörden in Verbindung gesetzt und sie veranlaßt, am 29. in aller Frühe gegen von den betreffenden Ausschüssen bescheinigte Schecks die Lohngelder in so hohen Beträgen abzuheben, daß beim Mittagsschluß das Bargeld der Reichsbankstelle bis auf einen Rest von ca. 100.000 M verausgabt und damit dem Zugriff des revolutionären Vollzugsrates glücklich entzogen war.“

Die Auszahlungen blieben nicht unentdeckt. Der Vollzugsrat ließ die beiden Vorstandsbeamten, die sich während der Mittagspause in ihren Wohnungen aufhielten, in das Bankbesprechungszimmer holen, wo es

„zu bösen Auseinandersetzungen kam. Schließlich erklärte das Vorstandsmitglied des Exekutiv-Komitees Koch: ‚Sie haben unsere ganze Arbeit sabotiert, nun werden wir zu Gegenmaßregeln schreiten‘.“

Da der Bankvorstand nach dieser Drohung um das Wohl der Mitarbeiter und ihre persönliche Freiheit fürchtete, rieten sie diesen die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Der Bankdirektor Rodewyk selbst fuhr, ohne das Geringste mitzunehmen, mit der Straßenbahn in das von den Belgiern besetzte Duisburg-Ruhrort. Später reiste er nach Billerbeck bei Münster i. Westf., wo er „Asyl“ beim Apotheker Rave fand.


Am 31. März meldete Wittens Oberbürgermeister vertraulich an die Reichsbankfiliale in Witten, dass er befürchte, dass sich die Aufständischen gewaltsam der Geldbestände bemächtigen würden, „da die Centralleitung keine Gelder mehr .. [habe], um die an der Front Kämpfenden auszulöhnen.“[6] Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch ungefähr ½ Million Mark im Tresor. Der Bestand konnte vermindert werden, indem ein größerer Betrag gegen Scheck an einen Vertrauensmann übergeben werden konnte. 17.000 Mark in Silber wurden so gut es ging versteckt. Die verbliebenen 320.000 Mark versuchte man heimlich zur Reichsbank in Langendreer zu schaffen.

„Wir glaubten dies um so unauffälliger machen zu können, als das in Beuteln vorschriftsmäßig verpackte Geld zu Lohnzwecken für die dortigen Zechen verbraucht werden konnte, zumal uns von Wittener Arbeitern mitgeteilt war, daß z. B. Zeche Bruchstraße nur 60 % ausgelöhnt hatte.“

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen war dies beobachtet worden.

„Bankvorstand Lehmann und Geldzähler Leitner wurden mit vorgehaltenem Revolver aus der elektrischen Straßenbahn geholt und gezwungen, mit dem Geld nach Witten zurück zu kehren.“

Das Geld wurden trotz der Aussagen über die Bestimmung des Geldes gegen Quittung beschlagnahmt und vorläufig in einem Schließfach der städtischen Sparkasse untergebracht und drei Posten mit scharf geladenem Gewehr bewachten das Bankgebäude.


„Am 2. April, Charfreitag abends erfuhren wir, daß der Centralrat von dem beschlagnahmten Gelde bereits M 125 000 abgehoben habe. Auf unser Befragen erklärte uns der Sparkassendirektor, daß sich die Herren gewaltsam Einlaß verschafft und sich des Geldes bemächtigt haben. Inzwischen war nämlich der Friede zu Münster[7] geschlossen worden und die rückkehrenden Wittener Truppen hatten dem Centralrat gedroht[,] ihn zu erschießen, wenn sie nicht ihren rückständigen Sold erhielten.“

In der Frühe des Ostersonntags wurde bekannt, dass in der Nacht die „Haupträdelsführer“ des Centralrats im Auto die Stadt verlassen hätten. Vermutlich aus Angst vor den heranrückenden Reichswehrtruppen.


