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Deutsches Notgeld in Nordwestböhmen 1945

Aktualisiert: 20. März 2023

Aus dem ehemaligen Reichsgau Sudetenland sind mindestens drei Orte mit Notgeldausgaben vom April 1945 belegt: aus dem Reichsverteidigungsbezirk Sudetenland (gemeinsam mit dem RVB Niederschlesien vorgesehen), aus dem Landkreis Bischofteinitz und aus der Kleinstadt Postelberg.


Landkreise im Reichsgau Sudetenland (ohne den östlichen Regierungsbezirk Troppau); die Ziffern 1–3 entsprechen den Standorten der Druckereien. (Regierungsbezirk Eger: dunkelbraun; Regierungsbezirk Aussig: hellbraun)


Geschichtlicher Hintergrund:

Die Auflösung der k. k. Monarchie Österreich-Ungarn im Herbst 1918 und die Entstehung neuer Nachfolgestaaten brachte als Ergebnis der Pariser Verträge gegen den Willen Deutsch-Österreichs und der Mehrheit der deutschen Bevölkerung in Böhmen auch die Gründung der Tschechoslowakischen Republik (ČSR), in der neben den Tschechen, Slowaken und Deutschen auch noch andere Volksgruppen (Ungarn, Ukrainer und Polen) lebten. Böhmen und Mähren hatte bis dahin stets zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bzw. zum Deutschen Bund und zur Herrschaft der Habsburger gehört. Seit dem Mittelalter bewohnten Deutsche vorwiegend die Randregionen jenseits des Bayerischen Waldes, des Erzgebirges und des Riesen-/Isergebirges = die Sudeten. So bezeichnete man die Deutschen in Böhmen ab 1902 verstärkt als Sudetendeutsche.


In den frühen Jahren der ČSR gab es politische Bestrebungen, die Deutschen, die nach Tschechen und Slowaken mit über 3 Millionen Einwohnern immerhin rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten, aus dem neuen Vielvölkerstaat zu vertreiben. Üble Aussprüche von Tomáš Masaryk und Edvard Beneš sind bekannt – kaum zu vergleichen ist das jedoch mit den Aussagen von Hitler, seiner geplanten Zerschlagung des Nachbarlands und der folgenden Politik der Nazis ab 1938.


Ganz ungenannt sollte man die Ziele der frühen tschechoslowakischen Politik aber nicht lassen, wenn man eine objektive Geschichtsbetrachtung nicht verhindern will. Beneš hatte bereits 1916 die Zerschlagung der Österreichisch-ungarischen Monarchie gefordert und war ein vehementer Gegner einer eigenen slowakischen Nationalität. Masaryk sprach schon vor den Pariser Verträgen von 1919 ganz offen von der "Entgermanisierung" des Landes und bezeichnete die Deutschen als "Landesfremde", während das Gebiet bereits von tschechischem Militär besetzt war. Auch wurde Deutsch entgegen ursprünglicher Zusagen nicht als zusätzliche Amtssprache in dem neuen Staat eingeführt und Deutsche wurden überall im Land aus führenden Positionen gedrängt.


Im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 wurde das sog. Sudetenland gegen den Willen der Tschechen und Slowaken dem Deutschen Reich zugesprochen. Vom 1. bis zum 10. Oktober 1938 besetzten etwa eine halbe Million Wehrmachtsangehörige hauptsächlich von Deutschen bewohntes tschechisches Gebiet, das sofort unter deutsche Verwaltung gestellt wurde. Eine internationaler Ausschuss legte die Zugehörigkeit von Ortschaften und damit die neue Grenzziehung fest.


Nachfolgend einige Fotos eines direkt beteiligten Wehrmachtsangehörigen zur Besetzung des Sudetenlands Anfang Oktober 1938 in der Region Petersdorf bis Dauba Abb. : Fotos der Privat-Sammlung »Der Zweite Weltkrieg in Bildern«, DVD 2017, mit freundlicher Genehmigung von Reinhard Selzle, München.


