Braubach am Rhein und ein sehr besonderer Notgeldschein

Die Stadt Braubach am Rhein[1] war schon immer ein von Ausflüglern gern besuchter Ort. Insbesondere die hoch über dem Städtchen gelegene Marksburg, die einzige unzerstörte Höhenburg am Mittelrhein, war und ist das Ziel vieler Besucher. Rheinromantik ist heute eine der touristischen Werbebotschaften.[2] Ein Besuch von Burg und Stadt lohnt sich auf jeden Fall.


Die Stadt Braubach blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte im Jahr 692. Nach dem Wiener Kongress kam Braubach an das Herzogtum Nassau und wurde am 1. Juli 1816 Sitz des herzoglich nassauischen Amtes Braubach. Durch Annexion Preußens wurde die Stadt in Jahr 1866 preußisch und der Provinz Hessen-Nassau zugeordnet. Nach dem Ersten Weltkrieg war Braubach durch französische Truppen besetzt und auch nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es ebenfalls zur französischen Besatzungszone. 1946 wurde Braubach dem neugebildeten Bundesland Rheinland-Pfalz zugeschlagen und war dem Landkreis St. Goarshausen zugehörig, der 1969 im Rhein-Lahn-Kreis aufging.
Wer mehr zur örtlichen Geschichte erfahren möchte dem seien neben den vielfältigen Informationen im Internet zwei lesenswerte Bücher empfohlen. Hellmuth Gensicke[3] hat u. a. 1976 ein Buch zur Geschichte der Stadt Braubach verfasst. Auch von Klaus D. Schoch ist im Jahr 2016 ein Buch „Zwischen Rebenhügeln und großer Politik – Zur Geschichte der Stadt Braubach am Rhein im 20. Jahrhundert“ erschienen.
Zurück zur Vergangenheit in das Jahr 1923 - seitens der Stadt Braubach wurden inflationsbedingt auch einige Notgeldscheine verausgabt. Folgende Ausgaben sind bekannt[4]:

28.07.1923, einlösbar nach dem 08.08.1923:
20.000 Mark, ohne Wasserzeichen (Papier weiß-beige)
50.000 Mark, ohne Wasserzeichen (Papier weiß-beige)
100.000 Mark, ohne Wasserzeichen (Papier weiß-beige)
500.000 Mark, ohne Wasserzeichen (Papier grün)
28.07.1923, einlösbar nach dem 23.08.1923:
500.000 Mark, Firmenwasserzeichen Hohenkrug[5] (Papier grün)
1 Million Mark, ohne Wasserzeichen (Papier orange-beige)
1 Million Mark, ohne Wasserzeichen (Papier blaugrau)
September 1923:
50 Millionen Mark, ohne Wasserzeichen (Papier blaugrau)
Alle Notgeldscheine sind mit einem Siegel der Stadt Braubach versehen. Dieses wurde von Hand aufgestempelt. Die Scheine sind nummeriert. Die Kontrollnummern (KN) wurden ebenfalls von Hand gestempelt. Die KN ist unterschiedlich groß, sie sind in den Größen 4, 4,5, 5, 6 und 6,5 mm bekannt. Alle Notgeldscheine verfügen über Faksimile-Unterschriften der Beigeordneten Gran und Lind. Für die Stadtkasse zeichnete Metz.

Gedruckt wurden die Notgeldscheine Braubachs in der Buchdruckerei Schickel (Nachf.) in Oberlahnstein. Inhaber dieser Druckerei war der Zeitungsverleger Fritz Nohr. Er wurde am 21. Februar 1923 als einer der ersten durch die Besatzer verhaftet, nach Koblenz zur Interalliierten Rheinlandkommission beordert und ausgewiesen, weil sich sein Blatt bewusst französischen und separatistischen Bestrebungen, die auf eine Loslösung rheinischer Gebiete vom Reich abzielten, entgegengesetzt hatte. Den Betrieb versuchte sein Bruder Jean Nohr aufrecht zu erhalten, doch wurde seine „Rheinisch Nassauische Zeitung“ in den Jahren 1923/24 an insgesamt 127 Tagen verboten. An den Tagen, an denen sie erscheinen durfte, zeigten leere Stellen, wo einzelne Berichte durch die französische Kreisbehörde gestrichen worden waren.[6]
In der Druckerei Schickel wurden auch die Notgeldscheine für Oberlahnstein und Niederlahnstein gedruckt. Nach der Besetzung Oberlahnsteins durch rheinische Separatisten wurde neben dem Rathaus, der Post und dem Bahnhof auch die Druckerei besetzt und für rund zehn Tage wurden hier die Separatisten-Scheine des Kreises St. Goarshausen in unkontrollierter Menge gedruckt.[7]
Vom 31.10. bis zum 22.11.1923 war auch die Kreisverwaltung in St. Goarshausen ganz in den Händen der Separatisten, die bis Ende 1924 das Kreishaus unter dem Schutz der Franzosen besetzt hielten. Vorübergehend besetzten die Separatisten auch die Druckerei Lemp in Braubach, wo sie Notgeld für den Kreis St. Goarshausen weiterdrucken ließen. Während der Druckereibesetzung in Oberlahnstein sollen dort auch Schüsse gefallen sein und ein Druckereimitarbeiter ist dabei ums Leben gekommen.