Um die restlichen 195.000 Mark zu retten, wandte sich der Bankvorstand an die Staatsanwaltschaft in Bochum und erwirkte in den späten Abendstunden einen Beschluss, durch den der Reichsbank die Schließfachschlüssel auszuhändigen waren. Bleibt noch anzumerken, dass mit Hilfe der Kriminalpolizei von den geraubten 125.000 Mark noch 1.520 Mark wiederbeschafft werden konnten.[8]


Etwa zur gleichen Zeit nahm der Buchhalterei-Assistent Winter in Berlin ein Telefongespräch eines Mitarbeiters der Reichsbankstelle Mülheim (Ruhr) an.[9]

In seinem Bericht heißt es:

„Den Namen und den Dienstgrad des Anrufenden habe ich nicht verstehen können. Ob der Anrufende überhaupt ein Reichsbankbeamter war, vermochte ich nicht festzustellen. Er erklärte, die Bestände in Mülheim seien vollkommen aufgebraucht. Er brauche notwendig mindestens 20 Millionen M in Fünfzigmarkscheinen und bitte, sie sobald wie möglich zu senden.“

Im Verlauf des Gespräches stellte sich heraus, dass der Anrufer auf Veranlassung des Vollzugsrates telefonierte. Natürlich kam die Hauptkasse in Berlin diesem Verlangen nicht nach.


Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet kam es in und kurz nach diesen Ereignissen zu einer Reihe von Notgeldausgaben, die Keller in seinem Katalog zu den Großgeldscheinen als eigene Gruppe aufnahm:[10]


Abb. 1.1: Düren, Stadt, 8. April 1920, 100 Mark, Vorderseite.

Abb. 1.2: Düren, Stadt, 8. April 1920, 100 Mark, Rückseite.


Im folgenden Jahr ließ die rheinische Stadt die Scheine zu Kleingeldscheinen überdrucken. Jeder 100-Mark-Schein ergab jeweils drei 25-, 50- bzw. 75-Pfennig-Werte. Diese Serienscheine tragen das Ausgabedatum 21. Juni 1921.


Abb. 2.1: Essen, Fried. Krupp Aktiengesellschaft, 6. April 1920, 50 Mark, Vorderseite.

Abb. 2.2: Essen, Fried. Krupp Aktiengesellschaft, 6. April 1920, 50 Mark, Rückseite.


Mit gleichem Datum wurde auch ein Schein zu 20 Mark emittiert, ferner 20- und 50-Mark-Scheine mit Datum vom 29. März 1920. 1-, 2- und 5-Mark-Scheine der 1918er Ausgabe erhielten einen rückseitigen Stempelaufdruck „… wird bis 15.5.1920 in Zahlung genommen“.


Von der spartakistischen Stadtverwaltung in Gladbeck sind 50-Mark-Scheine mit dem Datum vom 2. April 1920 bekannt.


Die Bürgermeisterei Heiligenhaus, in der Nähe Düsseldorfs, setzte Nominale zu 5, 10, 20 und 50 Mark in Umlauf. Die einseitig bedruckten Gutscheine unterscheiden sich nur in Größe und Wertaufdruck. Sie kommen meist mit dem Entwertungsstempel „Bezahlt“ vor.


Abb. 3: Heiligenhaus, Bürgermeisteramt, 18. März 1920, 10 Mark, Vorderseite.


Die Stadt Köln ließ bei der Druckerei Bachem in Köln 20- und 100-Mark-Gutscheine auf Papier mit dem Wasserzeichen „Rheinische Wellen“ drucken. Die Scheine sind auf den 20. März 1920 datiert.


Die Sieg-Post, Nr. 251 vom 28. Oktober 1922 meldete:

„Wissen 28. Okt. Heute Vormittag wurden in der hiesigen Bahnhofswirtschaft zwei Kerle beobachtete, die ganze Pakete Kölner Stadtgeld aus dem Jahr 1920 (!) bei sich trugen. Offenbar handelte es sich um Falschgeld, da Köln 1920 kein Stadtgeld ausgegeben hat. Es ist also Vorsicht dringend geboten. Die Kerle entkamen mit dem Kölner Schnellzug gegen 11.30 Uhr.“

Gut, dass die „Kerle“ entkamen, so blieb den Polizisten die Peinlichkeit erspart, unbescholtene Bürger festgenommen zu haben, denn das 1920er Stadtgeld wurde 1922 von der Stadt Köln in Umlauf gesetzt.