Hitler trifft vor Beginn der Besetzung des Sudetenlands in der Nähe der deutsch-tschechoslowakischen Grenze in Sachsen ein.


Grenzübergang zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei (Sachsen und Böhmen) nach Petersdorf (Petrovice).


Übergabe der Grenzbefestigungsanlagen an die Wehrmacht durch tschechoslowakische Offiziere.


Überall entlang der Grenze hatte die Tschechoslowakei starke Grenzbefestigungen mit Bunkeranlagen errichten lassen, sogar bis auf die Höhen des Riesengebirges nahe der Elbequelle.


Empfang der deutschen Truppen in der sudentendeutschen Stadt Dauba.



Der Reichsgau Sudetenland wurde zum 15. April 1939 durch Gesetz gegründet, das am 1. Mai 1939 in Kraft trat. Die Reichsmark galt jedoch sofort nach dem Einmarsch mit der „Verordnung über die Einführung der Reichsmarkwährung in den sudetendeutschen Gebieten“ ab 11. Oktober 1938.


Hitler spricht auf einer Kundgebung zum Anschluss des Sudetenlands am 3. Oktober 1938

in Eger. Hinter ihm auf der Tribüne u. a. Konrad Henlein und sein Stellvertreter Dr. Frank (ohne Kopfbedeckung) sowie Heinrich Himmler. In Bad Elster (Sachsen) entwickeltes Erinnerungsfoto eines Teilnehmers.

Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte, Sammlung Grabowski.


Die reichsdeutsche Währung war auch noch nach der deutschen Kapitulation bis zum 10. Mai 1945 umlauffähig – mancherorts sogar bis zum 2. Juni 1945. Der Umtausch von Reichs- und Rentenmark in Tschechoslowakische Kronen (im Verhältnis 1:1) wurde per Gesetz bis zum 31. Juli 1945 verlängert und erst am 27. Oktober 1945 abgeschlossen.


Durch die Frontlage im März/April 1945 war auch im Sudetenland eine Versorgung der Banken, Verwaltungen, Industrie und aller Menschen mit nötigem Reichsgeld nur noch bedingt gewährleistet. Ähnlich wie in den sächsischen Nachbargebieten hatte man sich um die Ausgabe von regionalem Notgeld bemüht, aber nur drei Ausgabestellen sind nach nunmehr 78 Jahren belegt. Möglicherweise hatten auch andere Landkreise und größere Städte am Ende des Krieges Notgeldausgaben geplant. Es wäre keine große Überraschung, wenn von böhmischen Städten Informationen über geplantes oder schon gedrucktes Notgeld bekannt würden: Aussig, Brüx, Teplitz, Komotau, Karlsbad, Tetschen, Gablonz/Neiße, Böhmisch Leipa, Eger, Leitmeritz oder Asch – nach Zahl der Einwohner. Erst 1994 bspw. wurden Notgeldausgaben für das sächsische Klingenthal und 2021 für die sächsische Großstadt Chemnitz bekannt.


Die Reichsgaue Sudetenland und Niederschlesien mit ihren Nachbargebieten.



Die interessanteste Ausgabe aus dem Sudetenland ist der 20-Reichsmark-Kassenschein vom 28. April 1945. „Die deutsche Reichsbank“ war mit der Ausgabe dieses umstrittenen Notgelds betraut; das sollte „auf Grund der Anordnung der Reichsverteidigungskommissare der Reichsverteidigungsbezirke Sudetenland und Niederschlesien“ als gesetzliches Zahlungsmittel ausgegeben und in Zahlung genommen werden.


20 Reichsmark vom 28. April 1945, Vs. und Rs., 150 × 80 mm, Wz. diagonales Gitter; Kassenschein für die Reichsverteidigungsbezirke Sudetenland und Niederschlesien; mindestens ein Dutzend Probedrucke mit unterschiedlich farbigen Unter- und Hauptdrucken, jeweils mit SBst. AA und fehlender Kontrollnummer sind bekannt.