Auf die informativen und lesenswerten Artikel von Uwe Bronnert hier im Blog von Geldscheine-Online zur Separatistenbewegung in den besetzten Gebieten nach dem Ersten Weltkrieg weise ich gerne hin.[8]
Weitere Braubacher Notgeldausgaben sind für diese Periode nicht bekannt.
Mit fortschreitender Inflation wurden immer höhere Werte benötigt. Vermutlich liefen in Braubach die höheren Millionen-, Milliarden- und Billionen-Werte aus der näheren Umgebung um (Bad Ems, St. Goarshausen etc.). Gedrucktes Banken- und Firmennotgeld ist aus Braubach nicht bekannt.
Die vorgenannten Notgeldscheine der Stadt Braubach am Rhein können noch heute preiswert im entsprechenden Fachhandel oder über Online-Plattformen erworben werden.
Es liegt aber neben den oben beschriebenen Scheinen ein weiterer und besonderer Notgeldschein der Stadt Braubach vor, der vor allem Fragen aufwirft. Es handelt sich um folgende Ausgabe:
Gutschein über 1 (Eine) Reichsmark (ohne Datum)[9]


Gestempelt wurde der Gutschein auf der leeren Rückseite eines Inflationsscheins der Deutschen Reichsbank über 10 Millionen Mark vom 22.08.1923.[10] Die gedruckte Wertseite der ehemaligen Reichsbanknote ist durch einen roten Kopierstift offiziell entwertet.
Auf der leeren ehemaligen Rückseite wurden mittels beweglicher Buchstaben der Text „Für Konsum ungiltig | Gutschein / über / 1,- (Eine) Reichsmark / Giltig in Braubach / Magistrat“ aufgestempelt.
Die Buchstaben stammen vermutlich aus einem entsprechenden Stempelsatz. Das Siegel ist das gleiche, welches bei den Notgeldscheinen der Stadt Braubach von 1923 verwendet wurde. Unterzeichnet wurde die Ausgabe mittels einer Faksimile-Unterschrift durch Bürgermeister Schüring. Die Unterschrift belegt, dass dieser Notgeldschein nach der Rückkehr Schüring’s aus seinem Exil, in der Zeit zwischen Ende 1924 und Anfang 1925, ausgegeben sein muss.
Im Zuge des "Ruhrkampfes" wurde Bürgermeister Gustav Schüring (geb. 08.11.1878), der Bekanntmachungen der französischen Besatzungsmacht nicht ausgehängt und als Kreisdeputierter gegen die Besetzung der Stadt Kaub im „Freistaat Flaschenhals“[11] durch die Franzosen protestiert hatte, kurz nach dem 3.3.1923 aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Die Hohe Interalliierte Rheinlandkommission[12] gestattete erst im Oktober 1924 seine Rückkehr nach Braubach. Er war von 1915 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Braubach am Rhein.
Der Schein war laut Aufdruck nur in Braubach gültig, jedoch für Konsum ungültig.
Nach Auffassung des Autors könnte mit dieser Einschränkung, ähnlich wie bei den Bettler- und Almosenscheinen, der Kauf von Tabak, Alkohol sowie Gaststättenbesuche ausgeschlossen worden sein. Es handelt sich in diesem Fall aber nicht um ein sogenanntes Bettler- oder Almosengeld, welches zu dieser Zeit von vielen Gemeinden im Reichsgebiet ausgegeben wurde. Diese Scheine wurden gedruckt und sind nur in den Wertstufen zu 1, 2, 5, 10, 20 und höchstens 50 Pfennig bekannt.[13] Für Braubach könnte auch ein Bettlergeld vorgelegen haben, das aber bislang noch nicht nachgewiesen wurde.
Warum erfolgte überhaupt eine derartige Ausgabe? Eigentlich müsste zu der o. a. Notgeldausgabe eine öffentliche Bekanntmachung des Bürgermeisters bzw. ein Artikel in der örtlichen Presse existieren. Die Archivlage ist schwierig und unübersichtlich. Bei der Stadt Braubach ist aus dieser Zeit nichts vorhanden, Teile befinden sich in diversen Archiven in Hessen, weniges in Rheinland-Pfalz und geben keine Auskunft zu diesem Gutschein.