Abb. 4.1: Köln, Stadt, 20. März 1920, 20 Mark, Vorderseite.

Abb. 4.2: Köln, Stadt, 20. März 1920, 20 Mark, Rückseite.


Abb. 5.1: Köln, Stadt, 20. März 1920, 100 Mark, Vorderseite.

Abb. 5.2: Köln, Stadt, 20. März 1920, 100 Mark, Rückseite.


Die Stadt Solingen ließen noch Gutscheine zu 5, 10, 20 und 50 Mark mit dem Datum vom 1. Mai 1920 drucken.


Abb. 6.1: Solingen, Stadt, 1. Mai 1920, 10 Mark, Vorderseite.

Abb. 6.2: Solingen, Stadt, 1. Mai 1920, 10 Mark, Rückseite.


Ähnliche Verhältnisse wie im Ruhrgebiet herrschten auch in Thüringen und Sachsen.

Ein undatierter Serienschein der Stadt Suhl zu 50 Pfennig erinnert auf der Rückseite an die Ereignisse des 15. März 1920: „Im grünen Wald die rote Stadt[,] die ein zerschossenes Rathaus hat“. In den frühen Morgenstunden marschierte die Reichswehr in Suhl ein und besetzte kampflos Bahnhof, Post und Rathaus. Zu ersten Kampfhandlungen kam es wenige Stunden später, als Zella-Mehliser und Suhler Arbeiterkampfverbände mit requirierten Panzerwagen zunächst Bahnhof und Post freikämpften und später Zella-Mehliser und Albrechtser Einheiten in die Stadtmitte vorrückten und das Suhler Rathaus unter Beschuss nahmen. Nach zwölfstündiger Belagerung strecken die Putschisten die Waffen.[11]


Abb. 7.1: Suhl, Stadt, o. D., 50 Pfennig, Vorderseite.

Abb. 7.2: Suhl, Stadt, o. D., 50 Pfennig, Rückseite.


Der zweite Serienschein erinnert an die Zerstörung des Leipziger Volkshauses in der Zeitzer Straße am 19. März 1920 durch die Reichswehr. Am 14. März rief die USPD zu einer Kundgebung zur Unterstützung der rechtmäßigen Reichsregierung auf dem Augustusplatz auf. Als sich die Demonstrationszüge aus den Stadtteilen dem Platz näherten, wurden sie von Angehörigen des Zeitfreiwilligenregiments, das aus Studenten der Universität bestand und die mit Kapp und Lüttwitz sympathisierten, und Teilen des Reichsregiments 37 unter dem Kommando General Senft von Pilsach am Roßplatz, am Johannisplatz, am Hauptbahnhof und am Fleischerplatz unter Feuer genommen.

Bei diesem Vorfall, der als Leipziger Blutsonntag in die Annalen einging, wurden allein am Augustusplatz 40 Demonstranten getötet und mehr als 100 verletzt.[12]


Als Antwort auf das brutale Vorgehen der Putschisten organisierten sich Arbeiterwehren. Sie errichteten Barrikaden und Straßensperren und setzten den Aufständischen so zu, dass sich die Reichswehr am 18. März zum Waffenstillstand bereit erklärte, der jedoch bereits einen Tag später vom Militär gebrochen wurde. Als sich viele Leipziger zur Beerdigung der Gefallenen auf dem Südfriedhof befanden, schoss die Reichswehr das Volkshaus, dass sie als Hauptquartier der Spartakisten ansahen, in Brand.


Um Mittel für den Wiederaufbau zu erhalten, wurden vier Serien zu je vier 50-Pfennig-Gutscheinen ausgeben. Diese Scheine sind einheitlich gestaltet. Die Vorderseite bildet in der Mitte das Volkshaus ab und ist unterschrieben mit „TROTZ ALLEDEM“. Die Rückseite zeigt das brennende Gebäude und ist überschrieben mit „HELFT UNS!“.