Abb. Archiv für Geld- und Zeitgeschichte, Sammlung Grabowski.


20 Reichsmark vom 28. April 1945, Rs. mit tschechischem Überdruck anlässlich der 3. Tagung der Papiergeldsammler 1973, Prager Gruppe der Tschechischen Numismatischen Gesellschaft (ČNS).



Der Hauptort in Niederschlesien war Breslau; dort residierte seit 1941 der Gauleiter Karl Hanke auch als Reichsverteidigungskommissar bis Anfang Mai 1945. Hanke floh am 6. Mai 1945 vor der Roten Armee aus dem sog. Breslauer Kessel, wurde jedoch von tschechischen Partisanen festgenommen und starb angeblich bei einem erneuten Fluchtversuch; man fand ihn erschlagen im Straßengraben in Nordböhmen. Die Stadt Reichenberg war der Hauptort im Sudetenland; Konrad Henlein wurde im Oktober 1938 zum Gauleiter und im November 1942 zum Reichsverteidigungskommissar ernannt. Henlein setzte sich am 7. Mai 1945 ab, geriet aber in US-amerikanische Gefangenschaft und beging in der Nacht vom 9. auf 10. Mai 1945 in Pilsen (Plzeň) Selbstmord.


Inwieweit beide Nazi-Größen tatsächlich für diese Ausgabe federführend waren, kann nicht mehr eindeutig bestimmt werden. Es ist ungeklärt, ob sich die beiden Gauleiter überhaupt über die Ausgabe von Notgeld verständigt hatten. Wer letztlich die Ausgabe in Auftrag gab, ist weiterhin unklar. Vielleicht war es Hermann Neuburg, Stellvertreter Henleins ab Herbst 1943 bis Mai 1945 – in Dokumenten steht hinter seinem Namen m. d. W. d. G. b. (= mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt). Oder lag die Verantwortung bei Dr. Friedrich G. E. Vogeler, der die Übergabe der Stadt Reichenberg an den Tschechoslowakischen Nationalrat unterzeichnete? Vogeler war als Regierungspräsident im Sudetenland befugt, Gesetze und Verordnungen auszufertigen und zu verkünden.


Dokument zur Übergabe der gesamten Verwaltung an den ČNV vom 8. Mai 1945 (Entgegennahme durch Josef Čapek).


So wurden am 8. Mai 1945 alle Dienststellen in Reichenberg aufgelöst. Zwei Tage zuvor erschien in der Sonntagsausgabe der Gauzeitung »Die Zeit« unter der Überschrift

"Ausgabe von Kassenscheinen" folgende Mitteilung:

»Die Reichsverteidigungskommissare der Reichsverteidigungsbezirke Sudetenland und Niederschlesien haben am 28. April 1945 beschlossen, Kassenscheine zu 10 und 20 RM auszugeben, um den durch Transportschwierigkeiten entstandenen momentanen Zahlungsmittelmangel zu beheben. Mit der Ausgabe wurde die Deutsche Reichsbank beauftragt. Die Kassenscheine zu 20 RM werden in den nächsten Tagen bereits zur Ausgabe gelangen und sind auf Wasserzeichenpapier gedruckt. Die Ausstattung ist derart, daß der rote Farbton von Vorder- und Rückseite etwas verschieden ist. ...«.

Die Druckmenge von 6.894.820 RM (= 344.741 Stück) wurde erstmals von Julius Sém1) genannt und er bemerkte, dass ein Großteil der Scheine beschlagnahmt und danach perforiert und später für Sammlerscheine überdruckt wurde. Anhand des Druckvermerks auf der Rückseite gilt Reichenberg als Ausgabestelle: Gebrüder Stiepel KG.