Vieles ist auch verlustig gegangen.
Die provisorische Ausführung des Gutscheins spricht für eine wirklich kurzfristige Maßnahme zur Behebung einer Notlage, andernfalls wären die Scheine gedruckt worden. Es ist teilweise bekannt, dass Kommunen in ihren Kassenräumen Notgelder sowie nicht mehr gültige Reichsbanknoten lagerten und erst später, in den Jahren 1924 bis 1926, den Kassenabschluss für das Jahr 1923 vollzogen. Erst nach Kassenabschluss wurden die nunmehr nicht benötigten Scheine einer Verwertung zugeführt. Die Verwendung einer wertlosen Reichsbanknote erscheint für den mutmaßlichen Zweck daher sinnvoll.
Denkbar ist, dass diese besondere Ausgabe in Zusammenhang mit einer Hochwasserlage gestanden haben könnte. Das Rheinhochwasser von Anfang November bis Dezember 1924 sowie das Nachhochwasser im Januar 1925 war ein signifikantes Hochwasserereignis, das insbesondere am Mittel- und Niederrhein für sehr hohe Pegelstände sorgte. Es kam zu größeren Überflutungen in den Rheinanliegergemeinden mit vielen Gebäudeschäden, teils ruhte der Bahn- und Straßenverkehr. Ursache waren schon damals intensive Niederschläge und eine gleichzeitige Schneeschmelze.
![Bild 8: Hochwasser am 06.11.2024 in Braubach.[14]](https://static.wixstatic.com/media/d464b6_8f2d8770c996481e906e1f65a9496655~mv2.jpg/v1/fill/w_980,h_602,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/d464b6_8f2d8770c996481e906e1f65a9496655~mv2.jpg)
Nach Rückgang des Hochwassers blieben bei den Betroffenen Aufräumarbeiten, Beheben von Gebäudeschäden und die Trocknung von Gebäuden und Wohnraum. Moderne Bautrocknungsgeräte gab es damals nicht so wie man sie heute kennt, man musste diese Räume „trocken wohnen“, also in kalten und feuchten Räumen viel Lüften und Heizen mit Holz, Kohle und Briketts. Möglicherweise diente dieser Gutschein genau für diese Aufgaben und wurde vermutlich ganz unbürokratisch mit vorhandenen wertlosen Reichsbanknoten und einem Stempelsatz umgesetzt und war eine konkrete finanzielle Hilfsmaßnahme der Kommune für besonders betroffene Bürger.
Bisher konnte nur dieses eine Exemplar festgestellt werden. Wie hoch die damalige Auflage war ist unbekannt, vermutlich war sie gering. Sollte ein Leser über weitere Informationen verfügen, so würde sich der Autor über eine Nachricht freuen.
Ein moderner Schutz vor Hochwasser und Überschwemmungen ist an jedem Gewässer zwingend notwendig – meint
Thomas van Eck
Anmerkungen
https://www.romantischer-rhein.de/rheinromantik-und-region/orte-mit-geschichte/braubach
Quelle: Katalog von Dr. Arnold Keller „Das Notgeld der deutschen Inflation 1923, Teil 1 (Band 1-4); Ernst Battenberg Verlag München; Nachdruck der 2. Auflage von 1954 – Nummer 566a-e.
Die Pommersche Papierfabrik Hohenkrug (bei Stettin) war ein historischer Produktionsstandort, dessen Wurzeln bis zu einer Papiermühle aus dem 16. Jahrhundert zurückreichten. Um 1900 als Aktiengesellschaft geführt, wurde sie später Teil des Feldmühle-Konzerns und war von 1890 bis 1927 aktiv.
Dr. Arnold Keller, Das Notgeld der deutschen Inflation 1923, S. 890, Kat.-Nr. 4717 d-o.
Sammlung des Autors.
Grabowski: Die deutschen Banknoten ab 1871; DEU-118g.
https://de.wikipedia.org/wiki/Interalliierter_Hoher_Ausschuss_für_die_Rheinlande
Vgl. Katalog: Bettlergeld von Kai Lindman; kolme k-Verlag, 2009.
Entnommen der Webseite www.ptmoritz.de




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