Die Spendenscheine unterscheiden sich nur in der Farbe:

  1. Vorderseite blau, Rückseite blau, braun, grau und olivgrün

  2. Vorderseite braun, Rückseite blau, braun, grau und olivgrün

  3. Vorderseite grau, Rückseite blau, braun, grau und olivgrün

  4. Vorderseite olivgrün, Rückseite blau, braun, grau und olivgrün


Abb. 8.1: Leipzig, Volkshaus, o. D., 50 Pfennig, Vorderseite.

Abb. 8.2: Leipzig, Volkshaus, o. D., 50 Pfennig, Rückseite.


Zum Abschluss sei noch auf zwei Notgeldausgaben hingewiesen, die während der Zeit des Kapp-Putsches von der sächsischen Stadt Limbach bzw. den thüringischen Städten Ruhla ausgegeben wurden.


Abb. 9.1: Limbach, Stadt, o. D., 20 Mark, Vorderseite.

Abb. 9.2: Limbach, Stadt, o. D., 20 Mark, Rückseite.


Abb. 10.1: Ruhla, Städte, 3. April 1920, 20 Mark, Vorderseite.

Abb. 10.2: Ruhla, Städte, 3. April 1920, 20 Mark, Rückseite.


Die Forderungen der Arbeiter wurden nicht erfüllt. Auf Druck von SPD und Gewerkschaften musste zwar Reichswehrminister Noske und mit ihm das gesamte Kabinett Bauer zurücktreten, doch eine konsequente Säuberung der Reichswehr erfolgte nicht. Kein einziger Soldat wurde wegen Beteiligung am Umsturz zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.


Uwe Bronnert

Anmerkungen:

[1] General Henry T. Allen, Zehn Jahre Fremdherrschaft am deutschen Rhein, Die amerikanische Besatzung des Rheinlands, nach dem Tagebuch, Berlin o. D., S. 137.

[2] Ebenda, S. 137 f.

[3] Die Gewerkschaften und die SPD hatten u. a. die Sozialisierung des Bergbaus und der Montanindustrien, die konsequente Säuberung der Reichswehr, Bestrafung der Schuldigen und den Rücktritt des bei den Arbeitern verhassten Reichswehrministers Noske gefordert.

[4] BA Berlin, R43-I-629, Bl. 108 f.

[5] Ebenda, Bl. 116 f., Anlage (Bericht des Ersten Vorstandsbeamten, Herrn Rodewyk, vom 30. März 1920) zum Schreiben des Reichsbank-Direktoriums an den Reichskanzler vom 1. April 1920.

[6] Ebenda, Bl. 148, Auszug aus einem Bericht der Reichsbanknebenstelle Witten vom 6.4.1920.

[7] Anm. d. Verf.: Am 31. März 1920 verlangte die Reichsregierung von der Roten Armee die sofortige Kapitulation, Waffenabgabe innerhalb von 48 Stunden und Auflösung ihrer Organisationsstrukturen, während die Reichswehr mit dem Einmarsch ins Ruhrgebiet begann. Diesem Ultimatum, das als „Friede von Münster“ bekannt wurde, war bereits drei Tage zuvor ein ähnliches von General Watter vorausgegangen, woraufhin der Generalstreik im Ruhrgebiet wieder voll aufgeflammt war.

[8] BA Berlin, R43-I-629, Bl. 147, Schreiben des Reichsbank-Direktoriums an den Reichskanzler vom 14. Mai 1920.

[9] Ebenda, Bl. 118 f., Anlage (Abschrift einer Anzeige des Buchhaltereiassistenten Winter) zum Schreiben des Reichsbank-Direktoriums an den Herrn Reichskanzler vom 31. März 1920.

[10] Dr. Arnold Keller, Katalog Großgeldscheine 1918 – 1921, unveränderter Nachdruck der 3. Auflage 1955, München 1976, S. 91 f, Kat.-Nr. 553 – 560.

[11] Vgl. Geschichte des antifaschistischen Widerstandes in Südthüringen 1933–‘45 – Teil I, https://www.autistici.org/agst/alerta/04-geschichte-des-widerstandes-i.html (16.11.2020)

[12] Vgl. Der Kapp-Putsch 1920 in Leipzig, < https://research.uni-leipzig.de/agintern/UNIGESCH/ug222d.pdf> (16.11.2020)


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