Es wurden folgende Serien gedruckt: AA...AZ, außer Serien AI und AQ; die Nummerierung ging in der Regel von 000001 bis 040000. Wenn alle Serien in dieser Höhe voll ausgedruckt wurden, müsste die Gesamtauflage 960.000 Stück betragen haben. Wir wissen also nicht, ob die erstmals bei Sém genannte Auflage von 344.741 Stück möglicherweise nur die tatsächlich an die Reichsbank-Filiale ausgelieferte Menge ausweist.


Im deutschen Banknotenforum sind alle bisher erfassten Kontrollnummern (KN) der Serien AA...AH, AJ...AP sowie AR...AZ aufgelistet; die niedrigste KN ist 000080, die höchste 039201.2)


Unter Fachleuten herrscht große Unklarheit über eine tatsächliche Ausgabe der 20-Reichsmark-Kassenscheine. Es sind keine amtlichen Quellen zu Ausgabe- oder Einlösedatum der Scheine bekannt – weder deutsche noch tschechoslowakische Zeitzeugen berichteten, dass am 7. Mai 1945 in den Reichenberger Ämtern die Gehälter für drei Monate im voraus ausgezahlt wurden; ein durch Reichenberg geflüchteter Wehrmachtssoldat zeigte kurz nach Kriegsende einen nicht mehr bankfrischen Schein mit Gebrauchsspuren; glaubhaft versicherte außerdem ein in Nordböhmen in Gefangenschaft geratener Landser, dass er seinen letzten Wehrsold in Reichenberger Kassenscheinen erhalten habe; andere Zeitgenossen berichteten, dass nach der Besetzung die Kassenscheine bündelweise in den Straßen von Reichenberg lagen.


Es lässt sich schließlich nicht klären, ob und wie viele dieser Scheine tatsächlich ausgegeben wurden. Feldmarschall Schörner soll laut Aussagen ehemaliger USA-Geheimdienst-Offiziere bei seiner Festnahme am 15. Mai 1945 in Österreich eine große Menge Reichenberger Kassenscheine mitgeführt haben. In einem Bericht der US-Amerikaner wurden im Raum Magdeburg neben Notgeldausgaben von Klagenfurt, Egeln und Dresden auch Reichenberger Scheine erwähnt. Noch im August 1945 rätselten US-Amerikaner und Briten über die Kassenscheine und vermuteten, dass es sich um tschechische Drucke handeln könnte.3)

O. E. Schulze wusste angeblich auch von Gemeindestempeln auf Reichenberger Scheinen.

Kassenscheine zu 10 Reichsmark wurden bildlich nie belegt. In der Vergangenheit wurden jedoch neben Scheinen mit Druckzufälligkeiten, mit unterschiedlichen Nummeratoren, mit sowjetischen Feldpoststempeln und Fantasiestempeln auch Farbproben4) in verschiedenen Abstufungen bekannt.


20 Reichsmark vom 28. April 1945, Vs., Farbprobe in Blau, für 15.000,00 Tschechische Kronen ( = 612,24 Euro), 2015 bei der 58. Klim-Auktion versteigert.


Im Gegensatz zu den recht wenigen Informationen über die Reichenberger Kassenscheine finden sich zu den Notgeldscheinen der Sparkasse der Stadt Postelberg im damaligen Landkreis Saaz überhaupt keine Angaben – außer den technischen Beschreibungen.

Der Schein wurde von sudetendeutschen Vertriebenen nach Deutschland mitgebracht, aber erst 1998 bekannt und bei der Kurpfälzischen Münzhandlung Mannheim versteigert; das Unikat befand sich lange Zeit in der Sammlung von Jindřich Holna.


10 Reichsmark vom 25. April 1945, Stadt Postelberg, Regierungsbezirk Eger; 137 × 70 mm, einseitig-einfarbiger Druck; handschriftliche Nummerierung mit SBst. A und Sparkassenstempel.


