Serienscheine des Turn- und Spielvereins Vesalia 08, Oberwesel, Rh.

Die ersten Notgeldscheine wurden aus der Not geboren. Sie ersetzten das fehlende Kleingeld. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wurden sie jedoch auch zu einem begehrten Sammelobjekt und besonders zu Beginn der 1920er Jahre sahen viele Kommunen in ihnen eine Möglichkeit, eine lukrative Einnahmequelle zu generieren. Bald gaben selbst Privatpersonen, Unternehmen und Vereine ihr eigenes „Notgeld“ aus, das einzig der eigenen Gewinnmaximierung diente. Eine Reihe von Sportvereinen beteiligte sich ebenfalls an diesem Treiben. Über Ausgaben des Turnvereins Coblenz-Lützel und des Weilburger Rudervereins wurde bereits in diesem Blog berichtet.

Heute werden Scheine des Turn- und Spielvereins Vesalia 08, Oberwesel, vorgestellt.

Um die Jahrhundertwende breitete sich, von England kommend, auch in Deutschland eine neue Sportart aus. Wie auch in vielen anderen deutschen Orten trafen sich junge Leute, um Fußball zu spielen. Am Rhein in Oberwesel schlossen sich 17 begeistere Fußballer zusammen und gründeten 1908 den Verein; der Name "Vesalia" geht dabei auf den alten römischen Namen von Oberwesel zurück. 1912 wurde der Sportbetrieb um eine Turnabteilung erweitert und ein Jahr später kam eine Box- und Ringerabteilung hinzu. Am Ende des Ersten Weltkriegs kam es noch zur Gründung einer Leichtathletik-Abteilung.

Der Verein nahm die Bezirksmeisterschaften am 19. Juni 1921 in Oberwesel zum Anlass, eine Serie von fünf Notgeldscheinen zur Erinnerung zu emittieren. Die Vorderseite ist bei allen Scheinen einheitlich gestaltet. In der Mitte die Stadtansicht mit dem Rotem Turm, der Liebfrauenkirche und der Ruine der Schönburg:

Der Rote Turm wurde um 1250 erbaut und sicherte das südliche Stadttor der Freien Reichsstadt Oberwesel, durch das eine alte Heerstraße führte. Sie war im Mittelalter wohl eine der wichtigsten Verbindungen im ganzen Reich. Wie viele Engländer entdeckte auch der Erlanger Hofmaler Carl Haag auf einer Rheinreise die Romantik. Er erwarb 1864 für 150 Taler die Ruine des Roten Turmes und baute sie 1865 zu einem Atelier um; seit dieser Zeit heißt der Rote Turm auch Haags Turm. Das zweite Wahrzeichen Oberwesels ist die Liebfrauenkirche, mit deren Bau 1308 begonnen wurde. Sie gilt aufgrund ihrer Architektur und ihrer Ausstattung als eine der bedeutendsten hochgotischen Kirchen im Rheinland, Prunkstück ist der Goldaltar, der einer der ältesten hochgotischen Schrein-Altäre in Deutschland ist. Von der reichen mittelalterlichen Ausmalung sind noch 25 Wandbilder erhalten. Im Hintergrund ist die Silhouette der Schönburg skizziert. Auf einer bewaldeten Anhöhe gelegen, fand sie 1149 erstmals urkundliche Erwähnung. Die im 12. Jahrhundert begonnene Burg wurde im 13. Jahrhundert zur Ganerbenburg mit insgesamt drei Bergfrieden erweitert.

Unter dieser Ansicht: „NUR GÜLTIG INNERHALB DES VEREINS BIS 1.IV.22 OBERWESEL, 1. IX.21". Dass die Scheine einzig der Geldbeschaffung dienten, beweist der umlaufende Text am Rand: „ZIEH HINAUS IN ALLE WELT / UNSER SPORTVEREIN BRAUCHT GELD / KEHRST DU NICHT ZU UNS ZURÜCK / IST’S FÜR UNS EIN GROSSES GLÜCK“.

Die Rückseite ist den Siegern der Meisterschaft gewidmet und zeigt deren Foto in einem Oval; unter dem Bild ist dann die jeweilige Erklärung zu finden.

Abb. 1: 50 Pfennig, 1.IX.21, Vorder- und Rückseite mit „400 m. LAUF, SIEGER GERTZ, F.C.1900, COBLENZ“.


Abb. 2.: 75 Pfennig, 1.IX.21. Vorder- und Rückseite mit „SCHUSTER, SIEGER im 1500 m. LAUF.“


Abb. 3: 75 Pfennig, 1.IX.21, Vorder- und Rückseite mit „Frl. KEXEL, SIEGERIN im 100 m. LAUF.“


Abb. 4: 100 Pfennig, 1.IX.21, Vorder- und Rückseite mit „5 x 50 m. DAMENSTAFFEL, SIEGER T.G. COBLENZ“.


Abb. 5: 100 Pfennig, 1.IX21, Vorder- und Rückseite mit „Fr. MÜLLER, SIEGER im 100 m. LAUF, 11,2 Sek.“

Bereits 1924 schied die Turnabteilung aus dem Verein aus und gründetet die Turngesellschaft, während sich die Leichtathleten der neugegründeten DJK – der Deutschen Jugendkraft – anschlossen. Turner, Fußballer, Boxer und Ringer waren in jeweils eigenen Sportverbänden organisiert. Während letztere die Gründung eines gemeinsamen Deutschen Bundes für Leibesübungen anstrebten, lehnte dies die Turnerschaft am 1. September 1923 ab und entschied sich einseitig für die „reinliche Scheidung“ zwischen Turnen und anderen Sportarten. Bis zum 1. November mussten sich die Mitglieder der Spielabteilungen der Turnvereine zwischen einer Mitgliedschaft im Sportverband oder in der Turnerschaft entscheiden, sodass die Turner aus der Vesalia ausschieden.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die DJK verboten. Die Zwangsauflösung der DJK Rheinwacht 1933 bescherte der Vesalia eine komplette Leichtathletik-Abteilung. Trotz größter wirtschaftlicher Schwierigkeiten stand die Fußball-Abteilung nach dem Zweiten Weltkrieg wie der Phönix aus der Asche auf.

Heute besteht der Verein aus den Abteilungen Fußball, Handball, Turnen und Karate.

Uwe Bronnert

Quellen:

Homepage des Vereins (20.08.2020)

SV Vesalia 08, Festschrift zum 100jährigen Jubiläum 1908 – 2008

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