Die Ausgabe der Notgeldscheine wurde der Sparkasse übertragen; sie zeigen keine Unterschrift, waren aber nur mit der handschriftlichen Serienbezeichnung und Nummer sowie dem Stempel der Sparkasse umlauffähig.

Es verwundert schon, dass im April 1945 das kleine Städtchen an der Einmündung der Komotau/Chomutovka in die Eger/Ohře mit damals 2.500 Einwohnern Notgeld in Umlauf gab – ausgegeben von der städtischen Sparkasse. Der Einzelschein mit Serienbuchstabe A lässt vermuten, dass es auch eine Ausgabe mit SBst. B oder gar SBst. C gegeben haben könnte (5 RM? 20 RM?). Man weiß es nicht.


Ein Aufruf im „Heimatbrief Saazerland“5) brachte leider keine weiterführenden Kenntnisse; es meldeten sich keine Zeitzeugen; Anfragen an das Stadtarchiv Postoloprty (Postelberg) vom 5. Juni 1998 und an das Bezirksarchiv in Louny (Laun) blieben leider unbeantwortet.


Was die Aktenlage zu den Notgeldausgaben in Nordwest-Böhmen anbelangt, so verhält es sich ähnlich auch bei den Gutscheinen für den Landkreis Bischofteinitz: es konnten keine amtlichen Daten ermittelt werden und es ist dem tschechischen Sammler Květoslav Domlátil zu verdanken, der in seinem Artikel6) erstmals auf Bischofteinitzer Ausgaben mit dem Fund eines 2-RM-Scheins aufmerksam machte. In seinen Beitrag „Eine unbekannte Notzweimark vom Jahre 1945 aus Horšovský Týn“ (= Bischofteinitz) schrieb er:

„Vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 28. 4. 1945, gaben die Nazisten in Horšovský Týn Gutscheine heraus, um Problemen im Zahlungsverkehr nach dem Abtransport sämtlicher Banknoten und Wertzeichen vor der Ankunft der Befreiungstruppen aus dem Wege zu gehen. Das Zahlungsmittel im Werte von zwei Mark, war wahrscheinlich drei bis vier Tage, vom 30.4. bis zum 5.5.1945, als Horšovský Týn befreit wurde, im Umlauf. In einer größeren Anzahl von Exemplaren und in anderen Werten sind keine Gutscheine aus Horšovský Týn bekannt. Sofern sie auf unserem Territorium blieben, wurden sie nach der Befreiung vernichtet.«

50 Reichspfennig, 2 und 10 Reichsmark, alle mit dem selben Datum vom 28. April 1945, Gutscheine des Landkreises Bischofteinitz; 105 × 74 mm (= DIN A7), einseitig-einfarbiger Druck mit Faksimile-Unterschrift des Landrates „H. Schlögl“, kein Wasserzeichen, ohne Nummerierung.


Wenn von drei bis vier Tage Umlaufzeit zu lesen ist, dann sind das vom 30. April bis 5. Mai 1945 immerhin sechs Tage und möglicherweise dauerte der Umlauf weitere Tage an, bis die US-Amerikaner die Scheine stillschweigend oder durch Befehl verboten oder einziehen ließen und evtl. vernichteten. Zwischen 6 und 7 Uhr abends des 6. Mai 1945 erreichte die

11. US-Panzer-Division Bischofteinitz und Landrat Dr. Heinrich Schlögl übergab zusammen mit Bürgermeister Eduard Hönl kampflos die Stadt. Sie wurden vorerst im Amt belassen, damit sie für Ruhe und Ordnung sorgen konnten.


In den folgenden Jahren wurden weitere Wertstufen der Bischofteinitzer Serie gemeldet:

50 Reichspfennig (1992) und 10 Reichsmark (1996). Vom 50-Rpf.- und vom 2-RM-Schein sind jeweils nur ein Exemplar bekannt – vom 10er nur wenige Stücke. Sie wurden von der Volksbank Bischofteinitz in Umlauf gebracht.


Das Staatliche Bezirksarchiv Domažlice (Taus) mit Sitz in Horsovský Týn antwortete auf eine Anfrage7) „Hinsichtlich Ihrer Anfrage nach den Bischofteinitzer Notgeldscheinen müssen wir Sie leider enttäuschen. Auf diese Scheine oder auf diesbezügliche Aufzeichnungen sind wir in unserem Archiv noch nicht getroffen ...“.


Es ist kein Wunder, dass es nach der Befreiung der Tschechoslowakei durch die Rote Armee und die US-Armee im Verbund mit tschechischen Garden zu Übergriffen vor allem tschechischer Militärs auf Deutsche kam und sog. „wilde Vertreibungen“ nicht die Ausnahme waren. Ein verständlicher und berechtigter Hass auf alles Deutsche und der Wunsch nach Vergeltung waren an der Tagesordnung.


Im Juli 1945 hatte die Tschechoslowakei 14,882 Mio. Einwohner, von denen etwa 4 Mio. Deutsche zwangsausgesiedelt wurden. In der Dreimächtekonferenz von Berlin (d. i. die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945) war vereinbart worden, Angehörige der deutschen Minderheit „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ nach den vier Besatzungszonen in Deutschland zu überführen.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR und der samtenen Revolution in der Tschechoslowakei im Herbst 1989 veränderten sich die Sichtweisen beider Länder aufeinander zum Guten. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis sich ein besseres Verständnis für die Befindlichkeiten zwischen den deutschen und tschechischen Nachbarn festigte.


Warum scheinbar keine Dokumente für die Planung, den Druck oder die Ausgabe von Notgeld in den drei heutigen böhmischen Städten vorhandenen sind, liegt an den nicht mehr auffindbaren oder vernichteten Akten in den jeweiligen Orten. Wenn man Gründe dafür benennen will, sollte man die Literatur zu den Ereignissen in den ehemals deutsch-besiedelten Gebieten Nordwest-Böhmens bemühen; bspw. belegt in der Veröffentlichung des tschechischen Autors Jiří Padevět.8)


Nochmalige Anfragen vom Februar 2023 blieben wieder unbeantwortet; weiterer Forschungsbedarf ist hier nötig.


Michael H. Schöne


Anmerkungen

1) Sém, Julius: „Papírové Peníze na území Československa 1762–1967“, Liberec 1967

2) https://banknotesworld.com, Beiträge „Ro. 186 – 20 Reichsmark 1945 Reichsverteidigungsbezirke“ ab 1.12.2009 ff.

3) Major M. Roar (Finance Division, British Element) in einem Brief vom 10. August 1945 an Major H. S. Gans (Finance Branch, USFET)

4) Moravec, Jaroslav: „Vzorové nátisky tzv. libereckých poukázek po 20 Reichsmark s datem 28. 4. 1945“ („Musterdrucke der sog. Reichenberg-Scheine zu 20 Reichsmark mit dem Datum 28.4.1945“), Merkur Revue, Nr. 1, S. 19–22, Brno 2001

5) „Heimatbrief Saazerland“ Organ der Heimatvertriebenen aus den Bezirken Saaz, Postelberg und Podersam, Jechnitz, Nr. 902/903, Juni/Juli, Forchheim 2014

6) Domlátil; Květoslav (Domažlice): „Neznámá nouzová dvoumarka z roku 1945 z Horšovského Týna“, in „Numismatické listy“ Nr. 2, S. 49/50, Praha 1989 (Übersetzung von B. Silná)

7) Antwort vom Státní okresní archiv Domažlice, 15. Juni 1998

8) Padevět, Jiří / Heumos, Jana (Übersetzung): „Krvavé léto 1945“, Praha 2016 (deutsch: „Blutiger Sommer 1945: Nachkriegsgewalt in den böhmischen Ländern“, Leipzig 2020)

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